Zukunft der EU - Eine Utopie für Europa

Warum es ein Fehler war, die europäischen Institutionen als Kopfgeburten zu begründen – und was die heutigen Europäer vom Heiligen Römischen Reich lernen könnten: ein historischer Blick

Eine Europaflagge weht im Wind, im Hintergrund blauer Himmel
„Benötigt Europa zuerst eine Periode des Chaos, um sich an seine eigentlichen Werte zu erinnern?“ / picture alliance

Autoreninfo

David Engels ist Professor für Römische Geschichte an der Université Libre de Bruxelles und Autor zahlreicher Bücher.

So erreichen Sie David Engels:

Die tiefe Krise, in der Europa steckt, ist nicht von außen aufgezwungen, sondern hausgemacht. Es rächt sich nunmehr, was schon von Gründungsvätern wie Robert Schuman befürchtet wurde, nämlich dass ein vereintes Europa kein wirtschaftliches und technokratisches Unternehmen bleiben dürfe: „Es braucht eine Seele, eine Bewusstseinswerdung seiner historischen Wurzeln und seiner gegenwärtigen und künftigen Verpflichtungen.“ Ohne gemeinsame Identität kann es in Umbruchzeiten wie heute auch keine europäische Solidarität geben; eine solche Identität muss aber auf mehr verweisen als nur die allgemeinen Menschenrechte, sondern hat das zu berücksichtigen, was Europa und den Europäern unverwechselbar zu eigen ist: ein tief in Tradition und Geschichte verwurzeltes abendländisches Menschenbild.

Scheitert ein solches Unterfangen, bestehen nur zwei Möglichkeiten: der Zerfall in Nationalstaaten, welche daraufhin Mächten wie China, Russland, der islamischen Welt oder den USA ausgeliefert sein werden, oder aber ein bürokratischer, seelenloser Zentralismus – zwei Risiken, vor denen bereits Schuman warnte, als er schrieb: „Die (europäische) Demokratie wird christlich sein oder vergehen. Eine antichristliche Demokratie wird eine Karikatur werden, die in Tyrannis oder Anarchie zerfällt.“

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Gisela Fimiani | Do, 28. März 2019 - 16:04

Ein Lesevergnügen! Endlich erscheint hier ein profunder Beitrag, der kultur-historisch fundiert, eine EU-Gestalt entwirft. Dem europäischen Geist wird ein „Gesicht“ verliehen, in dessen Spiegelbild Europa sich wiedererkennen kann. Gleichzeitig entlarvt der Beitrag die Geisteshaltung unserer „neuen politischen Klasse“, die offenbar nicht bereit, oder imstande ist, die destruktiven Folgen ihrer verantwortungslosen, paternalistischen, ja despotistischen Politik einzugestehen. Feigheit und arrogante Selbstüberhebung stehen in krassem Gegensatz zu, aus kultur-historischer Bildung und entsprechendem Bewußtsein gewonnener Erkenntnis. Mehr solch kluger, gelassener und kenntnisreicher Stimmen können vielleicht dazu beitragen, die hysterische, politisch-mediale Gehirnwäsche als solche bloßzustellen. Sie dient nämlich zuvorderst dazu, der Verantwortung für falsche Entscheidungen zu entgehen, indem falsche Entscheidungen geleugnet, oder bis zur „Unkenntlichkeit“ relativiert werden.

Sehr geehrte Frau Fimiani, ist leider das Phänomen der "Masse". Elias Canettis "Masse & Macht" beschreibt wie Sigmund Freud das Phänomen des Eintauchens in ein "Wir-Gefühl", das bei simplen Fußballclubs schon erkennbar ist.

Das Massenphänomen ist einfach gestrickt. Moralisierend erhebt jemand einen Finger. Zum Beispiel: ab morgen bist du JUDE, übermorgen dann ARIER oder gestern warst du Kommunist und heute Faschist!

Die Unkenntlichkeit eines Menschen zeigt sich immer in Massenbewegungen. Freitags schwänzen wir die Schule und übermorgen retten wir den Mars vor Ameisen ..!

Jürgen Keil | Do, 28. März 2019 - 18:03

Also, das was Herr Engels da entwirft, ist wohl keine Kopfgeburt? Wenn er die Geschichte bemüht, und aus dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation ein europäisches Staatsgebilde ableitet und konstruiert, könnte ein Anderer, auch geschichtlich abgeleitet, die Berechtigung beanspruchen, eine Vereinigung aller deutschsprachigen Regionen zu einem starken Nationalstaat vorzuschlagen. In beiden Fällen würde das geschehen, was Herr Engels selbst bemängelt, es wäre ohne den Bürger erwachsen. Wissen wir denn, was die Bürger wollen? Die hat noch keiner gefragt. Das sollte man erst einmal tun!

Michael Maschke | Do, 28. März 2019 - 21:29

Ich kann in allen Punkten zustimmen. Im Mai 2015 schrieb ich in meinem Blog folgenden Beitrag:
Immer wenn ich in den 70er- und 80er-Jahren als Tourist im europäischen Ausland war, hatte ich ein Gefühl von Verbundenheit, basierend auf einer gemeinsamen Kultur und geteilten Werten. Man war zwar nicht zu Hause im vertrauten Umfeld, aber so richtig fremd waren einem die Einwohner der anderen Länder nicht, die Holländer, Franzosen, Dänen, Engländer und all die anderen. Damals kam mir oft der Gedanke, dass die Grenzen zwischen den Ländern Mitteleuropas irgendwie überflüssig wirkten. Ich fand, die Idee eines vereinten Europas hatte was. Um so enttäuschter bin ich heute, wenn ich sehe, was unfähige Politiker und Lobbyisten aus dieser Idee gemacht haben. Es konnte nicht gut gehen, dass man jahrelang diejenigen nach Brüssel geschickt hat, deren Karrieren hier in Deutschland ins Stocken geraten waren und die für eine professionelle Arbeit im eigenen Land einfach nicht gut genug waren...

Michael Maschke | Do, 28. März 2019 - 21:31

...Jetzt haben wir es mit dilettierenden Entscheidungsträgern (EU-Komission) zu tun, die niemand gewählt hat. Die demokratischen, humanistischen Werte, von denen ich früher dachte, dass unsere Zukunft darauf gebaut würde, sind durch einen Turbokapitalismus ersetzt worden, der nur noch sich selbst zum Zweck hat. Der Glaube an die Segnungen dieser Amok laufenden Wirtschaftsform hat bei manchen Protagonisten schon religiöse Züge. Ich gebe trotzdem die Hoffnung nicht auf, dass eines Tages die Vernunft zurückkehrt und man sich gemeinsam darüber Gedanken macht, was für eine Zukunft wir eigentlich wollen. An deren Gestaltung müssen alle gleichberechtigt mitwirken können, auch die Kirchen. Mit betriebswirtschaftlichen Methoden allein werden sich die kommenden Probleme jedenfalls nicht lösen lassen. Mir persönlich sind Freundschaft, Liebe, Vertrauen, Humor, Kunst, Musik und Kultur wichtiger und Sinn-stiftender als Wachstum, Effizienzsteigerung und Selbst-Optimierung.

Ulf Müller | Do, 28. März 2019 - 22:08

Welche ein Genuss diesen Artikel zu lesen. Nachdem das ZDF Robert Habeck in seiner neuesten Umfrage zum wichtigsten Politiker Deutschlands gewählt hatte, hat mir dieser Artikel meine gute Laune zurückgegeben. Weiter so lieber Cicero! Das wiegt zehn Beiträge von Antje Hildebrandt auf.

Ernst-Günther Konrad | Fr, 29. März 2019 - 09:22

und es auch wert, über die Idee neu nachzudenken. Nur bedarf es dabei ehrlicher Politker, die zugeben, dass sie manches falsch gemacht haben und die vor allem nicht ihr eigenes, sondern das Wohl des Volkes dem sie dienen sollen, im Auge haben. Unsere derzeitges Personal halte ich dafür ungeeignet. Sie sitzen zu fest im Sattel, die Schwielen am Hintern haben sich diesem Sattel angepasst. Veränderungen wären schmerzhaft, denn diese müssten zwangsweise bei ihnen selbst anfangen. Nur wer will sich ändern, an sich arbeiten, sich menschlicher Werte erinnern und dafür einstehen? Schnell kommt einem da in den Sinn, es müsste da mal einer kommen, der das Ruder herum reißt. Nur mit so einem Denken hat die Geschichte in Russland, Deutschland, Rumänien und vielen anderen Staaten böse Erfahrungen. Vielleicht müsste Deutschland eine Nationalversammlung abhalten, sich eine eigene freie Verfassung geben und Hürden für politische Selbstläufer einbauen, die sie in persönliche Verantwortung bringt.

Dieter Erkelenz | Sa, 30. März 2019 - 07:40

Ein excellenter Beitrag. Allerdings bin ich mir mit dem Vergleich "Heiliges Röm. Reich" nicht ganz so sicher die Zukunft Europas betreffend. War doch dieses 'Gebilde' total zerrissen.