Bumen vor dem Lindt-Café in der Innestadt Sydneys
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Geiselnahme in Sydney - Wölfe ohne Alphatier

Mit der Geiselnahme in Australien ist nicht nur eine Befürchtung der Sicherheitsbehörden wahrgeworden. Ein Konzept westlicher Extremisten ist gänzlich im militanten Islamismus angekommen: der „Leaderless Resistance“

Autoreninfo

Vinzenz Greiner hat Slawistik und Politikwissenschaften in Passau und Bratislava studiert und danach bei Cicero volontiert. 2013 ist sein Buch „Politische Kultur: Tschechien und Slowakei im Vergleich“ im Münchener AVM-Verlag erschienen.

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Im kanadischen Ottawa richteten sie Unheil an. In England töteten sie. Nun steht fest: Auch in Australien gibt es jetzt Wölfe. Die Behörden hatten es geahnt, und vor ihnen gewarnt. Aber nicht vor Rudeln, die hinter einem Alphatier durchs Land streifen. Sondern vor Wölfen, die als Einzelgänger unterwegs sind, alleine töten – den „Lone Wolves“. So werden Terroristen genannt, die für eine Bewegung, Ideologie oder Organisation kämpfen – aber außerhalb jeder Struktur stehen.

Ein solcher „einsamer Wolf“ war der Islamist Man Haron Monis, der am 15. Dezember in der Innenstadt von Sydney im Namen Gottes und des Islamischen Staates (IS) über ein Dutzend Geiseln nahm – und schließlich von Sicherheitskräften getötet wurde. Dabei handelte der zur Sunna konvertierte Monis nicht nur nach dem vermeintlichen Willen Gottes, sondern auch nach einem Konzept, das einst im ihm verhassten Westen entwickelt worden war.

„Guerilla Diffusa“ statt Pyramide

 

In den Siebziger Jahren fanden sich in der Autonomen Bewegung in Deutschland verschiedene extremistische Gruppen zusammen. Eine davon waren die Revolutionären Zellen (RZ). Wie der Plural andeutet, war die Gruppe heterogen. Ihre Aktionen waren nicht konzertiert, was ihrer Spielart des Terrors den Namen „Guerilla Diffusa“ einbrachte. Im Gegensatz zur straff organisierten Roten Armee Fraktion (RAF) agierten die Zellen unabhängig von einander, ohne zentrale Führung. Eine nichtorganisierte Organisation – das Oxymoron als Konzept.

Knapp zwei Jahrzehnte später übernahmen US-amerikanische Rechtsextremisten diese Organisationsform und den Namen „Leaderless Resistance“. Diesen Titel trug ein Essay, den der ehemalige Ku Klux Klan-Aktivist Louis Beam 1992 in der Zeitung „The Seditionist“ veröffentlichte.

Organischer Widerstand als Mittelweg

 

In dem Text arbeitet Beam die Idee der Revolutionären Zellen aus zu einem durchdachten Konzept des politischen Widerstandes. Der Aufsatz beschreibt eine nötige Reaktion auf die verbesserten Methoden von Polizei und Nachrichtendiensten, die den „Kampf gegen die Freiheitsbedrohung durch die Regierung“ in den USA zusehends erschwerten. Jede Organisation, schreibt Beam, sei traditionell nach dem Prinzip der Weisungsbefugnis aufgebaut – pyramidenförmig. Da die sehr einfach zu unterwandern seien, müsse man in den nichtorganisierten, den „organischen Widerstand“ übergehen.

Beam bleibt bei der Metapher der Körperlichkeit: Zellen – genauer: „Phantomzellen“ –, die nichts voneinander wissen und nicht durch Befehlswege oder Organisationsstrukturen zusammengehalten werden, bewegen sich in dieselbe Richtung. Da sie Philosophie und Grundanschauung teilen, würden sie „konvergent und zum gleichen Ziel führend agieren“. Der Rechtsextremismusforscher Thomas Grumke bezeichnet dies daher als „Mittelweg zwischen Organisation und ‚offenem Kampf‘“.

Noch einmal zwei Jahrzehnte später ist das Konzept gänzlich im militanten Islamismus angekommen. Die Dschihadisten im Nahen Osten und Zentralasien sahen sich in einer ähnlichen Situation wie einst die Rechtsextremisten in den USA: Ihre Organisationsstruktur machte sie anfällig für Angriffe und Unterwanderung.

„Al-Qaida-to-go“ und „Do-it-yourself-IS“

 

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001, war Al-Qaida noch stark hierarchisch strukturiert. Osama bin Laden stand an der Spitze der Pyramide. Doch der immer energischere Krieg gegen den Terror zwang die Islamisten dazu, sich zu entorganisieren: Die Hierarchien flachten sich ab. Aus einer internationalen Organisation wurden regionale Bündnisse. Der Corpus einer Großorganisation zerfiel in Zellen, die nicht miteinander verbunden waren. Aus Al-Qaida wurde „Al-Qaida-to-go“. Jetzt wird aus dem Islamischen Staat der „Do-it-yourself-IS“.

So nennt der Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad den gegenwärtigen Dschihad – eine Idee, „die sich jenseits von Strukturen und politischen Zielen verselbständigt hat“. Terrorcamps, aufwändige Rekrutierungen, Reisen? All das brauche der Dschihadist heute nicht mehr, schreibt Abdel-Samad. Stattdessen reicht eine Waffe oder Bombenbauanleitung aus dem Internet und eben eine radikal-islamische Grundvorstellung, die sich beispielsweise mit der von Al-Qaida deckt.

Angst – auch ohne Rudel

 

In den letzten Jahren kam es immer wieder zu vereinzelten Attentaten militanter Islamisten. 2012 griff ein 23-Jähriger eine jüdische Schule in Toulouse an. Die Al-Qaida-nahen „Soldaten des Kalifats“ bekannten sich zu dem Anschlag. 2013 töteten zwei Männer unter dem Ruf „Allah-u Akhbar“ einen britischen Soldaten in London. In diesem Jahr dann das Attentat in Ottawa – und die Geiselnahme in Sydney.

Die weltpolitische Lage ist ein gefundenes Fressen für einsame, islamistische Wölfe. Der australische Geheimdienst hatten gewarnt, dass sich einzelne Person vom Konflikt im Irak und in Syrien inspirieren lassen könnten – und sich damit in „einsame Wölfe“, in Phantomenzellen im „Leaderless Resistance“ verwandeln könnten. Diese Befürchtung hat sich nun bewahrheitet. Wie damit umgehen, ist eine schwierige Frage.

Denn, so schreibt der Rassist Beam, solange die Grundanschauungen und das Gewaltpotenzial, auf die sich die Widerstandsbewegung stützt, existierten, hätte der Staat keine einzige Möglichkeit „einen signifikanten Teil des Widerstandes zu zerstören“.

Zurück bleibt also Ungewissheit. Und Angst. Und genau das ist es, was der Terror dem Wortsinn nach verbreiten will. Dafür braucht er weder Rudel, noch ein Alphatier.

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