Proteste in Hongkong - „Die Wut ist kurz vor dem Überkochen“

Millionen Menschen gehen in Hongkong nach wie vor auf die Straße. Sie haben Angst vor dem eigenen Land, das ihnen so fremd ist – China. Die Polizei verprügelt nun die eigene Bevölkerung und versprüht Tränengas. Ein Bericht aus Fernost mit Augen eines deutschen Auswanders

Proteste in Hongkong
Hongkong – Millionen sind in Angst um ihre Zukunft / picture alliance

Autoreninfo

Robert Porsch ist Jahrgang 1988 und arbeitet in Hongkong in der Finanzbranche

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Robert Porsch

Mit unserer neuen Serie bei „Cicero“ wagen wir einen „Blick in die Welt“, der vielen von uns verwehrt bleibt. Aber viele Deutsche haben sich aufgemacht in andere Länder. Sie können uns erzählen, was sie gerade vor Ort erleben. Sie berichten uns, wie die Menschen, die sie in ihrer neuen Heimat kennengelernt haben, fühlen, denken und leben.

Zugleich haben viele Menschen aus der ganzen Welt ihren Weg nach Deutschland gefunden. Und so erzählen uns diese Leute, nun hier lebend, wie sie auf ihre ehemalige Heimat blicken – ob mit Freude, Sorge oder Zuversicht.

Den Beginn der Serie macht Robert Porsch. Er nimmt Sie mit in sein neues Zuhause in Fernost.

Hongkong ist meine Heimat. Seit inzwischen schon sechs Jahren lebe ich in dieser Stadt im Perlflussdelta. Ich habe hier studiert, Freunde gefunden, eine Karriere begonnen. Es ist eine faszinierende und beeindruckende Stadt, die eine besondere Atmosphäre ausstrahlt. Wenn man durch ihre Straßen schlendert, umgeben von mehr als 1.500 Wolkenkratzern, hat man das Gefühl, in der Mitte der Welt zu sein.

Es ist aber nicht nur die Skyline, sondern auch wie die Hongkonger ihr Leben in dieser dicht besiedelten Stadt gestalten. Das beeindruckt mich auch nach sechs Jahren immer noch. Mir sind die Leute hier ans Herz gewachsen. Es sind Menschen, die einen unglaublichen Fleiß und Tatendrang haben, etwas besseres aus sich zu machen. Es ist aber auch der Respekt, den die Hongkonger gegenüber ihren Mitmenschen haben. Das spiegelt sich oft in kleinen Dingen wider – es kann die penible Sauberkeit in den Hongkonger U-Bahn-Stationen sein oder die stete Hilfsbereitschaft gegenüber älteren Menschen.

Karrieredruck und hohe Mieten

Aber das Leben in dieser Stadt ist nicht immer leicht. Besonders für die jüngere Generation. Denn der Konkurrenzdruck hier ist enorm. Das fängt schon früh im Leben eines jeden an. Bewerbungsgespräche schon mit den Jüngsten für den Kindergarten sind normal. Wer es nicht schafft, in einen der guten Kindergarten zu kommen, wird es später schwer haben, in eine gute Grundschule, weiterführende Schule und schlussendlich in die besten Hongkonger Universitäten zu kommen.

Hinzu kommen die hohen Mieten und Grundstückspreise. Um mehr als 200 Prozent sind die durchschnittlichen Wohnungspreise in den letzten zehn Jahren gestiegen. Viele junge Leute wohnen deshalb noch bis weit in die 30 mit ihren Eltern auf engstem Raum zusammen. Sie haben kaum Freiraum und wenig Privatsphäre. Eine eigene Wohnung zu besitzen, und sei sie auch noch so klein, bleibt für viele für immer nur ein ferner Traum.

Zu dieser Ohnmacht kommt seit einiger Zeit das Gefühl hinzu, seine eigene Identität zu verlieren. Hongkong war 156 Jahre unter britischer Herrschaft. Das hat Spuren hinterlassen. So haben sich einige britische Angewohnheiten in das alltägliche Leben geschmuggelt. Dazu gehört zum Beispiel, dass man in Hongkong auf der linken Straßenseite fährt, oder auch, dass es eine Warteschlange für fast alles gibt.

Orientiert an der internationalen Gemeinschaft

In Hongkong hat sich eine ganz eigene, besondere Kultur und Identität entwickelt. Viele hier fühlen, dass diese Besonderheiten bedroht sind – man will die eigene wirtschaftliche und kulturelle Zukunft nicht verlieren.

Doch in den letzten zehn Jahren ist der politische und kulturelle Einfluss aus dem chinesischen Mutterland immer größer geworden. Dazu muss man begreifen, dass Hongkong, trotz aller kulturellen Gemeinsamkeiten mit dem chinesischen Festland, sehr anders ist. Hongkong hat nicht nur eine eigene Währung, eigene Gesetze, eine eigene Polizei und Regierung, sondern ist auch kulturell in vielen Bereichen anders. So wird in Hongkong Kantonesisch und nicht Mandarin gesprochen. Es ist vollkommen selbstverständlich, Facebook, Twitter, Instagram oder Google zu benutzen – alles Onlinedienste, die im chinesischen Mutterland verboten sind.

Die Kultur und identität Hongkongs hat sich, im Gegensatz zu China, auch nach dem Abzug der Briten immer weiter im Kontext der internationalen Gemeinschaft entwickelt. Man muss sich auch immer wieder vor Augen führen, wie im Jahr 1964, während in Hongkong die Beatles spielten, China kurz vor der Kulturrevolution stand und gerade erst eine der größten Hungersnöte in seiner Geschichte überstanden hatte.

Protest aus purer Existenz-Angst

Als die Hongkonger Regierung von Carrie Lam dann vor kurzem ankündigte, ein Gesetz zu verabschieden, das Auslieferungen von Hongkongern nach Festland-China erlauben sollte, hat sich die Angst und Wut vieler hier in der Stadt entladen. Es war nicht nur die Angst, das Hongkonger, in die von der Kommunistischen Partei kontrollierten chinesischen Gerichte übergeben werden könnten. Die Menschen hier fürchten das Gesetz als weiteren Schritt Chinas, Hongkong zu absorbieren. Erst nachdem mehr als eine Millionen Menschen auf die Straße gegangen waren, um gegen das geplante Gesetz zu demonstrieren, lenkte die Hongkonger Regierung ein.

Dennoch, in jeder anderen echten Demokratie, wäre der Regierung nach solch massiven Protesten nichts anderes übrig geblieben, als zurückzutreten. Aber Hongkong ist keine echte Demokratie. Nur ungefähr die Hälfte aller Repräsentanten im Stadtparlament sind direkt von der Bevölkerung gewählt. Der Rest wird von den meist pekingtreuen Berufsgruppen gewählt. Dies macht es fast unmöglich, dass Wahlen einen signifikanten Einfluss auf die politischen Verhältnisse in Hongkong zu haben.

Hongkonger kennen eigentlich keine Gewalt

Auch deshalb entlädt sich der Zorn und die, für Hongkong, so untypische Gewalt der Demonstranten. Sie sind getrieben von dem Gefühl, nichts gegen die jetzigen Umstände tun zu können, nicht von der eigenen Regierung ernst genommen zu werden. Als die Regierungschefin Carrie Lam sich selbst als eine besorgte Mutter und die Hongkonger als ihre Kinder beschrieb, hatten viele nur noch Spott für sie übrig.

 

Noch viel schlimmer wiegen die Ereignisse vom vergangenen Sonntagabend. Als ungefähr hundert Männer, bewaffnet mit Stöcken, wahllos auf mehrere friedliche Menschen einschlugen die sich gerade auf den Weg nach Hause von einer Demonstration befanden. Mehr als 40, teils schwer verletzte, mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden. Von der Polizei war auch fast nach mehr als einer halben Stunde nichts zu sehen. Carrie Lam verurteilte den Angriff zwar. Allerdings erst nachdem sie die Beschmierung und Graffitis des chinesischen Hoheitssymbols an dem Büro der Vertretung der chinesischen Zentralregierung verurteilt hatte. Auch an diesem Wochenende kam es wieder zu Ausschreitungen zwischen Demonstranten und der Polizei.

Das Vertrauen in die Regierung ist auf einem Tiefpunkt. Die Wut, bei vielen ist sie kurz vor dem Überkochen.

Horst Weber | Di, 30. Juli 2019 - 19:11

Honkong war als Anhängsel des Commonwealth ein verwöhntes Fleckchen eines bunt eskalierenden Kapitalismus. Dort blühte alles an Effekten dieser Ideologie - sowohl Negatives, als auch Positives.
Von Great Britain hatte man ich schon emanzipiert vor dem Rückfall in chinesische Abhängigkeiten.
Nachdem nun die Honkonger Chefin ihren Plan, Kriminelle nach China auszuliefern hatte fallen lassen - fragt man sich in good old Germany, was denn die Massen nun noch mit ihren Demonstrationen erwarten ? Zu befürchten ist eine irgendwann übermässige Reaktion von Polizei und Militär - etwa analog zum Massaker auf dem Platz des Friedens in China. Ist das gewollt ? Mit Opfern vielleicht die Engländer plus US-Militärs nach Honkong zu locken, um die alten Verhältnisse wieder herzustellen ? Das wäre aber kein Zeichen chinesischer Intelligenz.-

Wie auch die Liebe, Demut, Ehre & Respekt/ Achtung. Vor allem die, die vom Individuum ohne Erwartung eines "Gewinnes" gegeben wird.
Das was mit Hongkong passiert kann man mit einer Parallele zu Deutschland vergleichen.
Als konventionsloser Christ & Freidenker kommt es mir manchmal vor, als wenn unsere "Erde" wie ein schwarzes Loch ist, was alles "Schlechte" anzieht & dies auch gedeien lässt während die zarten Pflänzchen der "Vernunft" meistens gar keine oder wenig Chancen haben.
Wie sage ich mir dann:
"Gott gibt & Gott nimmt ( wie es Ihm gefällt, nicht mir)
Die Geschichte der Menscheit ist wesentlich umfangreicher wie unsere Fantasie.
Darüber nachgedacht MFG Nimmerklug