- „Die Menschen haben keine Angst, sie haben Hoffnung“
Drei Iraner berichten, was in ihrem Land wirklich passiert: Freude über Khameneis Tod, Feiern auf den Straßen und eine zaghafte Hoffnung – in dem Wissen, dass es kaum schlimmer werden kann.
Bei den israelisch-amerikanischen Luftangriffen auf Teheran wurde der Amtssitz von Staatsoberhaupt Ayatollah Ali Khamenei vollständig zerstört. Khamenei kam dabei ums Leben. Khamenei stand seit 1989 an der Spitze der Islamischen Republik und war zugleich Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Sein Tod markiert einen historischen Einschnitt für das Land, dessen politische und religiöse Führung nun vor einer ungewissen Zukunft steht.
Die Lage bleibt angespannt und unübersichtlich. Während die Welt über das Zukunft des Landes diskutiert, erleben die Menschen im Iran Unsicherheit, aber auch erstmals seit Jahrzehnten Hoffnung auf einen Wandel.
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„Einige verließen ihre Posten, weil sie ahnten, dass das Regime nicht länger unantastbar ist“
Ich lebe in Deutschland. Als ich hörte, dass Khamenei tot ist, spürte ich etwas, das ich lange nicht gefühlt habe: eine Mischung aus Erleichterung, Unglauben und einem Aufleuchten von Hoffnung. Ich habe darauf gewartet, seit ich weiß, wer ich bin – mein gesamtes Leben lang. In den vergangenen Jahren gab es immer diese Gerüchte: Krebs, Krankheit, ein mögliches Attentat. „Vielleicht ist das auch nur wieder eine Falschmeldung“, dachte ich mir daher. Doch als ich begriff, dass es stimmt, war ich begeistert.
Ich wohne mit anderen Iranern zusammen. Alle fünf Minuten erinnern wir uns gegenseitig daran, dass Khamenei nicht mehr lebt. Als müssten wir es uns immer wieder sagen, um es zu glauben. Es fühlte sich surreal an, als wäre dieser Moment all die Jahre nur ein unerreichbarer Punkt am Horizont gewesen, jetzt plötzlich greifbar.
Ich bin gleichzeitig glücklich und traurig. Widersprüchlich. Aber genau so fühlt es sich an. Wenn ich nachts wachliege, höre ich zwei Stimmen in mir: Die eine will jubeln, weil ein Symbol gefallen ist. Die andere mahnt zur Vorsicht, nicht zu früh zu feiern. Systeme sterben selten an einem Tag. Sie sterben langsam – oder schlagen im letzten Moment noch einmal wild um sich.
Die Internetverbindung im Iran ist schlecht, oft bricht sie ab, manche Orte sind komplett abgeschnitten. Trotzdem konnte ich mit meinem Bruder sprechen und mit einigen Freunden. Viele erfuhren die Nachricht erst spät, weil sie keinen Zugang zum Netz hatten. Und dann, als es endgültig klar war, gingen die Menschen auf die Straßen, feierten, spielten Musik – sie feierten sich selbst und ein Gefühl, das viele Jahre unterdrückt war. Es war surreal, fast unwirklich, weil niemand damit gerechnet hatte, dass ein solches Symbol fallen könnte.
Mein Bruder lebt in Isfahan und war früher politischer Häftling im Evin-Gefängnis, dem berüchtigten Gefängnis für politische Gefangene in Teheran. Als die Gefangenen dort die Nachricht hörten, begann ein stilles Feiern, eine Mischung aus Freude, Unglauben und Erleichterung. Die Wärter selbst spürten Angst. Einige verließen ihre Posten, verunsichert, weil sie ahnten, dass das Regime nicht länger unantastbar ist. Selbst hinter Gittern spürte man die Erschütterung – ein kleines Zeichen dafür, dass selbst das System, das Jahrzehnte Angst verbreitet hatte, ins Wanken gerät.
Die Menschen auf der Straße haben keine Angst, sie haben Hoffnung. Mein Bruder erzählte mir: Als sie draußen feierten, kam später die Polizei, um die Versammlung aufzulösen. Diesmal jedoch schossen sie nicht, sie sagten nur: „Geht nach Hause.“ Eine leise Angst vor dem, was in den nächsten Monaten kommt, hat sie gezügelt. Die Sicherheitskräfte spüren, dass das Regime bröckelt.
Mein Onkel, lange Zeit ein Anhänger Khameneis, war traurig über die Nachricht. Doch er weiß, dass er machtlos ist. Er arbeitet für das Regime – und doch hat er keine Chance mehr, irgendetwas zu ändern.
Meine Familie lebt nicht nur in Teheran und Isfahan, ich habe auch Verwandte in Toronto. Und wie stehen sie zu Trump, Netanjahu, USA oder Israel? Ich weiß nicht, ob ich es sagen soll, aber viele sehen sie als Retter. Sie posten „Thank you“, sie sehen die Luftangriffe nicht als Bedrohung des Landes, sondern als Angriff auf das Regime. Es klingt widersprüchlich: Dein Land wird bombardiert, und trotzdem spürst du nichts als pure Freude. Viele glauben, sie hätten nichts mehr zu verlieren – und dass Wohngebiete, normale Menschen, nicht betroffen sind.
Hier in Deutschland wird über internationales Recht diskutiert. Viele sprechen von Eskalation, von Angriffen auf den Iran durch Israel oder die USA. Und ich denke nur: Vieles, was in den letzten Jahren passiert ist, war das nicht auch gegen internationales Recht? Was ist mit den Momenten, als das Regime 30.000 unschuldige Menschen im Januar 2026 auf den Straßen tötete? Wo war da das Völkerrecht? Diese privilegierte Arroganz nervt mich. Ich habe fast aufgehört, Nicht-Iranern zu erklären, warum wir glücklich sein können, während Bomben fallen. Viele hören nur die Namen Trump, Netanjahu – und glauben sofort, zu wissen, wen sie hassen müssen.
Eine Bekannte von der Uni, halb palästinensisch, halb deutsch, schrieb: „Oh, I’m super sorry.“ Ich antwortete: „Wir sind nicht traurig. Du musst nicht sorry sein.“ Ihr Mitleid fühlte sich wie ein kalter Schleier an. Sie, die nie Furcht gespürt hat, Politik nur als Lifestyle kennt, schickt mir Mitgefühl, während die Peiniger – die Menschen, die Tod, Armut und Leid über unsere Familien gebracht haben – endlich beseitigt werden. Ihre ideologische Blindheit ließ mich nur Verachtung spüren.
Wenn ich mit deutschen Freunden spreche, fällt mir auf, wie schnell Begriffe wie Stabilität und „Ordnung“ benutzt werden, um Angst vor Veränderung zu schüren. Doch für viele im Iran ist Ordnung längst nur ein anderes Wort für Unterdrückung. Die westliche Angst vor „Chaos danach“ klingt wie Luxusangst. Der gegenwärtige Zustand ist für viele bereits ein organisiertes Chaos – ein Staat voller Gewalt.
Was alle Iraner in diesen Tagen verbindet, ist diese berauschende Hoffnung. Hoffnung kann Berge versetzen – sie kann ganze Gesellschaften tragen, sie kann Menschen Flügel verleihen. Aber Hoffnungslosigkeit kann Menschen zerstören, sie kann Herzen aushöhlen und Träume in Staub verwandeln.
Im Iran fühlt es sich oft an, als balancierten wir derzeit zwischen diesen beiden Extremen: Wir haben die Hoffnung vor Augen, sehen ihr Gesicht, spüren ihr Gewicht – und zugleich die Angst, dass dieser Augenblick nur eine flüchtige Illusion ist, die genauso schnell vor unseren Augen zerbricht, wie sie gekommen ist.
Und trotz allem bleibt etwas zutiefst Menschliches: das Bedürfnis der Iraner, verstanden zu werden. Nicht bemitleidet, nicht belehrt – verstanden. Dass Freude über den Tod eines Diktators nicht Kriegslust ist, sondern ein verzweifeltes Aufatmen. Dass Hoffnung auf Druck von außen nicht Zerstörungsliebe ist, sondern der letzte Ausweg, den man sieht.
Elnaz, 25 Jahre, aufgewachsen in Isfahan
„Angst ist nicht länger der einzige Aggregatszustand unseres Landes“
Als ich die Nachricht hörte, dass Ali Khamenei getötet wurde, war da zuerst etwas, das ich lange nicht gespürt hatte: Erleichterung. Kein vorsichtiges Hoffen, kein tastendes Vielleicht – sondern ein kurzer, heller Moment in meinem Kopf. Für mich war er nie nur ein Politiker. Er war das Gesicht der Islamischen Republik, ihr Symbol, ihr Schatten über allem. Und in diesem ersten Augenblick dachte ich: Vielleicht geht jetzt endlich etwas. Vielleicht ist das der Anfang von etwas Gutem.
Doch die Freude blieb nicht ungebrochen.
Denn während ich hier sitze und Nachrichten lese, weiß ich nicht sicher, wie es meinen Eltern geht. Seit zwei oder drei Tagen habe ich keinen direkten Kontakt zu ihnen. Nur über einen Bekannten kam die Nachricht, dass sie bei meinen Großeltern sind, in einer anderen Stadt, etwa hundertfünfzig Kilometer von Teheran entfernt. Diese Information kam wie durch einen engen Flaschenhals – kurz Luft, dann wieder Stille. Seitdem schaue ich ständig auf mein Handy, als könnte ich mit bloßem Warten eine Nachricht erzwingen.
Ich bin in Teheran aufgewachsen. Die Straßen, von denen jetzt berichtet wird, kenne ich. Ich kenne das Licht am Nachmittag, den Staub in der Luft, das Hupen, die Stimmen. Wenn ich also höre, wie hier im Westen sofort gesagt wird, Iran werde jetzt wie Syrien, wie Irak oder Libyen, dann fühlt sich das falsch an. Fahrlässig sogar. Natürlich hatten wir diese Angst auch. Vor zwei Jahren, vor einem Jahr, als es zu diesem zwölftägigen Krieg kam, haben viele von uns schlecht geschlafen. Aber Iran ist nicht einfach ein weiteres Krisenland. Unsere staatliche Tradition reicht Jahrhunderte zurück. Und vor allem: Die Menschen wollen Demokratie. Unsere nationale Identität ist stärker, als viele glauben.
Ich habe Freunde aus Syrien und Afghanistan. Ich weiß, wie tief ethnische Spannungen Länder zerreißen können. Ich sage das vorsichtig, weil ich niemandem Unrecht tun will. Aber im Iran ist es anders. Wir bestehen aus vielen ethnischen Gruppen – und doch ist das Gefühl, Iraner zu sein, größer als die eigene Herkunft. Ich selbst bin Iranerin mit türkischen Wurzeln. Und ich sage es bewusst so schlicht wie möglich: Wir lieben Kurden, wir lieben Aseris, wir lieben Perser, wir lieben Belutschen, wir lieben Luren. Dieses Land ist mehr als seine Unterschiede.
In den letzten Tagen sehe ich, wie Freunde im Iran versuchen, online zu bleiben. Die junge Generation weiß, wie man Sperren umgeht. Manchmal sehe ich eine Story, ein kurzes Video, einen Satz. Und oft ist da – trotz allem – Freude. Eine vorsichtige, ungläubige Freude. Ich habe großen Respekt vor Menschen, die mitten in Unsicherheit sitzen und trotzdem den Mut haben zu schreiben: Vielleicht ist das ein Schritt.
Aber niemand glaubt, dass mit einem Tod alles vorbei ist. Das Regime ist nicht eine Person. Es ersetzt sich, es wächst nach. Manchmal denke ich an Medusa – schlägt man einen Kopf ab, wachsen neue Schlangen. Und doch: Symbole haben Macht. Wenn das wichtigste Symbol fällt, verschiebt sich etwas.
Was mich schmerzt, ist die Reaktion vieler hier in Deutschland. Plötzlich wird über Völkerrecht gesprochen. Über Eskalation. Über Stabilität. Und ich frage mich: Wo wart ihr 2019? Wo wart ihr 2022? Wo wart ihr 2025? Wo wart ihr, als Menschen auf den Straßen erschossen wurden? Eine Freundin erzählte mir damals von Blut auf dem Asphalt in Teheran, von Flecken, die nicht einfach verschwanden. Hat uns das Völkerrecht damals geschützt? Hat es die Kugeln denn aufgehalten? Liebe Linke, wo war eure moralische Dringlichkeit, als wir um unser Leben liefen?
Manchmal habe ich das Gefühl, dass Diktatur für viele hier etwas Abstraktes ist. Ein Begriff aus dem Politikseminar, ein System, das man einordnet, kritisiert, theoretisch durchdenkt – aber nicht etwas, das man im eigenen Körper trägt. Wer nie erlebt hat, dass ein falsches Wort, ein falscher Post, ein falscher Blick Konsequenzen haben kann, der unterschätzt vielleicht, wie schnell Freiheit zerbricht. Und wer in Sicherheit lebt, romantisiert manchmal Kräfte, deren Härte er selbst nie spüren musste.
Ich denke dann oft an die Revolution vor fast fünfzig Jahren. Auch damals gab es viele Linke im Iran, viele Intellektuelle, viele Privilegierte. Menschen, die im Westen studiert hatten, die Demokratie kannten, die Freiheit erlebt hatten – und die dennoch glaubten, mit den Islamisten gemeinsame Sache machen zu können, um eine gerechtere Ordnung zu schaffen. Am Ende haben sie mitgeholfen, ein islamo-faschistisches Regime mit an die Macht zu bringen.
Vielleicht passiert genau das, wenn man Diktatur nur als Theorie kennt. Wenn man sie nicht riecht, nicht hört, nicht in der eigenen Familie erlebt hat. Dann wirken radikale Bewegungen wie Hoffnung – und nicht wie das, was sie im schlimmsten Fall werden können.
Meine Hoffnung ist klar: ein demokratischer Iran. Kein ideologisches Experiment mehr. Keine Islamisierung, keine großen Heilsversprechen, keine revolutionären Träume. Nur ein Staat, in dem alle gleich sind vor dem Gesetz.
Während der „Frau-Leben-Freiheit“-Bewegung war ich lange skeptisch gegenüber Reza Pahlavi. Ich wollte keine Rückkehr zur Monarchie. Aber ich habe ihm zugehört. Seit Jahrzehnten spricht er von Demokratie, von einem Übergang, von freien Wahlen. Viele sehen in ihm heute weniger einen König als eine mögliche Brücke. Einen, der es wirklich gut mit dem Iran und seinen Menschen meint.
Gestern habe ich Bilder gesehen von beschädigten persischen Denkmälern. Und unter den Fotos schrieb jemand: „Wir bauen das alles wieder auf.“ Dieser Satz hat mich unerwartet getroffen. Vielleicht, weil er größer ist als Steine. Er meint auch uns.
Ich weiß nicht, wie lang dieser Weg noch sein wird. Ich weiß nicht, was uns erwartet. Doch zum ersten Mal seit Langem habe ich das Gefühl, dass ein Wandel begonnen hat. Nicht, weil sich alles zum Guten gewendet hätte. Sondern weil Angst nicht länger der einzige Aggregatzustand unseres Landes ist. Neben sie ist etwas Zweites getreten – noch zart, noch unsicher, aber da: Hoffnung. Und diese Hoffnung ist stärker als jede Shahed-Drohne der von uns so verhassten Verbrecher.
Negin, 25 Jahre alt, aufgewachsen in Teheran
„Fast niemand denkt, es könne schlimmer werden als jetzt“
Als ich hörte, dass Khamenei durch israelische und amerikanische Luftschläge getötet worden war, durchfuhr mich ein eigenartiges, intensives Gefühl. Nicht überwältigend, nicht wie in Filmen, sondern seltsam nüchtern und gleichzeitig unglaublich: Einerseits, weil sein Tod seit Monaten wie ein Schatten über uns hing, erwartet, unaufhaltsam. Andererseits, weil alles so schnell und fast zu einfach geschah – im Gegensatz zu Saddam Hussein, der monatelang untertauchte, oder Gaddafi, der fliehen musste. Und doch: In diesem Moment fühlte es sich an wie ein Meilenstein, wie ein erster Riss im Fundament des Regimes.
Der Kontakt zum Iran ist fast abgeschnitten. Die Internetverbindung bricht ständig zusammen. Ich konnte nur mit drei oder vier Freunden und Familienmitgliedern sprechen. Die Stimmung ist ambivalent. Außer in Teheran geht vielerorts das Leben weiter, selbst in Teilen der Hauptstadt. Viele hoffen, verschont zu bleiben, solange sie sich von Regierungsgebäuden, Militäranlagen oder Sicherheitszentren fernhalten. Doch die Angst wächst. Neue Ziele werden getroffen – auch kleine, unerwartete Orte, etwa in West-Teheran. Allmählich sickert durch: Jede Militär- oder Revolutionsgarde-Basis kann das nächste Ziel sein.
In Maschhad hörte ich, dass Menschen sofort auf die Straßen gingen. Sie hupten, blockierten Kreuzungen – wie schon während der Corona-Zeit. Dann fielen Schüsse auf Autos, wieder wurden Menschen getötet – von der Revolutionsgarde oder Sicherheitskräften.
Die meisten teilen inzwischen nicht mehr die Ängste, die im Ausland immer wieder geäußert werden: Bürgerkrieg, Separatismus, das Überleben des Regimes. Wer nicht regimeabhängig ist – egal ob im Inland oder Ausland –, glaubt an ein fundamentales Ende der Islamischen Republik. Fast niemand denkt, es könne schlimmer werden als jetzt.
Denn die Lage ist ohnehin katastrophal: Inflation von 60 bis 70 Prozent, täglich steigende Preise, Wirtschaft lahmgelegt, kaum Transaktionen, Immobilien- und Automarkt stehen still. Viele sagen: „Es kann nicht schlimmer werden.“ Und feiern deshalb, auf eine seltsame Art.
Einen Bürgerkrieg fürchten die Menschen kaum. Die Regimeanhänger und Sicherheitskräfte sind zu wenige, um das Land zu kontrollieren. Wenn ihre Macht weiter bröckelt, könnten die Massen eines Tages auf die Straßen gehen, das Regime die Kontrolle verlieren. Zivilisten sind unbewaffnet – und wollen es auch nicht sein –, doch die Desertion von Regimeangehörigen könnte den Kipppunkt beschleunigen. Sorgen über separatistische Bewegungen, etwa kurdische oder belutschische Gruppen, bestehen zwar, doch viele halten sie für zu klein, um das Land grundlegend zu destabilisieren.
Terroristische oder politische Bewegungen könnten in der Übergangsphase aktiver werden – doch ein Krieg wie in Syrien oder Jemen erscheint vielen unwahrscheinlich. Warnungen vor Bürgerkrieg werden von Reformisten gern als antirevolutionäres Narrativ genutzt: Angst vor Zersplitterung soll Menschen vom Aufbegehren abhalten.
Externe Intervention scheitert nicht zwangsläufig. Deutschland und Japan nach dem Zweiten Weltkrieg zeigen: Wiederaufbau ist möglich. Der Iran aber wird oft mit Irak, Syrien oder Libyen verglichen – ein Vergleich, der die fundamentalen Unterschiede übersieht. Iran ist ein altes Land, tief verwurzelt in Geschichte und nationaler Identität. Libyen, Irak, Syrien sind junge, künstliche Staaten ohne gemeinsame Erinnerung, ohne kollektives Bewusstsein.
Und ein weiterer Unterschied: In Staaten mit schwächerer Identität konnte der politische Islam mobilisieren. Im Iran richtet sich die Rebellion gegen eine Macht, die die Menschen bereits erlebt haben – und die sie ablehnen.
Heute sehen viele eine mögliche Führungspersönlichkeit: den Kronprinzen Reza Pahlavi. Es gibt Netzwerke wie das Iran Prosperity Project, Konferenzen in München mit Hunderten Aktivisten. Solche Strukturen gab es bei der irakischen Opposition nie.
Die Bewegung ist kein spontaner Arabischer Frühling, sondern das Ergebnis eines langen Reifungsprozesses: Proteste 2009, 2018, 2021, 2022 und zuletzt die jüngsten landesweiten Demonstrationen – über ethnische, religiöse und geschlechtsspezifische Grenzen hinweg. Iran ist kein polarisiertes „Fifty-Fifty“-Land wie der Irak.
Zur Desertion: Nach den jüngsten Angriffen gibt es keine neuen Berichte. Doch aus vorherigen Protesten weiß ich: Polizisten in Maschhad wurden müde, verweigerten Einsätze, wurden bedroht, später entlassen. Die Hauptunterdrücker bilden eine kleine, extrem bewaffnete Minderheit – Revolutionsgarde, Geheimdienst, ideologische Freiwillige. Dazu kommen importierte Milizen aus Afghanistan, Irak, teilweise Libanon – etwa die Fatemiyoun-Brigade. Einige Mitglieder fliehen bereits.
Die Stimmung gegenüber Israel, den USA, Trump und Netanjahu überrascht mich. Viele sehen die Angriffe nicht als Kriegserklärung, sondern als Befreiung. Nach Jahren, in denen das Regime Tod, Armut und Unterdrückung gebracht hat, erkennen viele: Dieses Regime kann Alltagsprobleme nicht lösen. Doch die Sorge bleibt, dass Reformisten überleben oder dass Menschen als Schilde benutzt werden. Propaganda erinnert an Hamas-Methoden: Vorfälle inszenieren, um nach außen zivile Opfer zu suggerieren – während im Inland die Wahrheit bekannt ist.
Und trotzdem, mitten in all dem Chaos, gibt es eines, das alle Iraner vereint: Hoffnung.
Ali, 26 Jahre, aufgewachsen in Maschhad
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Nein, Herr Traub, ich traue Ihnen nicht. Die Augenzeugen, die Sie hier zu Wort kommen lassen, sind ganz sicherlich nicht repräsentativ für den ganzen Iran. Ich werde das ungute Gefühl nicht los, dass Sie hier unter dem Mantel von dokumentarischen Berichten politische Tendenzberichterstattung im Sinne westlicher Propaganda betreiben. Nein, wir werden die Wahrheit über den Iran jetzt nicht erfahren. Von Ihnen nicht, von niemandem. Die Akteure Israel und die USA handeln mit nicht uneigennützigen Motiven. Israel, fanatisch, von Kriegslust getrieben und vom Wunsch beseelt, in der Region die dominierende Rolle zu spielen, während die USA vor allem das Öl interessiert. Dass der Iran keine Atomwaffen besitzen dürfen, ist ein vorgeschobener Grund, genauso glaubhaft wie damals das Giftgas im Irak. Die USA sind viel zu denkfaul, um sich etwas Neues auszudenken. Sie sind die US-Marshalls, die das Böse ausrotten sollen - im Grunde eine Cowboygeschichte. Derweil wird die Welt durchgerüttelt.
Mensch, Herr Funke! Sie mit Ihrem Hass, einer regelrechten USA-Phobie! Genauso verachten Sie die Israelis. Haben Ihnen diese irgendetwas angetan? Sorry, aber ich muss es einfach mal sagen: Sie sind im Osten anders sozialisiert worden, als die Menschen im Westen. Ok! Aber muss man nach so vielen Jahren nach der Wende immer noch die „Amis“ so hassen? Und natürlich eher Putin-freundlich sein, um es mal so auszudrücken. Man kann gegen etwas sein. Aber Ihr Hass auf die Amerikaner (und natürlich Trump) ist so gewaltig. Und Ihre Sprache so hasserfüllt. Ich kann das beim besten Willen nicht nachvollziehen. Und dann auch noch „die Amerikaner sind so denkfaul…“ Ich war oft in den Staaten, und habe andere Erfahrungen gemacht. Aber Ihr Hass sitzt so tief, da kann man nichts machen. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum Sie reklamieren, dass Kommentare von Ihnen nicht erscheinen. Denken Sie mal nach!
Also bei allem Respekt. Hass kann ich im Kommentar von Herrn Funke wirklich nicht erkennen. Und sie liebe Frau Hachenberg reagieren wie ein grün-linker Fanatiker und Ideologe und setzen Amerikakritik sofort mit Putinfreundlichkeit gleich! Typisch auch der persönliche Angriff statt zum Thema zu antworten.
Bezüglich des Artikels bin ich auch bei Herrn Funke und halte die Aussagen nicht für representativ. Es klingt für mich auch eher nach westlicher Propaganda!
Exil- Iraner die sich freuen ?
Nun, wenn ich im sicherem Exil bin mir durch Meinungsäußerung keine Gefahr droht, kann ich gut lachen. Bin ich aber im Land und kann mir kein Exil leisten, sieht die Welt ganz anders aus. Nichts als Dummenfang!
Aus dem inneren des Landes, aus Überzeugung, können die Menschen vor Ort das Mullah System zum Teufel jagen, mit allen Risiken an Leib & Leben. Aber aus sicherem Exil ? Schlaue Ratschläge geben ist im Höchstfall nur lachhaft !
Mit freundlichen Gruß aus der Erfurter Republik
… Beitrag. Den jungen Iranern nehme ich das ab und halte den Bericht deswegen nicht für Propaganda. Mögen ihre Hoffnungen sich erfüllen.
Gerade ein paar Stimmen aus dem Iran gehört, dass den Menschen, die sich ein Ende des Mullah-Regimes so sehr wünschen, die Bomben lieber sind als sich von den Ayatollahs jagen, massakrieren oder unterdrücken zu lassen. 30.000 Menschen wurden in den vergangenen Wochen entweder ermordet oder inhaftiert. Das muss man sich mal vorstellen…..
Ob die Mehrheit der Iraner wirklich einen Regime-Wechsel wünschen, wage ich dennoch zu bezweifeln. Als der Arabische Frühling damals begann, dachten auch Alle, jetzt sei der Weg frei für Demokratie und Freiheit. Und was war? Nach der ersten freien Wahl hatten die Muslim-Brüder das Sagen!! Vom Regen, unter Umgehung der Traufe, direkt in die Sch…. Manchen Völkern ist nicht mehr zu helfen. Für die Mehrheit der männlichen Bevölkerung ist der Radikale Steinzeitislam ohnehin eine Oase des irdischen Daseins. Für den Rest nicht. Von daher bleibt es wohl ein Pulverfass. Hauptsache es kommt nicht wieder einer unserer Herrschaften auf die Idee „You‘re welcome“!!
Nur nicht verrückt machen lassen. Ich weiß, das ist leicht gesagt. Ich bin auch so ein Leichtentflammbarer. Habe mich hier mit einem Vielkommentator (Herrn Veit) herumgeboxt. Bringt aber nichts. Es ist immer dasselbe. Ich sags mal bildhaft: Man fragt nach der Uhrzeit und kriegt die Antwort, dass die Sonne scheint, oder es regnet. Jedenfalls nichts Substanzielles. Das ist leider in so einem anonymisierten Forum die Regel. Was den Sch... Irankonflikt betrifft, zwei Feststellungen: Wir bezahlen an der Zapfsäule, der Herrgott weiß wie lange. Putin reibt sich die Hände. Und unser Herr Merz? Der phantasiert, womöglich von den Enthauptungsschlägen der Israelis inspiriert, dass man nun auch Putin "entnehmen" müsste. Merz - ein Kriegsphantast, dem muss erstmal der Putz in den Kaffee rieseln, damit er munter wird. Ich bin wie Sie der Meinung, dass man keineswegs den Untergang des hässlichen Mullah-Regimes im Iran jetzt schon prognostizieren sollte, so wünschenswert dies auch wäre. Was tun wir?
Da schlägt doch der SPD-Minister Carsten Schneider den Bürgern allen Ernstes vor, dass man auf E-Autos umsteigen solle, wenn der Sprit infolge des Iran-Krieges zu teuer werde. Oh verdammt. Das erinnert mich in seiner Weltfremdheit fatal an den Ausspruch der französischen Königin Marie-Antoinette, die einmal gesagt haben soll, dass die Pariser doch Kuchen essen sollten, wenn das Brot zu knapp würde. Man sieht es immer wieder. Die Politiker sind einfach zu dumm und zu weit entrückt von ihre Bürgern. Warum kauft denn kaum einer diese überteuerten-E-Kisten? Die Chinesen machen´s vor: Preise runter. Das ist das Erfolgsrezept. Solange die E-Autos jenseits der 20.000 € Marke liegen, wird sich daran nichts ändern - die Karren werden nicht gekauft. Punkt. Außerdem ist der Ausspruch von Carsten Schneider an Zynismus kaum zu überbieten. Wo lebt dieser Mensch? Noch in unserer Welt? Nein, er lebt in der Scheinwelt der Politiker. Diese Kaste muss abgeschafft werden, je schneller, desto besser.
Es erstaunt mich jedes mal aufs neue wie schnell Parteien wie die SPD, die Grünen und die zur "Linke" umbenannten SED auf die Barrikaden gehen wenn ein Diktator gewaltsam abgesetzt wird.
Von "Verstößen gegen geltendes Recht" wird geredet, Solidarität mit den "armen" Leuten die gerade ihren "geliebten" ihren Diktator verloren haben wird bekundigt und man spricht sich für besagten Diktator aus. Vor kurzem hatten wir das in Venezuela mit Maduro, jetzt eben im Iran mit Khameneis... Dass die Leute froh sind diese Diktatoren los zu sein, das schaffen die Leute links der Mitte offenbar nicht in ihren Kopf zu bekommen.
Ich finde ja das sagt mehr über die Linken aus als es das über diejenigen tut welche sie kritisieren.
