Einkaufszentrum in Moskau
Kunden versuchen in einem Moskauer Einkaufszentrum, in Läden westlicher Modeketten einzukaufen, bevor sie das Land verlassen / dpa

Leben in Russland - „So viel Angst hatte ich noch nie“

In Russland wird das Leben härter. Das merken einfache Bürger, wenn sie ihr letztes Geld für Hamsterkäufe aufwenden müssen. Und viele Menschen überlegen es sich zweimal, welche Posts sie auf Social Media verfassen und mit wem sie chatten. Eine Studentin aus Moskau spricht im Cicero-Interview über die aktuelle Situation. Um sie vor staatlicher Verfolgung zu schützen, haben wir das Interview anonymisiert.

Autoreninfo

Nathan Giwerzew studierte Literatur- und Politikwissenschaft in Berlin und absolvierte ein Redaktionspraktikum bei Cicero.

So erreichen Sie Nathan Giwerzew:

Wie ist zurzeit die wirtschaftliche Situation in Russland? Und wie kommen russische Bürger angesichts der Sanktionen über die Runden?

Wir alle wissen, wie abhängig Russland vom Weltmarkt ist. Es gibt keine unabhängige russische Industrieproduktion. Software, Hightech, Einzelteile, Maschinen – all dies wird für Dollars oder Euros eingekauft. In allen Sektoren steigen die Kosten und damit auch die Preise: von Nagelstudios bis hin zur Club-Mate-Limonade, die ja nicht in Russland hergestellt wird. Die Menschen decken sich mit Lebensmitteln ein, solange man sie noch kaufen kann: Mehl, Zucker und Butter sind für Hamsterkäufe besonders beliebt. Deshalb werden sie aktuell nur rationiert verkauft. Viele Kleinunternehmer und Lebensmittelhändler haben lange versucht, ihre Preise zu halten. In einigen Fällen blieben die Preise sogar für eine Woche stabil. Aber jetzt steigen die Preise langsam. Das lässt sich nicht mehr aufhalten. Auch Dienstleistungen werden teurer. Deshalb sind die Preisschilder vieler Läden mittlerweile nicht mehr in Rubel angegeben, sondern in Dollar. Und wenn jemand etwas privat verkauft, verlangt er auch nur noch ausländische Währung. Durch die Inflation fällt der Rubelkurs ja ständig.

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Tomas Poth | Mo, 14. März 2022 - 13:22

... auch bei uns erlebt man schon die Auswirkungen, es wird schwieriger.
Man denke nur an die Verteuerung, fast schon Verdoppelung der Spritpreise! Wer auf das Auto für sein tägliches Leben angewiesen ist der erlebt eine Kostenexplosion von der er nicht weis wie das längerfristig zu tragen ist!
Andere Bereiche werden folgen, wenn der Krieg nicht ganz schnell beendet wird.
Wird die ganze Welt wegen einiger weniger Starrköpfe, auch in der Ukraine, in Geiselhaft genommen?
Die Ukraine ist nicht nur Opfer, man denke nur an das Minsker Abkommen und was davon in der Ukraine umgesetzt wurde!

Christoph Kuhlmann | Mo, 14. März 2022 - 13:57

langsam Formen an. Der Widerstand junger Intellektueller wird weniger bedeutsam sein, als die Wut der Oligarchen, deren Vermögen schrumpfen und die von hofierten Stars des Jet Sets zu Parias degradiert werden. Alles was Putin erobern wird sind Trümmerwüsten, Not und Elend. Irgendwann werden die Eltern, Frauen Kinder und Geschwister der gefallenen Soldaten nach ihnen Fragen. Da hilft keine Zensur. Jede betroffene Familie weiß, was sie von der Propaganda zu halten hat. Trotzdem wird Putin bei den nächsten Wahlen möglicherweise profitieren. A) Zensur und Propaganda sind perfektioniert und B) der rally round the flag effect sorgt für ein Übriges. Es ist ein kurzfristiger Effekt und wir werden sehen wie lang er vorhält. Es ist ja immerhin beruhigend, dass auch der russischen Armee einige Waffen ausgehen und mit Blitzkriegen nicht zu rechnen ist. Leider treffen die Sanktionen die Russen insgesamt aber die haben es auch in der Hand, hoffentlich.

Jost Bender | Mo, 14. März 2022 - 14:33

Auch wenn es in Bezug auf die schon vor diesem Interview nur sehr kleine 'Resthoffnung' darauf, dass es aus der russischen Gesellschaft heraus eine 'Bewegung' gegen diesen Angriffskrieg & gegen Putins eskalierenden Repressions- & Zensurapparat im Inneren Russlands geben möge - also auch wenn dieses Interview in Bezug auf Erwartungen an die Russische Gesellschaft & Opposition einen weiteren, sehr deutlichen Dämpfer setzt, bin ich dankbar für die ehrlichen & detaillierten Einblicke in die Alltags-Realität eines zunehmend totalitären Staates in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Es nimmt einem selbst beim Lesen den Atem, zu erfahren, wie Putins totalitäre Kontrolle über die russische Gesellschaft immer mehr stalinistische & Orwell'sche Züge annimmt. "It's simply 'heart-breaking'".

Klaus Funke | Mo, 14. März 2022 - 15:09

Ich bin gänzlich anders informiert, habe Bekannte und Verwandte in Russland (Tambow). Freilich wird das Leben schwieriger. Das ist klar. Aber auch in D. ist das so. Ich denke nur an die Energiepreise und das Benzin oder auch dass es in Supermärkten wieder leere Regale gibt. Ja, das ist jetzt auch bei uns so. Und auch hier in D. kann man öffentlich schon längst nicht mehr alles sagen. Da ist die Rede in Russland freier. Oder man gehe bei uns zu einer Anti-Corona-Demo. Eine Freundin von mir wurde mit Pfefferspray von der Polizei attackiert. Eine andere Bekannte musste ein paar Stunden auf der Polizei-Wache ausharren. Ihre Personalien wurden festgestellt, wiewohl sie sich keines Vergehens schuldig fühlt. Nein, ich hasse solche anonymisierten Berichte. Nichts ist nachprüfbar. Hat alles letztlich Relotius-Qualität. Das ist Kriegsrhetorik. Schade, dass CICERO sich in solche journalistischen Niederungen begibt. Der Bericht von Herrn Giwerzew ist unglaubhaft. Er wirkt tendenziös.

ich habe zur Zeit keinen persönlichen Kontakt nach Russland, und die Medien, die ich sonst konsumiere, bringen fast nur die offizielle ukrainische Sicht.

Daher bin ich dankbar, dass Cicero versucht, trotz aller Schwierigkeiten Nachrichten aus Russland zu bekommen. Und ich bin auch dankbar, dass z. B. Sie ihre anderen Nachrichten mitteilen. Ist es denn nicht sehr wahrscheinlich, dass die Situation in Russland höchst unterschiedlich erlebt wird?

Mir ist es ziemlich unheimlich, wie in unseren Medien ein monolithisches Bild der ukrainischen (männlichen) Bevölkerung gezeichnet wird, die geschlossen, tapfer und heldenhaft hinter ihrem Präsidenten steht. Ich bin ziemlich sicher, dass es auch andere Menschen in der Ukraine gibt.

Und so finde ich es sehr plausibel, dass es auch in Russland verschiedene Haltungen gibt, obwohl auch die Moskauer politische Führung eiserne nationale Geschlossenheit demonstrieren will.

Bruderkriege sind besonders hässlich und irrational.

Urban Will | Mo, 14. März 2022 - 17:15

das russische Volk, dessen „Vergehen“ einzig darin besteht, Putin als Präsident zu haben. Und... ihn nun nicht einfach abzusetzen.
Vor langer Zeit las ich mal einen Artikel, in dem beschrieben wurde, dass die Massen – Bombardements auf D die Widerstandskraft des Volkes, bzw. dessen Unterstützung für den „Führer“ nur verstärkt haben.
Es ist ein riskantes Pokerspiel, auf Putins Absetzung oder gar Ermordung zu setzen.
Und es ist alles andere als „nobel“, die Russen in Sippenhaft zu nehmen.

Wie will man denn weitermachen, wenn man sich in naher Zeit auf einen Frieden einigt, Russland in großen Teilen das bekommt, was es möchte (Minimum: die Krim und Ukr. nicht i d NATO).
Möchte man dann dauerhaft dieses riesige Land ausschließen, wirtschaftlich vernichten? Glaubt man, dass R das mit sich machen lässt? Die kriegen ihre Energie immer verkauft, bzw die Hightech dann halt komplett aus China. Und die Dummen sind die Europäer, v.a. Deutschland.
Aber das ist man ja gewohnt...

Jovan Dučić | Mo, 14. März 2022 - 19:08

Angst ist ein subjektives Gefühl, hier wurde es als allgemeines Zustand in RU vermittelt - was nicht stimmt.
In DE überlegen auch viele Menschen zweimal seit Jahren welche Posts sie auf Social Media verfassen und mit wem sie chatten. Viele sind sich nicht sicher ob es richtig ist Apps von "meta" überhaupt installiert zu haben. Nach "Kristalwoche" in DE überlegen Russen ob sie überhaupt noch russisch auf der Strasse sprechen. Wenn ein Artikel mit Worten
"Wir alle wissen, ..." anfingt und setzt fort mit "Niemand kauft heute noch Delikatessen..." ist es schon manipuliert. Es geht nie um "alle" und "niemand", es stimmt einfach nicht!
Die Formulierung "Mord an den Ukrainern..." ist propagandistisch und einseitig. Im Zeitraum 2014-2022 sind in Donbas ca. 13.000 Zivilisten von der UA Army getötet worden - man erwähnt diese Menschen nicht mal. Und - es sterben auch russische Soldaten aber durch Anonymisierung werden diese eine ausgeblendet, die sind einfach "nichts".
Low-Level Journalismus.

Gerhard Fiedler | Di, 15. März 2022 - 09:39

kann Ihrem Kommentar nur zustimmemen. Mit anonymen Berichten ist nichts anzufangen, sie machen misstrauisch. Manipulation und Propaganda kann da nicht ausgeschlossen werden. Hier im Cicero werden anonyme Kommentare ja zu Recht nicht wiedergegeben. Auch in Deutschland wird alles drastisch teurer. Auch hier kann nicht mehr alles gesagt werden, was man will und stets mit der Schere im Kopf. Auch hier kann man schnell seinen Job verlieren, wenn die Richtung nicht stimmt. Und zu Propagandisten der Regierung sind auch fast alle unserer Medien verkommen, einschließlich die der Öffentlich-Rechtlichen. Nur Cicero macht da eine Ausnahme. Herr Nathan Giwerzew, der in Berlin studiert, wird wohl in Deutschland bleiben wollen. Von daher ist es nicht verkehrt, wie er fragt und schreibt.

Gerhard Lenz | Di, 15. März 2022 - 13:27

wie bekannt russophile Foristen, bis vor kurzem öffentlich stramme Putin-Bewunderer, versuchen, die totalitäre Gesellschaft in Russland schönzufärben und der deutschen als durchaus ebenbürtig darzustellen.

Dabei betreiben diese Foristen seit jeher Fundamentalopposition gegen unsere Demokratie. Sie verschweigen dass in Russland Demonstrationsversuche höchstwahrscheinlich im Gefängnis enden, glorifizieren aber Krawalle von durchaus schon mal gewalttätigen Maskengegnern in Deutschland als Märtyrertaten.

Die gleichen Foristen redeten zwar schon mal darüber, selbst nach Russland auszuwandern - was sie aber nicht getan haben. Sie wissen wohl, dass im Putin'schen Pseudo-Paradies Kritik an Regierungspolitik suizidal sein kann, oder dass die Lebensbedingungen im wunderbaren Putin-Reich für weite Bevölkerungsteile miserabel sind - auf der Wohlstandsskala liegt Russland hinter Ländern wie Albanien oder Bosnien (!!).

Hauptsache, in Russland gibt es noch so was wie einen "stramme Führer".

Die russische Nachrichtensprecherin Marina Owsjannikowa hatte am Montag in den Abendnachrichten gegen den Krieg protestiert.
Offensichtlich ist Frau Owsjannikowa verschwunden - man geht davon aus, dass sie verhaftet wurde.

Russland - Unter Putin ein "fabelhaftes" Land.. Oder sollte man sagen: Ein einziger Kerker?

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