Mariupol
Mariupol im April 2022 / picture alliance / Xinhua News Agency | Victor

Erinnerungen an den Kriegsausbruch vor vier Jahren - Über Glück im Krieg und die Kraft „schwacher Bindungen“

Als russische Truppen vor genau vier Jahren die Ukraine angriffen, wurde unsere Autorin von Explosionen geweckt. Sie kam nach Deutschland und ist froh, dass die flüchtigen Formen der digitalen Kommunikation dabei helfen, im Ausnahmezustand Menschlichkeit zu bewahren.

Autoreninfo

Olena Pavlova stammt aus Mariupol in der Ukraine und ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität in Berlin.

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Die Unterbrechung des täglichen Einerleis und der alltäglichen Routine irritiert uns. Wir füllen die Leere mit Konsum und virtuellem Eskapismus oder bauen Luftschlösser. Es scheint, als könnte es Glück nur jenseits des Alltags geben. In extremen Situationen wird aber auch bewusst, was das Leben zusammenhält und ihm Stabilität verleiht. 

Am 24. Februar 2022 wurde ich durch Explosionen geweckt. Russische Luftlandetruppen griffen den Flughafen Hostomel bei Kiew an. Von dort bis zu meinem Haus sind es etwas mehr als 20 Kilometer, fast ebenso weit bis Butscha. Doch wir konnten uns nicht vorstellen, was das alles bedeutete. Selbst wenn eine Rakete über dir und deinem Kind fliegt, wirst du nicht glauben, dass dies kein Film ist – bis du die ersten verstümmelten Leichen siehst. Die Gewohnheit klammert sich an den bereits verlorenen Alltag, an die Hoffnung und den Glauben, dass es gut ausgehen wird. Die Welt schrumpft, das Leben reduziert sich auf die Bewältigung existenzieller Fragen: Auch wenn man nicht zur Arbeit gehen muss, müssen die Kinder versorgt, Medikamente besorgt und Angehörige betreut werden.

Panzer auf den Straßen

Ich begann sofort, Verwandte und Freunde in Mariupol, meiner Heimatstadt, anzurufen. Es war offensichtlich, dass es dort gefährlicher als in Kiew war, obwohl doch auch in der ukrainischen Hauptstadt regelmäßig Explosionen zu hören waren. Und tatsächlich tauchten in Mariupol bereits am zweiten oder dritten Kriegstag Panzer auf den Straßen auf. Geschäfte, Banken und andere Stützen des sozialen Lebens funktionierten nicht mehr. Die Mehrheit der Zivilbevölkerung geriet zwischen die Fronten zweier Armeen, die einander bekämpften. Manche schafften es nicht einmal mehr, Wasservorräte anzulegen, andere hatten das Glück, einen Baum im Hof zu haben oder noch ein paar Kilogramm Mehl, um Fladen zu backen.

Nach wenigen Tagen brach der Kontakt zwischen Kiew und Mariupol vollständig ab. Ich rief Bekannte an, die Angehörige in Mariupol hatten – niemand hatte mehr eine Verbindung. Man konnte aus den sozialen Medien erfahren, wie die Gebäude der Stadt zerstört wurden, wie sie im Echtzeitmodus zugrunde gingen. Ich sah, wie die Wände der Schule einstürzten, die ich besucht hatte. Ich wusste, dass sie von der Sowjetmacht aus Ziegeln einer in den 1920er Jahren zerstörten Kirche errichtet und nach dem Zweiten Weltkrieg von deutschen Kriegsgefangenen wiederaufgebaut worden war. Und nun stürzte sie erneut vor meinen Augen ein.

Die Unmöglichkeit zu wissen, was geschieht, bedrückt nicht weniger als die überfüllten Schutzräume und der Anblick der Kinder, die in den U-Bahnhöfen auf dem Boden schlafen. Glück hatten all jene, die nicht direkt am Durchgang lagen. Die Geräusche der Einschläge kamen näher und entfernten sich wieder. Immerhin fielen die Häuser nicht wie Dominosteine zusammen, wie es auf den Satellitenbildern von Mariupol zu sehen war. Bekannte und Unbekannte begannen, sich auf spezifischen Kanälen im Internet zu organisieren, um wenigstens irgendeine Nachricht aus Mariupol zu bekommen. Bis Mitte März gab es die immer gleiche Nachricht: Eine Evakuierung der Bewohner sei nicht möglich.

Zu Fuß über die Grenze

Die tödliche Gefahr trieb Millionen Ukrainer und Ukrainerinnen in Richtung Grenze. Ich hatte Glück: Anfang März brachte mein Mann meinen Sohn und mich dorthin. Mit einem Kind und zwei Koffern – allem, was von unserem früheren Leben geblieben war – überquerte ich die Grenze zu Fuß.

Doch es blieben wissenschaftliche Verbindungen, Kommunikationsketten, die meinem Leben Stabilität gaben. „Komm“, sagte mir Roman Sapenko, der Professor der Universität Zielona Góra, „der Rektor stellt dir eine Universitätswohnung zur Verfügung.“ Ich hatte Glück: Ich fuhr nicht ins Nichts, sondern zu Kollegen, mit denen ich noch vor dem Krieg ein gemeinsames Forschungszentrum aufgebaut hatte. Auch deutsche Kollegen meldeten sich, mit denen ich einst im Rahmen eines von der Konrad-Adenauer-Stiftung organisierten Projekts über die Transformation postsowjetischer Praktiken diskutiert hatte. Professor Jörg Baberowski von der Humboldt-Universität zu Berlin bot mir eine von Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung finanzierte Mitarbeiterstelle. Ich war glücklich über diesen Stabilitätsanker in einer um mich herum zerfallenden Welt und über die Möglichkeit, dass mein Sohn seine Ausbildung fortsetzen konnte.

Vor allem durfte ich aber weiter forschen. Schon vor dem Krieg hatte ich mich mit den Praktiken kultureller Erinnerung in unterschiedlichen Medien befasst. Ich erforschte digitale Ephemera. Als der Krieg begann, sah ich – trotz des grauenhaften Geschehens –, wie sie in Bewegung gerieten, ihre friedlichen Formen verloren und sich den Bedürfnissen der Kriegsrealität anpassten.

Der Einsatz neuer Techniken digitaler Medien in diesem Krieg ist inzwischen allgemein bekannt: die Koordination militärischer Operationen, die Sammlung von Aufklärungsdaten, Propaganda und die mediale Kontrolle von Territorien. Radikal verändert hat sich jedoch auch die horizontale Medienkommunikation von Zivilisten, die für die Orientierung in bewaffneten Auseinandersetzungen von großer Bedeutung sind.

Manche Freunde hatten das Glück, mitten in den Kämpfen aus Butscha evakuiert zu werden, weil sie digitale Nachrichten erhielten, auf die Angehörige sie hingewiesen hatten. Sie erzählten, dass der Hunger sie zwar noch nicht heimgesucht habe, dass aber die Kälte unerträglicher sei als das ohrenbetäubende Donnern der Artillerie. Sämtliche Kommunikation und Infrastruktur waren zerstört. Kochen musste man draußen auf Feuerstellen, mit dem Holz gefällter Bäume, in den Dörfern holte man Wasser aus dem Brunnen. Es gab keinen Ort und keine Möglichkeit, sich aufzuwärmen. Die Kälte erschöpfte die Menschen, allein selten ankommenden Nachrichten gaben ihnen ein wenig Wärme. Butscha befand sich nur für kurze Zeit in einem Belagerungsring; das Geschehen in Mariupol hingegen blieb lange Zeit von einem Schleier des Nichtwissens umgeben.

Bekannte berichteten, dass sich in Mariupol Nachbarn in den sozialen Medien zusammengefunden hatten. Große Reichweiten, die vor dem Krieg als Kriterium Garanten für den Erfolg eines Kanals gewesen waren, verloren nun ihren Sinn. Es kam nur noch darauf an, Informationen aus der unmittelbaren Umgebung zu erhalten. Die Lebenswelt der Stadt wurde durch die wandernde Frontlinie fragmentiert; die Kanäle stellten Verbindungen zwischen den Menschen her. Es entstanden Orte für Informationen über vermisste Angehörige, nahegelegene Schutzräume, Evakuierungsorte sowie über die Möglichkeit, Wasser zu bekommen oder ein Handy an einem Generator aufzuladen. Relevant war nur, was dem Überleben diente. Die für Friedenszeiten typischen Auseinandersetzungen verloren ihre Bedeutung; überprüft und publiziert wurden nur noch Informationen, die dem Überleben dienten. Die Repolitisierung der Kommunikation in den sozialen Medien setzte erst nach dem Ende der Blockade ein.

Die Kanäle entstanden, verschwanden und lebten wieder auf – im Takt der Mobilfunkwellen und der Akkuladung. Ihr Flackern war eine Lebensquelle, die nur dann funktionierte, wenn es jemandem gelang, sein Telefon an einem Generator zu laden und ein Signal von den erhalten gebliebenen Mobilfunkmasten zu empfangen. Für viele Bewohner der Stadt war der Weg zu einem solchen Ort mit Lebensgefahr verbunden. Glück hatten jene, die sofort starben – und nicht an Wundbrand zugrunde gingen oder unter den Trümmern ihrer Häuser begraben wurden.

Fragmentarische Informationen von vereinsamten Menschen

Das Haus, in dem sich die Wohnung meiner Eltern befand, wurde getroffen. Durch eine Explosion wurden fünf Wohnungen zerstört, darunter auch unsere. Physisch betraf uns das nicht mehr – wir waren als Familie bereits in Europa. Die Katze des Nachbarn hatte ebenfalls Glück: Sie wurde vier Stunden später lebend aus den Trümmern ausgegraben. Die Überreste jener, die weniger Glück hatten, wurden in Decken und Teppichen auf den Kinderspielplatz im Hof getragen. Immerhin konnten sie von ihren Angehörigen begraben werden. Nicht alle erfuhren, wo ihre Nächsten gestorben und bestattet worden waren. Menschen übermittelten in medialen Kanälen Beschreibungen von Personen, die vor ihren Augen getötet worden waren, damit Angehörige sie identifizieren und begraben konnten. Das Recht auf einen dokumentierten Tod wurde zu einer neuen Form der Demokratisierung.

Jenseits dieser kargen, fragmentarischen Informationen von vereinsamten Menschen, die mit dem Wahnsinn der Zerstörung, ohne Wärme und Licht leben mussten, gab es nichts, worauf man sich hätte stützen können. Aber diese Informationen gaben Menschen in der belagerten Stadt Orientierung, sie konnten für andere nützlich sein und halfen, in einer unmenschlichen Situation Mensch zu bleiben.

Ich suchte in diesen Kanälen nach Verwandten und Nahestehenden. Nicht alle konnten gefunden werden, doch ich stieß auf eine ehemalige Studentin aus Mariupol. Als der Krieg begann, war das Mädchen zu ihrer Mutter gefahren. Ich konnte Kontakt zu ihren Eltern aufnehmen, und sie brachten sie auf wundersame Weise zu mir. Sie hatten Glück: Sie wussten, wohin sie fahren mussten und wie dorthin gelangen konnten. Mehrmals mussten sie umkehren, weil sie beschossen wurden, doch schließlich hatten sie Glück – sie kamen heraus. So gelang es mir nicht nur, Unterstützung aus der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu erhalten, sondern selbst jemandem zu helfen. Danach konnte ich wieder schlafen. 

Zu dritt lebten wir vier Monate lang in einem kleinen Zimmer eines Universitätswohnheims: sie, mein Sohn und ich. Später begann sie ein Masterstudium. Wir hatten Glück – wir hatten Frieden gefunden.

Wir alle sind müde vom Krieg. Wir sind alle Zeugen dieses nicht endenden Schreckens, jedoch auf je unterschiedliche Weise. Es gibt Menschen, die getötet wurden, die nun als Märtyrer gefeiert werden, die als die Opfer dennoch symbolisch triumphieren. Gerade ihre Zeugnisse und die Erinnerung an sie verhindern, dass vergessen wird, was geschehen ist. Es gibt überlebende Zeugen: Sie fassen die Schrecken organisierter Gewalt in Worte. 

Eine besondere Rolle in dieser Gruppe von Zeugen kommt Wissenschaftlern zu, die das Geschehen dokumentieren und systematisieren und die dazu beitragen, dass die flüchtigen Formen der digitalen Kommunikation nicht spurlos vergehen. Die Möglichkeit, die mir die Humboldt-Universität bot, die Transformationen des Medienraums im Krieg zu erforschen, erlaubt es, nicht nur Verbrechen zu dokumentieren, sondern das Handeln sichtbar zu machen, das Menschen im Krieg entwickeln, und wie es ihnen gelingt, füreinander Bürger zu sein.

Einen Schluck Wasser aus einer Heizungsleitung zu teilen, gefiltert durch ein Kleidungsstück, oder mitzuteilen, wo es noch einen Platz in einem Schutzraum gibt; bei der Beantragung eines wissenschaftlichen Stipendiums zu helfen oder Schulunterlagen in einer fremden Sprache auszufüllen – das ist etwas anderes als die alltägliche Unterstützung durch Familie und Freunde. Doch gerade diese Kommunikation in den digitalen Netzwerken, die Kraft „schwacher Bindungen“, schafft jene Möglichkeiten, aus denen das kleine Glück erwachsen kann. Die Möglichkeit, Mensch zu bleiben, ist jedoch kein Glück – sie ist die Entscheidung jedes Einzelnen. 

P.S. Ich habe den Aufruf Walter Benjamins neu schätzen gelernt: „Die Anpflanzungen sind dem Schutze des Publikums empfohlen.“ Wie schön wäre es, wenn sich die Türen der Herzen auch ohne die Hilfe der Smart Homes öffnen ließe.
 

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Herbert Schultz-Gora | Mi., 25. Februar 2026 - 11:45

Herzlichen Dank an Autorin und Redaktion für diesen Herausragenden Beitrag im Cicero.
Wie wohltuend ist es, daß die Autorin die "Politik" ausblendet... und sich auf das menschliche (Über-)leben konzentriert ohne Schuldzuweisungen und Ähnliches.
Die Lehre aus ihrer Schilderung ist in meinen Augen "Menschen sind keine Pflanzen, sondern mobil"... und wo man sich gegenseitig das Leben und seine Grundlagen zerstört, da sucht man das "Weite" und überlebt und erweitert seinen Horizont.
Wenn jeder so denken würde, gäbe es keine Kriege.
Das könnte natürlich dann so enden, daß die Menschen sich ein Wohnmobil anschaffen statt Häuser zu bauen.
Und wo bleibt da das "Völkerrecht"...?