Friedlicher Protest in Istanbul - Still stehen für den Frieden

Nach tagelangen gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei ist in Istanbul kurzzeitig etwas Ruhe eingekehrt. Dabei wurde der #duranadam, der stehende Mann, zum Symbol des friedlichen Protestes gegen die repressive Politik von Ministerpräsident Erdoğan

Duran Adam Istanbul
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Julian Graeber hat Sportwissenschaft und Italienisch in Berlin und Perugia studiert.

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Nach den gewalttätigen Auseinandersetzungen der vergangenen Tage blieb es in Istanbul in der Nacht zu Dienstag vergleichsweise ruhig. Doch ein Mann sorgte mit seinem friedlichen Protest für weltweites Aufsehen. Der Performance-Künstler und Tänzer Erdem Gündüz stand etwa sechs Stunden lang regungslos auf dem Taksim Platz. Sein Blick war starr auf das Atatürk-Kulturzentrum gerichtet, an dessen Fassade zwei türkische Flaggen das Porträt des Vaters der modernen Türkei, Mustafa Kemal, flankieren. In den sozialen Netzwerken verbreitete sich der stille Protest unter den Hashtags #duranadam (türkisch: stehender Mann) und #standingman rasend.

Demonstrationen sind auf dem Platz mittlerweile verboten, so wählte Gündüz seine eigene Form des Protestes. Er stand einfach nur da. Die Hände in den Hosentaschen, einen Rucksack auf dem Rücken. Kein Wort, keine Bewegung, aber große Symbolik. Auch eine Durchsuchung durch die Polizei ließ Gündüz schweigend, aber widerstandslos über sich ergehen. Bis tief in die Nacht setzte der duran adam seinen Protest friedlich fort und blieb regungslos in der Nähe der Metro-Station stehen. Ein Journalist der Nachrichtenagentur DHA versuchte vergeblich, Gündüz zu interviewen. Er schwieg weiter. Mittlerweile hatten sich Dutzende dem Protest des duran adam angeschlossen und auch aus anderen Städten kursierten in sozialen Netzwerken zahlreiche Fotos von Unterstützern, die Gündüz‘Aktion imitierten. In Ankara, Stuttgart und New York. Zehn ebenfalls still und friedlich Protestierende, die sich weigerten, den Taksim Platz zu verlassen, wurden von der Polizei abgeführt. Zu Ausschreitungen kam es jedoch nicht.

Gündüz sagte der BBC nach dem Ende seines Protestes in der Nacht, er sei Künstler, es gehe nicht um ihn, sondern um die Idee. „Die Regierung will nicht verstehen, warum die Menschen auf die Straße gehen. Das ist ein stiller Widerstand. Ich glaube, dieses System funktioniert nicht mehr“, erklärte Gündüz. Die Schauspielerin Ruken Demirer, angebliche Mitbewohnerin von Gündüz, sagte der Zeitung Hürriyet, der friedliche Protest werde einen Monat andauern. Auf Facebook und Twitter kursieren bereits mehrere Aufrufe, sich den Protesten anzuschließen. So sollen die Anhänger der Proteste täglich um genau 20 Uhr für fünf Minuten zum duran adam oder zur duran kadın (stehenden Frau) werden, egal wo sie sich befinden.

Dass die seit 20 Tagen andauernden Unruhen in der Türkei damit jedoch ein schnelles Ende finden, ist eher unwahrscheinlich. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan bleibt seiner unnachgiebigen Linie weiter treu und die Protestierenden machen nicht den Anschein, ohne weitreichende Zugeständnisse nachzugeben. Die Lage bleibt angespannt. Erst am Montag hatte Erdoğans Vize Bülent Arinc verkündet, dass im Zweifelsfall auch das Militär gegen die Demonstranten eingesetzt werden würde. Am Dienstagvormittag wurden Dutzende Demonstranten bei landesweiten Razzien festgenommen.

Auch die Polizeistrategie in der Nacht zu Dienstag ist nicht unbedingt ein gutes Zeichen. Zwar kam es nach den bisherigen Informationen nicht zu Gewalt, das lag vor allem aber am friedlichen Protest der stehenden Männer. Zehn von ihnen wurden abgeführt, die rechtliche Grundlage ist sehr fragwürdig. Das Bild des friedlich protestierenden duran adam geht indes um die Welt. In den sozialen Netzwerken fühlen sich zahlreiche Nutzer an Mahatma Ghandi erinnert. Ministerpräsident Erdoğan und seine Sicherheitskräfte sollten sich ein Zitat des indischen Unabhängigkeitskämpfers zu Herzen nehmen: „Wenn du im Recht bist, kannst du dir leisten, die Ruhe zu bewahren, und wenn du im Unrecht bist, kannst du dir nicht leisten, sie zu verlieren.“

 

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