- „Gewisse Meinungsverschiedenheiten”
Neun Länder, darunter Ungarn, Ägypten und Argentinien, haben die Gründungsakte des von Washington forcierten „Friedensrats” unterzeichnet. Frankreich ist nicht dabei, Deutschland und Russland halten sich vorerst zurück. Was bedeutet das für die Region?
Die Vereinigten Staaten führen derzeit weltweit ihre neue Geostrategie ein, deren Schwerpunkt auf Lastenteilung und Lastenverlagerung liegt. Der Nahe Osten ist dabei ihr Testfeld. Hier bemüht sich Washington um ein Machtgleichgewicht zwischen drei wichtigen Verbündeten mit unterschiedlichen Interessen – der Türkei, Israel und Saudi-Arabien – und versucht gleichzeitig, mit dem raschen Niedergang des Iran, seines Hauptgegners in der Region, umzugehen. Für die USA ist das zentrale Thema die Rivalität zwischen Israel, historisch gesehen ihrem fähigsten und zuverlässigsten Sicherheitspartner in der Region, und der Türkei, die sich rasch zum dominierenden Akteur im Nahen Osten entwickelt. Für Israel wiederum ist der Aufstieg der Türkei – nicht zuletzt mit Zustimmung Washingtons – die größte Herausforderung seit dem Friedensschluss mit Ägypten vor fast 50 Jahren.
Strategie der Lastenteilung
Die militärische Reaktion Israels auf den Angriff der Hamas im Oktober 2023 hat die Sicherheitsarchitektur der Region tiefgreifend verändert. Zwei Jahre später waren viele hochrangige Führer der Hamas tot, und die israelischen Streitkräfte kontrollierten den größten Teil des Gazastreifens. Zu diesem Zeitpunkt schlugen die USA im Einklang mit ihrer neuen Strategie der Lastenteilung eine multinationale Friedenstruppe und einen sogenannten Friedensrat vor, der die Verwaltung und den Wiederaufbau des Gazastreifens überwachen sollte. Das entsprechende Gründungsdokument wurde an diesem Donnerstag beim Weltwirtschaftsforum in Davos unterzeichnet; neun Länder, von Ägypten über Argentinien bis hin zu Ungarn und Pakistan, sind bereits dabei. Weitere 14 Staaten, unter anderen Israel und Weißrussland, haben ihre Teilnahme angekündigt. Absagen kamen von Frankreich, Norwegen und Schweden; Deutschland und Russland halten sich vorerst zurück.
Dennoch sind sich die USA und Israel zunehmend uneinig. Zuletzt räumte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am 20. Januar „gewisse Meinungsverschiedenheiten” mit Washington ein und bekräftigte seine Absicht, die Türkei und Katar aus der Friedenstruppe für den Gazastreifen auszuschließen. Am selben Tag führte US-Präsident Donald Trump ein, wie er es nannte, „sehr gutes Telefonat” mit seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan.
Letzter Strohhalm
Eine weitere bedeutende Veränderung in der Region seit Ende 2023 war der plötzliche Zusammenbruch des iranischen Einflussbereichs, der durch die Zerschlagung der Hisbollah durch Israel und den Zusammenbruch des Assad-Regimes in Syrien ausgelöst wurde. Der letzte Strohhalm war der zwölftägige Krieg zwischen Israel und dem Iran im Juni 2025, der die Schwächen des iranischen Regimes offenlegte und maßgeblich zu den Massenunruhen beitrug, die das Land Ende 2025 und bis ins Jahr 2026 hinein erschütterten. Die Zukunft des Regimes hängt nun davon ab, ob es ihm gelingt, die fast ein halbes Jahrhundert andauernden Feindseligkeiten mit den Vereinigten Staaten zu beenden. Zu diesem Zweck appellierte der iranische Außenminister in einem Gastbeitrag im Wall Street Journal vom 20. Januar an Trump, seine Versuche aufzugeben, das Regime mit Gewalt zu stürzen, und der Diplomatie eine weitere Chance zu geben.
Aber noch etwas anderes hat sich in der Region verändert, langsam und weniger dramatisch als die oben genannten Entwicklungen, nämlich der Aufstieg der Türkei zu einem regionalen Akteur. Als einziges Land unter den Nato-Verbündeten Washingtons strebt die Türkei die Vorherrschaft über ihre unmittelbare Nachbarschaft an. Für eine US-Regierung, die bestrebt ist, das globale Risiko Amerikas zu verringern, ist ein solcher Partner von unschätzbarem Wert.
Besorgte Saudis
Kein Land im Nahen Osten ist militärisch besser darauf vorbereitet, Amerikas Initiative zur Lastenteilung anzuführen, als die Türkei. Doch selbst Ankara kann diese Aufgabe nicht alleine bewältigen, weshalb Washington Saudi-Arabien – und dessen enorme finanzielle Ressourcen – um Unterstützung gebeten hat. In einigen Fragen, wie beispielsweise der Unterstützung der neuen Regierung Syriens, scheinen die Türkei und Saudi-Arabien zunehmend auf einer Linie zu liegen, aber es ist keine perfekte Verbindung. Die Saudis, die selbst nur über geringe militärische Kapazitäten verfügen, sind besorgt, dass die Türken zu viel Einfluss in der arabischen Welt gewinnen könnten, und haben daher im vergangenen September ein strategisches gegenseitiges Verteidigungsabkommen mit Pakistan geschlossen – ein Schritt, der den strategischen Zielen der USA sehr entgegenkommt.
Es gibt noch weitere kleinere Konfliktlinien, darunter die Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, die sich aufgrund von Differenzen in Bezug auf den Jemen und unvereinbaren Visionen für die Region verschlechtert haben, sowie wichtige Akteure, die noch am Rande stehen, etwa Katar, das eine ganz eigene Haltung zur regionalen Sicherheit vertritt und der Türkei näher steht als jedes andere Land in der Region. Aber wenn man nach dem neuen Friedensrat geht, sind die arabischen und muslimischen Länder der Welt bereit, zusammenzuarbeiten, um das Nachkriegs-Gaza und damit auch die palästinensische Frage im weiteren Sinne zu regeln.
Für Israel stellt dieser sich abzeichnende Ansatz zur regionalen Sicherheit jedoch eine neue Herausforderung dar. Seit Jahrzehnten ist Israel der zuverlässigste Partner der Vereinigten Staaten in der Region. Zwar ist die Türkei das einzige Nato-Mitglied in der Region, doch beschränkten sich ihre Interessen während des Kalten Krieges weitgehend auf die Bekämpfung des kurdischen Separatismus. Die Mitgliedschaft in der transatlantischen Allianz spiegelte eher die westlich orientierte Strategie Ankaras und dessen Bestreben wider, der damals entstehenden Europäischen Union beizutreten, als gemeinsame Interessen mit Washington.
Neue Herausforderung für Israel
Ägypten war der einzige arabische Staat, der eine direkte Bedrohung für die Sicherheit Israels darstellte, eine Dynamik, die nach dem Krieg von 1973 endete und fünf Jahre später in der Normalisierung der Beziehungen gipfelte. Danach war Israel keiner nennenswerten Bedrohung durch arabische Staaten mehr ausgesetzt. Mit dem Aufstieg des Islamismus und der Unterstützung antiisraelischer Gruppen durch Teheran verlagerte sich die Hauptbedrohung auf nichtstaatliche Akteure, während der Status des Iran als wichtiger Gegner der USA dazu beitrug, das Risiko einzudämmen, das er direkt für Israel darstellen könnte. Der Erfolg Israels bei der Neutralisierung der iranischen Bedrohung hat die strategische Landschaft neu gestaltet, insbesondere entlang seiner Nordflanke.
Nun sind die Dinge komplizierter geworden. Mit dem Friedensrat ist Israels Fähigkeit, Gaza seinen Willen aufzuzwingen, in Gefahr. An anderer Stelle hat die Stärkung der sunnitischen Mehrheit Syriens unter einer islamistischen Regierung – unterstützt von der Türkei und den Vereinigten Staaten – eine neue strategische Herausforderung für Israel geschaffen. Nicht nur, dass sein historischer Verbündeter über Israel hinaus nach Hilfe für die regionale Sicherheit sucht, sondern Israel hat zum ersten Mal auch die Türkei vor seiner Haustür. In der vergangenen Woche haben syrische Regierungstruppen Gebiete von kurdischen Kräften im Osten Syriens erobert und damit die Interessen der Türkei im Kampf gegen den kurdischen Separatismus gefördert. Israel hat dem Vormarsch der Türkei entgegengewirkt, indem es beispielsweise weit über die Golanhöhen im Südwesten Syriens hinaus eine Vorwärtsoperationsbasis eingerichtet hat, bevor das Assad-Regime im Dezember 2024 zusammenbrach. Es hat auch versucht, seine Beziehungen zur drusischen Minderheit in Syrien zu nutzen, um den türkischen Einfluss einzudämmen.
Breites Netzwerk von Akteuren
Es liegt nicht im Interesse der Türkei, sich mit Israel anzulegen. Als die Spannungen um Syrien zu eskalieren drohten, beteiligte sich die Türkei gern an den Verhandlungen, die von Aserbaidschan, einem engen Verbündeten beider Seiten, vermittelt wurden. Ebenso hat Ankara die neue syrische Regierung ermutigt, eigene Gespräche mit Israel unter Vermittlung Washingtons zu führen. Die Bemühungen der Türkei, ihren Einflussbereich in der Region und im weiteren westasiatischen Raum wiederherzustellen, stehen jedoch im Widerspruch zu den nationalen Sicherheitsinteressen Israels. Aus diesem Grund hat sich Israel so vehement gegen eine Beteiligung der Türkei an der internationalen Stabilisierungstruppe für den Gazastreifen ausgesprochen.
Die Strategie der USA im Nahen Osten unterliegt derzeit einer tiefgreifenden Neuausrichtung. Tatsächlich vollzieht Washington einen Übergang von einem bilateralen, auf Israel ausgerichteten Sicherheitsrahmen zu einem eher multilateralen, partnerschaftlich orientierten Ansatz. Es baut ein breiteres Netzwerk von Akteuren auf – darunter die Türkei, Saudi-Arabien und andere regionale und außerregionale Staaten –, um die Lasten und Einflussmöglichkeiten zu teilen. Doch auch wenn diese sich abzeichnende Architektur das direkte Engagement der USA in regionalen Krisen begrenzt, legt sie gleichzeitig den Grundstein für künftige Konflikte in der Region.

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Die Lösung des Palästinenserproblems wird mit keiner Silbe erwähnt, und aufgrund der Siedlungen im Westjordanland ist eine Zwei-Staaten-Lösung illusorisch. Spätestens nach dem nicht eingelösten Hilfeversprechen an die iranische Opposition und der nicht stattgefundenen Entwaffnung der Hamas wird ein "Friedensrat" ähnlich wirkungsvoll agieren wie die UNO.
Friedensnobelpreis..., das darf man nicht vergessen... ...
/😉
Genauso wird es sein. Auch Herr Trump kocht nur mit Wasser, auch wenn er es vorher mit Champagner verfeinert hat. Donald ist der perfekte Showmaster. Und sein Handeln ist das eines Immobilienmoguls. 150% fordern, um 100 % zu kriegen. Wer kennt das nicht. Nur die strunzdummen Europäer fallen immer wieder darauf herein. Die Frage ist, wie hätte Frankreich auf Donalds Offerte reagiert, wenn es von Marine Le Pen geführt worden wäre. Oder hätte der wachsgelbe Perückenträger in diesem Falle gar nichts geboten? Mich amüsiert das Ganze nur noch, vor allem das deutsche Puppentheater mit Suppenkasper Lanz & Konsorten. Es ist eh schon alles eingetütet: Old Trump bekommt Grönland, Onkel XI kriegt Taiwan und Putin die Ukraine + die anderen Sowjetrepubliken. Und alle sind zufrieden. Krieg wird es nicht geben. Außer ein paar Europäer spielen verrückt. Doch die nimmt keiner mehr ernst. Bin bloß gespannt, wann und wie die Ursula entthront werden wird? A usual Business as every Year.
Genauso wird es sein. Auch Herr Trump kocht nur mit Wasser, auch wenn er es vorher mit Champagner verfeinert hat. Donald ist der perfekte Showmaster. Und sein Handeln ist das eines Immobilienmoguls. 150% fordern, um 100 % zu kriegen. Wer kennt das nicht. Nur die strunzdummen Europäer fallen immer wieder darauf herein. Die Frage ist, wie hätte Frankreich auf Donalds Offerte reagiert, wenn es von Marine Le Pen geführt worden wäre. Oder hätte der wachsgelbe Perückenträger in diesem Falle gar nichts geboten? Mich amüsiert das Ganze nur noch, vor allem das deutsche Puppentheater mit Suppenkasper Lanz & Konsorten. Es ist eh schon alles eingetütet: Old Trump bekommt Grönland, Onkel XI kriegt Taiwan und Putin die Ukraine + die anderen Sowjetrepubliken. Und alle sind zufrieden. Krieg wird es nicht geben. Außer ein paar Europäer spielen verrückt. Doch die nimmt keiner mehr ernst. Bin bloß gespannt, wann und wie die Ursula entthront werden wird? A usual Business as every Year.
im nahen Osten -- ich glaub's erst, wenn ich es 'sehe'... ... Wir, Deutschland, müssen da jetzt nicht dabei sein, mMn.
Da schauen wir dann in 5-10 Jahren noch mal drauf..., wäre mein Vorschlag.
Und wen läßt der ÖRR dagegen reden ? Berbock das deutsche Schwergewicht der UN 🙈
Mit freundlichen Gruß aus der Erfurter Republik
