Das Sterben im Mittelmeer - Warum „Flüchtlingsdrama“ der falsche Begriff ist

Tausende Flüchtlinge sterben – und die Europäer sehen sich in der falschen Rolle: als Publikum. Der Begriff „Flüchtlingsdrama“ macht das Meer zur Bühne

Kein Drama, sondern eine Katastrophe: Flüchtlinge in Seenot
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Georg Löwisch war bis 2015 Textchef bei Cicero. Am liebsten schreibt er Reportagen und Porträts. Zu Cicero kam er von der taz, wo er das Wochenendmagazin sonntaz gründete. Dort kehrte er im Herbst 2015 als Chefredakteur zurück.

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Nur drei Schlagzeilen aus den jüngsten 48 Stunden. In der Nacht zum Dienstag werden bei 18 Rettungsaktionen 2.741 Flüchtlinge vor der libyschen Küste gerettet – ob und wie viele im selben Zeitraum gestorben sind, bleibt offen.

Auf Sizilien wird ein Klinikdirektor vom Dienst suspendiert, weil in seinem Krankenhaus 17 tote Flüchtlinge tagelang aufeinander gestapelt in einem Kühlschrank lagen –  sie sollen notdürftig in Müllsäcke und Leinentücher eingehüllt worden sein.

Medien berichten, ein Flüchtling sei auf einem Schlauchboot erschossen worden – angeblich von libyschen Milizionären.

Hier wird nicht gespielt, sondern gestorben


Der Begriff, mit dem solche Nachrichten zusammengefasst werden, lautet häufig: „Flüchtlingsdrama“. Medien und Öffentlichkeit nutzen die griffige Formel oft, auch in Cicero habe ich dieses Schlagwort schon verwendet. Aber es ist gleich in mehrfacher Hinsicht der falsche Begriff. Und es sagt etwas über unseren Blick auf die tausenden Toten im Meer.

Denn wenn wir das Sterben der Flüchtlinge als Drama begreifen, dann ist das Mittelmeer die Bühne. Und die Europäer, die Deutschen, nehmen im Zuschauerraum Platz. Wir sehen uns als Publikum, kundig, konzentriert und kritisch zwar. Aber passiv. Wir sind vielleicht gespannt, wir flüstern mal der Nachbarin etwas zu. Doch wir sagen nichts, wir greifen nicht ein. Wir sind ja das Publikum – dabei schauen wir im Grunde nicht mal zu. Wir schauen weg.

Denn hier wird nicht gespielt, sondern gestorben. Kein Drama vollzieht sich, bei dem wir fasziniert der Entwicklung eines Helden beiwohnen – sondern eine Katastrophe.

Der Begriff „Drama“ ist aber noch aus einem anderen Grund falsch. Gewiss, er ist längst aus der Welt des Theaters herausgewachsen, ins Doku-, ins Beziehungs-, ins Geiseldrama. Doch selbst dort bezeichnet er wie in seinem Ursprung seit Aristoteles immer Ereignisse, in denen die Akteure sprechen.

Flüchtlinge, die Protagonisten ohne Stimme


Der Italiener Luigi Pirandello – 1934 erhielt er den Literaturnobelpreis – beschrieb den dramatischen Dialog einmal als „azione parlata“,  als gesprochene Handlung. Die Protagonisten stellen sich vor, sie reden miteinander und übereinander. Ob Hamlet oder Maria Stuart – bevor sie sterben, sprechen sie. Die historischen Personen des Dokudramas reden, die Geiselnehmer stellen Forderungen, sie verhandeln mit der Polizei, und in Beziehungsdramen weint das Paar, es schreit sich an, es versöhnt sich wieder.

Die Flüchtlinge, die nach Europa wollen, handeln auch, aber sie haben keine Stimme. Wie oft kommt es denn vor, dass wie jetzt am Wochenende eine Frau die Erlebnisse ihrer Flucht vor Fernsehpublikum schildert? Die Somalierin Asma Abubaker Ali, die seit 2012 hier lebt, kann Deutsch. Ausnahmsweise  gehörte sie zum Programm, schließlich war es der Weltflüchtlingstag. Der findet aber nur einmal im Jahr statt. Bei anderen Gelegenheiten lassen wir die Flüchtlinge nur selten zu Wort kommen.

Der Literaturwissenschaftler Manfred Pfister legt in seinem Standardwerk über das Drama darauf Wert, von Figuren zu sprechen, nicht von Personen. „Wir tun dies, um einer ebenfalls weitverbreiteten Tendenz, dramatische Figuren wie Personen oder Charaktere des realen Lebens zu diskutieren, schon terminologisch entgegenzuwirken.“

Wenn vom „Flüchtlingsdrama“ die Rede ist oder auch von der „Flüchtlingstragödie“, so geschieht das Gegenteil: Menschen werden zu Figuren.

Sprache ist Politik. Im Zusammenhang mit der Flucht übers Meer gab es einen anderen Begriff. „Mare Nostrum“ – so hieß die Operation der italienischen Marine, die bis vergangenen Herbst lief. Italien hatte gehandelt und dafür ein Wort gefunden. „Mare Nostrum“ bedeutet: „Unser Meer“. Es war der treffende Begriff. Es war die richtige Sichtweise. Sie rettete 130.000 Menschen das Leben.

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