Israel - Meine Pressereise ins bedrohte Land

Darf man das? Eine Einladung für eine Pressereise nach Israel annehmen? Unsere Autorin hat es getan. Sie erlebte, was es heißt, von Terror umgeben zu sein

Ein Bild der Al-Aqsa-Moschee auf einer Hauswand in Jerusalem: Die Angst in allen Straßen
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Autoreninfo

Petra Sorge ist freie Journalistin in Berlin. Von 2011 bis 2016 war sie Redakteurin bei Cicero. Sie studierte Politikwissenschaft und Journalistik in Leipzig und Toulouse.

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Die Explosion ereignet sich keine zwei Kilometer entfernt. Gleich neben der weißen Moschee, nur drei, vier Häuser weiter. Ich spüre die Erschütterung, während ich auf einem Hügel im Sand kauere. Von einem israelischen Militärcamp aus beobachte ich Terrorgruppen, die mit Al Qaida verbündet sind.

Noch vor wenigen Tagen hatte ich ein schlechtes Gewissen, überhaupt auf eine dieser Pressereisen nach Israel zu fahren. In der Einladung hieß es: „Wir möchten darauf hinweisen, dass alle Ausgaben (Flug und Unterkunft in Israel) gedeckt werden.“ Das klang nach bestellter Berichterstattung. In der EU soll es Sanktionspläne gegen Israel geben – da hat das kleine Nahostland gewogene Journalisten mehr als nötig.

Andererseits: Hätte ich abgelehnt, hätte ich das Inferno nie bezeugen können. Die Al-Nusra-Front, der syrische Arm von Al-Qaida, kontrolliert inzwischen die gesamte Grenze zu Israel. Das erklärt uns der Armeearzt Itzik Malka. Wir, das ist die Reisegruppe, mit der ich fünf Tage in Israel unterwegs bin: Elf Journalisten aus Österreich, Dänemark, Italien, Belgien, Griechenland und Großbritannien. Wir werden an exklusive Orte gefahren, tragische Orte. Man nimmt sich viel Zeit für uns.

Itzik Malka, Leutnant Colonel, ist für die medizinische Versorgung der rund 1000 israelischen Militärs auf den Golanhöhen zuständig. Sein dickes Haar ist raspelkurz geschnitten, das Kinn glatt rasiert. Über seinem rundlichen Bauch spannt sich der Gurt, an dem hinten das Maschinengewehr baumelt.

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Malka sagt, seine Leute beobachten häufig, wie die Terroristen auf der anderen Seite in Uno-Jeeps umherfahren. Denn die Al-Nusra-Front hat ein Camp der Vereinten Nationen besetzt. Manchmal setzten sich die Männer sogar Mützen mit dem UN-Logo auf den Kopf. Die Österreicher hatten sich bereits im Juni aus der Friedenstruppe zurückgezogen, die seit 1974 den Waffenstillstand mit dem syrischen Nachbarstaat überwachen soll. Ende August belagerten die Kämpfer dann den UN-Stützpunkt bei Kuneitra, nahmen mehrere Geiseln, erzwangen den Rückzug der Blauhelmtruppen.

An der Grenze zu Israel herrscht ein Machtvakuum: Syriens Präsident Baschar al-Assad hat längst die Kontrolle über das Gebiet verloren. Neben Al-Nusra kämpfen hier auch andere islamistische Splittergruppen, etwa die Hisbollah und der „Islamische Staat“, erklärt Itzik Malka.

Noch würden Al-Qaida und der IS einander zwar bekämpfen. Doch in einigen Jahren, schätzt er, „verbünden sie sich gegen Israel“.

Das ist kein Actionfilm, keine Kinoleinwand


Unten im Tal steigt eine weiße Rauchwolke auf. Artillerie. Daneben brauner Rauch, das ist eine Mörsergranate. Maschinengewehre rattern im Sekundentakt. Ich drücke auf den Auslöser meiner Kamera.

Aber das hier ist kein Actionfilm, keine Kinoleinwand. Israel ist umgeben vom Terror. Im Norden Hisbollah, Al Qaida und der IS, im Süden die Hamas: Was ich bisher als Fakt abgespeichert hatte, kühl und abstrakt, fühlt sich plötzlich heiß und bedrohlich an. Die Beklemmung, die in mich kriecht, kenne ich aus Deutschland nicht. Mein Land hat nur Freunde als Nachbarn.

Mit dieser Bedrohungslage erteilt Geheimdienstminister Yuval Steinitz bei einem späteren Hintergrundgespräch auch den Forderungen, Israel möge sich aus dem Westjordanland zurückziehen, eine Absage. Denn dann würde die Region früher oder später „von dschihadistischen Kräften kontrolliert“, sagte er. „Wir werden keinen Selbstmord begehen.“

Auf der israelischen Seite der Golanhöhen prägen satte Wiesen und Weinberge das Landschaftsbild. Auf den Weiden grasen Rinder, ihr Fleisch gilt als Delikatesse. Doch der Krieg der Islamisten kriecht auch in dieses Idyll.

Itzik Malka bittet die Journalisten, den Kopf einzuziehen. Auf der syrischen Seite lauern Heckenschützen. Erst kürzlich sei ein israelischer Soldat auf Patrouille getötet worden. Manchmal trifft es auch unbeteiligte Bauern und Dorfbewohner.

Dort hinter dem Grenzzaun, der sich keine 700 Meter vom Lager entfernt durch die Landschaft zieht, tauchen immer wieder auch schwer verwundete Kinder, Mütter, Schwangere und Großeltern auf, die noch in ihren syrischen Dörfern übrig geblieben sind, weil sie weder die Kraft noch das Geld für eine Flucht haben. Sie weinen, schreien, betteln. Bitten den Todfeind Israel um Hilfe.

Sie haben Verbrennungen, zerfetzte Gliedmaßen, manchmal verbluten sie am Zaun. Sie sind Opfer eines Krieges, der nicht ihrer ist. Nach Angaben des israelischen Militärs schießen die Kämpfer auch auf die Zivilbevölkerung, sei es gezielt oder nicht. Chirurg Itzik Malka sagt, er habe noch nie in seinem Leben so schlimme Verletzungen gesehen. „Was dort passiert, ist ein Holocaust“, sagt er, der Jude.

Israel behandelt verwundete Syrer


Während der vergangenen anderthalb Jahren schickte Malka 1500 Syrer in israelische Krankenhäuser. Nach der Behandlung habe aber niemand in Israel bleiben wollen: Alle Patienten seien wieder zurück in ihre umkämpften Dörfer gegangen. Nur ein kleines Mädchen, sagt Malka, habe darum gebeten, zu ihrem Vater nach Jordanien geschickt zu werden.

Israel werde aber auch kein Flüchtlingscamp für Syrer errichten. „Aus Sicherheitsgründen“, sagt mir Mark Regev, Sprecher von Israels Premierminister Benjamin Netanjahu, später. Formell herrscht zwischen beiden Ländern noch Krieg.

Der Armeearzt Itzak Malka muss schwere Gewissensentscheidungen treffen. Wie sollen seine Truppen ein Opfer von einem Kämpfer, der sich für einen Anschlag an die Grenze pirscht, unterscheiden? Und was ist, wenn dieser Kämpfer verletzt ist und sich unbewaffnet unter die Bittsteller am Grenzzaun mischt? „Wir behandeln alle“, sagt Malka. Er kann daher nicht ausschließen, dass er nicht doch einen IS- oder Al-Qaida-Terroristen in ein israelisches Krankenhaus und dann wieder in den Kampf schickt. Sein Problem: Füllt er einen Krankenwagen mit den Verwundeten des syrischen Bürgerkriegs, kann er nicht gleichzeitig israelischen Bauern helfen, die von einem Blindgänger oder einem gezielten Schuss getroffen werden.

Welches Leben ist wertvoller? Das der fremden Opfer oder das der eigenen Leute?

Es ist dieses Dilemma, das mir immer wieder auf meiner Reise begegnet. Israel ist hin- und hergerissen zwischen Empathie und seinen eigenen humanitären Ansprüchen auf der einen und einem berechtigten Schutz- und Sicherheitsinteresse auf der anderen Seite.

Gleichwohl könnte die medizinische Hilfe nicht ganz uneigennützig sein: Israel steht unter scharfer internationaler Beobachtung. Es ist sicher auch kein Zufall, dass unsere Reportergruppe Itzak Malka sprechen darf. Seine Geschichte bewegt.

Die Neugier siegte


Die Einladung zu dieser Reise wäre fast im Spam-Ordner gelandet. Eine seltsame „skynet“-Domain, der Absender eine Lobbyorganisation: „Europe Israel Press Association“. Eine Google-Suche ergibt, dass der Brüsseler Verband sich über private Spenden finanziert. Die Reise sollte ausschließlich an israelische Orte führen. Gaza und das Westjordanland waren ausgespart.

Letztlich siegte meine Neugier.

Seit meinem ersten Arbeitstag als Journalistin gab es zwischen Israel und Palästina drei Kriege: die „Operation Cast Lead“ zum Jahreswechsel 2008 bis 2009, die „Operation Pillar of Defense“ im November 2012 und die „Operation Protective Edge“ in diesem Sommer, zwischen 8. Juli und 26. August. Was mir stets im Kopf geblieben war, waren die Fotos der Rauchwolken in Gaza. Die Ruinen, die verkohlten Teddybären, die Kinderschuhe. Israels Manöver erschienen mir unverhältnismäßig. Während des ersten Gaza-Konfliktes porträtierte ich einen Palästinenser, der mehrere Familienangehörige verloren hatte. Diesen Aspekt hielt ich in den Presseberichten für unterbelichtet.

Die Frage, die mich auch auf dieser Reise umtreibt, ist: Warum wirft Israel Bomben auf unschuldige Kinder in Gaza?

Während des vergangenen Konflikts starben 2.100 Palästinenser. Nach UN-Angaben sollen davon 70 Prozent Zivilisten gewesen sein, knapp ein Viertel Kinder. Israel bestreitet die Zahl, etwa die Hälfte der Toten sollen Kombattanten gewesen sein. Nach Angaben der Palästinensischen Autonomiebehörde starben in dem Konflikt mit Israel seit dem Jahr 2000 1.500 Kinder. 6.000 sollen verletzt und 10.000 inhaftiert worden sein.

In dem Dorf Netiv HaAsara an der Grenze zu Gaza spüre ich, wie selektiv Wahrnehmung sein kann. 13 Jahre lang wurde die Landwirtschaftskooperative, „Moschav“ genannt, hier von Raketen beschossen. 13 Jahre lang war das in Deutschland kaum ein Thema. So funktionieren Medien: Das Alltägliche interessiert nicht, nur das Dramatische. Wie die Kriege gegen die Hamas.  

Auf dem Dorfplatz sind die Plastikstühle im Kreis aufgestellt. In der Mitte ein Tisch, darauf ein Teller mit Plätzchen und Kirschtomaten, die hier angebaut wurden. „Wir sind dankbar, dass wir uns wieder im Freien versammeln können“, sagt die Landwirtin Ila Felor. „Die Zeiten kurz nach einem Krieg sind die ruhigsten.“ Doch schon nach wenigen Monaten kommen die Raketen wieder zurück, erzählt Felor. „Das war bislang immer so.“

Kassamraketen, Katjuschas und Mörsergranaten im Garten


Während sie das erzählt, frage ich mich: Was, wenn genau jetzt dieser Zeitpunkt ist? Einer unserer Reiseleiter hatte uns Journalisten für diesen Fall noch im Bus Anweisungen gegeben. Wenn der Alarm ertönt, sei eine Stimme zu hören: „Tseva adom“, Hebräisch für „rote Farbe“, Alarmstufe rot. „Sie haben dann weniger als zehn Sekunden Zeit, einen Bunker aufzusuchen“, erklärte er. „Andernfalls legen Sie sich auf den Bauch und verschränken Sie die Arme hinter Ihrem Kopf.“

Im Lagezentrum von Netiv HaAsara zeigen uns die Dorfbewohner, was sie in ihren Gärten gefunden haben. Hülsen von Kassamraketen, Katjuschas oder Mörsergranaten. Auf einer steht noch die Fabriknummer: „L0T3-2006“ und „120 HE“. Manche Einwohner vermuten, dass diese Raketen aus staatlicher Produktion kommen. „Iran oder Russland“, sagt einer.

Allein in diesem Sommer feuerte die Hamas 380 Geschosse auf das 800-Einwohner-Dorf ab. Eine Rakete tötete einen Landarbeiter in einem Gewächshaus. „Iron Dome“, Israels Raketenabwehrschild, kann hier nicht alle Geschosse abfangen: Die Ortschaft liegt nur 400 Meter vor der Grenze zum Gazastreifen, da erreichen viele Raketen gar nicht erst die nötige Flughöhe.

Früher gab es an der Grenze keinen Zaun, keine Mauer. Die Israelis gingen nach Gaza-Stadt zum Baden und Einkaufen, erzählt eine ältere Bewohnerin. Der Strand dort sei paradiesisch. Aus dem palästinensischen Nachbardorf Beit Lahiya schickten sie bis zu 600 Arbeiter, aus dem israelischen Netiv HaAsara das Geld. Heute schicken beide Seiten nur noch Raketen oder Bomben. Die Grenze ist ein militärisch bewachter Wall. Auf einem Mauerstück ist eine Friedenstaube aufgemalt, daneben ein blauer Schriftzug: „Path to peace“ – „Der Weg zum Frieden“.

2005 hatte der damalige Premierminister Ariel Scharon die israelische Besiedlung im Gazastreifen aufgegeben. 10.000 israelische Siedler mussten ihre Häuser verlassen. Kurz darauf landete eine der ersten Hamas-Raketen in Netiv HaAsara. Eine junge Frau, die sich gerade verlobt hatte, starb. 2006 gewann die Hamas die Wahlen in Gaza.

Ila Felor hat oft Angst, ihre Kinder zum Milchholen zu schicken. „Dann frage ich mich, gibt es genügend Bunker in der Nähe?“ Ihr vierjähriger Sohn habe oft Alpträume: Er fürchtet, die „Metallvögel“ könnten ihn holen.

Wegziehen möchte Felor trotzdem nicht. „Wo sollte ich hingehen? Wo ist es wirklich sicher?“ Die Hamas-Raketen reichten im jüngsten Krieg bis nach Tel Aviv. Und das Dorf Netiv HaAsara wurde bereits einmal umgesiedelt. Gegründet hatten es 65 Familien 1982 auf dem Sinai. Anlässlich des Friedensschlusses mit Ägypten 1994 hatte Israel alle Siedlungen auf der Halbinsel evakuiert. Netiv HaAsara wurde abgerissen – und nördlich des Gazastreifens neu aufgebaut. „Das ist jetzt unsere Heimat“, sagt Felor.

Die Schule, ein einziger Bunker


In Laufnähe des Spielplatzes gibt es neun Bunker. Die Kinder des Dorfes wachsen zwischen raketensicheren Betonwänden auf.

Sie kennen nichts anderes; selbst ihre Schule ist ein einziges Bollwerk. Im Hof der Shaar-HaNegev-Mittelschule gibt es immer zahlreiche Unterstände, so groß wie Buswartehäuschen. In den Klassenzimmern fehlen die Fenster.

„Mit der Schule, dem College und den Internatswohnungen kommen wir hier auf 10.000 Studenten“, erzählt Aharale Rothstein, der Direktor. „Deswegen sind wir natürlich ein Ziel.“ Einmal wurde ein Lehrer in seinem Auto getötet, er stand gerade auf dem Parkplatz.

Ich schicke Whatsapps nach Deutschland und schildere, was ich hier sehe. Eine Freundin schreibt zurück: „Das ist furchtbar. Aber die Kinder von Gaza hatten keine Bunker.“ Das stimmt. Ich würde jetzt sehr gerne mit der Gegenseite sprechen.

Während des jüngsten Krieges hatte Israel eine Schule bombardiert, in der Hamas-Waffen gebunkert waren. Eine Schule, an die zuvor Baumaterialien aus Israel geliefert worden waren. In diesem Sommer fotografierte ein amerikanischer Reporter eine Betonwand in einem Hamas-Tunnel: Darauf waren hebräische Schriftzeichen zu sehen.

„Wir haben uns an die Raketen gewöhnt“, sagt die Landwirtin Ila Felor. „Aber mit den Tunneln kommen wir nicht zurecht.“

Das unterirdische System der Hamas an der Grenze zu Israel diente nicht dem Schmuggel oder der Versorgung, sondern dem Angriff. Jeder Schacht war etwa ein Kilometer lang, verlief fast 15 Meter unter der Erde und war teils mit Strom und Belüftung ausgestattet. Über einen solchen Tunnel wurde einst auch der israelische Soldat Gilad Schalit entführt. „Eine U-Bahn unter Gaza“, hatte das ein Oberst der Armee genannt.

Die Bewohner von Erez fürchten sich, dass sich mit der Errichtung der Tunnel die Angriffe der siebziger Jahre wiederholen könnten. Damals töteten palästinensische Freischärler israelische Zivilisten im Norden des Landes. In Maalot stürmten sie eine Schule und nahmen 21 Kinder als Geiseln, die beim Befreiungsversuch alle ums Leben kamen. In Naharija drangen sie in die Wohnungen von Israelis ein.

Genau das habe die Hamas erneut tun wollen. An einem „Tag X“, wie es der Reiseleiter nennt. Es sollte eine Großoffensive werden. Ein Schacht endete 170 Meter vor Netiv HaAsara, seine Länge: etwa ein halber Kilometer.

Den israelischen Sicherheitskräften waren vor dem Krieg nur drei unterirdische Gänge bekannt. Die Hamas hatte alles getan, um den Verlauf der Anlagen geheim zu halten: dazu gehörte auch die Hinrichtung mehrerer Tunnelgräber. Während der Offensive entdeckte das Militär dann 32 Unterbaue – und sprengte sie. Über dem Tunnel vor Netiv HaAsara ist mittlerweile eine Grasnarbe gewachsen.

Ich habe immer wieder gehört und gelesen, wie in Deutschland falsche Annahmen über den Israel-Palästina-Konflikt transportiert werden. Wenn ein Sprecher der palästinensischen Regierung in einem Wissenschaftsmagazin die „Abriegelung des Gazastreifens“ und die „anhaltende Besatzung“ als „Hauptursachen der Gewalt“ bezeichnen darf und dies vom Interviewer nicht weiter hinterfragt wird, dann wird das der Komplexität des Nahostkonfliktes in keiner Weise gerecht. Mitunter bezeichnen deutsche Journalisten die Hamas gar als „Widerstandskämpfer“.

Doch Widerstandskämpfer richten die Waffen nicht gegen die eigenen Leute. Nicht gegen ihre Bauarbeiter, nicht gegen Kollaborateure mit Israel, und nicht gegen unbeteiligte Zivilisten.

Wie letzteres geschah, erzählt mir mein Taxifahrer, breite Schultern, 45 Jahre. Im jüngsten Gaza-Krieg war er Reservist in einer Einheit, deren ausschließliche Aufgabe es gewesen sei, Frauen und Kinder zu retten. Seine Arbeit sei minutiös dokumentiert worden: „Wir trugen die ganze Zeit Helmkameras, und neben unseren Waffengürteln hatten wir die Akkus.“ Er erzählt, dass Hamas-Kämpfer Kinder vor sich hergetragen hätten, während sie auf israelische Soldaten schossen. Delmar sagt, die Rebellen hätten sogar Zivilisten, die in Richtung Israel flohen, erschossen. „Wir haben oft nur noch Leichen bergen können. Die Kugeln hatten die Frauen und Kinder am Hinterkopf getroffen, und nicht von vorn.“ Andere Einheiten warfen Flugblätter über Gaza-Stadt ab, um Einwohner vor einem Bombenangriff zu warnen: Die Hamas habe die Bewohner dort erst recht zusammengezogen.

Der Gaza-Krieg war ein Krieg der Bilder, geführt über die sozialen Medien. Bei Twitter führten die palästinensischen Unterstützer: Der Hashtag #GazaUnderAttack wurde häufiger verwendet und geteilt als #IsraelUnderFire, hat die BBC nachgezählt.

Am Grenzübergang Erez sehen wir das Video einer Überwachungskamera. Darauf sind zwei Palästinenserinnen zu sehen, eine schwanger, die andere mit einem Kinderwagen. Sie laufen durch eine Tür. Plötzlich wackelt das Bild, Putz rieselt von der Decke. Hektisch rennen Soldaten durchs Bild. Ein Raketeneinschlag.

„Nur eine Minute früher, und die beiden Frauen hätten es nicht mehr überlebt“, sagt Shlomo Tzabean, der Kommandierende des Grenzpostens. Während des vergangenen Gaza-Krieges schlugen 200 Raketen auf das Bunkergebäude ein, 50 Panzerglasscheiben wurden dabei zertrümmert.

Tzabean betont, dass täglich bis zu 700 Personen aus dem Gaza-Streifen seinen Grenzposten passieren. „Der Check dauert nicht länger als fünf bis zehn Minuten.“ Die Palästinenser gingen nach Israel, um zu arbeiten, zu handeln oder um sich medizinisch versorgen zu lassen. Shlomo Tzabean sagt, zehn seiner Angestellten seien Palästinenser. Sie verdienten 2000 Dollar im Monat, „das ist eine Menge Geld in Gaza“.

Zwei Tage später steht der Grenzübergang Erez wieder unter Beschuss. Wir sind gerade in Jerusalem, als wir das hören.

„Wir fühlen uns betrogen von Europa“


Die Zeitungen berichten über den blutigen Terroranschlag des Vortages: Zwei Palästinenser stürmten mit Messern und Äxten eine Synagoge in Har Nof, einem ultraorthodoxen Stadtteil in West-Jerusalem. Sie töteten vier Gottesdienstbesucher, darunter drei Rabbiner. Ein drusischer Polizist erliegt am Morgen seinen Verletzungen. In Gaza verteilt die Hamas Süßigkeiten.

In der Altstadt von Jerusalem sind die Sicherheitskräfte alarmiert. Sie laufen in Teams umher, manchmal in Zehnergruppen, ausgestattet mit Schlagstöcken und Tränengaskartuschen. Vor der Al-Aqsa-Moschee sind die Checks besonders streng.

Unser israelischer Reiseleiter Nir Natan verfolgt die Nachrichten fortlaufend am Smartphone. Eine Meldung wühlt ihn besonders auf – es ist die Zeile des US-Senders CNN: „Vier Israelis und zwei Palästinenser starben.“ In einer anderen Überschrift hieß es, der Anschlag sei in einer Moschee, nicht in einer Synagoge erfolgt. Natan sagt, das werde in Israel wie böswilliger westlicher Zynismus aufgefasst. Er liest aus einem israelischen Blogeintrag vor: „Das ist, als würde eine Zeitung nach dem 11. September schreiben: ‚3000 Amerikaner und 19 Araber sterben‘.“

Die Menschen in Israel haben kaum noch Verständnis dafür, wie westliche Politiker, Medien und Bürger über Israel urteilen. „Anstatt anzuerkennen, dass wir in so einem schwierigen Ort überleben, kritisiert die EU uns, die einzige westliche Demokratie hier“, sagt der israelische Geheimdienstminister Yuval Steinitz. „Das ist unmoralisch, heuchlerisch. Wir fühlen uns betrogen von Europa.“

Die Regierungsvertreter, mit denen wir sprechen können, sind sich einig: Europas Reaktionen erklären sich auch mit Judenhass. Der israelisch-amerikanische Autor Tuvia Tenenbom hat es bei Cicero Online noch drastischer ausgedrückt: Das Engagement für die Palästinenser sei „moderner Antisemitismus der Enkel jener Großväter, die die Juden ins Gas geschickt haben“.

Das mag sicherlich für einige Menschen gelten. Aber ich glaube, der kritische Blick meiner Generation auf Israel hat andere Ursachen.

Einerseits schwindet das Verständnis für Israel, das weder die Grenzübergänge in Gaza weiter öffnen noch bei den Siedlungen im Westjordanland Zugeständnisse machen will. Auf Kritik stößt auch der Rechtskurs von Premierminister Netanjahu. Er lässt die Häuser von Terroristen abreißen, auch wenn dort noch Familienangehörige wohnen. Er will der jüdisch-religiösen Identität des Staates stärkeren Verfassungsrang verleihen. Dafür nimmt Netanjahu sogar einen Bruch der Regierung in Kauf – und Neuwahlen im März. „Israel, der Nationalstaat des jüdischen Volkes“, heißt sein entsprechender Gesetzentwurf. Experten halten den Plan für undemokratisch, viele Araber fühlen sich als Bürger zweiter Klasse.

Nach meiner Rückkehr finde ich mich in einer paradoxen Situation wieder: Trotz all meiner Kritik – ich gerate in die Defensive. Ich verteidige Israel. Meine Generation ist säkular und kosmopolitisch, sie lehnt den Nationenbegriff genauso ab wie das Militär. Und sie liebt die Freiheit.

Es ist kein Wunder, dass viele meine Berliner Freunde skeptisch sind, wenn sie das Wort „Mauer“ irgendwo mit dem Begriff „Schutzwall“ konnotiert sehen. Da haben sie geteilte Gesellschaften vor Augen. Abriegelung, Boykotte, Apartheid. Ich kann das nachvollziehen, gegen das Bauchgefühl kam ich auch nie an. Die Befürworter der Mauer in Ostjerusalem aber argumentieren: Seit der Errichtung habe es keine Selbstmordanschläge mehr gegeben. Wer hier lebt, hat eine andere Perspektive.

Der israelische Botschafter bei den Vereinten Nationen sagte in dieser Woche vor der Vollversammlung: „Es handelt sich um einen Kampf zwischen Menschen, denen das Leben heilig ist, und jenen, die den Tod feiern.“

Vielleicht kann man die Angst nicht erklären, auch nicht verstehen. Man muss sie fühlen. Mein Sitznachbar im Flugzeug sagt mir, er fürchte sich, die Straße entlangzulaufen. „Ich habe das Gefühl, mich ständig umdrehen zu müssen.“

Auf das Haus von Paul Hirschson, Sprecher des Außenministeriums, wurden sieben Selbstmordanschläge verübt. Einmal hingen in einem Baum noch die menschlichen Überreste. Der gebürtige Südafrikaner erzählt uns Journalisten das, während wir in einem Sterne-Hotel Leberpasteten und Fischfilets essen. Hirschson sagt: „Das macht etwas mit einer Gesellschaft.“ Er senkt den Blick.

Hirschson sagt, Israel und die Europäer hätten unterschiedliche Schlussfolgerungen aus dem Zweiten Weltkrieg gezogen. Die Juden hätten erkannt, „dass sie einen Staat, Grenzen und eine Armee brauchen“. Die Europäer hätten ihren Frieden dagegen im supranationalen Projekt gefunden. Ohne Grenzen, mit immer weniger Nation. „Das sind komplett verschiedene Philosophien.“

Ich muss wieder an die Grenzanlagen in Gaza und Syrien denken. Die Rauchwolken gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Wie würde Deutschland sein supranationales Friedensprojekt in einem solchen Umfeld errichten? Darauf habe ich auch keine Antwort.

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