Buchauszug - Der Islam, 
der uns Angst macht

Der Terror des IS, das Drama im syrischen Flüchtlingslager Jarmuk, die Houthi-Rebellen im Jemen: Was hat der Islam mit der Gewalt zu tun, die in seinem Namen verübt wird? Und warum fürchten ihn so viele Menschen? Tahar Ben Jelloun antwortet darauf in einem Buch, das am 13. April erscheint. Cicero veröffentlicht vorab einen Auszug

Der Islam steht vor grundlegenden Herausforderungen der Moderne, sagt Jelloun
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Autoreninfo

Tahar Ben Jelloun, geboren 1944 in Fès (Marokko), lebt in Paris. Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der französischsprachigen Literatur des Maghreb. 1987 wurde er mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, 2004 mit dem renommierten International IMPAC Dublin Literary Award. Im Jahr 2011 wurde ihm der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis verliehen. Seine Sachbücher »Papa, was ist ein Fremder?« (2000), »Papa, was ist der Islam?« (2001/2013) und »Arabischer Frühling« (2011) waren Bestseller. Mit Cabu und Wolinski, die bei dem Attentat auf Charlie Hebdo ermordet wurden, verlor Ben Jelloun zwei Freunde.

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Alles, was mit dem Islam zu tun hat, ist zur Tragödie geworden. Sollte dieser Islam so verletzlich sein? Eine nichtige Kränkung treibt fanatisierte, hysterische Massen auf die Straßen, die Fahnen und Abbildungen europäischer Staatschefs verbrennen.

Man möchte ihnen zurufen: »Beruhigt euch! Es ist doch nur eine Zeichnung! Und der Prophet steckt nicht in dieser Karikatur, denn der Prophet ist ein Geist, überlegen, man kann ihn nicht erfassen, man kann ihn in seiner Schönheit und seinem Humor nicht wiedergeben. Daher solltet ihr den Propheten nicht auf diese platte Ebene herabwürdigen.«

Doch solche Worte können kein Gehör finden. Die Umma umschließt die Gesamtheit der Muslime, die Guten wie die Bösen. Man kann sie nicht verlassen. Man wird als Muslim geboren und stirbt als Muslim. Aus dem Islam auszutreten ist ein Bruch mit schwerwiegenden Folgen. Am Ende des Weges steht die Apostasie, der Abfall vom Islam. Gott bestraft den Abtrünnigen. Auf Erden ist jedoch keine Strafe vorgesehen, was Staaten nicht daran hindert, Todesurteile zu fällen oder den Verlust der Staatsbürgerschaft zu beschließen.

Menschenmassen sind per se mit Taubheit und Blindheit geschlagen.


Eines Tages erhob sich am Ende eines Vortrags an der Universität Fès ein Student und fragte mich geradeheraus:

»Glauben Sie an Gott?«

Ich hielt einen Moment inne und antwortete dann:

»Das ist eine indiskrete Frage; die muss ich nicht beantworten.«

Im Hörsaal raunte und wisperte es, ich begriff, dass ich mich vor einem improvisierten Standgericht befand.

Ich erklärte ihnen das Prinzip der Gedankenfreiheit, das Recht, seinen Glauben oder Nichtglauben privat zu leben, die Freiheit, sein Leben und seine Einsamkeit zu wählen.

Verlorene Liebesmühe. Meine Worte stießen auf zahlreiche undurchdringliche Mauern. Unzulässig. Unannehmbar.

Jemand schrie: »Du bist ein Atheist und wagst nicht es zuzugeben!«


»Ihr werdet mich nicht in diese Falle treiben. Ich bestehe auf meiner Freiheit, meinen Glauben für mich zu behalten und nicht öffentlich zu machen.«

Schreie und Pfiffe im Saal. Für mich war es das Ende. Der Dekan leitete mich durch eine versteckte Tür hinaus und sorgte dafür, dass ich meine Heimatstadt Fès noch am gleichen Abend verließ.

Dieser Zwischenfall ist lange her. Ich sehe ihn als ersten Ausdruck religiöser Intoleranz in Marokko an. Wir schrieben das Jahr 1977!

Seither habe ich nie aufgehört, über den Islam nachzudenken, ihn zu hinterfragen, seine Texte und die Kommentare dazu zu studieren. Einerseits berührt und erschüttert mich die Schönheit des Korantexts, andererseits zittere ich vor Angst, wenn ich manche Verse zu den Strafen für Ungläubige, Zweifler und Polytheisten lese.

Es war mein Vater, der mich von diesen Ängsten befreite: Er war sich im Klaren, dass ich die Vorschriften dieses allgegenwärtigen Islam nicht kontinuierlich befolgte.

Er sagte mir: Du bist niemandem auf Erden Rechenschaft schuldig. Du bist vor Gott verantwortlich für deine Taten. Wenn du Böses tust, wird dir Böses widerfahren, wenn du Gutes tust, wird dir Gutes getan. Achte darauf, würdig, ehrlich, gerecht zu sein, das gegebene Wort einzuhalten, deine Eltern und Lehrer zu achten, aufrichtig, solidarisch, brüderlich zu sein. Im Übrigen wirst du sehen: Gott ist sehr groß in seiner Barmherzigkeit.

Allerdings ist der Islam in den letzten dreißig Jahren zu einem wichtigen Element des politischen und sozialen Lebens in Frankreich und zugleich in Europa geworden.

Die Trennung von Staat und Religion, wie sie in der französischen Laizität besonders konsequent durchgeführt ist, gewährt der Freiheit einen Raum, den es in keinem islamischen Land gibt (selbst nicht in der Türkei, die zwar formal ein laizistischer Staat ist, das aber immer weniger umsetzt).

Das der Laizität zugrunde liegende Prinzip ist ein Zeichen für Zivilisation. Die Trennung von Kirche und Staat, von Synagoge und Staat, von Moschee und Staat ist nichts Negatives. Im Gegenteil, es ist ein Zeichen von Respekt gegenüber den Religionen.

Der Islam tut sich schwer mit der Laizität. Manche Muslime richten sich damit ein, andere verstehen den Sinn einer solchen Trennung nicht.

Die Laizität beinhaltet Ausdrucksfreiheit.


Aufgrund dieses Postulats gibt es keine Grenzen für das, was man ausdrücken darf. Ob es uns gefällt oder erzürnt, wir müssen zulassen, dass jene, die sich mit Worten, Sprache, Zeichnungen, Karikaturen, Gedichten ausdrücken, frei sind, ganz und gar frei.

Es ist schwer, dieses Postulat durchzusetzen: Die Ausdrucksfreiheit ist total. Die Millionen von Einwanderern, die in Europa arbeiten, sind nicht gewohnt, Gotteslästerung zu sehen und zu hören. Das ist nicht Teil ihrer Kultur. Solange die Gotteslästerung Christen oder Juden trifft, achten sie nicht darauf. Vielleicht denken sie, die Gotteslästerung gegen den Islam sei schlimmer, da die Christen und Juden an die Freiheiten der Laizität gewöhnt sind. Es gibt auf beiden Seiten wenig Empathie.

Als am 30. September 2005 die dänische Tageszeitung Jyllands-Posten ein Dutzend Illustratoren bat, Zeichnungen vom Propheten der Muslime anzufertigen – Karikaturen, die nicht nur zum Ziel hatten, heftige Reaktionen auszulösen, sondern vor allem die Vorherrschaft jener Freiheit verkünden sollten, die den europäischen Völkern am Herzen liegt –, war dies der Augenblick, von dem ab die große Mehrheit der muslimischen Bevölkerung am eigenen Leib die wüsten Auswirkungen der Ausdrucksfreiheit entdeckte. Die Zeichnungen stellen Mohammed auf unanständige, furchtbare Weise dar. Für die islamische Welt sind dies Beleidigungen, Angriffe auf die Würde einer heiligen Persönlichkeit. Das ist unannehmbar. Die Europäer konnten sich kaum vorstellen, was diese Initiative an Reaktionen in der islamischen Welt auslösen würde. Viele Demonstrationen, viel Gewalt, viel Unverständnis.

Da ist meine Einsamkeit zutage getreten;


ich habe mich in keiner Weise in jenen hysterischen Menschenmassen wiedererkannt; ich war gegen die Veröffentlichung der Karikaturen, auch wenn ich ihren Autoren das Recht zugestand, sie zu zeichnen und publik zu machen. Aus meiner Sicht hätte man dem Ganzen mit Gleichgültigkeit begegnen müssen. Ich wiederhole: Der Prophet Mohammed ist nicht in diesen Zeichnungen dargestellt; er ist ein Geist, der Geist eines einfachen Mannes, der zu einer außergewöhnlichen Gestalt wurde. Der Prophet lässt sich in einer Abbildung nicht festhalten. Was bleibt, ist die Vorstellung, die wir uns von ihm machen. Da kann sich jeder ausmalen, was er möchte. Man wird nicht Polizei spielen und kontrollieren, was sich jeder Zeichner oder Journalist vorstellen darf.

Nach den tragischen Ereignissen vom 7. und 9. Januar 2015 können wir nicht länger schweigen oder uns weiter damit begnügen, zu sagen: »Das ist nicht der Islam.« Natürlich kann jeder diesem Satz zustimmen. Aber woher kommt dieser Islam, der Angst macht, der bedroht, tötet, köpft und Terror sät? Diese Barbarei beschmutzt den Islam, das ist wahr. Aber die Frage, die mich quält, lautet: Wie konnten Hass und Grausamkeit kübelweise in die Köpfe jener drei Individuen gegossen werden, während man sie dabei glauben machte, das sei der Islam? In der Geschichte dieser Religion muss es Zeiten gegeben haben, zu denen der Prophet Krieg führen musste, Zeiten und Bedingungen, als der Dschihad der Verteidigung diente, bevor er zum Eroberungsfeldzug wurde. In der Sure »Die Frauen« (Sure 4, Vers 74) heißt es: »Und wenn einer um Allahs willen kämpft, und er wird getötet – oder er siegt –, werden wir ihm (im Jenseits) gewaltigen Lohn geben.«

Dieser Vers, buchstäblich verstanden und mit einer gewissen Feierlichkeit gelesen,  könnte manche überzeugen, die zögern, den Weg des bewaffneten Kampfes zu beschreiten. Ein Kampf worum, für wen? Das bleibt ein Rätsel.

Dieser Text ist ein Auszug aus: „Der Isam, der uns Angst macht“ von Tahar Ben Jelloun. Berlin Verlag, 128 Seiten, 10,- Euro.

Fotos: picture alliance, Isolde Ohlbaum, Berlin Verlag

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