Syrien - Der Stellvertreterkrieg

Der Aufstand in Syrien ist vorbei. Spätestens seit die Kämpfe die großen Städte erreicht haben, hat sich der Konflikt zum Bürgerkrieg gewandelt. Wie in den 1970ern im Libanon verlängert die zunehmende internationale Einmischung den Konflikt

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(picture alliance) Ein syrischer Rebell in Gefechtsstellung

Syrien schaut in den Abgrund. Was als friedlicher Aufstand für Demokratie und Freiheit begann, hat sich zu einem blutigen Bürgerkrieg entwickelt. Oberflächlich sieht es aus,  wie ein Kampf zwischen der oppositionellen Freien Syrische Armee (FSA) und dem Regime von Bashar al-Assad. Tatsächlich ist es längst viel komplexer.

„Die Situation in Syrien ähnelt zunehmend dem libanesischen Bürgerkrieg", sagt André Bank, Syrien-Spezialist am GIGA Institut für Nahost-Studien in Hamburg. „Sowohl auf Seiten Assads, als auch innerhalb der FSA kommt es zunehmend zur Milizbildung.“

Genau wie das kleine Nachbarland im Westen, ist Syrien ein Flickenteppich verschiedener Ethnien und Konfessionen. Die Mittelmeerküste, im Nordweste des Landes, ist vorwiegend von Alawiten bewohnt. Jener Bevölkerungsgruppe, der auch Assad angehört. An den Grenzen zum Irak und der Türkei machen die Kurden von ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit gebrauch und bringen immer mehr Gebiete unter ihre Kontrolle. In Zentral- und Südsyrien bilden die Sunniten die Mehrheit, während Damaskus und Aleppo gemischt sind. Hinzu kommen über das Land verteilt kleine Gruppen von Christen, Drusen und Turkmenen.

Es sind vor allem die gemischten Gebiete und jene Bereich in denen Siedlungsgebiete aufeinander treffen, wo die interkonfessionelle Gewalt eskaliert. Zunehmend kommt es hier auf beiden Seiten zu Gräueltaten und Exekutionen.

„Das Assad Regime schrumpft immer mehr auf den engsten Kreis des Sicherheitsestablishments zusammen“, so Bank. „Es repräsentiert kaum noch den Staat.“

Um zu überleben, stützt sich das Regime auf die Armee, Spezialeinheiten und die gefürchteten Shahiba-Milizen. „Die Shahiba-Milizen sind aus kriminiellen Netzwerken hervorgegangen und dienen dem Assad-Regime jetzt als alawitische Milizen“, sagt Bank.

Auch auf der Seite der FSA kommt es immer mehr zu einer Zersplitterung. Vielerorts bilden sich neue Milizen. Manche sind religiös geprägt, andere eher geographisch. „Der Name FSA ist nicht mehr als ein Etikett. Die große Frage ist, was passiert, wenn der gemeinsame Feind Assad wegfällt“, sagt Bank. „Meine Prognose ist, dass es dann auch zu Auseinandersetzungen zwischen den FSA Milizen kommt.“

Vor allem die Islamisierung von Teilen des Aufstands hat zu einem Splitt der FSA geführt. Viele Sunniten haben sich angesichts der anhaltenden Gewalt der fundamentalistischen Formen des Islams zugewandt. Säkularisten sind über diese Entwicklung schockiert.

Schuld daran hat eine Entwicklung, die auch schon aus dem libanesischen Bürgerkrieg bekannt war: die Einmischung internationaler Akteure.

„Saudi Arabien geht es in Syrien nicht um Demokratie, sondern darum ihre salafistischen Ansichten zu verbreiten“, sagte Bank. Auch die USA, Großbritannien, die Türkei und Katar unterstützen die Rebellen mehr oder minder offen mit Geld, Waffen, und logistischer Hilfe.

Seite 2: Der Stellvertreterkrieg ist in vollem Gange

„Das Problem mit Waffenlieferungen ist, dass es schwer zu kontrollieren ist, bei wem sie landen“, sagt Heiko Wimmen von der Stiftung Wissenschaft und Politik. „Die USA, Türkei und Saudi Arabien haben sehr unterschiedliche Vorstellungen, wer denn eigentlich ihre Freunde sind.“

Auf der Seite des Assad Regimes stehen der Iran, Russland und die libanesische Hisbollah. Alle drei haben ein vitales Interesse daran, dass das Assad Regime überlebt. Für Russland und den Iran ist Syrien der einzige arabische Verbündete in der Region und die Hisbollah braucht Syrien als Unterstützer im Kampf gegen Israel.

Damit ist Syrien zur Arena internationaler Akteure geworden. Saudi Arabien und der Iran kämpfen um die regionale Vormachtstellung. Russland und die USA tragen ihre internationalen Konflikte aus.

„In einem rein innerstaatlichen Konflikt gewinnt nach einer bestimmten Zeit eine Seite, oder alle Ressourcen sind erschöpft“, sagt Wimmen. „Beteiligen sich jedoch internationale Akteure, dann haben alle Seite viel mehr Ressourcen zur Verfügung, was den Krieg verlängert. Der syrische Konflikt kann deswegen erst gelöst werden, wenn der regionale und internationale Konflikt gelöst wird.“

Die Gefahr besteht, dass der syrische Konflikt einen regionalen Flächenbrand auslöst. Der Irak ist immer noch unstabil und auch im Libanon flammen immer wieder Kämpfe zwischen Unterstützern Assads und seinen Gegnern auf. Die Türkei ist beunruhigt durch den Vormarsch der Kurden und droht mit einem Eingreifen.

Schon jetzt sind hunderttausende Menschen innerhalb Syrien und in den Nachbarländern auf der Flucht und Beobachter sagen voraus, dass sich die Kämpfe noch intensivieren werden.

„Es ist an der Zeit, dass sich die deutsche Bundesregierung daran erinnert, wie viele Flüchtlinge man während des Bosnienkriegs aufnahm. Jetzt wo man sich in im Syrien Konflikt schon so klar auf einer Seite positioniert, ist es fast ein moralischer Imperativ Flüchtlinge aufzunehmen“, sagt Wimmen.

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