Mursi-Anhängerinnen in Ägypten
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Frauen in Ägypten - Im Teufelskreis der Traditionen

Vor genau drei Jahren stürzten die Ägypter Präsident Mubarak. In vorderster Front dabei: Die Frauen des Landes. Ob bei Protesten oder Wahlen, Ägypterinnen haben eine Stimme und nutzen sie. Doch es gibt noch immer gesellschaftliche Widerstände

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Katharina Pfannkuch studierte Islamwissenschaft und Arabistik in Kiel, Leipzig, Dubai und Tunis. Sie veröffentlichte zwei Bücher über das islamische Finanzwesen und arbeitet seit 2012 als freie Journalistin. Neben Cicero Online schreibt sie u.a. auch für Die Welt, Deutsche Welle und Zeit Online.

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Mona Prince ist begeistert: „Wie die Frauen tanzen und singen! Das ist nicht nur Ausdruck von Freude und Freiheit, sondern auch der Bruch eines Tabus: Frauen tanzen in der Öffentlichkeit, um ein politisches Ereignis zu feiern. Das gab es in Ägypten noch nie“. Die Euphorie der Schriftstellerin Prince ist einem kurzen Video geschuldet, das sich in rasantem Tempo im Internet verbreitet. Zu sehen ist eine verschleierte Ägypterin, die tanzend ein Wahllokal verlässt. Gerade hat sie ihre Stimme im Referendum über die neue Verfassung des Landes abgegeben. Die umstehenden Frauen – viele mit, einige ohne Kopftuch – klatschen rhythmisch und singen, die Stimmung  ist ausgelassen. Mit 98,1 % stimmten rund 40 % der Wahlberechtigen für die Verfassung, die unter der aktuellen Militärführung entstand und als Gegenentwurf zu jener Verfassung gilt, die Mohamed Mursi 2012 trotz heftiger Proteste durchsetzte. Viele Ägypterinnen wehrten sich damals gegen den Versuch der Muslimbrüder, ihre Freiheiten zu beschränken.

Befürworter der neuen Verfassung loben, dass diese Frauenrechte stärke. „Der Staat verpflichtet sich, Gleichheit zwischen Frauen und Männern zu erreichen“, heißt es in Artikel 11. Schutz vor jeglicher Form von Gewalt gegen Frauen findet ebenso Erwähnung wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Im Vorlauf des Referendums mobilisierte das Militär dann auch vor allem weibliche Wählerstimmen. „Frauen drücken so ihre Ablehnung der konservativen Meinungen islamischer Scheichs aus, die sie unterdrücken wollen“, sagt Mona Prince. Die 43-Jährige mit der wilden Lockenmähne, die auch als Dozentin an der Suez-Universität arbeitet, erlebte dies 2013 am eigenen Leib.

In einer Diskussion mit Studenten über islamische Konfessionen in Ägypten kritisierte Prince konservative islamische Kräfte – es folgte eine Klage. Prince habe den Islam beleidigt, so der Vorwurf. Monatelang durfte sie nicht lehren. Doch sie wehrte sich und gewann den Prozess. Prince ist Kritik gewohnt: In ihren Büchern beschreibt sie mit klaren Worten Liebe und Sexualität. Damit eckt sie vor allem bei männlichen Lesern an. „Frauen mögen es, wie ich über Tabuthemen schreibe, Männer sind oft peinlich berührt“, lächelt sie. Nicht nur beim Schreiben beweist Prince Mut. 2013, noch unter der Herrschaft der Muslimbrüder, kündigte sie ihre Präsidentschaftskandidatur an – auch wenn damals noch gar kein Zeitpunkt für Wahlen feststand. Prince ist optimistisch: „Frauen sind in der Politik noch unterrepräsentiert, doch das wird sich ändern“.

Freiheit mit Grenzen
 

Das hofft auch die Journalistin Nadine El-Sayed: „Vielleicht tritt schon bei den nächsten Wahlen eine starke Kandidatin an“. Sie ist überzeugt, dass die aktive Rolle von Frauen seit 2011 vieles am Nil veränderte. „Für junge Mädchen ist es wichtig und inspirierend, starke Frauen in der Öffentlichkeit zu sehen“. Viele Familien seien nach anfänglicher Sorge heute stolz auf ihre Töchter, wenn diese sich für politische Ziele engagieren, meint El-Sayed. Selbst den Versuchen der Muslimbrüder, Frauenrechte zu beschränken und die Ägypterinnen aus dem öffentlichen Raum zu vertreiben, kann die 28-Jährige Gutes abgewinnen: „Viele, die sich zuvor nie für die Rechte von Frauen interessierten, erhoben ihre Stimme“.

El-Sayed ist eine modebewusste junge Frau – neben ihrer Arbeit für ägyptische Zeitungen betreibt sie mit zwei Kolleginnen das äußerst erfolgreiche Lifestyle-Blog 19TwentyThree. Leicht und unbeschwert geht es hier um Reisen, Mode und Ernährung. Wie frei und unbeschwert fühlt sie sich tatsächlich im ägyptischen Alltag, drei Jahre nach der Revolution? „Man ist so frei, wie man es sich selbst zugesteht. Irgendjemand versucht immer, dich zu kontrollieren. Aber es gibt die Wahl. Man kann seine Freiheiten einfordern, oder kampflos aufgeben“, so El-Sayed. Bei allem Optimismus stößt aber auch El-Sayed in der ägyptischen Hauptstadt an Grenzen: „Natürlich kann ich nicht in einem schulterfreien Minikleid durch Kairos Zentrum spazieren. Doch das hält mich nicht davon ab, meinen Weg zu gehen, meinen Job gut zu machen und meinen eigenen Überzeugungen zu folgen“.

Die Revolution der Frauen ist ein langer und steiniger Weg
 

Das sieht die praktizierende Muslimin Fatma El-Zahraa anders. Die 27-Jährige macht ihrem Ärger deutlich Luft: „Wie kann ich mich frei fühlen, wenn ich jeden Morgen genau darauf achten muss, ein Outfit zu wählen, in dem ich nicht von Männern belästigt werde, sobald ich das Haus verlasse?“ El-Zahraa trägt Kopftuch und stets lange Röcke, ihr Hals und die Handgelenke sind immer bedeckt. Und doch fühlt sie sich ständig beobachtet und bewertet, sagt sie. Die Enge der ägyptischen Gesellschaft wird der Englischlehrerin umso schmerzlicher bewusst, seit sie dank eines Stipendiums ein Jahr lang in den USA lebte. Die Rückkehr fiel ihr schwer. Zwar seien die Ägypterinnen heute mutiger und versuchen, sich weniger von der ständigen Kontrolle durch ihr Umfeld beeinträchtigen zu lassen, erzählt El-Zahraa, die 2011 auf dem Tahrir-Platz protestierte und tagelang in einem der improvisierten Lazarette half. Sie spricht gar von einer „Revolution der Frauen“, die damals begann – und die noch im Gange ist. Denn die kulturellen und sozialen Normen der ägyptischen Gesellschaft lassen sich nur langsam aufbrechen.

El-Zahraa weiß, wovon sie spricht: „Wenn du mit 26 noch immer nicht verheiratet bist, denken die Menschen, dass mit dir etwas nicht stimmt. Eine verheiratete Mutter gilt als erfolgreicher als eine unabhängige Frau, die eigenes Geld verdient und einen guten Job hat“. Auch in der neuen Verfassung darf der Hinweis auf die „Pflichten einer Frau gegenüber ihrer Familie“ nicht fehlen. Doch dem gesellschaftlichen Druck beugen will sich El-Zahraa nicht. „Ich möchte nicht heiraten, weil die Gesellschaft es von mir erwartet, sondern weil ich dem richtigen Mann begegne. Einem, der mich als gleichwertig betrachtet“. Das Problem liegt für sie auf der Hand: „Viele Männer haben Angst vor starken Ägypterinnen, die in immer mehr Bereichen auf sich aufmerksam machen“.

Mädchen lernen, dass sie daran schuld sind, wenn Männer sie belästigen
 

Mit dieser Vermutung ist Fatma El-Zahraa nicht allein. Auch die Universitäts-Dozentin Basma Hamdy ist überzeugt, dass sich viele ägyptische Männer von starken Frauen bedroht fühlen. „Diese Minderwertigkeitskomplexe gibt es überraschenderweise auch oft in gebildeten Schichten“,  so Hamdy, deren Bilanz drei Jahre nach der Revolution nüchtern ausfällt. „Für Ägypterinnen hat sich kaum etwas verbessert“. Die Euphorie, die im Januar 2011 vom Tahrir-Platz aus die Welt ergriff, bezeichnet die 37-jährige Hamdy heute als „utopischen Traum“, auf den ein böses Erwachen folgte: Aufgrund des Machtvakuums nach Mubaraks Sturz habe sexuelle Belästigung zugenommen.

Zwar gebe es Beispiele von Aktivistinnen, die zu Hoffnungsträgerinnen wurden. Samira Ibrahim etwa ging 2011 juristisch gegen die vom Militär durchgeführten „Jungfrauentests“ vor, Mona Seif erlangte mit ihrem Kampf gegen die erste militärische Übergangsregierung 2011 Aufmerksamkeit. Doch für Hamdy bleiben dies Ausnahmen. „Das Problem liegt nicht nur bei den Männern, sondern auch bei den Frauen selbst“. Die Ägypterinnen seien in einem Teufelskreis aus Traditionen gefangen, meint Hamdy: „Eine eher ungebildete Mutter erzieht ihre Töchter und Söhne gemäß diesen Traditionen. Sie lässt ihre Tochter beschneiden, in dem Glauben, sie damit zu schützen. Sie erzieht ihre Tochter dazu, sich für ihren Körper zu schämen und sich selbst als Objekt männlicher Begierde zu sehen. Bevor ein Mädchen lesen und schreiben kann, lernt es, den eigenen Körper als sündenhaft anzusehen und dass sie daran schuld ist, wenn ein Mann sie belästigt“.

Auch dem männlichen ägyptischen Nachwuchs werden derartige Rollenbilder noch oft mit auf den Weg gegeben. Das Ergebnis sei jeden Tag auf den Straßen Ägyptens zu spüren, sagt Hamdy: „Ich bewege mich wie ein Tier im Dschungel, ständig bereit, den nächsten Angriff abzuwehren“. Als Autorin betreute sie das erfolgreiche Dokumentationsprojekt über Streetart und Graffiti in der ägyptischen Revolution „Walls of Freedom“. Doch die Freiheit der ägyptischen Frau scheint ihr noch weit entfernt: „Solange wir kein Bildungssystem haben, das die negativen Stereotype über Frauen aufbricht und auch weniger privilegierten Müttern hilft, ihre Töchter und Söhne anders zu erziehen, wird sich in Ägypten nichts ändern. Selbst wenn wir noch tausend Revolutionen erleben“.

 

 

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