Emmanuel Macron und Donald Trump - Mächtig geschmeichelt

Auch wenn sie ideologisch weit auseinanderliegen, umgarnt Emmanuel Macron Donald Trump nach Kräften. Warum er das tut, hat viel mit der Persönlichkeit des US-Präsidenten zu tun, die stark an eine deutsche Fernsehfigur erinnert. Aber Macron muss aufpassen, dass er das Machtspiel nicht überreizt

Donald Trump zu Besuch bei Emmanuel Macron: Das Ausmaß der Umgarnung überraschte doch / picture alliance

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In der Fernseh-Serie „Kir Royal“ spielte Mario Adorf Heinrich Haffenloher, einen neureichen Klebstofffabrikanten, der sich nach großbürgerlichem Glanz und nach Anerkennung sehnt. In einer denkwürdigen Szene sagt Haffenloher dem Reporter „Baby“ Schimmerlos: „Isch ruinier dich. Isch mach disch fertisch. Isch kleb dich zu von oben bis unten… Isch scheiß dich sowat von zu mit meinem Geld, dass de keine ruhige Minute mehr hast“.

Als sich US-Präsident Donald Trump in seiner Air Force One im Anflug auf Frankreich befand und im Flugzeug mit einem Reporter der New York Times sprach, war die Ähnlichkeit zu Haffenloher frappierend: „Ich möchte großartige Deals mit Russland machen. Ich bin ein fantastischer Fracker. Kohle, Gas, alternative Energien, Wind. Aber ich werde mehr Energie produzieren als jeder, der jemals im Amt war ... Also, was hat das mit Russland zu tun? Russland verdient Geld, indem es Öl verkauft. Aber wir haben unter unseren Füßen mehr Öl als irgendjemand sonst, was vor fünf Jahren noch niemand wusste. Und ich möchte das nutzen und ich will nicht, dass es uns durch den Pariser Klimavertrag weggenommen wird.“ So ging es weiter im bekannten Trump-Duktus.

Der Heinrich Haffenloher der Politik 

Jeden Tag, so scheint es, kratzt der Bauunternehmer ein wenig mehr vom Glanz des Präsidentenamts ab. Er lügt. Er lügt mehr. Er beschimpft die Presse als „Volksfeinde“ und „Fake News“. Eine Frühstücksfernseh-Moderatorin bedeckt er mit frauenfeindlichen Twitter-Kommentaren. Er rempelt den Premierminister Montenegros zur Seite. Er lässt seine Kabinettsmitglieder peinliche Elogen auf ihn aufsagen. Als sein Sohn sich wegen seiner Russland-Kontakte stellen muss, nennt der Vater den Vorgang „die größte Hexenverfolgung in der Geschichte“. Man muss festhalten: Ein Mann wie Heinrich Haffenloher ist der mächtigste der Welt geworden, nur in echt und nicht im Fernsehen (auch wenn Trump die beiden Welten offenbar nicht immer unterscheidet).

Wie geht man mit so einem Typen um? Diese Aufgabe stellte sich Ende vergangener Woche Emmanuel Macron, selbst gerade erst zum Präsidenten Frankreichs gewählt. Er hat sich die Aufgabe sogar selbst ausgesucht und Donald Haffenloher zum französischen Nationalfeiertag eingeladen, der durch den traurigen Jahrestag des Attentats von Nizza noch patriotischer aufgeladen war als sonst. Außerdem war das Verhältnis zwischen Trump und Frankreich schon vorher belastet. Noch im Wahlkampf hatte Trump von seinem (offenbar imaginären) Freund Jim erzählt, der nicht mehr nach Paris reisen würde, weil die Migranten die Stadt der Liebe in eine Stadt der Diebe verwandelt hätten. Macron hatte in einer Video-Botschaft den amerikanischen Präsidenten angegriffen wegen dessen Ablehnung des Pariser Klimavertrags.

Macrons Charme-Offensive

Doch von Beginn an des Treffens war zu spüren, dass Macron alles dafür tun würde, um die Wogen zu glätten. Selbst als seine Frau ein zweifelhaftes Kompliment des Anti-Charmeurs Trump anhören musste, ließ Macron sich nicht davon abhalten, ihn weiter zu umschmeicheln, mit dem, was die Haffenlohers und Trumps dieser Welt am meisten brauchen: Glanz und Anerkennung. So durfte sich Trump eine tolle Parade mit ganz vielen Soldaten und Panzern anschauen, im Restaurant des Eiffelturms essen (was kein Pariser je tun würde) und sich bei einer gemeinsamen Pressekonferenz als Anführer der westlichen Welt gerieren.

Nun hat niemand erwartet, dass Macron Trump öffentlich brüskieren würde. Aber das Ausmaß der Umgarnung überraschte doch. Um es zu verstehen, hilft es, sich zu vergegenwärtigen, wie Macron seine Präsidentschaft bisher angegangen ist. Nach der Wahl fuhr er in einem offenen Militärfahrzeug die Champs-Elysées hinauf. Um seine Leitlinien darzulegen, bestellte er die Abgeordneten der französischen Nationalversammlung ins Schloss Versailles ein. Macron ist ein Zentrist, aber offenbar hat er festgestellt, dass dieser pragmatischen Tradition die majestätische Komponente oft gefehlt hat, die die meisten Franzosen wohl immer noch als unverzichtbar für einen starken Präsidenten erachten. Die Fünfte Republik ist nicht umsonst von Charles de Gaulle so konzipiert worden, dass der Präsident ein König auf Zeit ist. Nur waren die vergangenen drei „Könige“, Jacques Chirac, Nicola Sarkozy und François Hollande, eher schwach. Macron scheint nun zu versuchen, republikanischen Pragmatismus mit der majestätischen Aura nach de Gaulle zu kombinieren.

Auf Augenhöhe mit dem US-Präsidenten?

Und dabei spielt die Beziehung zum US-amerikanischen Präsidenten eine entscheidende Rolle. In der gaullistischen Tradition agiert der französische Präsident zumindest dem Anschein nach auf Augenhöhe mit seinem amerikanischen Pendant, auch wenn die tatsächliche Macht stark darunter liegt. So hielt es de Gaulle mit Kennedy und der vor Macron letzte „königliche“ Präsident Francois Mitterand mit Ronald Reagan. Für Macron öffnet sich jetzt die Möglichkeit, das Gleiche mit Trump zu erreichen. Während sein Amt hell wie lange nicht glänzt, wirken die USA unter Trump geschwächt wie selten und Trump selbst mit jedem Tag isolierter.

Außerdem scheint Macron zu glauben, dass er in Trump eine entscheidende Verwundbarkeit ausgemacht hat: Eben dessen Sehnsucht, gemocht zu werden, im Kreis der Großen anerkannt zu sein, so wie es Haffenloher in die Münchener Schickeria drängte. Jeder, der Trump schmeichelt und ihm den Respekt entgegenbringt, den, aus Trumps Sicht, das Establishment ihm trotz seiner Macht immer noch verwehrt, kann auf die Dankbarkeit und die Loyalität des amerikanischen Präsidenten bauen. Und, wenn alles richtig läuft, ihn sogar manipulieren.

Narzissten kann man nicht kontrollieren

Macron hat Übung in diesem Machtspiel der Schmeichelei, auch seinen Vorgänger Hollande hat er erst umgarnt, um ihn dann im für ihn richtigen Moment im Regen stehen zu lassen. Doch muss er aufpassen, dass er Trump nicht unterschätzt. Noch heute, als Präsident, trägt Trump private Fehden öffentlich aus, zum Beispiel mit Arnold Schwarzenegger, seinem Nachfolger in der Fernsehshow „The Apprentice“.

Denn Narzissten, ob sie nun Trump oder Haffenloher heißen, können vielleicht für Momente manipuliert, ihr Geltungsdrang aber auf Dauer nicht kontrolliert werden. Und Kränkungen vergessen sie nie. In „Kir Royal“ wehrt der Reporter Schimmerlos sich tapfer und bestimmt, nur um am Ende doch einlenken zu müssen. Haffenloher war ihm wie angekündigt „einfach über“. Auch wenn Macron es auf eine geschmeidigere Art probiert, mit Trump umzugehen, ist der Erfolg nicht garantiert. Ob schöne Erinnerungen an gemeinsame Paraden und Abendessen ausreichen, um im Falle des Falles den Zorn des US-Präsidenten zu besänftigen? Wahrscheinlicher scheint die New Yorker Version von „Isch mach disch fertisch!“