Bildung in den USA - Ein teures Schicksal

Konservative stehen für Sozialhilfe, Linke für Sozialindustrie: Die Kontroverse um Amerikas Sozialmilliarden ist in vollem Gange. Neuere Studien legen nahe, dass jahrzehntelange Umverteilungen nicht den gewünschten Effekt erzielen

Barack Obama vor Amerikaflagge
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Gunnar Heinsohn lehrt Militärdemografie am NATO Defense College in Rom und Eigentumsökonomie am Management-Zentrum St. Gallen. 

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Gunnar Heinsohn

Er ist ein Urgestein des linken Credos. Doch am 13. Januar 2014 tritt Amerikas Erziehungsminister Arne Duncan bedrückt wie ein Konservativer vor seine Nation, weil die Wirklichkeit im amerikanischen Bildungssektor ihm klarmacht: Your ideology failed.

Kinder, die nicht rechnen können, gibt es für Linke nicht. Es gibt nur mathematisch Privilegierte und mathematisch Entrechtete. Knöpfe man den ersten nur genügend Geld ab und gebe es Pädagogen für die Förderung der momentan noch Abgeschlagenen, so die Annahme, würden die Unterschiede schon verschwinden. In Amerika sind sie das aber nicht.

Ein halbes Jahrhundert mit dem weltweit höchsten pädagogischen Geldeinsatz hat am Rückstand von immer mehr Kindern auf die Kompetenten nichts geändert: „Viele amerikanische Distrikte und Schulen zeigen niederschmetternde Leistungsabstände. Unter den Industrieländern liegt Amerika jetzt auf dem 14. Platz beim Lesen und auf dem 22. beim Rechnen  – obendrein gehen unsere internen Leistungsabstände einfach nicht zurück“, gesteht Duncan ein.

Kein Rückgang der Unterschiede
 

Seit dem von Jule Sugarman 1965 begonnenen Head-Start-Programm, das arme Kinder mit gesunden Nahrungsmitteln versorgt und spielerisch-motivierende Erziehungswege eröffnet (insgesamt 180 Mrd. Dollar), verringern sich die Unterschiede zwischen den großen Bevölkerungsgruppen bei der Kompetenz nicht:  „Whites“ liegen hinter „Asians“, aber vor „Hispanics“ und „Afro-Americans“. Wenn es überhaupt eine Bewegung gibt, dann beim Ausbau des Vorsprungs von Amerikanern chinesischer, koreanischer und japanischer Herkunft gegenüber „Whites“ (mit der Ausnahme von askenasischen Juden). Zusammen steuern sie eine Hälfte der Neugeborenen bei, während die anderen fünfzig Prozent prekär aufwachsen.

Dass Amerika seit 1971 bei der Aufwärtsmobilität – das ist der Anteil derer, die aus dem untersten in das oberste Fünftel aufsteigen – bei 7,8 Prozent verharrt (nur 78 von 1.000 Kindern schaffen es), ist kein Geheimnis. Zwar erreicht das ostasiatisch geprägte San Jose (Kalifornien) knapp 12, aber North Carolina oder Georgia landen unter fünf Prozent. Die Stagnation erweist sich in Wirklichkeit sogar als Rückgang, weil gesetzliche Blockaden für die Verwendung von Frauen und Minderheiten seit Jahrzehnten überwunden sind, was einer Mehrung von Aufstiegsmöglichkeiten entspricht.

Ein rätselhafter, aber zäher Faktor verhindert, dass selbst Megabeträge über Jahrzehnte hinweg nichts bewirken.

Das haben wir doch gleich gesagt!, kommt von den Gestrigen unter den Konservativen. Doch auch die „mit Herz“ beginnen zu wanken. Man habe – nicht immer jubelnd, aber doch entschlossen die Umverteilung von oben nach unten ein halbes Jahrhundert mitgetragen. Und immer noch hätten 60 Prozent der eingeschriebenen Republikaner Hoffnung auf ein Vorschulwunder. Doch werde es schwerer, der Wählerschaft alsbaldige Erfolge glaubhaft zu machen.

Obamas pädagogische Begeisterung
 

Ganz anders klingt der Präsident. Bei fast jedem innenpolitischen Auftritt – seit der 2013er „State of the Union“-Rede mit dem „Universal Preschool“-Aufruf – versichert Obama dem Publikum, dass die Maßnahmen zu kurzfristig und nicht radikal genug gewesen seien. Lediglich über drei Generationen (bei Schwangerschaft der Ghettomütter mit 17 Jahren) habe man geforscht. Er aber arbeite daran, mindestens die Hälfte des Nachwuchses durch Krippenerziehung auf das mathematische Niveau der Ostasiaten zu heben. Die Besten aus der anderen Hälfte der Nation versuche man, als Krippenerzieher zu gewinnen. Billiger allerdings werde das nicht. Dafür aber bedeute jeder heute eingesetzte Dollar eine Ersparnis von zehnmal so viel Geld in der Zukunft.

Niemand teilt die pädagogische Begeisterung des Präsidenten so rückhaltlos wie deutsche und österreichische Politiker. Die Kollektivierung der Jüngsten gilt auch zwischen Schwerin und Wien als Allheilmittel für die kognitive Aufholjagd. Doch die Fachleute bleiben skeptisch. In den USA selbst ist der Krippeneffekt besonders aufwendig in Texas untersucht worden. Es gibt durchaus Erfolge – vor allem für die am schwersten Geschädigten. Gleichwohl wird der Leistungsabstand zwischen Normalschülern und Abgeschlagenen in der späteren Schulzeit gerade mal um ein Zehntel verringert.

Überraschen kann das nicht, denn selbst im besonders homogenen Dänemark mit der global besten Kollektiverziehung für die Kleinsten schaffen es nur 15 Prozent aus dem untersten in das oberste Einkommensfünftel.  

Überdies wird die ostasiatische Matheführung – auch vor den Dänen – nicht durch Krippen errungen. Leider, muss man anfügen! Denn wäre es so, hätte man es leicht. Man müsste nur die Programme aus Singapur und Schanghai abkupfern und die Probleme wären gelöst.

Kompetenzvorteile bleiben konstant
 

Unerwartete Schützenhilfe bekommt Obama zwar nicht auf der pädagogischen, aber auf der finanziellen Seite aus der Studie „The Son Also Rises“ (Auch der Sohn steigt auf) von Gregory Clark (Princeton University Press, 2014). Clark findet – als Mitglied der raren Spezies historischer Demografen – heraus, dass Kompetenzvorteile selbst über zehn bis 15 Generationen stabil bleiben. Umgekehrt gilt, dass ein Aufholerfolg auch nach mehr als drei Head-Start-Generationen keineswegs garantiert ist. Die Zerstörung von Könnerschaft ist nicht weniger schwer als ihr Aufbau. Noch mehr Gelder für ein weiteres halbes Jahrhundert dürften deshalb in neuerlicher Enttäuschung enden.

Natürlich kennt auch Clark den Taugenichts aus reichem Hause, der nicht so tief sinkt, wie seine Kompetenz nahelegt, weil er ererbtes Vermögen verschleudern kann. Doch für den Normalfall kann er zeigen, dass die Leute im obersten Fünftel durch eine Kombination aus mitgebrachter Kompetenz und überdurchschnittlichem Fleiß an ihren Wohlstand gelangen.

Gerade weil man selbst mit noch mehr Milliarden die Vertikalmobilität kaum befördern könne, brauche Amerika – so Clark – auch für alle Zukunft gewaltige Mittel für die Armen. Denn ihr mathematisches Stagnieren berechtige niemanden dazu, etwas von ihrer Menschenwürde zu subtrahieren.

Hier schlägt sich ein Konservativer auf die Seite der Linken. Das pädagogische Scheitern macht den hypertrophen sozialpädagogischen Sektor weitgehend überflüssig, aber nicht die an ihn fließenden Beträge. Im Gegenteil, sie müssten auf lange Dauer für erhebliche Teile der Nation festgeschrieben werden. Zwar lasse man als Konservativer mit Herz unhaltbare pädagogische Illusionen fallen, aber man nehme das erforderliche Geld in die Hand, um auch den Scheiternden ein angemessenes Einkommen zu zahlen. Das könne bei unveränderten Gesamtausgaben sogar steigen, wenn die bisher fehlgeleiteten Mittel direkt an die Hilflosen gingen.

Doch auch Clark weiß, dass beim Wettbewerb zwischen den Nationen auf der Verliererseite landet, wer beträchtlich mehr Immobile versorgen muss als die Konkurrenten. Dass Amerikas Beschäftigungsquote (Anteil der Arbeitenden und Arbeitsuchenden an der Gesamtbevölkerung) 2013 auf das Niveau von 1978 abstürzt, belegt ebenfalls, dass die Führungsmacht mehr als andere für seine Hilflosen ausgeben muss.

 

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