Iranische Reaktionen auf US-Präsidenten - Wut auf Trump und Liebe für Burger

Junge Iraner sind des Krieges müde, aber die Ankündigung neuer Sanktionen von US-Präsident Donald Trump empfinden sie als Kampfansage. Sie müssen darunter leiden, obwohl sie mit dem religiösen und politischen Eifer ihres Regimes nichts anfangen können. Eher schon mit Fast Food und Celine Dion

Junge Iraner in Teheran
Junge Iraner in Teheran: Kleine Gesten der Unabhängigkeit / picture alliance

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Chiara Thies studiert Journalistik und arbeitet für Cicero Online.
Foto: Emine Akbaba

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Samstagmorgen, 10 Uhr in Teheran. Die sonst so laute Stadt ist noch nicht in Gang gekommen. Kaum jemand ist auf der Straße oder sitzt in den Cafés. Doch außer dem Smog, der hier alltäglich ist, umgibt die Stadt auch eine Wut, eine Wut auf Donald Trump. Der US-amerikanische Präsident hatte tags zuvor den Atomdeal mit dem Iran nicht aufgekündigt, wohl aber neue Sanktionen gegen die Iranischen Revolutionsgarden angekündigt. Auf die Iraner, mit denen man spricht, auch die, die ihr eigenes Regime zum Teufel wünschen, wirkt das wie eine Kampfansage. Dabei sind sie selbst nach den Bürgerkriegen, den blutig niedergeschlagenen Aufständen und den zermürbenden wirtschaftlichen Sanktionen des Kämpfens müde. 

Einige junge Iraner führen Trumps Worte auf seinen Slogan „America First“ zurück. Trump würde alles dafür tun, die iranische Wirtschaft zu schwächen und die US-amerikanische dadurch zu stärken. Eine Studentin sagt bei einem Espresso im Café, dass Trump Angst vor einem mächtigeren Iran hätte. Wenn die wirtschaftliche Schere im Iran aber weiter auseinandergehe, würden sich die innenpolitischen Probleme verstärken und die ohnehin brüchige Stabilität weiter erodieren, sagt sie und beugt sich beim Reden leicht nach vorn.

Große Angst vor wirtschaftlichem Abschwung

Ihr wie allen Menschen hier sind die oft überlieferten Erinnerungen an die Revolution von 1979 und die selbst erlebten der brutal zurückgeschlagenen grünen Studentenbewegung von 2009 noch lebhaft vor Augen. Die Angst vor einem erneuten wirtschaftlichen Abschwung ist aber fast genauso groß. Die iranische Währung ist eine der schwächsten der Welt. Ein Euro entspricht 40 Tausend Rial. Da der Rial so wenig wert ist, wird alles in der Zweitwährung Toman bezahlt. Man streicht dabei lediglich die letzte Null des Rial.

Entwickelt sich die iranische Wirtschaft bei neuen Sanktionen weiter nach unten, wird aber auch der Toman nicht mehr viel helfen. Denn die Preise liegen hier ungefähr auf deutschem Niveau, eine Hauptmahlzeit im Restaurant kostet ungefähr sieben Euro. Der Durchschnittslohn liegt jedoch bei gerade mal 450 Euro, Ingenieure können auf 700 Euro hoffen. Neue Sanktionen wären für viele Menschen gleichbedeutend mit dem Schritt in die Armut. 

Macht der Revolutionswächter bröckelt

Die Angst vor dem wirtschaftlichen Abschwung, erhöht auch die Unzufriedenheit mit dem eigenen Regime. Auf der Straße kann man beobachten, dass die Macht der Revolutionswächter, die im Iran die höchste politische Stellung haben, nicht mehr so weit reicht. Frauen entblößen oft ihre Haut, zeigen Unterarme und freie Knöchel. Das ist ihnen eigentlich verboten. Auch die Kopfbedeckungen sitzen nicht mehr stets festgezurrt um das Gesicht, sondern nur noch auf den zu Dutts hochgesteckten Haaren. Weht der Wind die lockeren Tücher vom Kopf, verfallen die Frauen nicht in Panik, sondern lassen sich Zeit bis zur nächsten Straßenecke, bevor sie jene wieder aufsetzen. In vielen Studentencafés nehmen sie die Tücher einfach ab. Pärchen halten mittlerweile sogar Händchen und liegen sich umarmend im Park. Es sind kleine Gesten, aber eine tägliche Demonstration der Unabhängigkeit, die den Menschen mehr Selbstvertrauen verleiht, je weiter sie gehen.

Doch gleichzeitig wimmelt es von Spitzeln. Sie sitzen ebenfalls in den Cafés oder fahren Taxis und berichten an die Revolutionswächter. Der Iran bewegt sich zwischen den Merkmalen eines liberalen und eines Überwachungsstaates. Schnell wiegt man sich hier in falschen Sicherheiten. Auch in diesem Café wirkt alles wie in Europa. Es gibt italienischen Kaffee, französisches Gebäck und Saftschorlen. Der Smoggeruch wird vom Geruch der frisch gebackenen Brote überdeckt. Sogar die Toilette ist westlich, was außer in den Hotels nur sehr selten vorkommt. Aber auch hier könnte man beobachtet werden, weshalb sich alle nur leise unterhalten. Ihre Worte übertönt Celine Dion mit „My heart will go on“.

Offene Kritik nicht möglich

Dennoch spielt sich nicht alles hinter verschlossenen Türen ab. Auch auf offener Straße wird gedämpft über die aktuelle Politik gesprochen. Manche Restaurants übertragen auf Bildschirmen sogar den Nachrichtensender CNN. Aber es ist verboten über die Revolution von 79 oder die toten Studenten der grünen Bewegung zu reden. Dafür könnten die Menschen einen hohen Preis bezahlen und zum Beispiel zu Gefängnisstrafen verurteilt werden. Deswegen kann in diesem Text niemand namentlich erwähnt werden, es wäre zu gefährlich für die betroffenen Personen.

Mit diesen alltäglichen Miniprotesten büßen die Revolutionswächter langsam an Macht ein. Gleichzeitig bestimmen sie noch immer die Politik des Landes. Präsident Hassan Rohani spricht sich zwar deutlich für das Atomabkommen aus, hat aber nicht das letzte Wort. Er befindet sich in einem ständigen Machtkampf mit dem Revolutionsführer und de facto Regierungschef Ali Chamenei.

Auswandern ins Feindesland

Die Studenten bedauern, dass Rohani so wenig Macht besitzt. Sie sind sich sicher, dass die Situation im Iran eine andere sein könnte, wenn er mächtiger wäre. Und so fühlen sie sich für ein Regime bestraft, dass sie nicht vertreten. Der Großteil behauptet von sich, nicht religiös zu sein. Denn niemand könne so eine Religion unterstützen, wenn man sich deren Gräueltaten anschaut. Warum werden Menschen umgebracht, nur weil sie zu einer anderen Religion konvertiert sind? Viele gutausgebildete junge Menschen versuchen deswegen auszuwandern. Und das beliebteste Ziel sind immer noch die USA, also gerade das Land, dass manche von ihnen dank der Sanktionen erst zur Migration zwingt.

Zwischen den USA und Europa wird in außenpolitischen Vorwürfen nicht differenziert. Europa wird als ein Staat wahrgenommen und synonym für die EU verwendet. Die Revolution von 1979, sagt eine Studentin, sei von den USA zusammen mit Großbritannien angezettelt worden, um die Macht des Iran einzudämmen. Die Studentin ist überzeugt: Hätte diese Revolution nicht stattgefunden, wäre der Iran dank seiner Öl- und Gasvorkommen jetzt einer der Big Player der Weltpolitik und hätte ebenfalls eine starke Rolle auf dem Weltmarkt.

Bewunderung der westlichen Kultur

Gleichzeitig differenziert die junge Generation zwischen den westlichen Völkern und deren Regierungen. Amerika ist nicht der Staatsfeind Nummer eins – davor stehen weiterhin die arabischen Länder. Die westliche Kultur schürt hier keinen Hass, sondern Bewunderung. Auf der Straße gibt es ebenso viele Burger- und Pizzarestaurants wie Kebab-Stände. Auch Nicht-Studenten schauen westliche Serien wie „Friends“ oder „Alarm für Cobra 11“ und bringen sich so neue Sprachen bei. Sie haben gelernt, sich mit ihrer Situation zu arrangieren und ihre Hoffnung ins Auswandern gelegt.

Nichts fürchten die jungen Iraner mehr, als einen weiteren wirtschaftlichen Abschwung. Sie spüren noch nichts von den gelockerten Sanktionen. Würde es neue geben, könnte das erneut Hass auf die amerikanische Regierung und eine „Jetzt erst recht“-Stimmung entfachen. Den Seitenhieb Donald Trumps, dass der Anschlag vom 11. September die Schuld des Iran sei, löst bei ihnen Wut aus. Religiös oder gar extremistisch seien sie doch überhaupt nicht. Am liebsten hätten die jungen Iraner einfach mal ihre Ruhe – von allem.

Da im Iran auch Journalisten nicht sicher vor Repressalien sein können, ist dieser Text anonym verfasst.

Holger Stockinger | So, 15. Oktober 2017 - 15:16

Könnte der IRAN wählen, wäre es der "Fliegende Teppich"?

Ein Bekannter aus Persien von mir (quasie Stasi) vermittelte, was ich zwischen den Zeilen vernahm:

Don't speak to loud! - Mohammed is watching YOU between Suschi änd Burka!

Gundi Vabra | So, 15. Oktober 2017 - 17:33

und die Wüstenstaaten haben Geld durch ihren Ölreichtum gescheffelt, doch reich an Kultur sind sie nicht.
Die islamistische Revolution mit dem Sturz des Schahs von Persien hat nichts Gutes bewirkt. Von einer Familien-Dynastie-Diktatur in eine religiös fanatische totalitäre Diktatur zu gelangen haben sich die Menschen (besonders die modernen Frauen) nicht gewünscht. Sie haben etwas Besseres verdient.

ingrid Dietz | So, 15. Oktober 2017 - 18:00

Ich habe eines in diesem Leben gelernt:
Wo Religion mit im "Spiel" ist, herrscht überall Gewalt, Hass und Krieg !
Deshalb denke ich, die Welt wäre weitaus besser daran, wenn es überhaupt keine Religionen geben würde !

Ich gebe Ihnen Recht Frau Dietz. Man könnte aber auch sagen: Überall, wo die Amis sich einmischen, ist Gewalt, Hass und Krieg die Folge. Und noch zu dem Artikel: Haben die Amis mit Ihren Sanktionen im Irak während des Husseinregimes nicht Tausende von Menschen auf dem Gewissen? Um das Regime zu treffen, hat man tausende Unschuldiger geopfert.

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