Ahmad Vahidi
Ahmad Vahidi, der neue Oberkommandierende der Revolutionsgarden, wird von der argentinischen Justiz seit drei Jahrzehnten per Haftbefehl gesucht / picture alliance / Sipa USA | Pacific Press

Iran-Krieg - Teherans Weg in die Apokalypto-Junta

Ein Regimewechsel im Iran gilt ohne Bodentruppen als unmöglich. Doch ohne einen solchen Wechsel ist ein dauerhafter Frieden ebenfalls Illusion. Ein Deal, in dem es lediglich um die Öffnung der Straße von Hormus und das angereicherte Uran geht, ist zum Scheitern verurteilt.

Autoreninfo

Shantanu Patni studiert Osteuropa-Studien an der Freien Universität Berlin. 

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Die klassische Militär-Junta, wie man sie aus Chile unter Pinochet, von der „Prozess-Junta“ in Argentinien oder den griechischen Obristen kennt, agiert wie ein bewaffneter Ordnungshüter. Ihr Fokus liegt auf der Zentralisierung der Befehlsgewalt, dem Schutz korporatistischer Vorrechte und der unnachgiebigen Erzwingung öffentlicher Ruhe. Sie sind brutal und repressiv, aber im Kern säkular: Sie folgen der berechenbaren Logik des Selbsterhalts und der nationalen Sicherheit. 

Ihre Daseinsberechtigung ist rein technokratisch. Sie begreifen Instabilität als existenzielle Bedrohung. Denn diese birgt stets die Gefahr, ihre institutionelle Architektur zu entwirren. Als nationalistische Pragmatiker folgen sie letztlich ökonomischen und sicherheitspolitischen Interessen, weitestgehend frei von ideologischem Ballast (außer ihr eigenen Paranoia).

Die Islamische Republik Iran hat in ihrer vierzigjährigen Geschichte verschiedene Aggregatzustände durchlaufen: erst revolutionäre Bewegung, dann eine klerikale Oligarchie, dann eine parlamentarische Theokratie, in der das letzte Wort zwar stets beim Obersten Führer lag, Parlament und Präsidentschaft jedoch keine bloßen Fassaden waren, sondern Schauplätze genuiner Fraktionskämpfe zwischen Reformern, Pragmatikern und Hardlinern. 

Innerhalb dieses schmalen Korridors existierte so etwas wie ein „politisches Leben“. Angesichts der immer wieder aufflammenden Massenprotesten wurde die theokratische Oberherrschaft mit der Zeit immer repressiver – gegenüber ihrer arabischen Nachbarschaft geradezu imperialistisch –, bis sie mithilfe der Revolutionsgarden das Land in einen regelrechten Polizeistaat verwandelte.

Vom Polizeistaat zur Apokalypto-Junta

Doch das, was sich in Teheran nun herausgeschält hat, verdient einen eigenen Begriff. Wenn der messianische Wahn einer Endzeit-Theologie auf die unkontrollierte Gewalt eines militärischen Apparats trifft, der nichts mehr zu verlieren hat, entsteht etwas Neues und Grauenhafteres: die Apokalypto-Junta. Iran ist nicht mehr die Theokratie der alten Mullahs, und er ist weit entfernt von der berechenbaren Kälte einer klassischen Militärjunta. 

Im Gegensatz zu den Generälen in Bangkok oder Kairo, die den Rückzug in die Kasernen als Fernziel eines „geordneten Übergangs“ zur Demokratie im Auge behalten, kennt die Apokalypto-Junta kein Zurück. Sie begreift Instabilität und Krieg nicht als Bedrohung, sondern als Zeichen göttlicher Vorsehung. Dafür nimmt sie die totale Isolation sowie den Staatsbankrott in Kauf. Ihr Weg kennt nur den finalen Sieg oder den kollektiven Untergang im Namen ihrer messianischen Vision.

Die Architekten des Terrors: Das operative Trio

Die Männer, die den Iran heute tatsächlich regieren, sind keine Kleriker im klassischen Sinne mehr. Es ist die Generation der sogenannten „Kriegskinder“, Veteranen des achtjährigen Krieges gegen den Irak, die in den Schützengräben von Basra sozialisiert wurden. Das Wall Street Journal hat ihre Biografien kürzlich in einer Detailtiefe rekonstruiert, die für sich spricht. 

Einer von ihnen ist Mohammad Bagher Zolghadr, der neue Nationale Sicherheitschef. Bevor er zu dieser Position aufstieg, war an der gezielten Ermordung eines amerikanischen Erdölingenieurs beteiligt. Wie das Wall Street Journal unter Verweis auf iranische Quellen darlegt, hielt er seine Tat für dokumentierenswert genug, um es in einem iranischen Geschichtsjournal festzuhalten. 

Als Mitbegründer der Quds-Einheit – jenes Arms der Revolutionsgarden, der auf die Ausbildung ausländischer Milizen zur Destabilisierung von Irans Nachbarstaaten spezialisiert ist – war er maßgeblich daran beteiligt, den Export der Revolution in Form von transnationalem Terror zu institutionalisieren. Zolghadr ist kein Diplomat, er ist ein Schattenkrieger, dessen Radikalität selbst dem berüchtigten Qassem Soleimani zu weit ging – dieser quittierte einst aus Protest gegen Zolghadrs Extremismus vorübergehend seinen Dienst. 

Heute ist es ausgerechnet dieser Mann, der die Berichte der iranischen Unterhändler entgegennimmt und die strategische Richtung der Verhandlungen mit dem Westen vorgibt. Für Männer wie ihn ist Diplomatie kein Mittel zum Ausgleich, sondern eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln – eine Haltung, die jede Hoffnung auf rationale Übereinkommen zur Illusion macht.

Ein Kopf für ein Auge

Ahmad Vahidi, der neue Oberkommandierende der Revolutionsgarden, wird von der argentinischen Justiz seit drei Jahrzehnten per Haftbefehl gesucht: wegen des Bombenanschlags auf das jüdische Gemeindezentrum AMIA in Buenos Aires im Jahr 1994, bei dem 85 Menschen starben. Die Recherchen des Wall Street Journal zeichnen das Bild eines Mannes, der als Innenminister die Niederschlagung der Frauenrechtsproteste von 2022 koordinierte und parallel dazu eine Kaderschmiede gründete, um die gesamte staatliche Verwaltung unter die Aufsicht der Garden zu zwingen. 

Mohsen Rezaei, Khameneis neuer Militärberater, wird in derselben Sache beschuldigt. Rezaie war von 1981 bis 1997 der langjährige Oberkommandierende der Revolutionsgarden und damit der Architekt ihrer Expansion. Er verkörpert die absolute Missachtung von Menschenleben: Als die irakischen Truppen 1982 weitgehend aus iranischem Gebiet vertrieben waren, hätte Teheran einen Waffenstillstand aushandeln können.

Stattdessen trieb Rezaei als treibende Kraft auf der militärischen Seite die Entscheidung voran, den Krieg fortzusetzen, mit dem erklärten Ziel, Saddam Hussein zu stürzen und das Regime in Bagdad zu Fall zu bringen. Das Wall Street Journal beleuchtet eindringlich seine Rolle als treibende Kraft hinter jener Strategie, die einen jahrelangen Abnutzungskrieg zur Folge hatte und laut US-Angaben mindestens 250.000 Menschenleben kostete, viele davon in menschlichen Wellen gegen irakische Stellungen.

Der Habib-Zirkel: Eine Riege von Schattenkriegern 

Diese Riege von Hardlinern bildet den Kern dessen, was Analysten den „Habib-Zirkel“ nennen. Benannt nach dem Habib-Bataillon der Revolutionsgarden – einer Einheit, die im Irak-Krieg für ihren Fanatismus berüchtigt war –, eint diese Männer eine tiefsitzende Verachtung für den diplomatischen Pragmatismus der alten Kleriker-Elite. Sie haben den Staat nicht übernommen, um ihn zu verwalten, sondern um ihn als Werkzeug für eine höhere, transzendente Mission zu nutzen.

Zu diesem „Habib-Zirkel“ gehört schließlich auch Modschtaba Khamenei, der neue Oberste Führer. Seine Biografie ist untrennbar mit der dieser Generäle verwoben. Bereits als 17-jähriger Teenager wurde er in das Habib-Bataillon rekrutiert und an der Front von Basra sozialisiert. Dort, im Schlamm der Schützengräben, entstanden die Loyalitäten zu Männern wie Zolghadr und Vahidi, die heute das Rückgrat seiner Macht bilden. Nach dem Krieg verbrachte er Zeit in Qom, wo ihn Ayatollah Mesbah Yazdi in den Mahdismus einführte – jene messianische Doktrin, die die Vernichtung der Feinde Irans als notwendige Vorbedingung für die Wiederkehr des verborgenen Imams begreift.

Die Mahdismus-Doktrin: Chaos als göttliche Reinigung

Dschaber Radschabi, der mit Khamenei in einem Seminar studierte, bevor er 2016 das Land verließ, fasste die Gefahr gegenüber dem Wall Street Journal so zusammen: „Wenn jemand fragt, was das Gefährlichste ist, das dem Iran und der Region passieren kann, lautet die Antwort: Modschtaba Khamenei.“ Es wäre ein fataler Irrtum, diese Rhetorik als bloßes Säbelrasseln für den internen Gebrauch zu halten. Während eine klassische Junta die Instabilität fürchtet, weil sie die Beute – den Staat und seinen Wohlstand – gefährdet, begreift dieser Zirkel das Chaos als notwendige Reinigung: die radikale Befreiung von den Fesseln einer westlich geprägten internationalen Ordnung.

Ein Regime, das seinen Fortbestand theologisch fundiert, kann keine substanziellen Konzessionen machen, ohne die eigene Legitimationsgrundlage zu untergraben. Es kann taktisch lavieren, Verhandlungsbereitschaft signalisieren, Teilzugeständnisse anbieten. Aber ein wirkliches Abkommen, das die Revolutionsgarden entwaffnet, die Proxynetzwerke auflöst und die nuklearen Ambitionen dauerhaft beendet, würde das Regime zu etwas machen, das nicht mehr es selbst wäre. 

Auf der falschen Seite des Hebels

Wirtschaftsdruck ist das naheliegende Mittel, und er wirkt, nur nicht weit genug. Die Inflation liegt bereits bei über fünfzig Prozent, die zweitgrößte Bank des Landes ist kollabiert, am Geldautomaten kann man pro Tag nicht mehr als sieben Dollar abheben. Doch Venezuela, Kuba und Nordkorea zeigen es: Ein Regime, das bereit ist, seine eigene Bevölkerung in den Ruin zu treiben, lässt sich nicht durch Armut zur Aufgabe bewegen.

Hinzu kommt das strukturelle Dilemma der Blockade selbst. Die Straße von Hormus ist kein iranischer Schwachpunkt, sie ist ein globaler. Zwanzig Prozent des weltweiten Ölhandels laufen durch diese Meerenge. Jeder Tag, den sie geschlossen bleibt, treibt die Energiepreise weltweit hoch und belastet die amerikanische Wirtschaft so stark, dass die politische Uhr im Weißen Haus mitläuft. Der Westen hält den Hebel, aber er sitzt auf der falschen Seite davon.

Neunzig Millionen Fußnoten

In der Kälte dieser strategischen Abwägungen droht jedoch der wichtigste Akteur zur bloßen Fußnote zu verkommen: die rund 90 Millionen Menschen, die im Inneren dieses Mahlwerks leben. Ein Deal, der lediglich die geopolitischen Symptome der iranischen Aggression behandelt, aber die tägliche Gewalt des Apparats gegen das eigene Volk und seine vollständige Entrechtung unberührt lässt, ignoriert etwas Fundamentales über dieses Regime.

Wenn Modschtaba Khamenei tatsächlich die größte Gefahr für die Region ist, dann sind die Iraner, die täglich unter seinem Schatten um ihre Grundfreiheiten kämpfen, der einzige gesellschaftliche Akteur, der ein genuines Interesse an einer anderen Ordnung hat. Sie in einem rein technischen Deal über Zentrifugenzahlen und Handelswege den Henkern des „Habib-Zirkels“ zu überlassen, wäre nicht nur ein moralischer Bankrott, sondern ein strategischer Blindflug.

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Andreas Turnwald | Mo., 20. April 2026 - 20:18

Danke für diese Hintergrundinformationen!

Hans Süßenguth-Großmann | Di., 21. April 2026 - 10:17

Ich finde den Artikel hinsichtlich der Fakten informativ, hinsichtlich seiner Schlussfolgerungen stimme ich nicht zu. ".......wäre nicht nur ein moralischer Bankrott, sondern ein strategischer Blindflug." Der moralische Bankrott, passt gut in die gegenwärtige Zeit, die am liebsten alle "moralische Wackelkandidaten" in die Ecke stellen möchte. Die strategische Weitsicht hätte der Autor durchaus näher erläutern können. Ich habe den Verdacht, sie gibt es nicht. Sicherlich wünscht sich die Mehrheit der Iraner die Mullahs zum Teufel oder ins Paradies, auf jeden Fall weg, aber es funktioniert nicht und in einem Krieg erst recht nicht. So oder so, bei einem Friedenschluss oder bei weiteren Militäraktionen, der Iran und der Westen werden sobald keine Freund mehr.
Die Orientierung des Iran nach China ist nicht mehr rückgängig zu machen und eine weitere Blockade der iranischen Häfen wird China nicht mehr akzeptieren können.

Robert Hans Stein | Mi., 22. April 2026 - 09:21

Noch nicht lange zurück klangen deutsche (Ver)führer ähnlich, sinngemäß jedenfalls. Das deutsche Volk habe eine Fortexistenz nicht verdient, sollte es nicht in der Lage sein, den Krieg (2. Weltkrieg) zu gewinnen. Wie die Geschichte zeigte, saßen diese Verbrecher so fest im Sattel, dass innerer Widerstand sie wohl niemals beseitigt hätte. Was sie schließlich zu Fall brachte ist bekannt, allerdings auch die Masse der Opfer, deren es bedurfte, sie zu überwinden.
Da sich Geschichte aber nicht 1 : 1 wiederholt, auch nicht als Farce, wie ein K. Marx postulierte, werden wohl noch viele der 90 Mio Fußnoten daran glauben müssen, bis diese irregeleitete Mahdistenclique scheitert. Momentan sind die Voraussetzungen dafür nicht gegeben. Wann und ob überhaupt das je sein wird, hängt wesentlich von der Rolle ab, die China bei einer Isolation des Iran spielt.