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(picture alliance) Uwe Corsepius drängt sich nicht in den Vordergrund und gibt auch nicht den großen Strategen

Uwe Corsepius - Merkels Euro-Fighter

Diplomatie ist Uwe Corsepius' Sache nicht. Sein Stil ist direkt, manchmal sogar undiplomatisch offen. Merkels Mann in Brüssel als neuer Generalsekretär des EU-Ministerrats ebnet der deutschen Regierungschefin den Weg für ihre EU-Politik

Das Schreiben war vertraulich, sein Inhalt brisant. Der Fiskalpakt für den Euro, mit dem Bundeskanzlerin Angela Merkel beim EU-Gipfel im Dezember 2011 für einen Eklat gesorgt hatte, solle im Eiltempo umgesetzt werden, hieß es in dem Brief. Bereits Ende Januar müsse der Text stehen, schon Anfang März werde er unterschriftsreif sein.

Der Autor war Uwe Corsepius, der neue Generalsekretär des EU-Ministerrats – also jener Institution, die die 27 EU-Staaten in Brüssel vertritt und seit Beginn der Schuldenkrise in Europa den Ton angibt.

Nicht nur die Termine hatte Corsepius minutiös geplant. Auch die „praktischen Arrangements“ hatte er präzise definiert – bis hin zu der Frage, wer die Verhandlungen leiten und wer daran teilnehmen würde. Nichts sollte dem Zufall überlassen werden, niemand sollte das Drehbuch stören.

So kam es denn auch: Am 2. März wurde der Fiskalpakt von 25 der 27 EUStaaten unterzeichnet – nur einen Tag später als ursprünglich geplant. Corsepius hatte zur rechten Zeit die richtigen Strippen gezogen und die Kritiker, allen voran den britischen Premier David Cameron, ausgeschaltet. „Dies ist ein Meilenstein in der EU-Geschichte“, jubelte die Kanzlerin.

Es war nicht der erste Erfolg für den Mann, den viele für den mächtigsten Deutschen in Brüssel halten. Sein Meisterstück hatte er 2007, bei der deutschen EU-Ratspräsidentschaft, abgeliefert. Corsepius, der zu dieser Zeit noch als Europaberater im Kanzleramt arbeitete, wo er schon Helmut Kohl und Gerhard Schröder gedient hatte, entwarf für Merkel die „Berliner Erklärung“, die den gescheiterten Verfassungsvertrag in ein neues Abkommen überführen sollte.

Unmöglich, dachten auch damals viele EU-Experten. Schließlich war die Verfassung in Volksabstimmungen in Frankreich und den Niederlanden durchgefallen. Doch Corsepius verstand es mithilfe einiger Vertrauter, die französischen Konservativen unter Führung des seinerzeit noch unbekannten Nicolas Sarkozy auf seine Seite zu ziehen und die Kritiker auszuschalten. Am Ende stand der – heute noch gültige – Lissabon-Vertrag.

Wie schafft es dieser Mann, die Mächtigen auszutricksen und Europa den deutschen Stempel aufzudrücken? Auf den ersten Blick ist dies schwer zu verstehen. Trotz seiner 51 Jahre wirkt der gebürtige Berliner schlaksig und jungenhaft. Er drängt sich nicht in den Vordergrund und gibt auch nicht den großen Strategen. Er sei „eigentlich kein Visionär“, räumt er freimütig ein. Wenn man nicht wüsste, dass er Chef von über 3000 Beamten im Brüsseler Ratssekretariat ist, könnte man ihn für einen xbeliebigen Diplomaten halten.

Doch Diplomatie ist Corsepius’ Sache nicht. Sein Stil ist direkt, manchmal sogar undiplomatisch offen. Einmal stauchte er einen deutschen EU-Botschafter vor versammelter Mannschaft zusammen, weil der es wagte, ihn links liegen zu lassen. Ein anderes Mal soll er sich öffentlich über den Chef des juristischen Dienstes im Ministerrat – einen Franzosen – lustig gemacht haben, weil dessen Englisch einen starken Akzent aufweist. Meist aber gibt der Preuße Corsepius den humorlosen, unduldsamen Oberlehrer. Dass er mit der harten Sparpolitik der Kanzlerin verbunden wird, die viele in Brüssel als „deutsches Diktat“ empfinden, macht die Sache nicht leichter.

Die nassforsche Offenheit ist aber nur eine Seite. Corsepius kann auch sehr verschwiegen sein, wenn es darauf ankommt. Viele Journalisten in Brüssel erinnern sich noch lebhaft daran, wie sie zu Beginn der Schuldenkrise in Griechenland in die Irre geführt wurden. EU-Hilfen für Athen seien überhaupt kein Thema, behauptete Corsepius bei einem Pressebriefing. Bail-outs seien schließlich vom EU-Vertrag verboten.  Kurz darauf willigte auch Merkel in die Stützung Athens ein, die Eurozone startete die größte Hilfsaktion ihrer Geschichte. Corsepius muss gewusst haben, was sich hinter den Kulissen anbahnte, schließlich führte er die Vorgespräche. Doch den Journalisten erzählte er etwas anderes.

Es sind diese Geschichten, die das Image des deutschen Strippenziehers in Brüssel prägen. Beliebt hat sich Corsepius damit nicht gemacht, im Gegenteil. Im Februar veröffentlichte die französische Wirtschaftszeitung La Tribune einen Artikel über die „Invasion der Deutschen in Brüssel“. Der neue Chef des Ratssekretariats habe einen Franzosen – seinen Amtsvorgänger Pierre de Boissieu – verdrängt, hieß es da. Deutschland habe nun fast alle Schlüsselposten fest im Griff. Nur der Job des EU-Ratspräsidenten werde noch von einem Belgier gehalten.

Tatsächlich hat Herman Van Rompuy offiziell sogar noch mehr zu sagen als Corsepius. Der Belgier ist der oberste politische Repräsentant des Rates, Corsepius „nur“ der Verwaltungschef. Doch ohne einen schlagkräftigen Apparat könnte Van Rompuy nicht viel ausrichten. Und den führt der Deutsche.

Was das in der Praxis bedeutet, hat sich beim Streit über den Fiskalpakt gezeigt: Van Rompuy war anfangs strikt dagegen, sah Merkel völlig isoliert. Doch er hatte die Rechnung ohne Corsepius gemacht, der den Pakt generalstabsmäßig durchsetzte.

Seit diesem Coup ist er da angekommen, wo Merkel ihn haben wollte: im Herzen Europas, im Zentrum der neuen deutschen Macht.

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