Wahlkampfendspurt in Frankreich - François Bayrou – der Königsmacher

Frankreich ist bereit für den Kampf der großen Zwei: Nicolas Sarkozy und François Hollande gehen aller Voraussicht nach in die Stichwahl. Dann wird es vor allem darauf ankommen, welche Wahlempfehlungen die Kandidaten der kleinen Parteien geben werden. Sie sind das Zünglein an der Waage

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(picture alliance) François Bayrou – Ist er der Königsmacher

„Ganz ehrlich? Es wird Zeit, dass dieser Wahlkampf vorbei geht!“ Von diesem Gefühl zeugen auch die Augenringe in den Gesichtern der Jeunes Démocrates, der Jugendorganisation der Zentrumspartei MoDem. Seit Wochen führen sie einen scheinbar aussichtslosen Kampf um den Einzug ihres Kandidaten François Bayrou in den zweiten Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahlen am kommenden Sonntag. Sie verteilen Flyer an U-Bahnausgängen und auf Märkten, besuchen Fabriken und Diskotheken. Auch die anderen Parteien haben den Wahlkampfendspurt eingeläutet, ganz Paris ist mit Postern und Aufklebern der unterschiedlichen Parteien übersät, die letzten großen Wahlkampfmeetings finden statt.

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Das politische Zentrum gilt in Frankreich häufig als so etwas, wie das Zünglein an der Waage. Wenn sich im zweiten Wahlgang die Kandidaten des rechten und linken Lagers gegenüberstehen und sich gegen eine Kooperation mit den jeweiligen extremen Rändern entscheiden, dann können es die Stimmen der zehn bis fünfzehn Prozent Zentrumswähler werden, die über den endgültigen Wahlausgang entschieden. Nur: Bislang hat sich der Spitzenkandidat nicht positioniert, noch kämpft er selbst um den Einzug in die zweite Runde.

Eigentlich, so suggerieren es einige Umfragen, dürfte dies kein Problem für ihn sein, denn der gemäßigte Bayrou ist einer der beliebtesten Politiker in Frankreich. Zwei Drittel aller Franzosen könnten sich vorstellen, ihn als Präsidenten zu haben. Nur sagen genau die gleichen Umfragen bezüglich der Wahlabsichten etwas völlig anderes. Nach einem Hoch im Januar (14 Prozent) stellte sich für die Zentrumspartei nicht die erhoffte Dynamik ein, sie stagnierte um die zehn Prozent. Vielmehr stiegen die Umfragewerte des linksradikalen Kandidaten Jean-Luc Mélenchon und die der rechtsradikalen Marine Le Pen blieben stabil. Der „candidat sortant“, also der amtierende Präsident Nicolas Sarkozy und sein sozialistischer Gegner Francois Hollande liefern sich zumindest im Hinblick auf den ersten Wahlgang mit sichtbarem Abstand zu ihren Konkurrenten ein Kopf-an-Kopf- Rennen.

Umfragen, Medien und Kommentatoren waren sich sowieso schon sehr früh über den Ausgang des ersten Wahlgangs einig: Im zweiten Wahlgang werden die Vertreter der klassischen Lager antreten, die Kandidaten der kleineren Parteien werden trotz Umfragewerten bis zu 20 Prozent und einer erstaunlichen Dynamik besonders bei der radikalen Linken nur Statistenrollen spielen. Auch die letzten Umfragen belegen diese Tendenz.

Die "stille Mehrheit" wird die Wahl entscheiden..

Gleichzeitig ist aber auch zu beobachten, dass sich auch drei Tage vor den Wahlen fast ein Viertel der Franzosen noch nicht festgelegt hat. Dies ist in einem Land, das von jeher durch feste Lagerzugehörigkeiten geprägt war, eine überraschend hohe Zahl. Schließlich ist zu vermuten, dass gerade die von den amtierenden Eliten Enttäuschten, die Globalisierungsverlierer und Ängstlichen ihre Stimmen – so sie denn überhaupt wählen – den extremen Parteien auf der rechten und linken Seite geben werden.

Unentschieden sind aber noch einige strategisch denkende, hoch qualifizierte Wähler, die möglicherweise mit einer extremen oder zentristischen Alternative liebäugeln. Ihnen dürften die Wahlen von 2002 eine Lehre gewesen sein, als die große Anzahl der Kandidaten zu einer Zersplitterung der Stimmen und damit letztlich zum Einzug des rechtsextremen Kandidaten Jean-Marie Le Pen in den zweiten Wahlgang geführt hatte. Daher wird der so genannte „vote utile“, also das strategische, nützliche Wählen 2012 besonders wichtig werden. Um eine Situation wie 2002 zu verhindern, werden viele Wähler ihre Stimmen den Kandidaten der großen Lagerparteien geben.

In Anbetracht dieser Heerscharen potentiell freier Wähler ist die Mobilisierung in den letzten Tagen besonders intensiv. Hollande und Sarkozy versuchen die Unentschiedenen und radikal Wählenden aus ihren Lager auf den letzten Metern noch für sich zu gewinnen, die Kandidaten der kleineren Parteien versuchen Signale für die Zukunft, besonders die im Juni anstehenden Wahlen zur Nationalversammlung, zu setzen. Sie betonen den Einfluss, den sie bereits im Wahlkampf durch das Setzen von Themen, gewonnen haben.

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Und obwohl Bayrou 2007 ganz am Schluss noch viele der Unentschiedenen für sich gewinnen konnte (ein Drittel der 2007 bis zuletzt unentschiedenen Wähler hatten ihm ihre Stimme gegeben), stehen die Chancen dieses Jahr für ihn schlechter. Während man im Zentrum 2007 noch davon profitierte, dass die Kandidatin der sozialistischen Linken, Ségolène Royal, viele linke Wähler abschreckte und als inkompetent galt, hat die PS dieses Jahr mit Hollande einen ernstzunehmenden Kandidaten, der sich im Laufe des letzten halben Jahres ein beachtliches Image aufbauen konnte und zudem als gemäßigter Sozialdemokrat in der eigenen Partei gilt. Auf die moderaten Linken braucht das Zentrum dieses Jahr daher nicht mehr zu hoffen. Eine Chance für das Zentrum könnte sein, dass mit dem Hardliner Sarkozy auf der anderen Seite auch dieses Jahr ein Kandidat antritt, der für gemäßigte Konservative unwählbar erscheint. Seine Bilanz als Präsident erscheint vielen seiner ehemaligen Wähler zudem verheerend; ein Teil wird sich von ihm abwenden.

Es scheint also, als sei der erste Wahlgang bereits entschieden. Vieles spricht dafür, dass François Hollande und Nicolas Sarkozy am 6. Mai in der Stichwahl gegeneinander antreten werden. Ob es Sarkozy, der in Umfragen für diese Stichwahl bis zu 10 Prozent hinter Hollande liegt, gelingen wird, die von ihm häufig beschworene „majorité silencieuse“, also die stille Mehrheit, die er hinter sich vermutet, zu mobilisieren, erscheint gerade im Hinblick auf die Enttäuschung, die er ausgelöst hat, fraglich. Obgleich er als begnadeter Wahlkämpfer bekannt ist, wird es für ihn schwierig, das schon seit Wochen und Monaten herbei geschriebene Endergebnisse noch umzuwerfen. Hollande jedenfalls schwimmt seit den offenen Vorwahlen seiner Partei im Sommer letzten Jahres auf einer Euphoriewelle, deren Ende nur schwer vorstellbar ist.

Indes bleibt abzuwarten, welche Wahlempfehlungen die Kandidatinnen und Kandidaten der kleinen Parteien abgeben werden. Denn ungefähr die Hälfte aller Stimmen wird nach dem ersten Wahlgang neu verteilt. Da die Lager auf der rechten und linken Seite rechnerisch ungefähr gleich groß sind, werden auch dieses Mal wieder die Anhänger des Zentrums zum Königsmacher werden.

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