Israel - Der fremde Freund

Deutschland und Israel haben seit jeher ein schwieriges Verhältnis. Überhitzte Debatten, Überzeichnungen und Klischees sind Programm

Ein schwieriges Miteinander – Deutschland und Israel
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Timo Stein lebt und schreibt in Berlin. Er war von 2011 bis 2016 Redakteur bei Cicero.

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Es dürfte nicht überraschen, das Verhältnis zwischen Israel und Deutschland als ein durch und durch ambivalentes zu umschreiben. Der Spannungsbogen verläuft von einer offiziellen, staatlich verordnete Lesart, wonach das Existenzrecht Israels als Teil deutscher Staatsräson zu begreifen ist, bis hin zu den vielen bösartigen Kommentaren zum Tode Ariel Sharons, die dieser Tage die Kommentarspalten politischer Artikel füllen.

Was sich dort zum Teil Bahn bricht, sucht seinesgleichen. Selbst im so empörungsfesten Internet. Eine derartige Gehässigkeit bis offener Hass wird wohl keinem lebenden Diktator zu Teil. Da braucht es erst einen verstorbenen, demokratisch gewählten Israeli, damit das Böse endlich ein Gesicht bekommt. Man kann die Uhr danach stellen: So sicher wie das Willy-Brandt-Zitat auf SPD-Parteitagen, so sicher das Quäntchen Antisemitismus unter einem Text zum Thema Nahost.

Staatsräson oder totale Diffamierung: Zwischen diesen Polen also verläuft sie. Die Sollbruchstelle der Vorurteile in der veröffentlichten Debatte zum Thema Israel. Und dieses schwierige Verhältnis hat, wie sollte es anders sein, Tradition. Seit jeher tun und taten sich die Deutschen schwer, den richtigen Ton in Bezug auf den kleinen jüdischen Staat am Mittelmeer zu treffen.

Erst bejubelt, dann geächtet


Nach Ende des Zweiten Weltkrieges fand eine Aufarbeitung des Nationalsozialismus bis weit in die 1950er Jahre im Grunde nicht statt. Der Gründung Israels im Mai 1948 wurde seitens der deutschen Öffentlichkeit wenig Beachtung geschenkt. Der sich zuspitzende Konflikt im Nahen Osten schien mit der Judenpolitik der Deutschen nur im Entferntesten etwas zu tun zu haben. Ende der 1940er Jahre gelangte die Forderung einer Wiedergutmachung – in Form einer materiellen Entschädigung für die jüdischen Opfer – auf die Agenda von SPD und linkskatholischen Kreisen. Die Reparationsthematik gewann an Dynamik und erreichte schließlich auch Adenauer und die Union, so dass im September 1952 nach langen Verhandlungen ein Entschädigungsgesetz im Bundestag verabschiedet werden konnte. Die Bundesregierung erklärte sich bereit, Reparationsleistungen in Höhe von 3,5 Milliarden DM bereitzustellen, die größtenteils an den Staat Israel zu entrichten waren.

Interessanterweise enthielten sich viele Abgeordnete von CDU/CSU und FDP der Stimme, so dass das Wiedergutmachungsabkommen nur mit Hilfe der Opposition, der SPD, eine Mehrheit im Bundestag finden konnte. Die KPD stimmte gegen das Abkommen und bewies damit ihre Loyalität gegenüber der Sowjetunion, die ihren anti-israelischen Kurswechsel bereits vollzogen hatte. Die DDR folgte der marxistisch-leninistischen Doktrin der Sowjetunion und entfaltete ihre ganz eigene Lesart eines modernen Antisemitismus.

In der BRD setzten sich in den 50er und 60er Jahren Sozialdemokratie, linksliberale und christliche Linke an die Spitze einer Israel-Solidarität, die gleichzeitig auch einer innenpolitischen Oppositionshaltung gegenüber dem restaurativen Adenauer-Staat verschrieben war. Israel stieg nach Ansicht großer Teile der Linken plötzlich zu einem „antikolonialistischen Pionierstaat“ auf und wurde nicht zuletzt aufgrund der sich dort etablierenden Kibbuz-Bewegung zu einem sozialistischen Vorzeigestaat stilisiert, mit dem sich linke Hoffnungen und Visionen nach gesellschaftlich organisierten Alternativmodellen verbanden. In Folge dieser Israelfixierung geriet die Situation der Palästinenser völlig aus dem Blickfeld: Schaute man auf Nahost, schaute man auf Israel.

Den Alleinvertretungsanspruch in Bezug auf die israelischen Solidaritätsbekundungen verloren die linksgerichteten Gruppierungen 1965 schließlich mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen der Adenauer-Regierung zu Israel. Trug zunächst die die Außenpolitik bestimmende Hallstein-Doktrin dafür Sorge, dass Bonn solange keine offiziellen Beziehungen zu Tel Aviv aufnehmen werde, solange die arabischen Staaten die diplomatische Anerkennung der DDR verweigerten, sah sich die Bonner Regierung im Februar 1965, nachdem der Staatsratsvorsitzende Ulbricht in Kairo entgegen der Philosophie der Hallstein-Doktrin empfangen worden war, in der Pflicht, bilaterale Beziehungen zu Israel aufzunehmen. Die damit voranschreitende „Normalisierung“ der deutsch-israelischen Beziehungen stieß die in der Entstehung begriffene Neue Linke in eine Identitätskrise.

Aus Freund wird Feind


Noch zu Beginn des Sechs-Tage-Krieges Anfang Juni 1967 kam es zu zahlreichen pro-israelischen Solidaritätsbekundungen von Seiten linker Gruppierungen. Israel setzte sich schließlich militärisch gegen einen zahlenmäßig überlegenen arabischen Gegner, der von der Sowjetunion ausgerüstet worden war, durch und entfachte eine pro-israelische Begeisterung in bürgerlich-konservativen Kreisen der Bundesrepublik. Israel schien sich damit endgültig im Koordinatensystem des Kalten Krieges auf Seiten der USA zu positionieren und folglich Teil des Westens geworden zu sein. Die außerparlamentarische Linke quittierte dies mit der Aufkündigung des israelfreundlichen Konsenses.

Eine gegen die Elterngeneration bewusst ausgeübte pro-jüdische, also pro-israelische Positionierung hatte nun ihre oppositionelle Sprengkraft verloren. Wenn Springer für Israel sei, dann müsse man als Linker nun dagegen sein, lautete der neue Glaubenssatz. In den Augen der Neuen Linken war Israel nun Teil des „US-Imperialismus“ und schien imperiale Ansprüche zu verfolgen. Die philosemitische Mär vom Juden als dem besseren Menschen fiel in sich zusammen. Galt Israel gerade noch als Hort der Sympathie, als Zufluchtsort der verfolgten Juden, erschien es nach seinem schnellen militärischen Erfolg als „skrupelloser Goliath“, als „imperialer Vorposten der USA“ im Nahen Osten. Linksgerichtete Medien überschlugen sich mit Schreckensmeldungen über eine ausufernde Brutalität in der israelischen Kriegsführung und klammerten dabei die arabischen Vernichtungspläne gegenüber Israel aus. Der Nahost-Fokus der entstehenden Neuen Linken richtete sich nun fast ausschließlich auf die Palästinenser.

Instrumentalisierung des Nahostkonfliktes links wie rechts


Schwarz-Weiß, Gut und Böse bestimmten die Debatte, in Teilen bis heute. Linke wie Konservative haben im Druckkessel eines sich zuspitzenden Ostwest-Konfliktes nur noch Freund oder Feind gesehen. Der jüdische Staat kam da der Instrumentalisierung eigener Interessen zupass, rechts wie links. Nur die Fallhöhe war eine andere.

So opferte die Linke im Zuge eines sich in klaren Fronten zuspitzenden Konfliktes ihre anationale Positionierung zugunsten eines Selbstbestimmungsrechts der Völker. Die Glorifizierung völkischer Befreiungsmythen ging einher mit einer unreflektierten Glorifizierung der Begriffe „Nation“, „Staat“, „Volk“. Das immer wieder gerade von linker Seite propagierte „unverhandelbare“ Recht auf die Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge fußt nicht selten auf einem völkischem Blut- und Boden-Pathos.

Bis heute ist eine oftmals fehlende mediale Sensibilität im Umgang mit Israel augenscheinlich. Während es bei DKP-nahen Zeitungen wie junge Welt oder dem Neuen Deutschland offenbar – ganz in der antizionistischen Tradition der SED stehend – zum guten Ton zu gehören scheint, ein verklärtes Israelbild zu zeichnen, tun und taten sich im Besonderen die gemäßigteren linksliberalen Medien oftmals schwer, einen angemessenen Ton anzuschlagen. Offenbar habe nicht wenige der dem Antizionismus anhängenden 1968er ihr antizionistisches Weltbild beim viel zitierten Marsch durch die Institutionen nicht nur nicht ablegen können, sondern es in die Mitte der Gesellschaft getragen. Von wo aus es aufgrund einer gesamtgesellschaftlichen  antisemitischen Tradition auf fruchtbaren Boden fallen konnte.

Fehlende mediale Sensibilität

Nur ein Beispiel: Als Israel im Frühjahr 2013 eine militärische Offensive startete, nachdem erstmals seit 21 Jahren – seit dem Golfkrieg von 1991, als der Irak Israel mit Scud-Raketen beschoss – wieder Luftalarm im Herzen Israels, in Tel Aviv und Jerusalem zu hören war, verlief auch die mediale Debatte nach einem fast schon gängigem Muster.

Israel hatte auf den Beschuss seiner Hauptstadt aus Gaza noch nicht reagiert, da war sich das Gros des feuilletonistischen Establishments bereits sicher: Die Reaktion Israels würde unverhältnismäßig ausfallen. Israel würde sich auf das Gesetz der Rache berufen, um mit aller Gewalt zurückzuschlagen. Das Beliebigkeitsgleichnis von der „Spirale der Gewalt“ wurde einmal mehr ins Unerträgliche gedreht.

Auch wenn die meisten Kommentatoren Israel zumindest noch das Recht auf Selbstverteidigung zugestanden, ein „Aber“ durfte nicht fehlen. Das „Aber“ als obligatorische Absicherung, um sich ja nicht in eine womöglich kriegstreiberische Ecke schreiben zu lassen. Diesem „Aber“ folgte schließlich die Spekulation. Dem israelischen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu spiele der Beschuss in die Karten. Schließlich sei doch bald Wahl in Israel. Als hätte er die Hamas gebeten, Tel Aviv und Jerusalem anzugreifen. Es folgten die üblichen Erklärungsmuster und die Erkenntnis, dass die Gesetzmäßigkeiten von Ursache und Wirkung immer dann außer Kraft gesetzt werden, wenn die deutsche Öffentlichkeit auf Nahost blickt.

Nach dieser Logik erzählen sich hierzulande viele Intellektuelle ihre ganz eigene Geschichte über den Nahostkonflikt. Sie verraten dabei wenig über die tatsächliche Situation in Nahost, aber vieles über sich selbst – und dilettieren zwangsläufig in dem Bemühen, das Nie-wieder-Krieg-Pathos, das wir Deutschen doch so verinnerlicht haben, auf die Welt zu projizieren. Schließen haben wir es doch vorgemacht. Wann lernen die Israelis endlich aus unserer Geschichte? 

Doch die Kritiker übersehen dabei: Der Antisemitismus hat sich gewandelt. Heute arbeitet er sich vor allem an Israel ab. Heute versteckt er sich vor allem im Gewand des Antizionismus. Heute wirft er Israel Rassismus vor, setzt die israelische Politik mit Nationalsozialismus gleich, verharmlost antisemitische,  terroristische Organisationen wie Hamas oder Hisbollah, ruft zum Boykott gegen israelische Waren auf, verklärt Israel zum Aggressor und dessen Gegner zu friedliebenden Musterdemokraten.

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