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Held Südafrikas - Mandelas Traum

Nelson Mandela, der Held der „Regenbogennation“ ist schwerkrank. In Südafrika, wo die soziale Ungleichheit stetig zunimmt, hat man Angst vor seinem Tod. Denn damit könnte auch Mandelas Traum sterben

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Claudia Bröll ist freie Journalistin und lebt in Südafrika.

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An diesen Tag erinnern sich die meisten Südafrikaner: Am 27. April 1994 wurde Nelson Mandela zum ersten schwarzen Staatspräsidenten des Landes gewählt. Unvergessen sind die Bilder langer Warteschlangen vor den Wahllokalen, die ergriffenen Gesichter von Schwarzen, die zum ersten Mal in ihrem Leben ihre Stimme abgeben durften. Mitjubelnde Weiße dazwischen. Einige von ihnen hatten sich allerdings vorsorglich ein Visum für Australien besorgt.

Die Angst Südafrikas vor dem Tod Nelson Mandelas


Jeder spürte damals: Diese Wahl markiert den Beginn einer neuen Ära. Aus einem menschenverachtenden Regime, das sich der Rassentrennung verschrieben hatte, sollte eine neue Nation entstehen, in der Schwarze und Weiße friedlich zusammenlebten. Die endlich wieder international geachtet werden wollte.

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Fast 20 Jahre später bangt die „Regenbogennation“ um ihren 95 Jahre alten Nationalhelden, der seit Wochen in „kritischem Zustand“ in einem Krankenhaus in Pretoria behandelt wird. Es ist aber nicht nur die Sorge um die Gesundheit eines tief verehrten ehemaligen Staatsmannes, weshalb die Menschen Blumen niederlegen. Es ist auch die Angst, sich mit „Madiba“ (Mandelas Clanname) endgültig von dem großen Traum eines besseren Lebens verabschieden zu müssen.

Von der Bügerkriegsgefahr zum BRICS-Club


„Mit unseren täglichen Taten als normale Südafrikaner müssen wir eine südafrikanische Realität schaffen, die den Glauben der Menschheit an Gerechtigkeit stärkt (…) und unsere Hoffnungen auf ein glorreiches Leben für alle aufrechterhält“, sagte Mandela damals. Heute sind alle Südafrikaner nach der Verfassung gleichberechtigt. Die schlimmsten Befürchtungen vor einem Bürgerkrieg haben sich nicht bewahrheitet.

Stattdessen hat sich Südafrika das Ansehen der Welt gesichert, ob als Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft oder als jüngstes Mitglied des illustren BRICS-Club der führenden Schwellenländer. Doch die größte afrikanische Volkswirtschaft ist immer noch eine gespaltene Nation: weniger in Schwarz und Weiß als zunehmend in Arm und Reich. In den eleganten Villenvierteln residieren heute Schwarze und Weiße nebeneinander. Millionen schwarzer Südafrikaner aber leben immer noch in notdürftig zusammengenagelten Wellblechhütten.

Besonders gravierend sind die Unterschiede im Bildungswesen. Weiße Südafrikaner und die neue schwarze Elite schicken ihre Kinder auf teure Privatschulen. Alle anderen müssen sich mit maroden staatlichen Schulen begnügen. „Einst gingen die Jugendlichen auf die Straße, um für ein faires Bildungssystem zu kämpfen. Heute gehen sie auf die Straße, um Jobs zu suchen“, schrieb die Zeitung City Press. In einer Studie des Weltwirtschaftsforums über die Qualität der Ausbildung landete Südafrika jüngst nur auf Rang 140 – vor Haiti, Libyen, Burundi und Jemen. Fast jeder zweite Jugendliche hat nach offiziellen Statistiken keine Arbeit.

Fast täglich kommt es in Armenvierteln zu Protesten


Die Wut darüber ist überall spürbar. Fast täglich kommt es in den Armenvierteln zu Protesten, weil der Staat nicht die versprochenen Leistungen liefert. In den Bergbauregionen ist der Ärger besonders groß, im vergangenen Jahr eskalierte ein Arbeitskampf auf dem Gelände einer Platinmine: Streikende Minenarbeiter wurden von schwarzen Polizisten erschossen. Im Andenken an Mandela zeigt das südafrikanische Fernsehen derzeit historische Filmaufnahmen von den Aufständen gegen das Apartheid-Regime. Was im Augenblick geschieht, sieht oft bedrückend ähnlich aus.

2014 wird in Südafrika wieder gewählt. Und wieder gilt ein Sieg des ANC als sicher. Heute aber wählen viele die Partei Mandelas, ohne mehr zu wissen warum. Einer Umfrage nach will ein Viertel der Jüngeren überhaupt nicht mehr ihre Stimme abgeben.

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