Intellektuellenfamilie im Widerstand - Die Manns von Ägypten

Sie sind Anwälte, Professoren, Autoren. Sie organisieren regelmäßig Protestaktionen. Die Familie um die Kairoer Regimekritikerin Leila Soueif hat viele Opfer gebracht: Zwei Kinder sitzen im Gefängnis, der Ehemann starb nach jahrezehntelangem Freiheitskampf. Das Schicksal dieser Familie zeigt, wie sich die Menschenrechte in Ägypten zunehmend verschlechtern

Menschenrechtlerin Leila Soueif umarmt ihren Sohn, den regimekritischen Blogger Alaa Abdelfattah
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Elisabeth Lehmann ist freie Journalistin in Kairo.

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Leila Soueif, 59, Mathematikprofessorin in Kairo, empfängt in ihrer Wohnstube. Es gibt Tee. Draußen im Flur hängen Fotos ihrer Familienmitglieder: Buchautoren, Blogger, Menschenrechtsanwälte, Regimekritiker. Auf dem Tisch liegt ein Flugblatt, das zwei ihrer Kinder zeigt – Sohn Alaa (33) und Tochter Sanaa (21). Daneben steht: „Eine grausame Justiz hat sie uns genommen.“ Die beiden wurden verhaftet, weil sie gegen das Demonstrationsgesetz verstießen. Soueif klammert sich während unseres Interviews immer wieder an ihr Handy. Wartet sie auf eine Nachricht ihrer Kinder? Ihr Gesicht ist von tiefen Falten gezeichnet, ein Hungerstreik hat sie ausgezehrt. Sie ist schon als Jugendliche auf Demonstrationen gegangen. Ihre Mutter habe sie immer zurückhalten wollen. Das hätten sie und ihr Ehemann, der berühmte Menschenrechtsanwalt Ahmed Seif, von ihren eigenen Kindern nie zu fordern gewagt. Während der Revolution im Januar 2011 führte die Familie das Lager der säkularen Demonstranten an.

 

Frau Soueif, Alaa und Sanaa sind im Moment im Gefängnis. Alaa nicht das erste Mal. Bereuen Sie die Opfer, die Sie und ihre Familie bringen, indem sie immer in Opposition zu den ägyptischen Regimen stehen?
Leila Soueif: Nein. Wenn du in einem Land lebst, in dem es so viel Unterdrückung und Ungerechtigkeit gibt und du nicht versuchst, Widerstand zu leisten, selbst wenn du weißt, dass du im Endeffekt nicht viel erreichen wirst, leidest du immens unter dieser Erniedrigung. Das ist der Lebensweg, den du selbst gewählt hast. Und wenn du versuchst, das zu ändern, dann wirst du zerbrechen. Du wirst ein anderer Mensch. Du wirst dich nicht wiedererkennen.

Kairo, der 11. Juni 2014. Wir sind mit Sohn Alaa Abdelfattah zum Interview verabredet, in Tora, einem Hochsicherheitsgefängnis im Süden Kairos. Hier soll heute der Prozess gegen den regimekritischen Blogger stattfinden. Es heißt, der Richter sei noch nicht da, wir sollen vor dem Gebäude warten. Nach etwa zehn Minuten bekommt Abdelfattah einen Anruf von seinem Vater und Anwalt, Ahmed Seif. Das Urteil sei soeben gefallen, in Abwesenheit: 15 Jahre Haft. Keine zwei Minuten später steht ein Polizist in Zivil neben uns, nimmt Abdelfattah Handy und Ausweis weg und führt ihn ab.

„Kämpfe für das, was Du für richtig hältst. Koste es, was es wolle.“ Ist es das, was Sie auch Ihren Kindern weitergegeben haben?
Ja, denn auch meine Kinder sind der Ungerechtigkeit ausgesetzt, und jetzt auch noch der Verfolgung durch den Staat. Aber das betrifft ja nicht nur meine Kinder. Die Ägypter leiden unter Armut, nicht vorhandener Justiz, schlechter Bildung. Der Staatsapparat ist kaputt. Es gibt keine medizinische Versorgung. Die Schwachen werden diskriminiert. Egal, ob es um religiöse Minderheiten geht oder Behinderte. Mein Sohn und meine Tochter spüren diese Ungerechtigkeit. Aber sie fühlen sich nicht machtlos: Sie haben sich ihren Weg selbst gewählt.

21. Juni. Schwester Sanaa geht gegen die Verhaftung ihres Bruders Abdelfattah und weiterer Aktivisten auf die Straße. Damit verstößt sie gegen das restriktive Demonstrationsgesetz. Polizisten stürmen die Versammlung. Sie nehmen Sanaa und mehr als 30 Unterstützer fest. Mutter Leila sagt, seitdem die Tochter weg ist, sei es ruhig zu Hause geworden. Sanaas Lebendigkeit und Fröhlichkeit hätten ihr den Alltag rosiger gemacht.

Was hat sich vier Jahre nach der Revolution verändert?
Weitaus mehr Menschen befassen sich heute mit öffentlichen Angelegenheiten. Das ist ein reales Ergebnis der Januar-Revolution. Das kann niemand wieder abschaffen. Egal, wie groß die Repression durch den Staat ist.

Und wie steht es heute um die Grundrechte und Freiheiten in Ägypten?
Richtig übel. Es gibt viele politische Häftlinge. Die meisten werden festgehalten ohne wirklichen Prozess und auf Grund von hohlen Beschuldigungen. Vor 2011 waren wir daran gewöhnt, dass Polizei und Staatsanwaltschaft gegen das Gesetz verstoßen können. Aber dass die Gerichte so handeln, das hatten wir nicht erwartet. Im Gegenteil: Wir hatten gehofft, dass die Justiz eines unserer Mittel sein wird, Gerechtigkeit herzustellen. Aber leider ist die Justiz zu einem Herrschaftsinstrument geworden.

Juni bis August. Alaa Abdelfattahs Haftbedingungen sind von Willkür bestimmt. Die Gefängnisleitung entscheidet, wann und wie lange er Besucher empfangen oder auf dem Hof spazieren darf. Die Zellen sind überfüllt. Anhörungen vor Gericht werden teils wenige Stunden vor Beginn der Verhandlung verschoben. Finden sie doch statt, ist die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Dann stehen Abdelfattah und die anderen Angeklagten in Glaskäfigen, was eine Interaktion zwischen Anwalt, Gericht und Angeklagten unmöglich macht. Als Abdelfattah erfährt, dass sein Vater nach einer offenen Herzoperation im Koma liegt, tritt er in einen Hungerstreik. Mutter Leila unterstützt ihn dabei. Sie erreichen, dass er und seine Schwester Sanaa ihren Vater noch einmal im Krankenhaus besuchen dürfen.

2012 ist mit Mohammed Mursi ein Muslimbruder an die Macht gekommen. Welchen Anteil haben die Muslimbrüder am Scheitern der Revolution?
Ich hatte immer Angst vor einer Herrschaft der Muslimbrüder. Das schlimmste Szenario wäre etwas wie die iranische Revolution gewesen. Oder dass sich die Islamisten gegen uns, also die zivilen Kräfte wenden. Dann dachte ich, dass das Risiko sich lohnt, einen neuen Weg zu gehen, dass Ägypten sich ein bisschen entwickelt. Aber die Muslimbrüder haben während ihrer Herrschaft keine einzige Polizeistation, Schule und kein einziges Krankenhaus in Stand gesetzt. Sie haben das Land so schlecht gemanagt, dass das Militär sie im Sommer 2013 einfach schlucken konnte.

27. August. Familienvater Ahmed Seif wacht aus seinem Koma nicht mehr auf. Er stirbt im Alter von 63 Jahren. Seine Kinder Alaa und Sanaa sind zu diesem Zeitpunkt im Gefängnis. Alaa erfährt vom Tod seines Vaters aus dem Radio. Ahmed Seif hatte sein Leben lang für die Demokratie in Ägypten gekämpft. Schon 1983 – zwei Jahre nach Amtsantritt des Diktators Mubarak – war er zum ersten Mal inhaftiert worden.

Der frühere Feldmarschall Abdel Fattah Al Sisi ist nun also seit Juni 2014 Präsident. Das Militär hat wieder die Macht in Ägypten. Wünschten Sie, die Islamisten hätten sich besser angestellt?
Ihr Traum von der Revolution in Ägypten war ein anderer als unserer. Sie träumten von einer anderen Gesellschaft als wir. Ihre Vorstellung, wie das Land regiert werden soll, war vielleicht auch autoritär, aber nicht in dem Ausmaß wie jetzt unter dem Militär. Im Prinzip denke ich, dass die Islamisten Opportunisten und Verlierer sind. Sie haben es nicht geschafft, die Chance zu ergreifen. Schön wäre es gewesen, wenn sie Opportunisten mit ein bisschen Intelligenz gewesen wären – um sie nicht dumm zu nennen.

15. September. Alaa Abdelfattah erringt einen Etappensieg: Der Richter tritt vom Prozess zurück, Abdelfattah und 24 weitere Angeklagte kommen auf Kaution frei. Doch die Freiheit währt nicht lange. Am 27. Oktober ordnet ein Gericht die erneute Inhaftierung der 25 Aktivisten an. Sie seien eine Gefahr für die nationale Sicherheit.

Die Mehrheit der Ägypter steht hinter der aktuellen Regierung. Die Menschen erhoffen sich von ihr, dass Ägypten wieder stark wird.
Bis zu dieser Stunde habe ich keine ernsthaften Versuche gesehen, eine richtige Reform anzustoßen. Es scheint, dass die aktuellen Machthaber unfähig sind, die Lage zu verbessern. Nicht weil sie keine Reformen wollen, sondern weil ihre Entscheidungen schlecht sind.

Welche Entscheidungen zum Beispiel?
Die Machthaber in Ägypten haben beschlossen, an der Seite der Reichen zu stehen und sie zu umgarnen. Sie haben sich entschieden, Schlüsselpositionen in die Hände von Militäroffizieren zu legen. Außerdem haben sie beschlossen, sich gegen die Jugend zu stellen.

Dezember. Sanaa sitzt seit fünf Monaten im Frauengefängnis Qanat, einem Stadtteil von Kairo. In diesem Monat wird das Urteil gefällt: zwei Jahre Haft mit anschließender Überwachung durch den Staat.

Was meinen Sie, wie die nahe Zukunft aussehen wird?
Es gibt nur zwei Optionen. Erstens: Dass die Machthaber das Ausmaß der Gefahr wahrnehmen und von diesem übertriebenen Konfrontationskurs abrücken. Dass sie eine ähnliche Politik wie die von Mubarak wählen. Der hat immer einige Freiräume und Freiheiten in Spannungszeiten gewährt und hat etwas lockergelassen. Das bringt den Machthabern vielleicht keine 30 Jahre Herrschaft wie Mubarak, aber doch zwei oder drei Jahre.

Und was ist die zweite Option?
Dass sie genauso weitermachen wie bisher. Da kann die Situation nur explodieren.

Auf einer Gedenkveranstaltung für Ahmed Seif hält Abdelfattah eine sehr persönliche Rede auf seinen Vater. „Er war kein Übermensch, er war wie wir. Er hat den Menschen immer von seinen Schwächen und Fehlern erzählt. Aber nicht, um sich bloßzustellen, sondern um zu zeigen, dass du hartnäckig bleiben musst, wenn du verteidigen willst, was richtig ist.“

Ihr Mann, Ahmed Seif, hatte nicht die Möglichkeit, sich von seinen Kindern zu verabschieden.
Dass mein Mann gestorben ist, während Alaa und Sanaa inhaftiert waren, das war ein herber Schlag für mich. Und seitdem vermisse ich meine Kinder noch mehr. Mit Sanaa war es immer lebendig im Haus. Alaa ist mein ältester Sohn und von meinen Kindern steht er mir am nächsten. Wir sind intellektuell auf der gleichen Wellenlänge. Er ist mein bester Freund und es war ganz normal, dass wir zwei, drei Stunden telefonieren und über alles reden können. Meine Kinder haben mir immer erklärt, wie ich mit Social Media umgehen soll. Was Twitter und Facebook bedeuten. Ich habe sie immer gefragt, was sie denken, denn sie kommen ja aus einer anderen Generation. Was mir am meisten wehtut ist, dass ich das Gefühl habe, dass diese jungen Menschen die Revolution gemacht haben und dass sie ihnen gehört. Aber nun sitzen sie in Haft. Sie sind die Verlierer.

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