Auschwitzüberlebender Jacek Zieliniewicz - „Besser wäre es, sich nicht zu erinnern“

Jacek Zieliniewicz war 17, als er von den Nazis nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurde. Er überlebte zwölf harte Monate. Dann wurde er in ein kleines Konzentrationslager in Baden-Württemberg verlegt – und sagt heute: Dort war es viel schlimmer als in Auschwitz. Ein Protokoll seines Lebens

Auschwitzüberlebender Jacek Zieliniewicz
Philipp Daum

Autoreninfo

Philipp Daum ist Schüler an der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München. Vorher hat er Politik, Geschichte und Jura in München und Santiago de Compostela studiert. Er schreibt für Cicero Online.

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Ich muss Sie um Verzeihung bitten, ich spreche nicht gut Deutsch. Damals, als ich im Lager war, habe ich besser gesprochen. Danach fünfzig Jahre nicht mehr.

Jacek Zieliniewicz wird am 10. Mai 1926 in Janowiec Wielkopolski, einer kleinen Stadt in der Nähe von Posen geboren. Janowiec Wielkopolski gehörte bis 1919 zu Preußen, Zieliniewiczs Vater hatte im Ersten Weltkrieg für das Kaiserreich gekämpft, seine Mutter hatte eine deutsche Schule besucht. Nach dem deutschen Überfall auf Polen wird die Familie 1939 von den Nazis ins zentralpolnische Końskie umgesiedelt, ins Generalgouvernement. Vier Jahre später:

In der Nacht des 20. August 1943 kommen die SS und die Gestapo zu uns. Es ist ganz früh, vielleicht vier Uhr. Ich habe gehört, wie an der Tür geklopft wurde. „Aufmachen“. Mein Vater und ich müssen uns auf den Boden legen. Sie durchsuchen uns. Danach sagen sie zu mir: „Anziehen, du bist verhaftet.“

Ich habe nur einen Anzug bei mir, mehr nicht. Meine Mutter gibt mir noch ein Stück Brot. Auf der Straße steht ein LKW, ich muss auf die Ladefläche. Da liegen Verhaftete mit dem Gesicht nach unten. Ich muss mich zu ihnen auf einen Haufen legen.

Wir haben gedacht, wir fahren in den Wald, um erschossen zu werden. Warum sollte man sonst so daliegen?

Zieliniewicz wird nicht erschossen, er wird zusammen mit anderen Gefangenen aus Końskie nach Auschwitz gebracht. Zwölf Stunden dauert die Zugfahrt. In Auschwitz-Birkenau bekommt er einen Anzug, daran hängt ein roter Winkel. Zieliniewicz ist ab jetzt „politischer Häftling“, Nummer 138142.  

Birkenau. Das sind 170 Hektar und fast 16 Kilometer Stacheldraht.

Wir kommen in das Quarantänelager. Wir müssen unsere Schuhe abgeben, wir sind barfuß, ohne Mützen. Die Baracken sind Pferdestallbaracken, darin stehen dreistöckige Pritschen, ohne Decken, ohne Strohsäcke. Auf einer Pritsche schlafen 15. Wenn es voll ist, sind wir 500 Leute. Die Baracke ist für 52 Pferde gebaut worden: Ein Pferd, zehn Menschen.

Ich hatte – kann man sagen – viel Glück im Lager. Zum Überleben muss man Hoffnung haben, nachher Freunde, und Glück. Und jung sein muss man auch. Ich hatte all das.

Wir haben in Quarantäne nicht viel gearbeitet. Wir mussten „Sport“ machen. Laufen, hinlegen, aufstehen, solche Rollen. Stundenlang. Für mich war das nicht so schlimm. Ich war doch siebzehn. Ich war jung. Aber für die Alten war es schlimm. Die SS-Männer nannten sie faul und haben sie mit Knüppeln geschlagen. Ich war zwei Monate in Quarantäne. Danach habe ich in einem Maurerkommando gearbeitet.

Um vier Uhr sind wir aufgestanden. Morgens bekam jeder von uns einen halben Liter sogenannten „Kaffee“ oder „Tee“. Am Mittag bekam jeder von uns einen halben Liter sogenannte „Suppe“. Das war keine Suppe. Suppe ist etwas ganz anderes. Es gab zu wenig Schüsseln, also kamen vier Portionen in eine Schüssel. Niemand hatte einen Löffel. Am Anfang wollten wir die Suppe nicht essen, die stinkt doch. Aber nach ein paar Tagen schmeckte sie uns sehr.

Wir waren hungrig, aber am schlimmsten war die Kälte. Wir standen den ganzen Tag draußen. Wenn es regnete, wurden wir nass. Nach dem Abendappell, um 20, 21, 22 Uhr mussten wir in den nassen Anzügen schlafen, auf den Pritschen. Es war sehr kalt.

Auschwitz ist eine Fabrik des Todes. Bis 1945 sterben dort 1,1 Millionen Menschen; Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, politische Häftlinge und Kriegsgefangene aus ganz Europa. Die grausamste Arbeit überließen die Nazis den Gefangenen selbst. Das „Sonderkommando“ von Auschwitz-Birkenau bestand aus jüdischen Häftlingen, die dazu gezwungen wurden, die Ermordung der Deportierten vorzubereiten, sie auszuplündern und ihre Leichen in den Krematorien zu verbrennen.

Den Geruch der Krematorien habe ich bis heute in der Nase. Das kann man nicht vergessen. Wenn die Transporte aus Ungarn kamen, haben sie die Leichen nicht nur in den Krematorien verbrannt, sondern auch in den Gruben. Aus den Kaminen kam zuerst ein Feuer, dann ein schwarzer stinkender Rauch. Als die Leichen in den Gruben brannten, stanken wir alle. Wir, das Essen, die Decken, die Strohsäcke. Das alles stank. Das Atmen war schwer. Das kann man nicht vergessen.

Ich erinnere mich an das Orchester im Frauenlager. Wie es Melodien spielt, auch Csárdás, für die Juden aus Ungarn. Sie dachten: Wenn das Orchester spielt, ist das doch nicht schlecht, da kann man doch duschen gehen.

Im Lager ist alles möglich. Man kann reich werden. Sterben. Man kann essen, während der Nächste vor Hunger stirbt. Alles war möglich. Das Schlimmste ist, was ein Mensch dem anderen antun kann.

Im Lager hat mir einer die Geschichte eines Juden aus dem Sonderkommando erzählt. Der hat seinen Vater getroffen. Der Vater hat gefragt: „Was ist hier los?“ Er hat gesagt: „Vater, geh zuerst zum Duschen, nachher werden wir sprechen. Jetzt habe ich keine Zeit.“

Wir durften Briefe nach Hause schreiben. Das durften nicht alle: Die Juden nicht, die Russen nicht, aber die Polen schon. Zwei Mal pro Monat schrieben wir einen Brief nach Hause. Die Briefe mussten auf Deutsch geschrieben sein. Kein Wort zum Lager. Aber in jedem Brief musste ein Satz sein: „Ich bin gesund und fühle mich gut.“ Ohne den Satz war der Brief konfisziert.

Wir haben geschrieben, auch um Lebensmittelpakete zu bekommen. Das war so seit Anfang 1943. Die Deutschen waren im Krieg und brauchten Zwangsarbeiter. Die Häftlinge mussten arbeiten, nicht gleich sterben, erst nachher. „Vernichtung durch Arbeit.“ Wir mussten arbeiten, dazu waren diese Pakete da. Das war für uns gut. Wir waren nicht mehr hungrig.

Ein Jahr war ich im Lager Auschwitz. Nach einem Jahr wog ich 70 Kilo. Ich war nicht krank. Ich hatte Essenspakete von zuhause.

Im August 1944 wird Zieliniewicz nach Deutschland transportiert. Nach Dautmergen, in der Nähe der Schwäbischen Alb. Das Lager Dautmergen ist im Sommer 1944 noch eine Wiese mit Zelten. Die Häftlinge müssen das KZ erst errichten.

Das Wasser kam im November. Vier Monate haben wir uns nicht gewaschen. Wir haben die Unterwäsche nicht gewechselt. Wir wohnten in Zelten, ohne Licht. Wenn es regnete, war die Wiese voller Schlamm. Wir müssen die Holzschuhe in den Händen tragen. Die Häftlingsanzüge waren in kurzer Zeit schmutzig. Zerrissen.

Es war viel schlimmer als in Auschwitz.

Zum Frühstück bekamen wir einen halben Liter sogenannten „Kaffee“ oder „Tee“. Die Arbeit war weit weg vom Lager. Die Mittagspause war eine halbe Stunde lang, aber ohne Mittagessen. Essen bekamen wir zum Abend, einen Liter Suppe, 100 Gramm Brot. In Auschwitz, im Arbeitslager, bekam jeder von uns ein Viertel Brot pro Tag, und zwei Mal in der Woche eine Schwerarbeiterzulage, das war ein halbes Brot. Das war zu wenig zum Leben. Und in Dautmergen war es noch weniger. Eine schwere Arbeit, ohne was zum Essen.

In unserem Transport sind fünf polnische Ärzte mitgekommen. Einer der Ärzte war ein sehr guter Bekannter. Und ein zweiter war ein guter Bekannter von meinen Eltern.

Im November arbeitete ich in einem Kommando im Walde, wir haben Masten getragen. Meine Schuhe waren kaputt. Ich bin zu dem zweiten Arzt gegangen. Er sagte zu mir: „Ich kann dir Schuhe geben. Aber wenn du überleben willst, dann musst du zu mir kommen. Ich verstecke dich im Krankenbau.“ Ich sagte zu ihm: „Nein, ich habe ein gutes Kommando, und es ist nicht windig.“ „Geh zur Arbeit, aber denk daran, was ich dir gesagt habe.“

Am nächsten Tag haben wir nicht im Walde gearbeitet, sondern im Steinbruch. Und es war windig, mit Regen, mit Schnee. Wir haben Häftlinge getragen, die waren gestorben, es waren Alte. Und ich habe den ganzen Tag gedacht, wie dumm ich war.

Abends bin ich zu dem Arzt gegangen. Ich musste mich ausziehen. Da habe ich mich das erste Mal nackt gesehen, nach drei Monaten. Er hat mich gewogen, 38 Kilo.

Der Arzt hat mir das Leben gerettet. Ich bekam einen eigenen Platz im Krankenbau, mit Bett. Einen Strohsack, ganz dünn. Eine Decke, zerrissen, aber doch eine Decke. Ein Dach da oben. Wenn ich aufwachte, habe ich einen Gong gehört. Aber ich musste nicht rausgehen zur Arbeit. Ich dachte, vielleicht bin ich schon im Himmel.

Ich lebte da über zwei Monate, bis Januar. Dann hat der Rapportführer mich rausgeschmissen.

Wieder ins Lager, „Schonungsblock“. Es war eine große Baracke, mit vierstöckigen Pritschen. Mehrere hatten nur die zerrissene Unterwäsche, keine Anzüge – das waren schon keine Menschen mehr. In der Mitte stand ein einzelner Ofen, ohne Feuer. Der Boden war in Bewegung, so viele Läuse.

Wie ich überlebte? Ich habe Glück gehabt. Dass ich Deutsch gesprochen habe. Der Lagerschreiber hat mich zur Arbeit in die SS-Baracke eingeteilt. Dort wurde ich Kalfaktor. So ein Dienstmädchen. Und da habe ich einen guten Menschen getroffen. Er war Rechnungsführer der Kompanie. Er hatte eine eigene Stube. Er sagte, du wirst für mich arbeiten.

Der Rechnungsführer sagte zu mir: „Hol mir mein Mittagessen!“ Ich habe seine Portion geholt. Das war so viel! Er sagte: „Hol mir noch eine Portion!“ Ich holte die zweite Portion, und er sagte: „Das ist für dich.“ Ich wollte in die Ecke gehen und essen, aber er sagte: „Sitz bei mir, du bist doch so ein Mensch wie ich.“ Ich habe meine Portion gegessen und den Rest von seiner und die Reste der anderen SS-Männer.

Bis heute weiß ich nicht, wie es sein konnte: Eine SS-Uniform und darin ein anständiger Mensch.

In Dautmergen gab es 6000 Häftlinge. Sie sind zwischen August 1944 und Januar 1945 gekommen. 2000 wurden begraben, ja begraben, es gab ja keine Krematorien. Über 3000 wurden in andere Lager geschickt, Dachau, Bergen-Belsen. Wir waren nur 600, die das Lager auf eigenen Füßen verlassen haben.

Im April 1945 wird das Lager von der amerikanischen Luftwaffe bombardiert. Die SS treibt die Insassen nach Osten, doch in den Kriegswirren fliehen die SS-Männer und die Häftlinge kommen frei. Zieliniewicz wird von den Franzosen in Althausen einquartiert, er wohnt bei einem älteren Ehepaar, Schwaben. Noch heute erinnert sich Zieliniewicz an Käsespätzle. Insgesamt ein halbes Jahr bleibt er in Deutschland, kommt wieder zu Kräften und wiegt bald wieder 80 Kilogramm. Im Winter 1945 kehrt er nach Polen zurück.  

Am 5. Dezember 1939 waren wir ausgesiedelt worden. Am 5. Dezember 1945 kam ich nach Hause. Wir waren in unserer Heimat. Ohne Gestapo, ohne SS. Wir waren frei.

Ich bin zum Haus meiner Eltern gegangen. Im ersten Stock habe ich Licht gesehen. Ich habe geklingelt. Es hat so lange gedauert. Bis heute weiß ich nicht, ob meine Mutter oder meine Tante aufgemacht hat. Warum musste ich so lange warten?

Der einzige Sohn kam nach Hause. Das war ein Feiertag.

1964 war ich das erste Mal wieder in Oświęcim. In Birkenau stand ich vor einem Lagerplan. Ich guckte, wo meine alte Baracke war. Auf einmal hörte ich hinter mir die deutsche Sprache. Ich wusste nicht, was ich machen soll: Weglaufen? Stehenbleiben?

Ein Freund von mir, ein Schriftsteller, er war auch in Dautmergen, hat geschrieben, dass wir im Lager voll von Hass waren. Es war so. Wir redeten davon, was wir mit den Deutschen machen, wenn wir frei sind. Aber wir haben gar nichts gemacht. Was sollten wir machen? Ihnen die Kehle durchschneiden? Wem denn? Aber ich wollte gar nichts mit den Deutschen zu tun haben. Ich habe fünfzig Jahre nicht Deutsch gesprochen.

1995 kam ein Brief zu mir. Die „Initiative Gedenkstätte Eckerwald“ suchte ehemalige Häftlinge aus Dautmergen. Ich bin mit dem Bus nach Deutschland gefahren. Ich wollte nichts mit den Deutschen zu tun haben. Ich wollte nur den Friedhof sehen. 

Dass ich heute sage, dass es keine guten oder schlechten Nationen gibt, verdanke ich den Deutschen. Als ich dort war, habe ich normale Menschen gesehen. Ich habe vor Schulen gesprochen, alle waren sehr freundlich, haben gelacht, haben mir Briefe geschrieben. Es waren normale Menschen, ganz normale Menschen.

Seit dieser Zeit habe ich in Deutschland Freunde. Ich habe niemals gedacht, dass ich in Deutschland Freunde finde. Das war unmöglich.

Ich fahre nach Deutschland ohne Angst und Hass. Letztes Jahr war ich sechsmal dort. Das sind gute Zeiten. Für uns, welche diese Zeiten überlebten, wo es nur Hass gab, nur Feinde, nur Tod. Jetzt ist es ganz anders.

Ich sage zu jungen Leuten: Es gibt drei deutsche Wörter, die mit F beginnen. Frieden, Freiheit, Freundschaft. Das ist Eure Pflicht. Ohne Freundschaft gibt es keinen Frieden und keine Freiheit.

Ein Schüler hat mich gefragt, ob ich den Deutschen verzeihen kann. Ich frage, welchen? Den Deutschen aus den Lagern kann ich nicht verzeihen, das ist eine Arbeit für Gott. Aber den jungen? Die haben mir nichts Schlechtes Getan. Da gibt es nichts zu verzeihen.

Zu Hause habe ich einen Brief liegen, eines Fünftklässlers. Er schreibt, dass er zufrieden ist, dass die Nazi-Zeit vorbei ist. Er wünscht mir, dass ich, wenn ich sterbe, zu Gott komme. Dieser Brief ist für mich so wichtig wie die Briefe meiner Eltern, die sie mir nach Auschwitz schickten.    

Ich kann nicht sagen, dass ich das alles gerne erzähle. Besser wäre es, sich nicht zu erinnern. Aber ich muss das machen. Und wenn wir dann als Freunde auseinandergehen, dann ist das mein Sieg.

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