- Die USA sind strategisch überdehnt
Willkommen in der Wolfswelt: Während sich die Vereinigten Staaten und Russland in teuren Kriegen verzetteln, sieht China seine große Chance. Europa hingegen hat mit seinen begrenzten militärischen Fähigkeiten nur eine Möglichkeit, sich zu behaupten.
Der Dritte Golfkrieg weitet sich zu einem regionalen Flächenbrand aus, dessen Schockwellen rund um den Globus zu spüren sind. Irans Blockade der Straße von Hormus und die Zerstörung von Energieinfrastruktur in den Golfstaaten haben schon wenige Wochen nach Beginn der Feindseligkeiten zu massiven Versorgungsengpässen in Asien und steigenden Energiekosten weltweit geführt.
Mit dem Eintritt der jemenitischen Houthis gerät nun auch die zentrale Handelsroute durch das Rote Meer unter Druck. Ausfälle bei Düngemittelexporten drohen eine Nahrungsmittelkrise auszulösen. Gleichzeitig gefährden Störungen bei Helium, Flüssigerdgas sowie petrochemischen Rohstoffen wie Naphtha und Schwefel, allesamt unverzichtbare Vorleistungen für die Halbleiter- und Batterieproduktion, die globale Chipversorgung.
Es droht eine weltweite Finanzkrise
Die Folgen dieser Preisschocks sind absehbar: steigende Inflation, Konsumzurückhaltung, höhere Zinsen und ein sich abkühlendes Wachstum. Wenn sich zugleich Staatsbankrotte im Globalen Süden und Verwerfungen auf den Finanzmärkten des Globalen Nordens durch das globale System fortpflanzen, droht eine neue weltweite Finanzkrise.
Der Krieg am Golf wirkt unmittelbar auf die Konflikte in der Ukraine und um Taiwan zurück. Die Rivalität der Großmächte entfaltet sich auf einem geostrategischen Schachbrett mit drei primären Kampfzonen. In Europa fordert Russland die US-Hegemonie heraus, in Ostasien China, im Nahen Osten Iran. Diese drei Arenen sind voneinander zu unterscheiden, zugleich aber eng miteinander verflochten. Wer sich in einer Zone bindet, stößt in den anderen zwangsläufig an seine Grenzen. Ein Nullsummenspiel mit harten Folgen für die Sicherheit Europas.
Mit zwei Kriegen in Europa und im Nahen Osten und der Aussicht auf einen dritten in Ostasien sind die Vereinigten Staaten strategisch überdehnt. Die Kosten, ihre Vormachtstellung gleichzeitig in drei primären Kampfzonen zu sichern, sind militärisch, finanziell und politisch selbst für eine Supermacht nicht mehr tragbar.
Seit Jahren ringen Strategen in Washington mit diesem Dilemma. Die „Primatisten“, vor allem neokonservative Vertreter des sicherheitspolitischen Establishments, wollen die amerikanische Hegemonie („Primacy“) verteidigen, koste es, was es wolle – zur Not auch durch simultane Kriege in allen drei primären Kampfzonen. Um die Überdehnung zu kaschieren, sollen Verbündete die Kämpfe führen. Drei bis an die Zähne bewaffnete „Stachelschweine“ übernehmen dabei zentrale Rollen: Taiwan in Ostasien, die Ukraine in Europa und Israel im Nahen Osten. Regimewechsel oder die gezielte Ausschaltung chinesischer und russischer Partner sollen die Rivalen aus den amerikanischen Einflusszonen verdrängen und die als antiamerikanisch verstandene BRICS-Allianz schwächen.
Doch innenpolitisch wächst der Widerstand. Aus Sicht der MAGA-Basis haben die endlosen Kriege die amerikanische Mittel- und Arbeiterklasse ausgezehrt. Militärische Machtprojektion stößt längst weit über das America-First-Lager hinaus auf Ablehnung, insbesondere wenn sie nicht klar im nationalen Interesse erfolgt, sondern einer ideologischen Mission dient oder Partnern wie Israel zugutekommt. Der Druck wächst, Ressourcen in den Wiederaufbau des eigenen Landes umzulenken. Für Trump wird diese Frage mit Blick auf die Midterm-Wahlen zur Machtprobe. Sein politisches Schicksal hängt daran, ob er die Bevölkerung von einem unpopulären Krieg überzeugen kann.
Auch die amerikanischen Verbündeten wissen, dass zwei heiße Kriege gleichzeitig zu führen und sich zugleich auf einen dritten vorzubereiten, selbst die Ressourcen einer Supermacht überfordert. Der Dritte Golfkrieg hat bereits nach wenigen Wochen die amerikanische Unterstützung für die Ukraine und Taiwan untergraben. Sollte China das entstandene Gelegenheitsfenster nutzen, müssten die USA entweder ihr Engagement in Europa und im Nahen Osten zurückfahren oder Taiwan preisgeben.
China setzt auf strategische Geduld
Für die Führung in Peking hat die Sicherung der eigenen Position in Ostasien oberste Priorität. Um die als Einkreisung wahrgenommene US-Präsenz aufzubrechen, soll langfristig die erste Inselkette durchbrochen werden, also die Reihe aus US-Militärbasen, die sich von Japan über die Philippinen bis nach Singapur erstreckt. Taiwan steht dabei im Zentrum, geopolitisch wie innenpolitisch.
Nach Einschätzung amerikanischer Geheimdienste baut China bis 2027 militärische Fähigkeiten für eine Invasion der Insel auf. Der amerikanische Angriff auf Venezuela hat einen Präzedenzfall dafür geschaffen. Der Abzug von Seestreitkräften aus dem Südchinesischen Meer sowie von Raketenabwehrsystemen von der koreanischen Halbinsel haben das Gelegenheitsfenster sperrangelweit geöffnet.
Doch Peking zögert. Die Säuberungen in der militärischen Führung deuten auf Machtkämpfe hin und werfen Fragen zur Einsatzfähigkeit der Streitkräfte auf. Ein Angriff auf Taiwan könnte zwar innenpolitischen Druck abbauen und die Unterstützung chinesischer Nationalisten mobilisieren. Gleichzeitig ist in China die Überzeugung weit verbreitet, dass der unumkehrbare Abstieg der Vereinigten Staaten die Wiedervereinigung früher oder später ohnehin ermöglicht, ohne die Risiken einer amphibischen Invasion mit unkalkulierbaren Folgen.
Das heißt nicht, dass eine Eskalation ausgeschlossen ist. Ein Zwischenfall in der Taiwanstraße könnte jederzeit außer Kontrolle geraten. Derzeit aber scheinen weder Peking noch Washington ein Interesse daran zu haben, die Entscheidung militärisch zu erzwingen, solange sich die Taiwan-Frage politisch einhegen lässt.
Aus chinesischer Sicht ist es vielmehr vorteilhaft, wenn sich die USA weit entfernt von den chinesischen Küsten in Europa und im Nahen Osten aufreiben. Entsprechend machte Außenminister Wang Yi in Brüssel deutlich, dass China zwar an Kooperation der Europäischen Union interessiert sei, eine Niederlage Russlands jedoch nicht zulassen könne, weil dies Washington erlauben würde, seine Kräfte auf China zu konzentrieren.
Doch mit wachsendem Einfluss steigen auch die Erwartungen. Europa drängt China, mäßigend auf Moskau einzuwirken. Washington fordert Druck auf Teheran, um die Straße von Hormus wieder zu öffnen. Zugleich hat das sunnitische Quartett aus Ägypten, Pakistan, Saudi-Arabien und der Türkei China um Vermittlung gebeten. Peking versucht, nicht in mehrere Konflikte gleichzeitig hineingezogen zu werden. Doch seine Abhängigkeit von Energieimporten aus dem Persischen Golf könnte es zwingen, diplomatisch stärker ins Risiko zu gehen. Gelingt eine Vermittlung, würde China zeigen, dass es die globale Energieversorgung stabilisieren und die Seewege für den Handel offen halten kann – eine klassische Aufgabe eines Hegemons, an der die USA derzeit an ihre Grenzen stoßen.
Russland hat sein Blatt überreizt
Kurzfristig profitiert Moskau vom amerikanischen Krieg am Golf. In Israel und am Golf gehen die Bestände an Abfangraketen zur Neige, während die amerikanische Rüstungsindustrie an ihre Kapazitätsgrenzen stößt. Die Ukraine erhält weniger Waffen, und auch der Wiederaufbau europäischer Abschreckungsfähigkeiten gerät ins Stocken. Zugleich verschaffen steigende Ölpreise und gelockerte Sanktionen Russland neuen finanziellen Spielraum.
Doch auch Russland entkommt der Logik der drei Kampfzonen nicht. Seine Kräfte sind in der Ukraine gebunden. Als von der Türkei unterstützte Milizen das Assad-Regime in Syrien stürzten, konnte Moskau kaum reagieren. Solange der Krieg in der Ukraine andauert, fehlen die Mittel, um Partnern wie Armenien, Indien, Venezuela oder Iran in deren Konflikten wirksam beizustehen. Die Folge ist absehbar: Von der Sahelzone bis nach Südasien orientieren sich viele dieser Staaten geopolitisch neu.
Europa zwischen allen Stühlen
Europa droht zu den Verlierern der Wolfswelt zu gehören. Die Schockwellen des Dritten Golfkrieges, von Energieengpässen über steigende Preise bis zu unterbrochenen Lieferketten, dürften das ohnehin schwache Wachstum weiter abwürgen. Hinzu kommen mögliche neue Flüchtlingsbewegungen und eine erhöhte Terrorgefahr. Zugleich ist Europa militärisch, finanziell und politisch durch die Unterstützung der Ukraine bereits überfordert. Fallen amerikanische Waffenlieferungen aus oder zieht sich Washington wie angedroht aus der Nato zurück, verschärft sich die Lage weiter. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Trump, der sich von den Europäern im Stich gelassen sieht, einen Deal mit Moskau zur Beendigung des Ukrainekrieges über ihre Köpfe hinweg sucht. Auch die Annexion Grönlands bleibt für einen Präsidenten, der dringend einen außenpolitischen Erfolg braucht, auf der Agenda.
In der regellosen Wolfswelt gerät das aus Verträgen gezimmerte Europa selbst unter Druck. Das sollten jene bedenken, die bereit sind, das Völkerrecht beiseitezuschieben, um das Regime in Teheran zu beseitigen. Wer zu Recht den russischen Bruch der Normen von Souveränität, territorialer Integrität und Nichteinmischung in der Ukraine beklagt, kann nicht zugleich den israelisch-amerikanischen Bruch dieser Prinzipien, bis hin zur Liquidierung der iranischen Führung, rechtfertigen. Richtig, in der machtbasierten Wolfswelt werden viele Völkerrechtsnormen missachtet – vor allem die liberalen Fortentwicklungen aus der unipolaren Epoche. Es liegt aber im existentiellen Interesse Europas, vom westfälischen Urkern der interstaatlichen Ordnung zu retten, was zu retten ist.
Mit begrenzten militärischen Fähigkeiten und unter wachsendem wirtschaftlichen und politischen Druck muss Europa akzeptieren, dass Engagement in einer primären Kampfzone zwangsläufig zulasten anderer geht. Es muss sich auf die Verteidigung des eigenen Kontinents konzentrieren und militärische Abenteuer im Nahen Osten oder gar Ostasien vermeiden. Zugleich bleibt es darauf angewiesen, im Verhältnis zu allen Großmächten zu balancieren. Im Zangengriff zwischen Putin und Trump wird es nicht darum herumkommen, die chinesische und die indische Karte zu spielen. Das Konzert der Mächte war eine europäische Erfindung. Europa muss die Kunst, in ihm zu spielen, neu erlernen.
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speziell Das "Dona nobis pacem" aus der h-Moll Messe, mit einem Bayerischen Chor/Orchester? unter Günther Ramin.
Das ist ein SCHREI nach Frieden und wer Ramins Widerstand ermessen möchte, der sollte musikalisch sein.
RIP
Wie auch immer, "In Europa fordert Russland die US-Hegemonie heraus, in Ostasien China, im Nahen Osten Iran".
Jetzt reichts es mir, lieber Parteigenosse?
Ich verbitte mir eine US-Hegemonie in oder über Europa.
Die Ukraine ist m.E. kein europäischer Staat und hat mit der Türkei mehr gemein, als mit uns, vor allem aber eben mit Russland.
Der Iran steht bedauerlicherweise allein, will sagen ohne seinen stärksten Verbündeten im Geiste "gegen" die USA, die Türkei.
China will Ostasien und Südostasien hoffentlich keinen Kommunismus bringen, aus dem es sich selbst herausentwickelt, sondern SCHUTZ vor "Übergriffen" der USA.
Das aber nur überlegt. Ich kann irren.
Die große Frage allerorten scheint zu lauten, wie hegen wir die USA ein?
Die Frage scheint aber nicht für alle gleich
man kommt nicht herum aus der Formulierung des Redakteurs seine Sozialisierung herauszulesen. Ist so gar nicht meine "Wellenlänge". Bekanntlich sind Meinung "vielfältig"
Klar man Israel & die USA verurteilen das Sie dem Terrorregime im Iran hoffentlich bald den "Todesstoß" zu geben. Aber ich finde es absolut gerechtfertigt diesen abscheulichen Terrorregime klar zu machen, dass es so nicht mehr weitergeht. Wer selbst wie Israel tagtäglich unter militärischen Beschuss jahrzehntelang gelitten hat, versteht Israel´s Antrieb zu 100 %.
Und die anderen Schurken wie z. B. Russland kann man natürlich "verteidigen".
Die zukünftige 4,8 % Partei war zum Beispiel mit verantwortlich was derzeit mit der Ukraine passiert ist, sowie die vorletzte Energiekrise hier in Europa. Aber Hauptsache so tun als wäre die Parteiorganisation auf dem richtigen Weg.
Obwohl alles was hilft das diese Organisation deutschlandweit auf 4,8 % absackt, ist tatsächlich eine gute Tat.
was genau hat Russland ihnen angetan? Ich verstehe Israel, ich verstehe Russland. Ich verstehe weder Merz und seine Entourage noch Klingbeil und Genossen. Und schon gar nicht verstehe ich diese Figuren, die sich die 'eu kommission' nennen. Hochgradig ideologisch verursachte Unfähigkeit, aber dafür umso machtgeiler. Dass die sozialistische partei deutschlands den Weg unter die 5% geht, ist die Hoffnung, in RP hat der Wähler das aber noch gar nicht verstanden.
schon mal darüber nachgedacht, was uns Russland bisher an Steuergelder gekostet hat, weil wir Nord Stream II nicht ans Netz genommen haben?
Die syrische "Völkerwanderung" ist mit ausgelöst worden durch Russland. Sie haben den Krieg in Syrien mit angeheizt! Die vorletzte Energiekrise ab 2022, mit wer hat uns verraten die Sozial.....zusätzlich im Boot. Stimmt RP hat es noch nicht begriffen, wird aber hoffentlich bald auf die 4,8 % hinauslaufen.
Diese Parteiorganisation ist sehr weit weg, was unter anderem Helmut Schmidt damals geschaffen hatte. Die wenigen vernünftigen derzeit in dieser Organisation kann man an einer Hand abzählen. Aber so ist das im normalen Leben: You win & your lose. Mit Merz & Konsorten kann ich Ihnen beipflichten. Die EU verhält sich mehr als seltsam. Geschuldet ist das an der vorherigen Parlament Zusammenstellung. Das wirkt massiv nach & die jetzige EU Präsidentin. Da müsste dringend umgesteuert werden.
wir haben NSII nicht ans Netz genommen, weil a)die Grünen das nicht wollten! Kein Geld für Russland (die unerträgliche Baerbock). Weil b) die Ukraine im Auftrag der Amis (Biden) die Röhren gesprengt haben. Die syr. Völkerwanderung wurde initial ausgelöst durch das Reduzieren der finanz. Hilfen für die Elendslager im Orient, im Libanon, an der Grenze der Türkei, durch die VN! Die Amis haben übrigens in Syrien wichtige Ölregionen unter ihre Kontrolle gebracht, das Öl beschlagnahmt und selbst verkauft/benutzt. Bis heute!! Nix die Russen! Briten, Franzosen, Türken und andere Nationalitäten tummeln sich in Syrien, nix 'die Russen'. Im nomalen Leben, da gibts für uns 'Normalos' nur noch eines: no win, but all to lose. Schauen Sie sich in diesem Land um: Abstieg, wohin man schaut! Absolute politische und menschliche Versager haben das Sagen. Wir sind denen sowas von egal, bloß keine Illusionen!
Europa muss die Kunst, im Konzert der Mächte zu spielen, neu erlernen. Diesbezüglich gibt es kein Europa! Möglicherweise meint der Autor ja die eu, ein Konstrukt, dem jeweiligen Bürger mit Gewalt übergestülpt, das nur deshalb (noch) existiert, weil der Zahlmeister Geld mit der Gießkanne verteilt. Von niemandem gewählte Funktionäre, aus den nationalen Parlamenten wg. Unfähigkeit abgeschoben, maßen sich an, histor. verheerende Entscheidungen zu treffen, Leute, denen man nicht mal zutrauen würde, den wöchentlichen Hauskehrdienst korrekt zu erfüllen. Hochgradig borniert, lern- und realitätsresistent. Tatsächlich fehlen seriöse, an der Realität, nicht an Ideologie orientierte Politiker. Der "Wert" von x Geschlechtern, Männer dürfen sich als Frauen gerieren, ein "green deal", die Weltklimarettung, die unsägliche Gleichmacherei, die staatl. geförderte und geforderte Zerstörung der Bildung, Islamisierung... zeigt sich jetzt wie unter dem Brennglas-gegen minus unendlich. Alice für Deutschland!
