- „Was wir in Ungarn sehen, ist der Geist der Rache“
Der britisch-ungarische Soziologe Frank Furedi erhebt schwere Vorwürfe gegen die neue Regierung in Ungarn. Furedi, der seit November 2022 Direktor des von Ungarn finanzierten Brüsseler Think Tanks MCC Brussels war, trat am Montag von seinem Posten zurück. Im Interview erklärt er, warum.
Frank Furedi ist Buchautor und emeritierter Professor für Soziologie an der University of Kent in Großbritannien. Bis Anfang dieser Woche war er Direktor der Brüsseler Dependance des ungarischen Mathias Corvinus Collegiums.
Herr Furedi, was war der unmittelbare Anlass für Ihren Rücktritt?
Ich bin zurückgetreten, um eine zutiefst unbefriedigende und untragbare Situation endlich zu beenden. Die Mitarbeiter von MCC Brussels sind nunmehr seit zwei Monaten nicht mehr bezahlt worden, obwohl der Vertrag mit ihnen und mir bisher nie gekündigt wurde. Von den zuständigen Behörden in Budapest gab es keine Informationen, und die Mitarbeiter – darunter viele mit Familien – gerieten in eine zunehmend verzweifelte Lage.
Können Sie sich erklären, warum der Vertrag mit MCC Brussels von ungarischer Seite bisher nie formell gekündigt wurde?
Ich stelle mir das so vor: Am Anfang wollte keiner so recht die Verantwortung übernehmen. Nach der Wahl im April war jedem klar, dass große Veränderungen anstehen würden. Ein Teil der Mitarbeiter des Mathias Corvinus Collegiums in Budapest, denen wir zugeordnet waren, hoffte, sich auch mit der neuen Regierung gut stellen zu können. Es ging ihnen um Schadenminimierung, und so hielten sie still. Der neuen Regierung wiederum ist das ganz recht. Es ist ihr egal, dass MCC Brussels weder seine Mitarbeiter noch seine Gläubiger bezahlen kann.
Hat der neue ungarische Ministerpräsident Péter Magyar nicht schon im Wahlkampf angedeutet, die von der früheren Regierung geförderten Institutionen überprüfen zu wollen? Ist die Abwicklung von MCC Brussels nicht Teil eines normalen Prozesses nach einer demokratisch gewonnenen Wahl?
Die neue Regierung hat natürlich das Recht, die Institutionen abzuwickeln. Aber sie hat kein Recht dazu, bestehende Verträge zu ignorieren und dermaßen unprofessionell vorzugehen. Sie hätten uns sagen können: „Wir hassen euch und wollen euch nicht mehr finanzieren.“ Der normale Weg wäre dann eine Rückabwicklung der Organisation gewesen. Man hätte den Mitarbeitern ordentlich gekündigt und ihnen, je nach Vertrag, noch ein bis zwei Monate lang das Gehalt oder eine Abfindung gezahlt. Die Handhabung, wie sie nun erfolgte – keine Informationen, Einstellung der Gelder ohne Ankündigung usw. –, kann bestenfalls als ziemlich infantil beschrieben werden.
Die Bewältigung des Übergangs nach einer Wahl war schon immer Teil des demokratischen Prozesses. Die Partei, die die Wahl verliert, akzeptiert ihre Niederlage. Die siegreiche Partei verspricht, das gesamte Land zu vertreten. Zeigt das Beispiel Ungarns, dass dieser alte Konsens – mitten in Europa – untergraben wird?
Was wir in Ungarn sehen, ist der Geist der Rache. Es geht darum, mit denen abzurechnen, die nicht mehr als politische Gegner, sondern als Feinde angesehen werden. Und tatsächlich: Die Mentalität „Der Gewinner bekommt alles“ ist dem ordnungsgemäßen Funktionieren einer Demokratie fremd. Das grenzt an eine Lynchmentalität, bei der allen Anhängern des alten Regimes das Gefühl vermittelt wird, sie müssten sich große Sorgen machen. Tatsächlich kann ich sagen, dass es in der postkommunistischen Zeit – seit der Ära des Stalinismus – so etwas in diesem Ausmaß nicht mehr gegeben hat.
Der Vorwurf, dass das Budapester MCC – von dem auch die Gelder für Ihren Brüsseler Think Tank stammten – ein Sprachrohr von Viktor Orbáns Fidesz-Partei war, stand lange im Raum. Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Leiter einer Lobbyorganisation gewesen zu sein?
MCC Brussels war keine Lobbyorganisation. Wir haben uns nie wie eine Lobbyorganisation aufgeführt. Wir haben uns nicht im Europäischen Parlament herumgetrieben, wie es Lobbyorganisationen gerne tun. Wir haben uns voll und ganz auf unsere eigene Arbeit konzentriert. Deshalb ist es uns in den letzten vier Jahren gelungen, eine einzigartige Attraktion zu entwickeln. Selbst die lokalen Brüsseler Medien mussten zugeben, dass wir zum einflussreichsten konservativen Thinktank der Stadt geworden waren. Unsere Arbeit hat regelmäßig Reaktionen von allen Seiten hervorgerufen. Wir veröffentlichten Berichte und organisierten Debatten zu wichtigen Themen, ohne dabei die gleichen alten, abgedroschenen oder hohlen Botschaften zu wiederholen, die in der Vergangenheit aus Brüssel kamen. Unser Ziel war es, die Brüsseler Blase aufzurütteln, und genau das haben wir getan.
Ist es nun aus und vorbei mit MCC Brussels? Wird die „Brüsseler Blase“, wie Sie sie nennen, in Zukunft wieder in Ruhe gelassen werden?
Ich habe meinen Vertrag auch gekündigt, damit meine Kollegen und ich wieder die Freiheit haben, für die Werte einzutreten, für die MCC Brussels stand. MCC Brussels ist vorbei, das stimmt. In den letzten vier Jahren waren wir der Ort in der EU-Hauptstadt, an dem das Unaussprechliche ausgesprochen wurde: dass Nationen und Grenzen eine Rolle spielen, dass es nur zwei Geschlechter gibt und dass die europäische Zivilisation kein Museumsstück ist, das von Menschen kuratiert werden darf, die sie ablehnen. Wir wurden nun „gecancelt“, aber wir lassen uns nicht zum Schweigen bringen. Wir werden auf jeden Fall weitermachen, denn die Arbeit, die MCC Brussels geleistet hat, war immer größer als eine einzelne Organisation.
Das Gespräch führte Sabine Beppler-Spahl.
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Magyar wurde von der versammelten Linksfront in Europa gefeiert, weil er den ach so bösen Orban aus dem Amt drängte. Ich prophezeie, die werden sich Orban noch zurückwünschen, zugeben werden sie das natürlich nie, Linke machen keine Fehler.
Magyar schmackhaft gemacht, wie man einem Hund die Wurst vor die Schnauze hält. Klar, dass er danach schnappt.
Ob die europäischen Außengrenzen noch weiterhin so sicher bleiben wie unter Orban, wage ich zu bezweifeln.
und jetzt zeigt er sein wahres Gesicht, das wird denen die ihn gepusht haben wenig gefallen. Aus meiner Sicht ist Magyar eine deutliche Verschlechterung im Vergleich zu Orban.
Nicht nur. Das ist eine Art von Demokratie, sicher auch die angenehmere und anzustrebende Art. Aber das hängt natürlich von der Bevölkerung ab. Je divergenter diese ist, ist es schlicht nicht möglich das gesamte Land zu vertreten. Blind das Land vor alles zu stellen wäre auch wieder zu national oder sonstig extrem.
Europäische Bevölkerungen sind heute divergenter und in der großen Tendenz neigt man heute eher zu werteorientierten Demokratien, die, wie der Name schon sagt, die Prioritäten auf Werte legen, nicht das ganze Land zu vertreten. Alles hat Vor- und Nachteile und man kann nicht alles zusammen haben.
Ja, Brüssel wird ohne Orban ein Stück homogener. Mehr werteorientiert kann man nicht sagen, weil Orban auch sehr werteorientiert war, nur eben andere Werte. Es wird wieder ein wenig homogener werteorientiert. Ob das zu einer funktionierenderen Gemeinschaft mit mehr gleichen Werten führt, oder zu weltfremd eher scheitert, kann man nicht wissen.
= Einheitsmeinung. "Gemeinschaft mit mehr gleichen Werten" = 1 Wert. Wenn 10 Leute die gleiche Meinung haben, habe die genau 1 (nämlich die gleiche) Meinung. Brüssel wird ohne Orban einfältiger werden, nicht homogener. Die "Gemeinschaft" funktioniert sowieso nur deswegen, weil sie deutsches Geld will und weil der Statthalter UvdL dieses Geld nach ideologischem Gutdünken verteilt. Was man wissen kann, Herr Michaelis, wenn die Quelle versiegt ist, wird das Gewächs eu, egal welche "Werte" dort präferiert werden, eingehen wie eine Primel.
Ich hoffe, schon sehr bald!
