Nato-Generalsekretär Mark Rutte und US-Präsident Donald Trump
Nato-Generalsekretär Mark Rutte und US-Präsident Donald Trump im Januar dieses Jahres beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos / picture alliance / Reuters / Jonathan Ernst

Westliches Verteidigungsbündnis - Ist die Nato jetzt am Ende?

Durch Amerikas Krieg gegen den Iran wird die Existenz der Nato mehr denn je in Frage gestellt. Donald Trump wirft seinen Bündnispartnern vor, die USA im Stich zu lassen. Dafür haben die Europäer zwar gute Gründe. Doch das ist nicht entscheidend.

Autoreninfo

George Friedman, Jahrgang 1949, ist einer der bekanntesten geopolitischen Analysten der Vereinigten Staaten. Er leitet die von ihm gegründete Denkfabrik   Geopolitical Futures  und ist Autor zahlreicher Bücher. Zuletzt erschien „Der Sturm vor der Ruhe: Amerikas Spaltung, die heraufziehende Krise und der folgende Triumph“ im Plassen-Verlag.

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Die Krise der Nato wurde durch den Zusammenbruch der Sowjetunion ausgelöst. Das Bündnis war gegründet worden, um die im Zweiten Weltkrieg von den angloamerikanischen Streitkräften besetzten Regionen Europas vor der Sowjetunion zu schützen, die den östlichen Teil des Kontinents besetzt hatte. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und damit des Kommunismus geriet die Nato unter starken Druck: Welche Rolle sollte die Nato als eine Kraft, die dazu bestimmt war, Russland und dem Kommunismus entgegenzutreten, noch spielen, wenn die Sowjets und der Kommunismus verschwunden waren und Russland somit nicht mehr die Bedrohung darstellte, die es einst gewesen war? Die Nato bestand jedoch weiter, und amerikanische Streitkräfte waren nach wie vor in Europa stationiert. Die Wahrheit über Institutionen ist, dass sie, selbst wenn die Gründe für ihre Gründung hinfällig geworden sind, weiterbestehen, als ob ihr Gründungszweck noch immer gültig wäre. So hat die Nato bis heute überlebt.

Russland hat die Grenzen seiner Macht aufgezeigt

Die russische Invasion in der Ukraine im Jahr 2022 rechtfertigte zwar in gewisser Weise die Existenz der Nato, doch blieb das Bündnis grundlegend geschwächt. Die Amerikaner hatten die Sowjetunion als existenzielle Bedrohung angesehen. Unter der Trump-Regierung wie auch unter der Biden-Regierung sehen beziehungsweise sahen sie Russland nicht mehr in solch extremen Kontexten. Dies gilt umso mehr, als die Russen in den vergangenen vier Jahren die Grenzen ihrer militärischen Macht aufgezeigt haben. Die Europäer, die Russland offensichtlich näher stehen, leben mit einer viel größeren Furcht vor Russland als die Amerikaner.

Weder Präsident Joe Biden noch Präsident Donald Trump reagierten auf die russische Invasion in der Ukraine so, wie die USA auf eine sowjetische Invasion reagiert hätten. Auch die Europäer taten dies übrigens nicht.

Aus amerikanischer Sicht war der russische Angriff nicht gerechtfertigt, aber andererseits war er weit entfernt von der existenziellen Bedrohung, die die Sowjetunion dargestellt hatte. Die Strategien von Biden und Trump waren im Wesentlichen dieselben: der Ukraine Satellitenaufklärung und Waffen zur Verfügung stellen, aber keine US-Truppen in den Kampf schicken.

Gleichzeitig verfolgten Biden und Trump grundlegend unterschiedliche geopolitische Konzepte. Biden hielt an der Strategie der USA seit dem Zweiten Weltkrieg fest, sich in der östlichen Hemisphäre zu engagieren, und nahm dabei das Risiko in Kauf, dort in Kriege hineingezogen zu werden. Trump vertrat eine radikal andere geopolitische Sichtweise, die auf der Überzeugung beruhte, dass die alte Strategie ausgedient habe und inzwischen sogar verstärkt Probleme verursache. Da die Sowjetunion nicht mehr existiert und Russlands militärisches Auftreten in der Ukraine gezeigt hat, dass es keine Bedrohung für die Vereinigten Staaten darstellt, lautete seine in seinen Wahlkampagnen und in der Nationalen Sicherheitsstrategie zum Ausdruck gebrachte Ansicht, man möge sich aus der östlichen Hemisphäre zurückzuziehen. Die Gefahr, dort in Kriege hineingezogen zu werden, würde dadurch erheblich verringert.

Schwieriger Rückzug aus der östlichen Hemisphäre

Der Krieg im Iran zeigt jedoch, wie schwierig es ist, sich aus der östlichen Hemisphäre zurückzuziehen. Trumps Forderung an den Iran, sein Atomprogramm zu beenden, sollte verhindern, dass ein Iran entsteht, der in der Lage sein könnte, eine nukleare Bedrohung für die Vereinigten Staaten darzustellen. Da er dieses Ziel nicht erreicht hat, begann er einen Krieg gegen den Iran, der faktisch noch immer andauert. Dies geschah zur gleichen Zeit, als er sich weigerte, direkt in der Ukraine zu intervenieren – gemäß einer veröffentlichten Strategie, sich auf die westliche Hemisphäre zu konzentrieren und sich nicht in Konflikte in der östlichen Hemisphäre einzumischen. Ereignisse untergraben häufig die strategischen Absichten von Staats- und Regierungschefs.

Die amerikanische Sichtweise auf die Nato war, dass die europäischen Staaten die Last der Allianzmission, nämlich die Verteidigung Europas gegen Russland, nicht mittrugen. Viele US-Präsidenten vor Trump forderten die europäischen Staaten auf, ihre Verteidigungsausgaben zu erhöhen – eine Strategie, die nicht auf tagespolitischer Basis beruhte, sondern seit langem im Entstehen war. Trumps Argument lautete, dass man nicht mehr im Jahr 1949, dem Gründungsjahr der Nato, wäre und Europa nun in der Lage sei, die Last der eigenen Verteidigung zu tragen, anstatt sich auf die Vereinigten Staaten zu verlassen. Viele Europäer fühlten sich betrogen und zogen das alte Modell verständlicherweise vor. Dies führte natürlich zu einer tiefen Kluft innerhalb des Bündnisses und in den Beziehungen der USA zu Europa.

Der Krieg im Iran hat diese Spaltung noch weiter vertieft. Die Europäer entschieden sich nicht nur dagegen, sich gemeinsam mit den Vereinigten Staaten an dem Krieg zu beteiligen, sondern lehnen den Krieg selbst ab, weigern sich, Truppen dorthin zu entsenden, und verurteilten ihn offen. Die symbolisch schwerwiegendste Maßnahme war die Weigerung einiger europäischer Länder, US-Militärflugzeugen, die in die Kriegsregion flogen, den Überflug über ihren Luftraum zu gestatten.

Der Iran hat die USA nicht angegriffen

Die europäischen Länder sind souveräne Staaten und haben das Recht, solche Flüge zu untersagen. Es stimmt zwar, dass nach dem Grundsatz der Nato ein Angriff auf einen Mitgliedstaat als Angriff auf alle gilt. Doch der Iran hatte die Vereinigten Staaten nicht angegriffen; vielmehr haben die Vereinigten Staaten den Iran angegriffen, aus Angst vor dessen nuklearer Bewaffnung. Daher verstoßen die europäischen Staaten, die diese Flüge blockieren, nicht gegen die Regeln der Nato. Während die europäische Sichtweise lautet, dass die USA in der Ukraine insgesamt mehr hätten tun sollen, auch wenn die Nato-Vereinbarungen dies nicht vorschrieben, vertritt Trump die Ansicht, dass Europa den Geist der Nato-Solidarität missachtet habe, indem es die relativ unbedeutende Nutzung seines Luftraums verweigerte. Beide Seiten haben die Regeln der Nato eingehalten, aber sie haben nun auch gegen das Grundprinzip des Bündnisses verstoßen: die Einheit der Mitglieder.

Trump steht natürlich auch in den Vereinigten Staaten vor einem grundlegenden politischen Problem, sollte der Krieg im Iran nicht zu einem raschen und erfolgreichen Ende kommen, angesichts seiner nationalen Strategie, endlose Kriege in der östlichen Hemisphäre zu vermeiden. Die europäische Öffentlichkeit scheint mit den Maßnahmen einiger europäischer Regierungen einverstanden zu sein, weshalb diese für ihr Vorgehen weniger innenpolitische Gegenreaktionen zu befürchten haben als Trump bei sich zuhause. Gleichzeitig ist die Entscheidung, US-Flugzeuge auf dem Weg in das Kriegsgebiet aus ihrem Luftraum fernzuhalten, eine radikale, wenn auch nicht unpopuläre Veränderung – nicht in den Regeln des Bündnisses, sondern im Bündnis selbst.

In tödlicher Gefahr

Die Nato hat nun zwei Rückschläge erlitten, einen von den Vereinigten Staaten, den anderen von Europa. Die Innenpolitik der europäischen Staaten und die der Vereinigten Staaten unterscheiden sich zwar, doch gleichzeitig sind wir an einem Punkt angelangt, an dem die Nato selbst als funktionierendes Bündnis zumindest gefährdet ist und möglicherweise ihrem Ende entgegengeht. Die Innenpolitik wird dies zum Teil bestimmen, doch beide Seiten haben erklärt, dass sogar im Falle eines Überlebens dieser Institution das Bündnis selbst und der ihm innewohnende Geist in tödlicher Gefahr schweben.

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Markus Michaelis | Fr., 10. April 2026 - 14:50

Trumps Ziele scheinen nachvollziehbar: er will persönlich gut dastehen und für die USA einen neuen Platz in einer multipolaren Ordnung, mit absoluter Hegemonie in einer verkleinerten Sphäre. Ob das realistisch ist, ist eine andere Frage: Brasilien etwa wird nicht gerne in Washington anfragen, welche Geschäfte es mit China, Russland oder Indien machen darf. Aber es ist mal eine Strategie. Iran liegt etwas quer dazu.

Was ist die Strategie der EU, Irans, auch anderer Länder wie Pakistan, Brasilien etc.? Die Strategie der EU scheint zu sein, mit allen Staaten dieser Welt nett zu reden und gemeinsame Ziele zu verfolgen. Aber was, wenn diese die Dinge anders sehen oder von der EU sagen, dass unklar ist, was die überhaupt will? Irans Strategie scheint zu sein, sich selber und der ganzen Welt zu zeigen, dass man ganz heroisch dem großen Satan USA widerstehen wird. Viele andere Staaten scheint das wenig zu beeindrucken und zu überzeugen, passt auch wenig zur Strategie der USA.

Klaus Funke | Fr., 10. April 2026 - 15:40

Das hat Trump schon früh gesagt. Und es stimmt sogar. Die NATO in ihrer jetzigen Form ist ein untaugliches Bündnis. Zu teuer, zu ineffizient, letztlich sogar veraltet und ohne militärische Wirkung und echte Abschreckung. Die NATO ist in den Neunzigern des letzten Jahrhunderts stehengeblieben. Ihre Generalsekretäre: allesamt Großmäuler ohne Biss, der Posten ist zu einem Versorgungsposten für Ausrangierte geworden. Rütte ist das beste Beispiel dafür. Trump braucht die NATO nicht wirklich. Und gegen Russland hat die NATO ohne die USA sowieso keine Chance. Putin werden die derzeitigen Querelen mächtig freuen. Das ist genau das, was er braucht. Mal sehen, wie und ob es weitergeht.

Die NATO ist ein Abschreckungs- und Verteidigungsbündnis. Was man sonst noch in die NATO hineininterpretiert, ist kenntnisreiche Unkenntnis. Lesetipp: NATO-Webseite (nato.int). Dass der Russe die Ukraine überfallen hat, ist Schlussfolgerung aus dem NATO-Krieg gegen Rest-Jugoslawien 1999. Putin erkannte, dass Kriege nach 1990 geduldet werden müssen und keine Konsequenzen folgen. So begann Putin den Kaukasuskrieg 2008 (Gebietsverluste Georgiens) und 2014 den Ostukraine- und Krimkrieg. 2022 sollte den Ostukrainekrieg beenden - Pech gehabt, die NATO lebt und agiert marginal erfolgreich.

Wer soll damit erschreckt werden? Das war vielleicht mal in Ansätzen richtig, damals in den Neunzigern. Aber heute? Putin hat keine Angst vor der NATO und Xi auch nicht. Und wen gibt es da noch zum Erschrecken? Also - Sprüche, weiter nichts. Schauen Sie sich doch die Hauptakteure an. Die Engländer? Haben die überhaupt noch irgendwas von einstiger Stärke? Und Frankreich? Eine Operettenarmee. Zum Erschrecken von Eingeborenen in Afrika. Ernst zu nehmen sind die Polen. Aber die haben wenig Einfluss. Putin hat doch in der Ukraine nur geübt und nicht wirklich ernst gemacht. Mal ehrlich. Er wollte in der Ukraine möglichst wenig Zivilisten zu Kriegsopfern machen. Und das ist ihm auch gelungen. Zivile Opfer gibt es dort nur wenige, gemessen an den Opfern unter den Militärangehörigen. Wenn der richtig tabula rasa macht wie zum Ende des ii. WK, da bleibt kein Stein auf dem anderen. Und das hat er auch gesagt, dass er im Kriegsfall gegen den Westen anders vorgehen wird als in der Ukraine.

Hans Süßenguth-Großmann | Fr., 10. April 2026 - 18:54

auf jeden Fall deswegen, weil ein damit ein Versorgungsposten verbunden ist. Was würde der Welt fehlen, wenn der Dauerlächler Herr Rutte nur in Holland zu sehen wäre, ein Sonnenschein weniger. Ansonsten war die NATO mit der Auflösung des Warschauer Pakt obsolet. Die Bedrohung durch Russland war eine Legende, die durch die pausenlose Wiederholung, das Klima des Vertrauens, dass die 90er bestimmt hatte, zerstört hat. Dazu ist noch anzumerken, das die UA gar kein Mitglied der NATO ist und wir uns voll verausgaben.

Hans Süßenguth-Großmann | Fr., 10. April 2026 - 18:55

der Fehlerteufel nicht

Thomas Veit | Sa., 11. April 2026 - 09:28

Abschrekubgsbündnis mit Atomst3eitkräften (Abschrekung) muss her - früher oder später sowieso...

Am besten gleich beginnen mit einem Grundgerüst auf der Achse Frankreich-GB-Deurschland-Polen... Wer will kann sich anschließen.

Es gibt langfristig eh keine SICHERE! Alternative dazu, die Abschreckung der alten NATO ist eh dahin... - und im Kern ist das auch gut so, denn nur so werden wir wirklich souverän, Europa. Derzeit leben wir noch in der Nachkriegsordnung des WK II.

aber nur für hiesiges "Publikum", da für so ein Konstrukt wird man weder Polen noch andere ehemalige Ostblockländer gewinnen können, diese Länder vertrauen nur den USA, und am wenigsten vertrauen sie Deutschland.
Ergo, die NATO ist für sie der Garant.
Übrigens, auch der Artikel spricht fälschlicherweise von europäischer Sicht, aber meint eigentlich die deutsche.
Der NATO- Gipfel steht bevor, also warten wir mal ab.