Europäische Union
Ist die EU noch zu retten? / picture alliance / Westend61 | Gary Waters

Bürokratie, Ineffizienz, Wachstumsschwäche - Warum es mit der EU so nicht mehr weitergeht

Die Europäische Union droht zu scheitern, weil sie sich und ihre Mitgliedstaaten selbst blockiert. Nur mit einem disruptiven Neustart lässt sich das einst größte Friedens- und Wohlstandsprojekt der Menschheitsgeschichte noch retten.

Autoreninfo

Hans-Ulrich Rülke ist seit 2006 Abgeordneter im Landtag von Baden-Württemberg und dort seit 2009 Vorsitzender der FDP/DVP-Fraktion. Seit 2025 ist er auch Landesvorsitzender der FDP Baden-Württemberg. 

So erreichen Sie Hans-Ulrich Rülke:

Die Europäische Union steht unter enormem Druck. Politische Entscheidungen kommen entweder gar nicht zustande, wie offensichtlich beim Freihandelsabkommen Mercosur, oder man ringt sich zu Formelkompromissen durch, die letztlich nicht weiterhelfen, wie beim Verbrennerverbot oder bei der Finanzierungsvereinbarung zur Ukraine, die letztlich Putin signalisiert, dass er die EU-Staaten nach Belieben spalten kann und es weder einen deutschen Kanzler noch eine deutsche Kommissionspräsidentin gibt, deren politische Führungskraft dem Kontinent weiterhilft.

Die Brüsseler Entscheidungen der zurückliegenden Wochen sind mehr als ernüchternd. Das Verbrennerverbot weicht einem Bürokratiemonster, das das Schlechte eines jeden Ansatzes miteinander verbindet. Weder bekommt die Wirtschaft Planungssicherheit, noch wird dem Klima geholfen, noch erhält der Verbraucher Orientierung. Mercosur wiederum wird so lange vertagt, bis Brasilien abspringt. Die Ukraine erhält Kredite, die das Prinzip, keine gemeinsamen Schulden zu machen, über Bord werfen, ohne gegenüber Russland ein wirksames Stoppsignal zu setzen. Wann endete ein EU-Gipfel letztmals zufriedenstellend?

Mit Rechtsakten überschwemmt

Im Jahr 2007 wurde das letzte große Reformwerk unterzeichnet: der Vertrag von Lissabon. Er regelt die Entscheidungswege auf europäischer Ebene. Das Parlament wurde angeblich gestärkt, die Entscheidungsfindung der Staaten wurde verändert. Das Prinzip der doppelten Mehrheit im Rat (55 Prozent der Staaten, die 65 Prozent der Bevölkerung repräsentieren) wurde eingeführt. 

Nach knapp 20 Jahren muss man sagen: Dieser Vertrag ist gescheitert. Es herrscht nicht das Parlament, und die Regierungen kommen zu keiner gemeinsamen Linie. Wer in der EU herrscht, das ist die Kommission. Aber nicht durch überzeugende Gestaltungskraft, sondern schleichend, durch das Gift einer sich immer mehr in die Strukturen der Staaten und deren Wirtschaft hineinfressenden Bürokratie.

Die Mitgliedstaaten und das Parlament werden mit unzähligen Rechtsakten überschwemmt. Die Abgeordneten werden der Herausforderung, diese zu sichten, nicht mehr Herr. Und die Nationalstaaten werden bis zur Wehrlosigkeit – gleich dem Laokoon – von diesen Rechtsakten erwürgt.

Die österreichische Wirtschaftskammer hat zu Jahresbeginn 2019 rund 12.900 EU-Rechtsakte gezählt, zu Jahresende 2024 dann 25.964. Der Anteil der EU am Welt-Bruttoinlandsprodukt lag 2007 noch bei fast 31 Prozent, im Jahr 2024 noch bei 16,9 Prozent. Die Halbierung des wirtschaftlichen Gewichts Europas geht einher mit einer Verdoppelung der Verordnungen und folglich auch der Verdoppelung der Stimmanteile rechtsextremer oder europafeindlicher Parteien. Wenn die EU so weitermacht, dann wird das größte Friedensprojekt der Menschheitsgeschichte schon in wenigen Jahren scheitern.

Was ist zu tun? Wir brauchen einen neuen Vertrag von Lissabon und einen Neuanfang der EU. Wir brauchen weniger und gleichzeitig mehr Europa! Weniger Europa bei Bürokratie und Rechtsakten, aber mehr Europa bei Freihandel und Resilienz. Vor allem brauchen wir aber eine Entmachtung von Leuten wie Ursula von der Leyen, den Allmachtsphantasien ihrer Kommission und des hypertrophen Bürokratieapparats, der dahintersteht. Bis ein solcher Neuanfang gelingt, bedarf es nationaler Sofortmaßnahmen.

Was heißt das konkret?

Erstens: EU-Bürokratie auf Null setzen

Die nationalen Regierungen müssen beschließen, dass man der Kommission nicht mehr zutraut, Bürokratieabbau und Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft der EU zu befördern, sondern dass sie permanent den Gegenbeweis antritt. Deshalb ist es notwendig, in einem Akt „demokratischer Notwehr“ die vollständige Aussetzung aller nicht gesundheits- oder sicherheitsrelevanter Berichtspflichten unter Inkaufnahme von Vertragsverletzungsverfahren zu verfügen. Die Nagelschere hilft nicht mehr. Wir brauchen die Kettensäge, um die EU-Bürokratie auf Null zu setzen.

Man muss der Kommission signalisieren, dass es künftig nur dann eine Mehrheit für jedweden Rechtsakt gibt, wenn daran die ersatzlose Streichung zweier anderer Rechtsakte gekoppelt ist. Um eine Neuverhandlung zu erzwingen, müssen die Nationalstaaten im Komitologieverfahren (Umsetzung von EU-Rechtsakten in Abstimmung mit den Mitgliedsstaaten) alle neuen Kommissionsverordnungen im Wege demokratischer Notwehr ab sofort blockieren.

Im Falle einer Neuverhandlung des Vertrags von Lissabon dürfen die besonders toxischen Initiativen der Kommission auf keinen Fall mehr erscheinen. Beispiele dafür sind das Verbrennerverbot und die Flottengrenzwerte für die Automobilindustrie; die praxisfernen EU-Lieferketten-Sorgfaltspflichten für die Wirtschaft; mittelstandsfeindliche Nachhaltigskeitsberichtserstattungspflichten; das Additionalitätskriterium, das Wasserstofferzeugung für die Energiewirtschaft unwirtschaftlich macht; Planungen für Chatkontrollen, die sogenannte Transparenzrichtlinie, die Werbung für Medien fast unmöglich macht; realitätsferne Verpackungsverordnungen und strangulierende Vorgaben für das Inverkehrbringen von Mediziprodukten.

Zweitens: Resilienz und Freihandel stärken

Wir brauchen in der EU viel weniger Bürokratie, aber wir brauchen in Europa stattdessen viel mehr Wehrhaftigkeit, Resilienz, Markt, Handel und außenpolitische Agilität, um einerseits die sich verstärkenden Angriffe in einer auf das Recht des Stärkeren ausgerichteten multipolaren Weltordnung abwehren zu können, und andererseits wieder mehr Akzeptanz bei der Bevölkerung für die europäische Idee zu erlangen.

Konkret muss die Verteidigungspolitik und die Verteidigungsfähigkeit Europas besser verzahnt werden, mit dem Ziel einer europäischen Armee. In der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik muss das Einstimmigkeitsprinzip fallen, um Erpressungsmöglichkeiten zu tilgen. Das Gemeinsame Europäische Asylsystem muss mit dem wirksamen Ausbau von Frontex verzahnt werden, und Partnerschaften mit dem afrikanischen Kontinent zur Bewältigung des Migrationsdrucks sind notwendig.

Wir brauchen den Aufbau einer Weltfreihandelszone der liberalen Demokratien, beginnend mit dem Mercosur-Abkommen und dem weltweiten Abbau von Handelshemmnissen. Wir brauchen auch den Abbau nationaler Hürden im Energiesektor, mit dem Ausbau von Partnerschaften mit Nordafrika. Und wir brauchen den verstärkten Aufbau EU-eigener sicherheits- und versorgungsrelevanter Systeme zum Schutz der kritischen Infrastruktur. Auch für die Themen Resilienz und Freihandel ist ein vertraglicher Neuanfang für die EU nötig.

Drittens: Alternativen?

Sollten die Regierungen der EU-Staaten nicht die Kraft zu einem derart disruptiven Neuanfang finden, so gibt es eine unausweichliche Alternative: In immer mehr Mitgliedstaaten werden europafeindliche Populisten an die Macht gewählt. Mit ihrer gezielten Fokussierung auf die negativen Auswüchse des Brüsseler Bürokratiewahnsinns werden sie die Bevölkerung von der Insuffizienz der EU immer mehr überzeugen und die europäische Idee und damit das größte Friedens- und Wohlstandsprojekt der Menschheitsgeschichte schon bald  zertrümmern.

Bei älteren Beiträgen wie diesem wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.

Enka Hein | Sa., 3. Januar 2026 - 17:13

..aber genau wie die übrigen Blockparteien haben dafür gesorgt dass dieser Moloch in Brüssel und Straßburg ins unermessliche wächst.
Das nur der politische Kernschrott, der in D eigentlich durch Wahlen auf Müllhaufen der Geschichte wandern sollte, in Brüssel nochmals sein Unwesen treiben darf.
Alles richtig geschrieben.
Aber es wird NICHTS passieren. In keiner Partei und keinem Land.
Weil die Politiker aller Couleur vielleicht in Brüssel gut bezahlt aufs Abstellgleis geschoben werden.
Einzige was hilft ist Austritt und eine neue EWG der willigen.
Die schön Gefönte und ihre Entourage reitet uns weiter in die Sche..e.

Stefan | Sa., 3. Januar 2026 - 17:19

Zitat:
"Nur mit einem disruptiven Neustart lässt sich das einst größte Friedens- und Wohlstandsprojekt der Menschheitsgeschichte noch retten."
Irgendwo habe ich diesen Ansatz schon vor Jahren von Dr. Alice Weidel gehört. 🤔
Reformieren statt weiter so.
Das wird mit Leuten die dort den Ton derzeit angeben wohl etwas schwierig werden.
Ursula von der Leyen oder Manfred Weber beispielsweise.
Solche Reformen gehen lediglich mit neuen Gesichtern einher.
Stellt sich nur die Frage:
Will man das überhaupt ???

Thomas Veit | Sa., 3. Januar 2026 - 21:04

Antwort auf von Stefan

Warum? Weil das den Status Quo mit allen seinen Annehmlichkeiten und Macht- und Regulierungsspielchen gefährden würde - bei den Leuten die dort den Ton derzeit angeben, wie Sie vollkommen richtig schreiben... ...

So lange wie möglich an der Macht bleiben, heißt die Devise in Brüssel..., jede Veränderung spielt nur 'den Anderen' in die Karten... ... Fehler einzugestehen wäre rötlich für die eigene Karriere und Macht (UvdL etc.).

Die Karre ist festgefahren, ganz offensichtlich, niemand hat Lust oder ist bereit sie aus dem Dreck herauszuholen..., zu viel Geld fließt zudem (noch!) durch die EU - der Kit der sie zusammen hält.

Disruptive Reformen? >> ausgeschlossen!! mMn

IngoFrank | Sa., 3. Januar 2026 - 21:16

der Menschheitsgeschichte“
Geht’s auch einige Nummern kleiner ?
Ja wir haben seit 45 Frieden in Europa. Ob das mit der EU zusammenhängt, fraglich. Ich sehe ehr den Frieden im ökonomischen Fortschritt, der wirtschaftlichen internationalen Kooperation, der wirtschaftlichen Spezialisierung. Die Einsicht, dass ein Staat eben nicht mehr alles allein produzieren kann und dazu Regeln des internationalen Handelns braucht. Damit war der Wohlstand aller europäischer Staaten gesichert, & hat dazu zum friedlichen Nebeneinander beigetragen.
Der Niedergang der EU begann doch mit der politischen Einmischung in die innenpolitische und außenpolitische Souveränität der einzelnen Mitgliedsstaaten. Hinzu u a die Arroganz D seine Grenzen ohne Abstimmung für halb Afrika & halb Asien zu öffnen, dann eine „Gäste“ auf andere EU Staaten verteilen zu wollen.
Hinzu der Green Deal, in dem von Brüssel bis in den letzten d Keller hineinregiert wird und bestimmt wird, wer welches Auto fährt.
MfG a d Erf. Rep.

Thorwald Franke | Sa., 3. Januar 2026 - 22:52

Schön, wie die FDPler lauter richtige Dinge sagen. Doch tun (!) werden die FDPler das alles nicht. Sondern Team Freiheit wird es tun. Auf das Tun kommt es an. Die FDP sollte man sich tunlichst nicht mehr antun.

Achim Koester | So., 4. Januar 2026 - 09:38

Dass die EU in Europa nachhaltig für Frieden gesorgt hat, steht außer Frage, und das ist auch gut so. Aber für die Wirtschaft ist sie, besonders unter Zensursula, eine einzige Katastrophe. Überbordende Bürokratie, völlig überzogener Klimawahn, blödsinnige Vorschriften, Unterdrückung der Meinungsfreiheit, stasiähnliche Denunziationsportale, aber eine an Cäsarenwahn grenzende Hybris kennzeichnen ihre, meist wegen Unfähigkeit entsorgten Politiker, die noch dazu in weiten Teilen zur Korruption neigen.

Gerhard Fiedler | So., 4. Januar 2026 - 13:00

Selbsterkenntnis ist der beste Weg zur Besserung. Aber diese findet nicht statt. Ihnen, Herr Rülke, gelingt diese ja nicht einmal in Ihrer Partei, die der FDP.
Die Beteiligung der EU am Ukrainekrieg war neben aller Bevormundung ihrer Bürger der letzte Sargnagel für das einstige Friedensprojekt. Den letztlich großen Knall könnte nur noch ein „DEXIT“ verhindern. Doch dazu fehlen in Deutschland Mut und Persönlichkeiten. Nur eine Frau Weidel hätte das Zeug dafür. Aber Sie wissen ja!
Mit einer Rückkehr zur EWG, mit einem Europa von unabhängigen, sich gut verstehenden Vaterländern – wenn man das Wort Nation schon nicht mag - sollten wir uns begnügen. Große Zusammenschlüsse von Staaten funktionieren nicht, siehe Sowjetunion und Jugoslawien. Die Menschen wollen sich zuhause fühlen. Vorschriften, wie sie sich in ihrer EU bewegen, heizen, wohnen oder was sie essen sollen und das Gerede von bunter Gesellschaft durch Migration, Klimawandel und Kriegstüchtigkeit können sie nicht mehr ertragen

Urban Will | So., 4. Januar 2026 - 20:32

redet von „Zertrümmern“, wenn von ihm als solche bezeichnete „Populisten“ genau das fordern, was er hier mehr oder weniger auch fordert. Glaubt er wirklich, das Monster EU würde sich aus sich selbst heraus reformieren? Ohne den Druck, dieses Monster zu „zertrümmern“ (indem man aus diesem Sauladen austritt) wird sich nichts tun und nur eine Weidel hat die „Eier“, diesen Druck auch aufzubauen.
Weidel ist hier erfrischend konsequent und ich hoffe, dass sie bald als Kanzlerin diesem verkommenen, seinen eigenen Untergang (wirtschaftlich und kulturell) zelebrierenden Haufen Dampf macht.
Politiker wie Rülke sind armselige Zaungäste einer neuen Zeit, die bald anbrechen wird, denn kein System, das sich an seiner eigenen Zerstörung ergötzt, wird lange währen. Die EU hat sich überholt, sie muss weg und ersetzt werden durch einen Staatenbund.

Andreas Peters | Mo., 5. Januar 2026 - 11:23

"Die Halbierung des wirtschaftlichen Gewichts Europas geht einher mit einer Verdoppelung der Verordnungen und folglich auch der Verdoppelung der Stimmanteile rechtsextremer oder europafeindlicher Parteien." scheint ja wohl ein völliger Logikbruch zu sein. Oder erkenne ich die Kausalität zwischen der Zahl der Verordnungen und daraus folgern der Verdoppelung der Stimmanteile rechter Parteien nur nicht?