Todesfund in Essex - Zieht das Brexit-Chaos Menschenschmuggler an?

39 Leichen wurden im britischen Essex am Mittwoch in einem versiegelten Lastwagen entdeckt. Die britische Polizei rätselt, wie diese Menschen auf die Insel geschmuggelt werden konnten. Und welche Rolle das Brexit-Chaos bei dem grauenvollen Fund spielen könnte

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Grausamer Fund im britischen Essex/Grays: 39 Leichen in Lkw entdeckt / picture alliance

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Tessa Szyszkowitz ist Londoner Korrespondentin des österreichischen Wochenmagazins Profil. Im September 2018 erschien „Echte Engländer - Britannien und der Brexit.". Foto: Alex Schlacher

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Tessa Szyszkowitz

Wer Rettung und Polizei gerufen hatte, war anfangs nicht klar. Um 1.40 Uhr am Mittwochmorgen machten Einsatzkräfte jedenfalls einen grauenhaften Fund im Industriepark Waterglade in der Kleinstadt Grays, eine halbe Zugstunde östlich von London. In einem weißen Lastwagen mit bulgarischem Kennzeichen fanden sie 39 Leichen, darunter einen Teenager. Der Fahrer, ein 25-jährige Nordire, wurde verhaftet.

Die Polizei riegelte das Gebiet sofort ab. Die Leichen sollen geborgen werden können, ohne dass die in Scharen angereisten Fotografen Schnappschüsse des grauenhaften Funds um die ganze Welt schickten. In Großbritannien haben die Boulevardzeitungen noch weit weniger Hemmung als jene in Kontinentaleuropa. Die meisten Reporter zogen dann auch nach einigen Stunden am Mittwochnachmittag wieder ab. Auf dem abgelegenen, abgesperrten Industriepark im Nirgendwo gab es wenig Informationen zu holen.

Der Fall erinnert an Österreich 2015

Die Polizei ließ nur so viel verlauten: Die Reiseroute sei ungewöhnlich gewesen. Der Lastwagen könnte bereits am Samstag in Holyhead angekommen sein. Holyhead ist ein Hafen in Wales, der vornehmlich aus Irland kommende Güter löscht. Zuletzt hieß es, der Lkw sei aus Belgien gekommen. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Menschen, die in diesem Auto tagelang von Bulgarien nach Großbritannien geschmuggelt worden waren, bereits länger tot gewesen sind: „Es ist unwahrscheinlich, dass der Lkw kontrolliert wurde“, sagte Richard Burnett von der britischen Spediteursvereinigung. Es könnten in Tiefkühl-Lkws dieser Art bis zu minus 25 Grad herrschen: „Die Bedingungen müssen absolut grauenvoll gewesen sein.“

Der Fall erinnert an den grauenvollen Fund von 71 Leichen in einem Lastwagen im österreichischen Parndorf auf der Autobahn zwischen der ungarischen Grenze und Wien im August 2015. Die geschmuggelten Migranten aus dem Irak, Afghanistan, Syrien und dem Iran waren in einem Tiefkühl-Lkw erstickt, der tagelang durch Südosteuropa entlang der Balkanroute gefahren war. Damals war die Flüchtlingskrise gerade dabei, die europäische Politik aus den Angeln zu heben.

Die vier Verantwortlichen für die Tragödie von Parndorf – ein afghanischer, drei bulgarische Staatsangehörige – wurden 2018 in Ungarn zu je 25 Jahren Haft verurteilt. Sie sollen den Tod der Flüchtlinge in Kauf genommen haben.

Eintrittspunkte auf der britischen Insel

Auch die Toten in Essex dürften über diese Balkanroute geschmuggelt worden sein. Noch war die Polizei mit der Feststellung der Identitäten befasst, doch es könnte sich um Flüchtlinge aus dem Nahen Osten oder auch um Wirtschaftsmigranten aus Asien handeln. Britische Experten sagen, es sei schon öfter vorgekommen, dass Menschen quer durch die EU geschmuggelt werden und über verschiedene Eintrittspunkte auf der britischen Insel landen. Holyhead sei ungewöhnlich, Cardiff eher Andockstelle für Migranten.

 „Jene, die diesen Lastwagen losgeschickt haben, müssen Dokumente ausgefüllt haben. Die Polizei wird also herausfinden, über welche Route die Opfer gefahren wurden“, analysiert Tony Smith, ehemaliger Chef der britischen Grenzpolizei in einem BBC-Interview: „Einige Leute dürften dabei mitgewirkt haben, dass der verschlossene Lastwagen durch mehrere Hafen unkontrolliert durchgekommen ist.“

Das Brexit-Chaos zieht Schmuggler an

Manche Beobachter fürchten nun, dass dies kein Einzelfall bleibt. Wegen der Unsicherheit über den Brexit werden knapp vor dem EU-Austritt noch so schnell wie möglich so viele Menschen wie möglich nach Großbritannien geschmuggelt. Über den Sommer hatte sich die Zahl der Flüchtlinge, die mit Schlauchbooten über den Kanal von Frankreich übersetzten, drastisch erhöht. Mehr als 1.100 Menschen, 336 allein im August, erreichten die britische Küste.

Anthony Steen, konservativer Politiker und Vorsitzender für die „Human Trafficking Foundation“, gibt sich in der BBC besorgt: „Man soll sich bloß nicht einbilden, dass solche schreckliche Tragödien nach dem Brexit nicht mehr passieren werden.“ Im Falle eines chaotischen Austritts ohne Deal sind weitere Fälle zu erwarten, weil Chaos waghalsige Schmuggler anziehe.

Es wird nicht leichter für die Behörden

Großbritannien ist schon heute nicht Mitglied der Schengenzone, weshalb es Grenzkontrollen eigentlich geben sollte. Diese fallen allerdings bei Gütertransporten innerhalb der EU-Zollunion und des EU-Binnenmarktes oft weg. Sollten die Briten mit Übergangsphase austreten, wie es in Boris Johnsons Deal mit der EU vorgesehen ist, dann ändert sich erst im Januar 2021 das Zollregime.

Nach dem endgültigen Brexit muss sich die Grenzpolizei dann auf die neuen Bedingungen einstellen. Was auch nach dem Brexit noch schwieriger als heute sein dürfte: die internationale Kooperation bei der Bekämpfung der organisierten Kriminalität.

McMafia, wie man die globalisierten Gangs in Großbritannien inzwischen nach dem gleichnamigen Buch von Misha Glenny nennt, ist an sich schon nicht einfach zu bekämpfen. Wenn man die bisher gemeinsamen, europäischen Sicherheitsnetzwerke verlässt, wird es sicher nicht leichter. Das Vereinigte Königreich bleibt zwar Mitglied in der internationalen Polizeiinitiative Interpol. Die Briten aber verlassen Europol, eine Organisation, die einzelne Polizeiverbände der EU-Mitgliedstaaten miteinander vernetzt.

Tomas Poth | Mi, 23. Oktober 2019 - 18:21

Das ist auch ein Ergebnis einer Welt ohne Grenzen. Eine der vielen passierten Grenzen hätte, bei den sonst obligatorischen Grenzkontrollen, die Fracht aufgedeckt und den Tod verhindert!

In einer Welt ohne Grenzen wären die Chinesen unbeschwert über die Grenze spaziert. Weil es aber eben diese Grenzen gibt - die ja gerade auch den Zweck haben, Menschen abzuhalten, gibt es auch immer wieder Menschenschmuggel. Zuweilen mit solch tragischem Ausgang.