Kulturhauptstadt Marseille - In den Augen von Joachim Patinir

Joachim Patinirs Ansicht von Marseille ist Ausdruck einer Sattelzeit und zeigt die Taufe der diesjährigen Kulturhauptstadt 

Bild von Marseille mit Meer und Segelbooten im Vordergrund
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Beat Wyss hat an zahlreichen internationalen Universitäten gelehrt. Er hat kontinuierlich Schriften zur Kulturkritik, Mediengeschichte und Kunst veröffentlicht. Beat Wyss ist Professor an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe.

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In diesem Jahr ist Marseille, gemeinsam mit dem slowakischen Kosice, Kulturhauptstadt Europas. Eine frühe Idealvedute der Stadt findet sich in einem Tafelbild von Joachim Patinir. Die Rhône-Mündung muss sich seinem inneren Auge so eingeprägt haben – wenn es denn stimmt, dass der wallonische Maler eine Pilgerreise in die Provence unternommen hat. Im Hintergrund verblaut eine Erinnerung an die französische Riviera, bekränzt vom Saum der Meeralpen.

Dürer bezeichnte ihn als einen „gut landschafft mahler“


Eingeladen zu Patinirs Hochzeitsfest in Antwerpen, prägte Albrecht Dürer ein epochemachendes Wort, als er seinem Tagebuch vom 5. Mai 1521 anvertraute, sein Freund sei ein „gut landschafft mahler“. Patinir gehört zu den Begründern einer neuen Bildgattung. Seine Weltlandschaften stehen in der Tradition von Miniaturen in der Buchmalerei des frühen 15. Jahrhunderts, der Zeit der Gebrüder von Limburg und van Eyck. Patinir beerbt deren fabulierende Art, die Figuren des Heilsgeschehens in naturalistischer Umgebung auftreten zu lassen.

Unser Gemälde schildert Begebenheiten, die Jacobus de Voragine in der „Legenda Aurea“ beschreibt. Maria Magdalena erreicht mit Lazarus, Maximin und anderen Jüngern, von den Juden vertrieben und ausgesetzt in einem steuerlosen Schiff, die südfranzösische Küste. In der Ferne ist Marseille zu sehen, dessen erster Bischof Lazarus wurde. Auf halbem Weg zum Vordergrund des Bildes zeigt der Maler Aix-en-Provence, wo Gründungsbischof Maximin eine Kapelle errichtete.

In der Grotte soll Maria Magdalena gelebt haben


Textgetreu ragt ein bizarres Gebirg heraus: das Massif de la Sainte-Baume inmitten wuchernder Wälder und fruchtbarer Wiesen. Gerade die Unwahrscheinlichkeit dieser Darstellung beweist, dass der Maler die Pilgerstätte gesehen haben muss. Denn tatsächlich liegt der Wallfahrtsort am Fuß eines senkrechten Felsabbruchs, zugänglich über eine bewaldete Anhöhe. Patinir verbindet das Gesehene mit einer Bildtradition, die sich auf byzantinische Ikonen zurückverfolgen lässt: Schroff aufsteigende Felsen bilden das kompakte Zeichen für Wildnis. Hier, in der Grotte von Sainte-Baume, soll Maria Magdalena 30 Jahre lang büßend gelebt haben.

Alle sieben Stunden des Gebets erhoben Engelshände die keusche Asketin gen Himmel, bekleidet nur mit ihrem üppigen Haar, womit sie die Füße Jesu von ihren Tränen getrocknet hatte. Akkurat malt Patinir, was Jacobus schrieb: Über der Provence schwebt, klein wie eine Libelle, aber triumphal, die erste Missionarin Frankreichs, die als Augenzeugin am Ostermorgen das leere Grab Christi gesehen hatte.

 

Patinir malte das Gemälde um jene Zeit, als der gleichaltrige Martin Luther auf der Wartburg die Heilige Schrift ins Deutsche übertrug. So wie die Lutherbibel die Heilstatsachen Menschen nahebringt, die kein Latein verstehen, versetzt Patinir die frommen Legenden in eine heimatliche Gegend. Die Weltlandschaft markiert eine Sattelzeit: Einerseits in der Tradition der illuminierten Handschrift stehend, ist sie zugleich angeregt von Portolanen und Seebüchern, modernen Navigationshilfen auf den Weltmeeren. Patinirs Arbeitsort Antwerpen gehörte zu den bedeutendsten Bank- und Handelszentren, war Umschlagplatz von Zucker aus portugiesischen und spanischen Kolonien.

Bevölkerung etwa zu einem Drittel muslimisch


Das christianisierte Marseille, dem unser Blick jetzt entgegensegelt, als wären wir Schwalben auf dem Winterflug nach Nordafrika, wurde zum wichtigsten Hafen Frankreichs im Aufstieg zur Kolonialmacht. Nach dem verlorenen Algerienkrieg hatte die Stadt aber die sozialen Kosten jener Glanzzeit zu tragen. Die ­pieds noirs, die Kolonialfranzosen, und die harkis, die kooperationsbereiten Algerier, flüchteten in die Städte der Provence.

Die Bevölkerung von Marseille ist etwa zu einem Drittel muslimisch. Zugleich beherbergt die Stadt die größte jüdische Gemeinde am Mittelmeer außerhalb von Jerusalem. Um dieser Wirklichkeit einen Ort zu stiften, hat die Kulturhauptstadt im Alten Hafen das MUCEM gebaut: das Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeerraums. Architekt ist Rudy Ricciotti, geboren in Algier. Man erreicht den Bau auch direkt mit dem Schiff vom Meer her: so wie die Märtyrer, wie die Seeräuber und wie die boat people von der nordafrikanischen Küste

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