Islamischer Staat - „Daesh ist der Mülleimer unserer Gegenwart“

Nicolas Hénin war zehn Monate Geisel des „Islamischen Staates“ in Syrien. Mehrere seiner Mitgefangenen wurden enthauptet. Heute spricht Hénin über die Entstehung der Terrormiliz und die Fehler des Westens

Nicolas Hénin nach seiner Befreiung vom Islamischen Staat
Nicolas Hénin am 20. April 2014 mit seinen beiden Kindern auf dem Militärflughafen Villacoublay, kurz nach seiner Befreiung. dpa/picture alliance

Autoreninfo

Winnie Bennedsen ist freie Journalistin. Sie hat Romanistik, Komparatistik und Journalistik in Leipzig studiert.

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Winnie Bennedsen

Nicolas Hénin, geboren 1975, studierte Geschichte und Geografie in Paris. 1999 erhielt er sein Diplom als Journalist. Als Nahostkorrepondent für verschiedene französische Medien berichtete er seit 2003 über den Krieg im Irak, aus dem Jemen und dem Sudan. Er spricht fließend Arabisch und kennt Syrien, seitdem er als 18-Jähriger erstmals – als Illegaler– über die türkische Grenze in das Land reiste. Im Gespräch ist Hénin entspannt und konzentriert. Der feingliedrige Mann mit der leisen Stimme ist zufrieden, denn er weiß, er hat viel Glück gehabt. Am 22. Juni 2013 wurde er in Rakka festgenommen. Mit 14 weiteren Gefangenen hielten ihn die Islamisten in einer unterirdischen Zelle fest. 

Herr Hénin, sprechen Sie über Ihre Geiselhaft?
Nein.

Nicolas Hénin hat ein Prinzip: Über seine Haft und die Folter gibt er keine weiteren Details mehr preis. Ob für seine Freilassung Lösegeld geflossen ist, auch darüber spricht er nicht.

Sie kennen Syrien seit vielen Jahren. Sie haben als freier Journalist aus dem Nahen Osten berichtet. Was war das für ein Land, vor Ihrer Geiselhaft?
Ein sehr schönes. Syrien ist – wie viele andere Länder der Region: Jemen, Iran oder Libyen – ein wunderschönes Land, mit unglaublich vielen gastfreundlichen und sehr großzügigen Menschen, aber mit einem Drecksregime.

Nicolas Hénin will den IS bekämpfen, indem er über Syrien spricht. Nach der Tötung seines Mitgefangenen James Foley sagte er gegenüber Euronews: „Ich finde es ungeheuerlich, dass die Welt auf einmal Syrien und den Dschihad wiederentdeckt hat. James Foley wurde ermordert, aber bevor er starb, wurden bereits mehr als 200.000 Menschen im Syrienkonflikt und mehr als 150.000 im Irak umgebracht. Wir müssen das ins Verhältnis setzen. Unsere Leben wiegen nicht mehr als ihre.“  

Meinen Sie mit „Drecksregime“ Assad?
Assad für Syrien, ja. Wir haben aber im Nahen Osten eine ganze Reihe von Tyrannen, die politische Legitimation durch Gewalt ersetzen. Deshalb habe ich erst vor kurzem entschieden, nicht mehr von „Staaten“ zu sprechen, wenn es um die Länder im Nahen Osten geht. Ich halte den Begriff „Staat“ nicht mehr für angemessen. Ich ziehe es vor, von „Regimen“ zu sprechen. Das sind Clans, die sich der Geheimdienste, der wirtschaftlichen Ressourcen bemächtigen und die die Machtzentren besetzen, um auf irgendeine Weise ein Land zu führen. Der Punkt aber ist, dass wir in einer post-westfälischen Welt leben: Wir brauchen den Anschein von Staaten und bei den Vereinten Nationen in New York muss jemand den Sitz von Libyen, Syrien, Algerien und Ägypten besetzen. Das sind aber keine Staaten, das sind Regime. Die Mehrheit der Syrer befindet sich in Geiselhaft.

 

Woher kommen die Anhänger des IS?
Selbst unter denen aus dem Westen sind die Europäer in der Minderheit. Die meisten kommen aus Tunesien und Saudi-Arabien und dem Irak und Syrien.

Was suchen die Europäer beim IS?
Da ist vor allem viel aufgestaute Wut. Daesh ist der beste populistische Rückzugsort für frustrierte Leute, die dem System eine reinhauen wollen.

Wenn es um die Terrormiliz „Islamischer Staat“ geht, verwendet Nicolas Hénin den im Arabischen negativ besetzten Begriff „Daesh. Er wählt seine Worte mit Bedacht.

Warum hat der IS im Irak und in Syrien so viel Zulauf?
Wir werden bald Zehntausende – Syrer und Iraker – haben, die gewissermaßen in die Hände von Daesh getrieben werden: Sie lassen sich von ihrer eigenen Regierung abschlachten, werden von den Sicherheitskräften im eigenen Land besetzt und es gibt keine aktive politische Gruppe, die sie vertritt.

Wer könnte die Situation in Syrien lösen?
Die Lösung wäre, die lokalen Gemeinden einzubeziehen, und keine schiitische oder kurdische Miliz, die die arabisch-sunnitischen Gebiete besetzt. Man muss die arabisch-sunnitische Bevölkerung in einen politischen Prozess einbeziehen, genau genommen in zwei: einen in Syrien und einen im Irak. Militär, Krieg, selbst Terrorismus, sind Formen von Politik, nur mit anderen Mitteln. Das vom Terrorismus angestrebte Ziel ist es, Druck auszuüben, um die politischen Kräfteverhältnisse zu ändern.

Premierminister Manuel Valls reagierte darauf und sagte nach dem Attentat in Paris im November: „Wir sind im Krieg“.
Das zu sagen ist ein riesiges Problem. Befindet man sich erst einmal im Kriegszustand, kann man den Feind nicht mehr dafür verdammen, dass er einen angreift. Denn das ist im Krieg völlig normal. Im November hat der Feind die Zivilbevölkerung angegriffen, es handelt sich also um ein Kriegsverbrechen. Das Problem aber ist nicht nur das. Indem man sich auf einen Krieg einlässt, verliert man seine moralische Stärke, wenn es um die Verurteilung des Attentats geht. Man muss dann sowohl das Attentat als auch den Terror allgemein als Kriegsverbrechen akzeptieren. Denn es handelt sich ja um unseren Feind, der die Zivilbevölkerung angreift – im Rahmen eines erklärten und anerkannten Krieges. Das kommt einer Anerkennung des Feindes gleich.

Um durchzuhalten, erfanden die Gefangenen ein Spiel, jeder bekam einen Tiernamen, Hénin war der Igel. Denn der Igel kehrt immer wieder nach Hause zurück. Seine Haft hat Nicolas Hénin in einem Kinderbuch verarbeitet. Seine Mitgefangenen James Foley, Steven Sotloff, David Haynes und Alan Henning überlebten die Geiselnahme nicht.

Was haben Sie während ihrer Haft über die Ideologie des IS gelernt? Der französische Politologe Olivier Roy spricht vom Nihilismus einer ganzen Generation. Roy schreibt, die Dschihadisten aus Frankreich suchen nach einem Label, das ihrer persönlichen Empörung Ausdruck verleiht.
Man sollte diesen nihilistischen Aspekt nicht überbewerten. Ich denke, es ist ein Fehler, dem zu viel Aufmerksamkeit beizumessen. Gleichzeitig ist das der Slogan der Dschihadisten: „Wir lieben den Tod so sehr wie ihr das Leben.“ Das ist ein Satz, den nutzen die ständig, um zu rekrutieren. Die Dschihadisten haben das Selbstmordattentat aber nicht erfunden. Das gibt es bei den „Tigern“ – Tamilen auf Sri Lanka, die nicht religiös motiviert sind – und bei kurdischen Terroristen, die eine laizistische und nationalistische Gruppe sind. Das Prinzip, sein Leben einem höheren Ziel zu opfern, gehört zur Grundausstattung jedes Soldaten. Der erklärt: Ich bin bereit, das höchste Opfer zu erbringen. Daesh hat nichts Großes erfunden. Das ist eine Gruppe, die mit Gewalt Politik macht. Ich glaube, man sollte Daesh wirklich banalisieren.

Sollten wir den IS lächerlich machen?
Nein, man muss den Terroristen reduzieren, ihn entschlüsseln, ihn entblößen. Er wird versuchen, uns Angst zu machen. Er wird versuchen, sich göttlich, übernatürlich zu geben, und um sich herum eine Legende kreieren. Man sollte ihn wissenschaftlich betrachten; mit historischen und geopolitischen Referenzen: Woher kommt er? Was nährt seine Geschichte? Wodurch hat er seine bisherigen Erfolge erzielt? Es nützt gar nichts, sich über seinen Feind lustig zu machen. Wenn man sagt, „Daesh ist teuflisch und böse“, dann ist man am Nullpunkt der strategischen Kommunikation angekommen.

Warum haben wir dennoch so viel Angst vor dem IS?
Weil wir Terrorismus nicht mehr gewohnt sind. Wir kennen weder Krieg noch Terrorismus.

Sie kennen den IS, was haben Sie über Ihre Geiselnehmer erfahren?
Meine Geiselhaft war ein Racheakt zwischen Akteuren aus dem Westen. Syrien war nur Dekor. Wir waren westliche Gefangene von westlichen Geiselnehmern.

Kann so eine Figur wie Mehdi Nemmouche, der einer Ihrer Geiselnehmer war, stellvertretend sein für die Terrororganisation?
Nicht besonders, denn Nemmouche hat das gemacht, um ins Fernsehen zu kommen. Er tötete, um ins Fernsehen zu kommen. Er wollte ein Schicksal haben. Er ist nur insofern repräsentativ, weil das alles „Männer ohne Geschichte“ sind, die Aufmerksamkeit erregen wollen.

Nemmouche war – während der Geiselhaft von Nicolas Hénin – einer seiner Folterer. Einen Monat nach Hénins Freilassung, am 24. Mai 2014, war Nemmouche vermutlich beteiligt am Attentat auf das Jüdische Museum in Brüssel, bei dem vier Menschen erschossen wurden.

Inwiefern haben sie keine Geschichte?
Es ist die Gesellschaft, die ihnen weismacht: Wenn du ein Popstar werden willst, schick uns eine SMS und du wirst glücklich. Es ist die Gesellschaft, die dir einredet, wenn du ein völlig abgefahrenes Ding machst, wirst du auf YouTube erscheinen, dann wirst du ins Fernsehen kommen und dann hast du es geschafft. Es ist die Gesellschaft, die das Verbrechen hervorbringt, wenn man so will. Früher musste man lange studieren oder als Künstler ein außergewöhnliches Talent haben, um Anerkennung zu finden. Heute genügt es, den größten Schwachsinn zu verzapfen, das an die Wand zu malen und man wird über dich reden.

Was kann der Staat dagegen tun? Die Kluft zwischen Arm und Reich und der alltägliche Rassismus sind ja schon als mögliche Ursachen ausgemacht worden.
Soziale Spaltung und Rassismus reichen nicht aus als Erklärungsmodell. Man hat den französischen Laizismus sehr dafür kritisiert, diese Radikalisierung hervorzurufen. Was die Religiösen sehr frustriert: Der Laizismus in Frankeich hindert sie fast daran, ihren Glauben zu leben. Großbritannien, mit seinem liberal-kommunitaristischen System, hat aber genauso viele Dschihadisten wie Frankreich. Daesh ist der Mülleimer unserer Gegenwart, Daesh sammelt den Dreck unserer Welt. Leider produziert unsere Welt gerade viel davon: in unserer Gesellschaft und durch internationale Beziehungen.

Herr Hénin, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Winnie Bennedsen.

Nicolas Hénin_Der IS und die Fehler des Westens

Nicolas Hénin: Der IS und die Fehler des Westens. Orell Füssli, Zürich, 2016. Die französische Originalausgabe erschien unter dem Titel: Jihad Academy. Nos erreurs face à l'Etat Islamique bei Fayard.

 

 

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