Emmanuel Macron (l.) und Olaf Scholz (r.) / picture alliance
Emmanuel Macron (l.) und Olaf Scholz (r.) / picture alliance

Blick aus Mittelosteuropa - Der deutsch-französische Motor stockt

Das deutsche Führungsvakuum wird in weiten Teilen Europas auch als solches vernommen, und dies verheißt nichts Gutes. Die deutsche Ohnmacht wird besonders in Mittelosteuropa als bedrohlich empfunden.

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In gut einem Monat jährt sich der wegweisende Elysée-Vertrag zwischen Deutschland und Frankreich zum 60. Male. Das auch als Grundlagenvertrag verstandene Abkommen der einst verfeindeten europäischen Länder wurde am 22. Januar 1963 von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer unterzeichnet und galt als Wegbereiter der deutsch-französischen Aussöhnung, als Modell europäischer Annäherung und Grundlage gelebter Völkerverständigung.

Der aus dem Vertrag herrührende politische, ideelle und moralische Anspruch strahlte weit in das 21. Jahrhundert hinein und gab Europa ein echtes Wertefundament. Die hierin begründeten Ansätze trugen viel zum europäischen Einigungswerk bei und begründeten den Willen der beiden größten Länder der Europäischen Union, sich als Motor der europäischen Integration verstehend, den Kontinent gemeinsam und in enger Symbiose zu führen.

Dieser Motor ist jedoch in jüngster Vergangenheit ins Stocken geraten. Was dies für Mittel- und Osteuropa, insbesondere Ungarn, bedeutet, ist Gegenstand intensiver Debatten im In- und Ausland. Die Ungarn verfolgen sehr aufmerksam, wie sich die Verstimmungen im deutsch-ungarischen Miteinander auf die Region und auf ganz Europa auswirken dürften. 

Frankreich sucht und findet seine Rolle

Ungarn war Gastgeber des V4-Gipfels im Dezember 2021, an dem auch der französische Staatspräsident Emmanuel Macron teilnahm. Bereits damals titelten die Zeitungen „Wir wollen kein deutsches Europa“ (Cicero), „Macron ante portas“ (Tagespost) oder „Aufstand der Atomfreunde“ (FAZ). Die Zusammenarbeit der Visegrád-Länder mit Frankreich wurde damals intensiv geprobt und neben den Fragen der strategischen Souveränität Europas war und ist der Umgang mit der Atomkraft ein bestimmendes Thema dieses Formats. Damals ahnte noch keiner, dass mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine diese bestimmenden Themen eine noch größere Relevant entfalten sollten. Verteidigungsfähigkeit, Resilienz und Energiesicherheit sind die entscheidenden Schlagworte und bestimmen Ende 2022 die Agenda zu ungleich größeren Teilen als vor einem Jahr hätte antizipiert werden können. 

In weiten Teilen sehen die Vertreter der Visegrád-Länder diese Fragen sehr ähnlich wie Frankreich, sie setzen voll auf Atomkraft und sind sich mit Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron einig, dass dauerhaft die Energieversorgungssicherheit ohne Atomstrom nicht zu gewährleisten sei. In diesem zentralen Punkt deuteten sich schon damals gravierende Meinungsverschiedenheiten zur deutschen Position an, die sich seitdem nur noch verschärft haben dürften.

Am Silvestertag wurde das Regelwerk der Taxonomie der Europäischen Kommission bekannt, nach dem die Kernenergie als nachhaltig eingestuft wurde. Dem vorangegangen dürften intensive Verhandlungen der französischen Seite gewesen sein, denn ohne geschickte Lobbyarbeit hätte sich diese Regelung wohl kaum durchsetzen können. In dieser Frage kann Frankreich auf viele europäische Länder, aber nicht auf Deutschland und Österreich, zählen. Dass der Donnerschlag ausgerechnet pünktlich zum Amtsantritt der deutschen Ampelregierung erfolgt ist, verstärkt den Effekt und die Aufmerksamkeit dieser Politikgestaltung. Im Folgenden die deutsch-französische Meinungsverschiedenheiten in fünf Punkten. 

(1) Atomkraft

Die friedliche Nutzung der Kernenergie ist kaum bestreitbar der zentrale Zankapfel zwischen Deutschland und Frankreich. Während Frankreich voll auf Atomstrom setzt und hierfür auch massiv Bündnispartner sucht und findet, schlingert die deutsche Energiepolitik zwischen Ideologie, Illusion und Ideenlosigkeit. Noch immer glauben allen voran die Vertreter der grünen Regierungspartei, dass trotz Krieg und Energieknappheit der Atomausstieg nicht rückgängig gemacht werden sollte, während aber die Mehrheit der Deutschen einem Weiterbetrieb zustimmend gegenübersteht.

Während also die meisten Länder Europas eine realistische Sichtweise auf die Atomkraft haben und in neue Technologien und Anlagen investieren, ist in den Kreisen deutscher Entscheidungsträger die massive Atomangst nach wie vor vorhanden. Frankreich und die große Mehrheit Europas verfolgen hier einen gänzlich anderen Weg, die Diskrepanz wird vermittels der grünen Regierungsbeteiligung in Deutschland nun ganz offenbar und frappierend. 

(2) Rüstungspolitik

Auch in anderen Gebieten kulminierten die Meinungsverschiedenheiten, was zu einem auch für große Öffentlichkeit bemerkbaren Paukenschlag führte. Die für Ende Oktober geplanten deutsch-französischen Regierungskonsultationen wurden nämlich abgesagt, in vielen Fragen herrsche Abstimmungsbedarf, so das offizielle Kommuniqué. Neben den Energiefragen galten und gelten die verteidigungspolitischen Angelegenheiten als Bereich mit viel Konfliktpotential. Das 100 Milliarden Euro starke Sondervermögen für die Verbesserung der Wehrfähigkeit der Bundesrepublik sieht Beschaffungen bewährte US-amerikanischer Rüstungstechnik vor, während deutsch-französische Projekte in den Hintergrund rücken. 

(3) Flüssiggasleitungen 

In der Frage der auszubauenden Energieunion entluden sich die Spannungen am Widerstand Frankreichs gegen das einst von Frankreich und Deutschland mit großer Verve verfolgte Projekt der sog. Mid-Catalonia-Flüssiggasleitung von Spanien nach Frankreich. Stattdessen wird auf Betreiben der französischen Seite die unter dem Mittelmeer verlaufende Pipeline BarMar von Barcelona nach Marseille verfolgt. Diese Entscheidung dürfte als schlussendlicher Anlass für die Verstimmungen unmittelbar vor den geplanten Regierungskonsultationen gegolten haben. 

(4) „Doppelwumms“

Die Pläne der Bundesregierung, zur Abfederung gestiegener Energiekosten deutsche Unternehmen mit einem massiven 200 Milliarden Euro starken Energiepaket zu entlasten, sorgten nicht nur in Frankreich für Kopfschütteln. Während Frankreich und viele andere EU-Länder hierbei massiven Wettbewerbsverzerrungen befürchten, erkannten die sparsamen Länder Mittel- und Osteuropas in der 200 Milliarden teuren Gas- und Strompreisbremse des deutschen Staates nicht nur einen Markteingriff zugunsten der deutschen Seite, sondern auch die gefährliche Tendenz des Schuldenmachens. Mit Sorge wird dabei zur Kenntnis genommen, dass die einst so sparsamen Deutschen im Handumdrehen und ohne mit der Wimper zu zucken innerhalb eines halben Jahres zusätzliche 300 Milliarden Schulden aufnehmen, während die mühselig verhandelten „Corona-Gelder“ für alle EU-Länder und mehrere Jahre gerade einmal etwas mehr als das doppelte betragen. 

(5) Europäische Politische Gemeinschaft

Die Anfang Oktober 2022 erstmalig zusammengetretene Europäische Politische Gemeinschaft gilt eindeutig als Projekt von Emmanuel Macron. Dass die deutsche Bundesregierung nicht von dieser Idee einer weiteren paneuropäischen Organisation begeistert war, gilt als offenes Geheimnis. Viele fragen sich in der Tat, ob eine neue Organisationsform überhaupt etwas bringen könne, schließlich gebe es mit dem Europarat ein ähnliches und fast deckungsgleiches europäisches Instrumentarium. Sollte die Idee der Europäischen Politischen Gemeinschaft mit dem geplanten Gipfel in Moldawien weiterleben und sich konkretisieren, hätte Frankreich einen entscheidenden Punkt gemacht. 

Das deutsche Führungsvakuum

Auf einer gemeinsamen Veranstaltung von Cicero und Berliner Zeitung erklärte der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán Anfang Oktober: „Mit Angela Merkel würde es den Krieg in der Ukraine nicht geben.“ In der Tat hinterlässt die große deutsche Bundeskanzlerin eine Lücke, die der Nachfolger erst noch füllen muss. Während die Ampelkoalition durch die sich teilweise überlappenden Migrations-, Corona- und Energiekrisen schlingert und erst ihr klares Profil und vor allem ihre Fähigkeit zur Krisenbewältigung finden muss, kann der französische Präsident mit ruhiger Hand auf seine Erfahrungen und Erfolge verweisen. Ein Schönheitsfehler seiner Politik ist lediglich die fehlende Mehrheit in der Assemblee Nationale.

Nichtsdestotrotz wird das deutsche Führungsvakuum in weiten Teilen Europas auch als solches vernommen und dies verheißt nichts Gutes. In diese Führungslosigkeit Deutschlands stieß der Krieg Russlands mit voller Wucht und legte diesen Zustand gnadenlos offen. Vielmehr noch erschien in diesem Licht auch die Ideen- und Führungslosigkeit unseres ganzen Kontinents. Riefen die Weltmächte früher bei Angela Merkel an, wenn es ernst wurde, stellt man sich heute die Frage, ob sie überhaupt noch anrufen und wenn ja, wen?

Auswirkungen auf Mittelosteuropa

„Deutsche Macht fürchte ich heute weniger als deutsche Untätigkeit“ – diese Aussagen des damaligen polnischen Außenministers Radosław Sikorski aus dem November 2011 gelten heute unvermindert und geben treffend wieder, wie sich die Länder Ostmitteleuropas die Verantwortung des größten EU-Landes vorstellen. Ursprünglich auf die europäische Schuldenkrise bezogen, wurden die Aussagen Sikorskis zum geflügelten Wort und lassen sich auf die heutige Situation ummünzen. Deutsche Ohnmacht wird in Mittelosteuropa als besonders bedrohlich empfunden. Lange Zeit haben die Länder dieser Region auf Deutschland hinaufgeschaut, die Verantwortung Deutschlands und den Dialog auf Augenhöhe eingefordert. 

Sie demonstrierten mit ihren Erfahrungen, dass sie Solidität und Wachstum, Eigenverantwortung und solides Wirtschaften in den Vordergrund stellen, ein Modell, das auch für Deutschland attraktiv sein könnte. In den Fragen der ideellen Herkunft Europas und den europäischen Traditionen stehen diese Länder für das jüdisch-christliche Erbe und die Bewahrung des „European way of life“ wie wir ihn kennen und schätzen gelernt haben.

Durch ihre Diktaturerfahrung erkennen sie Gefahren präziser und wissen, was sie an einem freien Europa haben. Doch kam es bedauernswerterweise niemals zu einer starken Allianz Deutschlands mit den V4-Ländern oder mit Mittelosteuropa. Stattdessen setzte man auf den nunmehr stockenden deutsch-französischen Motor und alte Mechanismen. Heute besinnen sich die Mittelosteuropäer auf ihre eigenen Stärken und wissen, dass sie sich nur auf sich selbst verlassen können. Deutschland wurde nicht zum Motor der V4 und heute ist es auch nicht mehr Motor des Kontinents.

Fazit

Die Perspektiven, sich nicht mehr auf Deutschland verlassen zu können, sind prägend in Mittelosteuropa. Mit Sorge wird beobachtet, wie Deutschland seiner Führungsverantwortung nicht nachkommt und sich die deutsche Ampelkoalition an innenpolitischen Konfliktthemen abarbeitet. Die Position Deutschlands wird als geschwächt wahrgenommen und die aktuellen Konflikte im deutsch-französischen Verhältnis bestätigen diesen Trend zusätzlich. Die Hinwendung zu Frankreich ist in Fragen der strategischen Souveränität unausweichlich, hierfür hat Präsident Emmanuel Macron eine treffende Formel gefunden, um sich eigene Allianzen zu sichern. Die Herausforderungen im deutsch-französischen bilateralen Miteinander belegen wieder einmal mehr, dass Europa vor einem Führungsproblem steht. 

Der Autor ist der Direktor des Deutsch-Ungarischen Instituts für Europäische Zusammenarbeit am Mathias Corvinus Collegium in Budapest/Ungarn. Er ist zudem Mitherausgeber der Zeitschrift „Hungarian Conservative“, Autor diverser Analysen zu Ungarn, den deutsch-ungarischen Beziehungen und schreibt regelmäßig Beiträge für verschiedene deutschsprachige Medien.
 

Keppelen Juliana | Di., 6. Dezember 2022 - 12:35

unsere Führung und für die EU sitzt im Pentagon. Es spielt überhaupt keine Rolle wer in der EU als Führungsfigur oder Führungsnation gerade gehypt wird wichtig ist nur, dass sie dem Ziel "Amerika first" dient. Diese Führungsdiskussion ist eine Scheindiskussion.

... es durchaus sehen, werte Dame.
Unser Handlungsspielraum ist begrenzt!
Das Buch Nationale Interessen von K.v. Dohnany gibt hier erhellende Einsichten.
Solange wir uns nicht auf eigene, glaubhafte Stärken in militärischer und wirtschaftlicher Hinsicht verlassen können, bleiben wir immer nur Leinengänger der US-Nato.
Unsere Zukunft ist der EuropaAsiatische Kontinent! Wir dürfen uns nicht zum Brückenkopf des US-Imperialismus machen lassen.
Seit 1990 wurde die damalige Chance nicht genutzt, die sich bot dieser Rolle zu entkommen!

Rainer Mrochen | Di., 6. Dezember 2022 - 13:21

Deutsche Macht und daraus resultierend Führung definiert sich lediglich über das größte BIP und damit verbunden den grössten, repressiven, monetären Druck auf Europa ausüben zu können. Unter dem Gesichtspunkt Demographie, wirtschaftliche Entwicklung ist eben deswegen auch deutsche "Einwanderungspolitik" zu betrachten.
Neuerdings kommen, verschlimmernd, ideologische Besserwisserei und moralisierendes Fingerheben dazu.
Was hat das noch mit Führung zu tun? Sehr zu recht wird Deutschland, nicht nur europäisch, sondern weltweit auf einem sich absteigend befindlichen Ast wahr genommen. Am Ende einer solchen Entwicklung wird nicht einmal mehr das Geld für Führung vorhanden sein. So einen Abstieg muss man erst einmal hinbekommen. Etwas Sarkasmus sei erlaubt.
Bei irgend etwas muß man ja Weltmeister sein um noch wahr genommen zu werden.

Gabriele Bondzio | Di., 6. Dezember 2022 - 13:37

Ja, es hat der deutschen Führungselite überhaupt nicht in den Kram gepasst (vorallem der CDU/Johann Wadephul),
dass Macron, einen für sie hochproblematischen Vorschlag zu Verhandlungen im Krieg mit der Ukraine macht.

Auch seine frühere Äußerung (Februar)... „Wir müssen ein Europa mit Russland aufbauen“,...
ist nicht gut bei deutschen Bellizisten angekommen.

Wenn ich noch folgende Äußerung von EU-Chefdiplomat Borrell : "Wie einst die Konquistadoren müssen wir eine neue Welt erfinden und unseren strategischen Kompass neu justieren."...bedenke.
(Die vorwiegend-spanischen Konquistadoren, haben ja den südamerikanischen Subkontinent erobert und den Tod von Millionen Ureinwohnern sowie die Auslöschung ganzer Hochkulturen verursacht)

Wundert es mich nicht, werter Herr Bauer, wenn in der EU und speziell DE die Moralität Verluste hinnehmen muss.
Da wirbt auch eine Frau Baerbock in Indien vergeblich mit Worten: " sie fühle sich, »als würde man einen guten Freund besuchen«"

Walter Bühler | Di., 6. Dezember 2022 - 13:57

Die Wiederkehr des Krieges nach Europa hat die deutsche politische Klasse meinem Eindruck nach bis heute immer noch nicht wirklich ernst genommen.

Nicht nur in den Fragen des Zivilschutzes, der Katastrophenhilfe und der Wehrpflicht ist kein Ende der staatlichen Handlungsverweigerung zu erkennen. Auch die Hinführung der Bundeswehr zu einer realer Einsatzbereitschaft scheint nicht voran zu gehen, und schon gar nicht wird die Bedeutung der nuklearen Abwehrfähigkeit Europas ernst genommen. Nach wie vor überlässt unsere Politik diese zentrale europäische Aufgabe alleine den Franzosen.

Diese deutsche Realitätsverweigerung ist außerdem nicht mit verbaler Zurückhaltung, sondern sogar im Gegenteil mit großmäuliger Verbalradikalität in der Außenpolitik gekoppelt.

"Mit Sorge wird beobachtet, wie Deutschland seiner Führungsverantwortung nicht nachkommt und sich die deutsche Ampelkoalition an innenpolitischen Konfliktthemen abarbeitet."

So ist es leider im Moment.

Gerhard Lenz | Di., 6. Dezember 2022 - 14:55

politisch zutiefst verbunden ist - einen anderen Schluss lässt sein Beitrag nicht zu - trennen noch immer Welten von Macron. Selbst wenn die beiden möglicherweise beim Thema Kernkraft auf einer Linie sind ist doch festzuhalten, dass Macron die EU vertiefen will, Orban sie eher zum lockeren Staatenbund reduzieren will, dessen einzige Aufgabe es sein sollte, notorisch klammen Staatskassen wie die in Ungarn aufzufüllen.

Wenn Herr Bauer wirklich glaubt, ausgerechnet der Anti-Europäer Orban und der Pro-Europäer Macron würden eine Art Front gegen Deutschland bilden, dann muss man ihm surreales, wahrscheinlich durch Illusionen gefüttertes Wunschdenken bestätigen.

Orban kann nicht mehr so offen seine ganz besonderen Beziehungen zum ideologischen Verbündeten Putin pflegen. Die Visegrad-Staaten sind zerstritten und in der Summe europapolitisch schwach. Orban kann im Grunde nur noch auf die gleichfalls in Europa am Rande stehenden Polen hoffen.

Es sind die Polen, als Größter Nettoempfänger in der EU, mit besonders klammer Kasse. Und zum Visegrad-Club gehören die auch, träumen womöglich von der einstigen Größe des polnisch-litauischen Königreiches, wer weiß das schon?
Die Bandbreite der nationalen Identitäten und ihrer eigenen Geschichte innerhalb Europas ist größer als es sich Schmalspur-Totaleuropäer vorzustellen vermögen.
Ein Europa der Vaterländer hat die Größte Chance auf Realisierung, so war auch das Ursprungskonzept. Es läßt den Ländern ihre eigene Geschichte und kann sie zu einem Bund zusammenfügen, zusammenhalten. Jedes Land kann seine Fähigkeiten einbringen, um sich gemeinsam gegen eine Ursupation zu erwehren.
Die EU in ihrer jetzigen Form wird scheitern!

Gerhard Lenz | Di., 6. Dezember 2022 - 18:04

Antwort auf von Tomas Poth

Das trieft ja nur so vor Nationalschmalz. Dabei weiß jeder halbwegs Geschichtsbewanderte: Nationen und Nationalstaaten sind künstliche Produkte, die im Lauf der Geschichte immer Veränderungen unterlagen. Einen Zusammenhang von Blut und Boden gab es vielleicht bei Hitler oder Mussolini und wird heute - wenn auch in anderer Form - höchstens von Faschisten wie Hoecke behauptet.

Wie zufällig und willkürlich Grenzen verlaufen, kann doch jeder sehen. Die, die dadurch getrennt sind, haben oft mehr gemeinsam als jene, die innerhalb dieser leben.
Ein Bayer ist einem Österreicher viel näher als einem Ostfriesen: der hat mehr mit einem niederländischen Westfriesen gemeinsam, als mit einem Sachsen, der Schleswig-Holsteiner fühlt viel mehr dänisch als thüringerisch, und wahrscheinlich ist ein Schwabe den Schweizern näher als den Ruhrpöttlern. Alles willkürlich, zufällig, nichts natürlich.

Die EU-Gründerväter wollten ein vereintes Europa, kein vewässertes Wischi-Waschi-Europa der Nationen!

Sie verfallen da in Blut&Boden-Rausch, wo andere Europäische Nation andere Vorstellungen haben, als Sie es sich in Ihrem EU-Schmalspur-Verständniss vorzustellen vermögen.
Vermutlich verbirgt sich dahinter ein neues deutsches Großmachtverständniss in der Hülle einer deutsch dominierten EU, was gerade von den Osteuropäern befürchtet wird. Von meinen spanischen Freunden kommt immer die Aufforderung Deutschland müsse mehr Führung in Europa ausüben. So unterschiedlich sind die Verständnisse!
Von Ihnen müßte jetzt eigentlich an dieser Stelle eindeutiges Bekenntnis kommen, daß Sie nicht großdeutsche Interessen getarnt im EU-Mantel vertreten.

"Dabei weiß jeder halbwegs Geschichtsbewanderte: Nationen und Nationalstaaten sind künstliche Produkte, die im Lauf der Geschichte immer Veränderungen unterlagen." Gilt das nicht nur für Deutschland, sondern auch z. B. auch für die Ukraine, die Türkei und Syrien?

Der Hr. Lenz merkt gar nicht,, daß er hier den Grenzverschiebungen oder Staatszerstörungen, sei es durch die US-Imperialisten oder wie aktuell durch Russland das Wort redet. Die Ukraine ist nach seiner Definition ein künstliches Produkt und muß Veränderungen unterliegen.

In diesem Punkt kann ich Ihnen nur zustimmen, Herr Lenz:

"Dabei weiß jeder halbwegs Geschichtsbewanderte: Nationen und Nationalstaaten sind künstliche Produkte, die im Lauf der Geschichte immer Veränderungen unterlagen. Einen Zusammenhang von Blut und Boden gab es vielleicht bei Hitler oder Mussolini und wird heute - wenn auch in anderer Form - höchstens von Faschisten .... behauptet.

Wie zufällig und willkürlich Grenzen verlaufen, kann doch jeder sehen. Die, die dadurch getrennt sind, haben oft mehr gemeinsam als jene, die innerhalb dieser leben."

Richtig! Das gilt nicht nur für West- und Zentraleuropa, in Nordirland und in Katalonien, sondern auch in Osteuropa, ja überhaupt auf der ganzen Welt - wie jeder sehen kann, wenn er denn die Augen aufmacht.

Nur eine kleine Anmerkung: Vielleicht liege ich falsch: Für mich gehört jedenfalls der General de Gaulle zu den EU-Gründervätern (und EU-Gründermüttern). Sprach dieser nicht von einem "Europa der Vaterländer"?

werter Herr Bühler, wenn Sie über die eigentlichen Gründerväter der EU reden. Dazu gehören Adenauer, Monet, Schuman.

De Gaulle hat immer einen nationalistischen Kurs gefahren. Er hatte von Europa ziemlich "beschränkte Vorstellungen" wie Sie sicher wissen, und welche Ihnen in Zeiten, in denen Ihre AfD nach dem D-Exit ruft, scheinbar als Alibi oder Beweis gerade recht kommen.
Aber bei allem Nationalismus waren De Gaulles europapolitische Vorstellungen noch immer Lichtjahre von dem bekannten AfD-Unsinn entfernt.

Was Grenzen angeht und das künstliche Schaffen und Erweitern von Nationen: Das trifft natürlich auch auf Russland zu, dass sich immer wieder mal ein Stückchen Asien (hauptsächlich) unter den Nagel gerissen hat. Können Sie alles nachlesen, sollten Sie als ehemaliger Lehrer aber eigentlich wissen. Denn früher war doch Bildung in DE garantiert eine Einbahnstraße zu höchster Qualität, besonders die gymnasialer Art.

Walter Bühler | Fr., 9. Dezember 2022 - 21:49

Antwort auf von Gerhard Lenz

... in den 60iger Jahren des vorigen Jahrhunderts selbst begeistert erlebt habe (De Gaulles Ludwigsburger Rede, De Gaulles Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks usw.) war also Ihrer Meinung nach, Herr Lenz, nur eine törichte Gymnasiasten-Illusion?

Nun gut, aber für mich persönlich war es jedenfalls schon vor dem Abitur ein starkes Motiv, mich für die europäische Einigung zu begeistern, und mich gegen die damalige NPD einzusetzen.

Obwohl ich mich inzwischen an Ihre Lehrer-Phobie gewöhnt habe, muss ich Ihnen aber (gefühlt zum x-ten Male) erklären: Ich war 35 Jahre lang Mitglied der SPD, bis ich (hauptsächlich wegen der Berliner Bildungspolitik) ausgetreten bin. Ich bin danach bis heute in keine andere Partei eingetreten. Obwohl ich weiß, wie sehr Sie das Gegenteil herbeisehnen, gilt das auch für die AfD. Sie ist nicht "meine" AfD. Ich finde es allerdings in der Tat nicht kritikwürdig, wenn sich die deutsche AfD in der Europa-Politik auf den Franzosen De Gaulle beruft.

Werner Peters | Di., 6. Dezember 2022 - 17:33

Anstatt immer nur auf D rumzuhacken, schreibt doch mal, wie viele Ukrainische Flüchtlinge D aufgenommen hat und wie viele Frankreich ? (Hier die Antwort: 1 Mio, 100 tsd) Das sind die Fakten!

Sabine Lehmann | Di., 6. Dezember 2022 - 23:16

Ob das komplette Desaster bei unseren französischen Freunden so ganz angekommen ist, wage ich zu bezweifeln. Wäre dem so, hätte der gute Emanuelllle vermutlich vom Haare raufen keine selbigen mehr auf dem Haupte. So verklärt sich die bodenlose Niveaulosigkeit deutscher Akteure hinter der Sprachbarriere, die beim typischen Franzosen nicht größer sein könnte. Der Franzose spricht von Geburt an bis zu seinem Ableben ausschließlich und mit großer nationaler Überzeugung nur französisch. Gott sei Dank kann er dann auch nicht die rhetorische und intellektuelle Fallhöhe von Wortkrämpfen wie "Doppel-Wumms" oder Ähnlichem erfassen.
So darf man noch hoffen, dass sich die Macrons nicht allabendlich in ihrem Schlafgemach schlapp lachen über deutsche Schlümpfe, Osterpakete, Waschlappen, miefende Politiker, abgehalfterte authentische Weihnachtsfichten und andere Absurditäten aus dem Herzen Europas.....