70 Jahre Israel - Die offene Wunde

Israel begeht den 70. Jahrestag seiner Staatsgründung wie ein Volksfest. Aber gleich zum Auftakt zeigen sich die dunklen Seiten der Erfolgsgeschichte. Die Grenzen sind noch immer nicht geklärt, die Bedrohungen bleiben – vor allem aus dem Iran. Ein Bericht aus Tel Aviv

Israelische Flugakrobaten führen am 70. Unabhängigkeitstag des jüdischen Staates eine Flugschau auf. Israel feiert 70 Jahre seit seiner Gründung. Der Staat Israel wurde am 14. Mai 1948 ausgerufen. Israel feiert sein 70. Jubiläum allerdings nach dem hebräischen Kalender, deshalb fiel der Beginn der Feierlichkeiten auf den Abend des 18. April.
Die israelische Botschaft war eindeutig: Wenn es darauf ankommt, schlagen wir zurück / picture alliance

Autoreninfo

Werner Sonne, langjähriger ARD-Korrespondent in Washington, ist der Autor mehrerer Bücher zu diesem Thema, u.a.  „Leben mit der Bombe“, sowie des jüngst erschienenen Romans „Die Rache des Falken“. 

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Der abendliche Himmel über Tel Aviv war angefüllt mit immer neuem bunten Feuerwerk, das stundenlang anhielt. In Jerusalem wurde die größte und teuerste Show in der Geschichte des Landes inszeniert. Auf dem Herzl-Berg wurde die traditionelle Zeremonie des Anzündens einer Flamme durch Vertreter unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen zur Demonstration von Einigkeit und Stärke genutzt. Zum 70. Jahrestag seiner Staatsgründung feierte die israelische Bevölkerung den freien Tag wie ein großes Volksfest. Aber zum Auftakt zeigte sich auch die andere Seite: Am Übergang von der palästinensischen Westbank nach Israel wurde ein Lieferwagen gestoppt, der mit Sprengstoff für ein Attentat beladen war, um an diesem Feiertag ein Blutbad anzurichten.

Premierminister Benjamin Netanjahu, der sich gegen alle Bräuche als Redner in die Feier gedrängt hatte, lieferte eine kraftstrotzende Rede ab und betonte, Israel sei stärker als je zuvor. In nochmal 70 Jahren werde Israel noch siebenmal stärker sein – eine deutliche Warnung an die Feinde des Staates der Juden, dass sich Israel allen Angriffen militärisch widersetzen werde. Das wurde am Strand von Tel Aviv durch eine massive Show der israelischen Luftwaffe unterstrichen. Immer dieselbe Botschaft: Seht her, wir lassen uns nicht unterkriegen, und wenn es darauf ankommt, sind wir bereit, zurückzuschlagen.

Staatsgrenze bleibt ungeklärt

Sieben Jahrzehnte seit seiner Gründung ist das militärisch offensichtlich, nicht zuletzt durch Israels Atomwaffen. Wirtschaftlich ist der Staat mit nur 8 Millionen Einwohnern spätestens seit der gerade erst begonnenen Ausbeutung der Gasfelder vor seiner Küste ein wichtiger Faktor im Mittleren Osten, dazu ein führender Champion auf dem Weltmarkt in der Wissenschaft und vor allem im Cyberbereich.

Dennoch ist Israel auch an diesem Feiertag weit davon entfernt, ein Staat wie jeder andere zu sein. Noch immer ist die Frage seiner endgültigen Grenzen und damit seiner Staatsform eine offene Wunde. Noch immer wirkt nach, dass sich seit 1948 zwei Völker um dasselbe Gebiet streiten, ohne dass eine Lösung in Sicht ist. Es ist klar, dass der arabische Traum, die Juden zurück ins Meer zu treiben, nicht aufgegangen ist. Trotzdem sind beide Seiten nicht bereit, einen Schlussstrich zu ziehen.

Im Gegenteil: An diesem Feiertag ist die von der Weltgemeinschaft geforderte Zwei-Staaten-Lösung so weit entfernt wie lange nicht. Das war schon mal ganz anders. US-Präsident Bill Clinton brachte einen historischen Handschlag zwischen dem damaligen Premierminister Israels Jitzak Rabin und PLO-Chef Jassir Arafat zustande. Jeweils ein Staat für die beide Völker, das schien nun endlich möglich.

Die vergebene Chance

Doch Rabin wurde von einem jüdischen Extremisten ermordet. Arafat brachte es nicht fertig, seinen Landsleuten die notwendigen Konzessionen abzuringen, vor allem den Palästinensern in der Diaspora. Im Kern wäre dies der Verzicht auf ein Rückkehrrecht in die alte Heimat im neuen jüdischen Staat gewesen. Stattdessen zettelte er zweimal eine Intifada an, einen gewalttätigen Aufstand. Beide schlug Israel brutal nieder. Es gab Tausende Tote auf beiden Seiten. Bis heute ist auch sein Nachfolger Mahmud Abbas nicht in der Lage, die notwendigen Zugeständnisse zu machen. Nicht einmal im eigenen Lager kann er Einigkeit erreichen, die Beziehungen zur Hamas in Gaza bleiben trotz aller Beteuerungen ein Desaster. 

Gleichzeitig nutzten die Siedler ihre Chance. In den besetzten Gebieten entstanden über 100 israelische Siedlungen. Das komplizierte politische System in Israel hat dazu geführt, dass die Siedler, sowohl der ultra-orthodoxe wie er nationalistische Flügel, die israelische Bevölkerung im Parlament zur Geisel genommen haben, die viele Jahre mit klarer Mehrheit bereit war, eine Zwei-Staaten-Lösung hinzunehmen. Heute ist die israelische Linke im Tiefschlaf, die Gesellschaft deutlich nach rechts gerückt.

Der unerklärte Krieg gegen den Iran

Außenpolitisch hat Israel es geschafft, in der sunnitischen arabischen Welt neue Freunde zu gewinnen – von Ägypten, Jordanien bis hin zu Saudi-Arabien und den Golfstaaten. Sie verbindet ein gemeinsamer Feind, das Mullah-Regime in Teheran, das Israel als seine Hauptbedrohung ansieht. In der Realität befindet sich Israel mit dem Iran längst in einem unerklärten Krieg. Das Schlachtfeld ist dabei vor allem Syrien. Regelmäßig greift die israelische Luftwaffe dort entweder direkt iranische Ziele oder aber Waffenlieferungen an die libanesische Hisbollah an. Die stellt mit bis zu hunderttausend, vom Iran und Syrien gelieferten Raketen inzwischen eine massive Bedrohung dar. Dabei ist klar: Jerusalem will sich aus dem eigentlichen Bürgerkrieg mit Syrien heraushalten, auch mit Russland gelten strikte wechselseitige Regeln, sich militärisch nicht in die Quere zu kommen.

Dennoch bleibt das Risiko für eine Eskalation mit dem Iran gefährlich und die Hisbollah der Hebel, den Teheran einsetzen könnte, um den Druck zu erhöhen. Israel versucht deshalb seinerseits weiter Druck auf die Trump-Regierung in den USA auszuüben, damit sie den Atomdeal mit dem Iran kippt. US-Präsident Donald Trump muss im Mai Farbe bekennen, ob er diesen umstrittenen Schritt wirklich gehen will.

Benjamin Netanjahu lässt hier nicht locker. Allerdings glauben viele in Israel, dass er dazu nicht mehr lange Gelegenheit haben wird. Wegen schwerer Korruptionsvorwürfe ermittelt die israelische Justiz seit langem. Spätestens im Herbst, so meinen viele seiner Gegner, wird er zum Rückzug gezwungen werden. Am 70. Jahrestag seiner Gründung ist zwar eindeutig, dass der Staat der Juden nicht mehr von der Landkarte verschwinden wird. Wie so oft in seiner wechselvollen Geschichte bleiben jedoch viele Fragezeichen. 
 

Leo Suchgarewicz | Do, 19. April 2018 - 18:08

Ein selten oberflächlicher Artikel für den Cicero. Beispiele: "..nicht zuletzt durch Israels Atomwaffen."Unsinn. In allen Kriegen siegte Israel militärisch konventionell. Oder:
"Regelmäßig greift die israelische Luftwaffe dort entweder direkt .." Die Formulierung insinuiert ein Beschäftigungsdefizit. Oder: "Der unerklärte Krieg gegen den Iran" . Herrn Sonne sind die dutzendfachen Vernichtungsdrohungen der Ayatollahs entgangen.

Lesen Sie mal von Shlomo Sand "Die Erfindung des jüdischen Volkes".
Bibelgeschichten - schön und gut, die passen auch am besten. Aber die Geschichte läßt sich auch an anderen Begebenheiten deuten.

Silas Loy | Do, 19. April 2018 - 21:49

Jordanien und Israel. Wer als Palästinenser nicht in Israel leben will, der geht nach Jordanien. Wer das aber will, muss es dürfen. Das Anliegen der Juden in ihrem gelobten Land wieder einen eigenen Staat haben zu wollen ist gerecht und legitim und sollte auch von den Palästinensern respektiert werden können. Das dürfte ja so schwer auch nicht sein, denn vor der Gründung Israels war das Gebiet Jahrhunderte lang lediglich eine abhängige Provinz, eine eigenen Staat gab es dort nicht mehr. Die Palästinenser wollen etwas, was sie nie hatten und was es mit Jordanien schon gibt.

Sie bringen es auf den Punkt. Die Palästinenser wollen eine maximal Lösung, d.h. eine Rückkehr ohne Konzessionen. Gibt es Flüchtlinge im 20. Jahrhundert die nun während 70 Jahren nicht einen neuen Ort gefunden haben um zu leben? Israel hat jetzt 8 Millionen Einwohner, auch viele Juden aus arabischen Ländern die als Flüchtlinge nach Israel gekommen sind und all den Juden die nach dem Holocaust niemand wollte. Man sollte doch meinen, dass die vielen arabischen Länder auch genügend Ressourcen gehabt hätten, um die damals 700000 Palästinenser aufzunehmen. Das zeigt doch, dass es seine Frage des Wollens ist, und nicht das Könnens. Man will keinen Frieden, keine Lösung damit man ewig den Opferstatus hat und Israel permanent anklagen und bedrohen kann. Die Palästinenser sind auch die Betrogenen ihrer eigenen Vertreter, die sie auf diese Art und Weise leztendlich missbrauchen.

Rudolf Bosse | Fr, 20. April 2018 - 16:48

In reply to by Margrit Morf

Frau Morf Sie verwechseln mit dem Opferstatus die Seiten. Israel handhabt ihn viel souveräner und nachhaltiger.

Dieter Erkelenz | Fr, 20. April 2018 - 06:24

Ein Artikel, fast wie jeder andere hier in Deutschland. Das Land wird grundsätzlich (wenn auch zwischen den Zeilen versteckt) als Aggressor dargestellt.
Ich kann den Schreibern nur empfehlen einmal gründlich in die vieltausendjährige Geschichte des
Nahen Ostens einzudringen. Dann wird sich die sogenannte Zweistaatentheorie verflüchtigen und entsprechende "Wolkenkuckucksheime" beider Seiten und die der "Experten" abbauen.

Wolfram Fischer | Fr, 20. April 2018 - 06:34

"... daß sich zwei Völker um dasselbe Gebiet streiten" bedarf einer Anmerkung: Aus dem früheren "britischen Mandatsgebiet Palästina" sollten 1948 lt. der UNO-Resolution lediglich ca. 1/4 das Staatsgebiet Israels werden. Der arabischen waren 3/4 des Mandatsgebietes Palästina zugesprochen! Der größte Teil davon ist das heutige heute Jordanien, in dem bis heute die größere Zahl von "Palästinensern" lebt... unter unwürdigen Bedingungen, und bis heute als politische Waffe missbraucht... die arabische Welt hat sich den Interessen der sog. Palästinenser bislang konsequent verweigert!
Und die arabische (palästinensische) Seite will sich bis heute nicht mit den ihr zugesprochenen 3/4 Palästinas zufrieden geben! Nein, es müssen partout 100% sein, was bekanntlich die nach wie vor erklärte Vernichtung Israels als des weitaus kleineren Teils des früheren Palästinas sein würde! Diese maßlose und unverschämte Haltung der arabischen Seite ist der eigentlich Kern des Problems in dieser der Region!

Michael Sander | Fr, 20. April 2018 - 09:59

Wow - ein fast richtig ausgeglichener Artikel von Werner Sonne zum Thema Israel! Bleiben Sie dabei, Herr Sonne!
Ein paar winzige Korrekturen dennoch:
1. Es war Arafat allein, der das Camp David Abkommen zum Scheitern brachte. Israel hätte das Abkommen eingehalten - trotz der Ermordung von Rabin.
2. Es sind wohl eher die Palästinenser, die nicht bereit sind einen Schlussstrich zu ziehen, wie der Lastwagen mit Sprengstoff hinreichend beweist.
Nach Camp David gab es ja noch das Olmert Angebot, welches ebenfalls ausgeschlagen wurde. Die Abspaltung der Hamas hat dann m.E. das Ende des zwei StaatenTraums endgültig besiegelt. Mit Hilfe der Siedlungspolitik ist Israel mittlerweile längst dabei, im Westjordanland Fakten zu schaffen. Meiner Meinung nach, wird man das Land früher oder später annektieren und das wäre sicherlich nicht die schlechteste Lösung für die dort lebenden Araber.

Gerhard Hellriegel | Fr, 20. April 2018 - 13:05

Was leicht vergessen wird, ist, dass die Einrichtung eines britischen "Mandatsgebietes" ein kolonialer Akt des Völkerbundes war. Natürlich konnten die Palästinenser unter diesen Bedingungen keinen Staat mit eigener Hoheit und Territorium gründen.
Auch die UN war da nicht besser. Wie kommt sie dazu, das Land zu teilen? Was würden Sie dazu sagen, wenn unser Land geteilt würde, weil die Araber die Juden umgebracht haben? Über den Unsinn, aus einem Siedlungsgebiet vor 2000 Jahren Rechte ableiten zu wollen, müssen wir nicht reden. Wäre die UN nicht selbst kolonial, dann hätte sie zumindest einen religiös neutralen Staat für alle eingefordert. Aber es gab da Schützlinge erster und zweiter Klasse. Womit die Weichen für alles Weitere gestellt waren.

Rudolf Bosse | Fr, 20. April 2018 - 17:08

Herr Sonne hat vergessen, zu sagen, welche Bevölkerungsgruppen dabei waren. Ein demokratischer Staat legt Wert darauf, alle Bewohner seines Staates bei Festen dabei zu haben. Aber ob man das von jüdischer Seite will, möchte ich bezweifeln. Jüdisch und demokratisch, ob das geht, darüber gehen die Meinungen bekannter großer Journalisten auseinander.

Helga Raun | Fr, 20. April 2018 - 18:16

warne ich vor Bomben an Syrien (Putin schlägt zurück) und auf Iran, weil dann schaltet sich auch China in diesen Wahnsinn hinein. China ist schon Syriens größter Investor mit über 3 Mrd. bis jetzt
und er will kein Cent verlieren, das steht fest! Wer Krieg will, wird durch Krieg sterben, so müßte richtig heißen...

Johannes Holmer | Fr, 20. April 2018 - 22:52

"Trotzdem sind beide Seiten nicht bereit, einen Schlussstrich zu ziehen." - Welcher Art Schlussstrich erwartet Herr Sonne eigentlich vom Staat Israel?? Ich bin sicher, dass die Israelis, was sie in der Geschichte hinlänglich bewiesen haben (Camp David, Oslo u.a.), sehr gern bereit wären, einen Schlussstrich zu ziehen. Wie der Schlussstrich der Araber/Palästinenser/Iraner aussehen würde, hat Herr Sonne beschrieben: Ab ins Meer. Es ist leicht - und das wird leider immer wieder getan - beide Seiten stets gleichzusetzen. Hier aber muss es erläutert werden. Israel war schon 1948 bereit, unter den Teilungsplan der UNO seinen Schlussstrich zu setzen. Das Ergebnis war ein Krieg von 200 Mio Arabern gegen 2 Mio Israelis. Und:
"Die Bedrohungen bleiben – vor allem aus dem Iran." - Was sollte Israel tun, wenn die Bedrohungen bleiben? Nicht mehr feiern? Das zeichnet dieses Volk m.E. aus, dass es in all dem "Trouble" die Freude am Leben zelebriert - wie einst im Warschauer Ghetto...

Ruth müller | Sa, 21. April 2018 - 11:52

1. Jordanien ist der neue paläsinensische Staat.
2. Aufnahme Israels in die NATO.
3. Alimentierung des arabischen Terrors beenden.
4. ...

In ein paar Jahren wäre Ruhe ...