Rechtsruck in Frankreich - Marine Le Pen erobert die Mitte

17,9 Prozent der Stimmen im französischen Präsidentschaftswahlkampf gingen an die Rechtsextremistin Marine Le Pen. Die 43-Jährige hat die Partei ihres Vaters Jean-Marie vom Schmuddelimage befreit. Der Front National wird auch bei den Parlamentswahlen im Juni ein Wörtchen mitreden

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(picture alliance) Mit ihr muss Paris jetzt rechnen: Marine Le Pen

Es war ihr erster wichtiger Wahlkampf, doch die französische Rechtsextremistin Marine Le Pen hat sich mit einem Ergebnis von 17,9 Prozent in der französischen Politik etabliert. Ihr Ziel, in die Stichwahl vorzudringen, hat sie zwar verpasst, doch ihr Schatten wird darüber hängen bleiben. Die Wähler des Front National (FN) werden das Duell der Spitzenkandidaten Sarkozy-Hollande entscheidend beeinflussen. Denn sie sind zahlreich: 6,5 Millionen warfen am Sonntag den grauen Wahlzettel mit dem Namen der rechtsextremen Kandidatin in die Urnen.

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Im ganzen Land sammelte Marine Le Pen Stimmen ein. Im industriellen Nordfrankreich betrug der FN-Anteil ortsweise über 35 Prozent, im Elsass erzielte Le Pen über 20 Prozent der Stimmen. Noch stärker schnitt der Front National nur in Teilen des Südens ab: Im Departement Gard mit der Hauptstadt Nîmes - zwischen Avignon und Montpellier gelegen - erzielte die Partei 25 Prozent der Stimmen, mehr als Hollande oder Sarkozy. Nur der „gemäßigte“ Westen Frankreichs, namentlich auch die Bretagne, blieb weniger anfällig für die Thesen der Rechtsextremen.

Diese kamen - krisenbedingt - in einem sozialen Mäntelchen daher. Neben dem ewigen Feindbild der Immigration betonte Marine Le Pen diesmal wirtschafts- und sozialpolitische Themen, die dem Programm der Linksfront von Jean-Luc Mélenchon glichen: Knebelung der Finanzmärkte, Ablehnung des „EU-Diktats“, schärfere Besteuerung der Reichen, Lohnerhöhung um 200 Euro für alle, Recht auf Wohnung, Gratispflege im Gesundheitswesen.

Lesen Sie im zweiten Teil, warum nicht nur Protestwähler rechtsextrem wählten

Diese Themen sprachen Menschen aller Regionen an. Das ländliche Publikum im Departement Gard, aber auch die Wähler in urbanen und industriellen Gebieten. Bei den französischen Arbeitern landete die Rechtsextreme nach dem Sozialisten François Hollande auf Platz zwei. Ihr Vater Jean-Marie Le Pen zählte eher auf die Rentner, seine Tochter spricht auch junge, mehrheitlich männliche, oft arbeitslose Wähler an. In Frankreich haben 22,7 Prozent der unter 25-Jährigen keinen Job. Dreimal mehr als in Deutschland.

War es also die Wirtschaftskrise, die Le Pen nach oben spülte? Die hohe Wahlbeteiligung von 80 Prozent legt den Schluss nahe, dass nicht nur Protestwähler für sie eintraten, sondern auch Normalbürger. Diese wählten „positiv“, also nicht nur in Ablehnung der etablierten Parteien, sondern mit dem bewussten Entscheid für das Programm des Front National.

Le Pen wird deshalb auch bei den Parlamentswahlen im Juni ein Wörtchen mitreden. Kann sie den Erfolg der Wahlen wiederholen, so wird dem Front National der Einzug in die Nationalversammlung nicht mehr zu verwehren sein. Heute verfügt der FN wegen des Mehrheitswahlrechts über keinen einzigen Sitz im Parlament.

So lange es bei diesem faktischen Ausschluss der Rechtsextremen vom politischen Leben bleibt, können sie sich als Systemopfer präsentieren und weiter zulegen. Gelangen sie aber ins Parlament, wird es den Bürgerlichen der Sarkozy-Partei UMP immer schwerer fallen, sich wie heute von den „Frontisten“ abzugrenzen.

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