- Welche Möglichkeiten hat Dänemark überhaupt, einen potentiellen Angriff abzuwehren?
Donald Trump hat eine Drohung gegenüber Dänemark ausgesprochen. Die US-Pläne, Grönland zu übernehmen, kommen im Königreich nicht gut an. Der dänische Journalist Hans Mortensen über historische Hintergründe und Zukunftsszenarien, die weit über die Arktis hinausgehen könnten.
Im Gegensatz zu letztem Jahr entschied sich die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen diesmal, ihre Zurückhaltung aufzugeben, als sie Anfang der Woche zu den Drohungen einer amerikanischen Besetzung Grönlands Stellung nahm. „Wenn die USA beschließen, ein anderes Nato-Land anzugreifen, ist alles vorbei“, sagte sie gegenüber dem dänischen Rundfunk DR. Eine Aussage, die schwer zu widerlegen ist. Doch man sollte hinzufügen, dass es sich zunächst ja wirklich nur um eine Aussage handelt. Und man möchte einwenden, dass angesichts der Haltung des amerikanischen Präsidenten zu internationalen Spielregeln und gängiger diplomatischer Praxis doch ohnehin alles längst vorbei ist.
Natürlich: Dänemarks Regierung hätte die ganze Angelegenheit ignorieren können, wenn es nur die Frau irgendeines gewöhnlichen Beraters gewesen wäre, die in den sozialen Medien scherzte, sie werde die Karte Grönlands in den Farben der USA einfärben. Doch wenn der Ehemann dieser Frau Stephen Miller heißt und der wiederum ein zentraler Berater des US-Präsidenten ist – jenes Mannes also, der sich die Möglichkeit einer militärischen Intervention offen hält und gleichzeitig die völkerrechtliche Grundlage für die Staatengemeinschaft in Frage stellt –, dann gibt es wohl tatsächlich Handlungsbedarf.
In der dänischen Regierungsspitze kommt es also wahrlich nicht überraschend, dass Donald Trump wieder einmal Interesse an Grönland gezeigt hat. Auch wenn es seit letztem Winter relativ ruhig um das Thema geworden ist. Im Gegensatz zu letztem Jahr ist man vorbereitet. Und das, obwohl es ganz offensichtlich schwierig zu sein scheint, sich überhaupt auf diesen amerikanischen Präsidenten und dessen Handlanger angemessen vorzubereiten. Zudem steht ja auch die unangenehme Frage im Raum, was man denn überhaupt tun soll, wenn es vielleicht gar nichts zu tun gibt.
„Man dient den Interessen des Königreichs nicht, indem man die Dinge beschönigt“, sagte schließlich der dänische Außenminister Lars Løkke Rasmussen nach einer Sitzung des Außenausschusses am Dienstagabend, bei der er zudem mitteilte, dass er gemeinsam mit der grönländischen Außenministerin Vivian Motzfeldt um ein Treffen mit Løkkes amerikanischem Amtskollegen Marco Rubio bitten werde. Ein Treffen, das laut Rubio bereits nächste Woche stattfinden wird. Aus Løkkes Wortwahl hört man die übliche Vorsicht des dänischen Außenministeriums heraus. In Kopenhagen kennt man diese bereits seit der Mohammed-Krise. Doch die typische Zurückhaltung ändert nichts an den Tatsachen. Diese lassen sich nicht verändern. Egal ob man über sie spricht oder nicht. Was den rhetorischen Teil der Angelegenheit angeht, so entscheidet allein Trump, wo auf der Eskalationsskala die Grönland-Frage angesiedelt ist. Im Moment jedenfalls steht sie oben. Ganz weit oben.
Eine Angelegenheit der Nato
Aber welche Möglichkeiten hat Dänemark überhaupt, einen potentiellen Angriff abzuwehren, der das Potenzial hat, zu einem traumatischen Kapitel in den Geschichtsbüchern zu werden – vergleichbar vielleicht nur mit Abtretung von Skåne, Halland und Blekinge im Frieden von Roskilde 1658 oder mit dem Verlust von Schleswig, Holstein und Lauenburg 1864?
Es gibt zwei zentrale Lösungsversuche. Der eine besteht darin, Verbündete um sich zu scharen. Auf diesem Feld konnte die Regierung tatsächlich einen bedeutenden Erfolg verbuchen, als die Staats- und Regierungschefs der großen europäischen Länder zusammen mit der Ministerpräsidentin Mette Frederiksen am Dienstag eine gemeinsame Erklärung abgaben. Darin ist festgelegt, dass die Zukunft Grönlands von den Grönländern und dem Königreich entschieden wird. Am wichtigsten ist jedoch die Feststellung, dass die Sicherheit in der Arktis eine Angelegenheit der Nato ist. Die Frage ist somit nicht mehr allein zwischen den USA und Dänemark zu klären.
Der zweite Lösungsansatz besteht aus einem Jahr diplomatischer Arbeit. Der dänische Botschafter in Washington, Jesper Møller Sørensen, kam dabei bisher die undankbare Aufgabe zu, Einfluss auf die amerikanische Administration zu nehmen, um die schlimmsten Missverständnisse auszuräumen. Dabei ging es unter anderem darum, dass die grönländischen Gewässer nach Vorstellung der USA nicht von russischen und chinesischen Flottillen befahren werden und dass die Soldaten des Königreichs über mehr als einen Hundeschlitten verfügen sollen. Ein durchaus merkwürdiger Wunsch. Denn auch wenn die Verteidigungsfähigkeit Grönlands bei weitem nicht prahlerisch zu betrachten ist und zugesagte dänische Investitionen weiterhin auf sich warten lassen: Mit der Realität haben die amerikanischen Wünsche wenig zu tun, und die durchaus ja vorhandenen Mängel sind ja unter anderem auch gerade darauf zurückzuführen, dass sich sowohl Dänemark wie auch die USA bis vor relativ kurzer Zeit noch einig darin waren, die Arktis als Zone von geringer Spannung zu betrachten.
Die US-Regierung verschiebt Lüge und Wahrheit
Die US-Regierung hat also nicht nur den Respekt vor den üblichen Spielregeln verloren, auch das Verhältnis zwischen Wahrheit und Unwahrheit gleicht mehr und mehr einem berühmten Satz Don Corleones aus dem Film „Der Pate“: „Wenn du eine Pistole hast und ich nur ein Messer, liegt die Wahrheit in deiner Hand.“ Vor diesem Hintergrund existieren also fortan die chinesischen und russischen Schiffe, und diese werden von einem Hundeschlitten empfangen. Die Wahrheit gehört dem, der die Macht hat, sie zu formulieren.
Es wird, wenn man also all dies bedenkt, somit kaum Eindruck machen, wenn man nun mit den vergilbten Blättern aus dem dänischen Reichsarchiv wedelt, aus denen klar hervorgeht, dass der US-Außenminister Robert Lansing im Jahr 1916 das Recht Dänemarks auf Grönland anerkannt hat. Und ebenso wird es wenig von Bedeutung sein, wenn man darauf hinweist, dass die USA mit dem Verteidigungsabkommen von 1951 ohnehin jene militärische Präsenz in Grönland haben können, die sie sich wünschen.
In einem aktuellen Artikel aus der Zeitschrift Politico berichten anonyme Quellen in dieser Woche, dass die grundsätzliche Möglichkeit einer derartigen amerikanischen Präsenz in Grönland durchaus auch in den USA bekannt und von beiden Seiten diskutiert worden ist. „Das Weiße Haus war nicht interessiert“, so eine der Quellen. Sollte das stimmen, dann klingt es in dänischen Ohren ziemlich merkwürdig, wenn der amerikanische Vizepräsident J.D. Vance in der Nacht zum Donnerstag in einem Interview mit FOX News das Folgende behauptet hat: „Haben die Dänen genug getan, um sicherzustellen, dass Grönland weiterhin als Anker für die Sicherheit der Welt dienen kann? Die Antwort ist ganz klar nein.“
Trumps Absicht
Die offensichtliche Diskrepanz zwischen dem Interesse der USA, stärker in Grönland präsent zu sein, und der Rhetorik über mangelnde Sicherheit untermauert also eher den Eindruck, dass es um etwas ganz anderes geht. Trump will Grönland haben, um so das Territorium seines eigenen Landes erweitern zu können. Und sollte diese Vermutung zutreffen, so ist die Verhandlungsposition Dänemarks nicht wirklich gut. Was kann Løkke dem US-Außenminister Marco Rubio, der übrigens kein großer Befürworter der arktischen Ambitionen des Präsidenten sein soll, schon anbieten? Nicht viel.
Hinzu kommt die Frage, wie weit die europäische Unterstützung am Ende wirklich reichen wird. Zwar ist eine militärische Besetzung Grönlands nach wie vor ein nur wenig wahrscheinliches Szenario, auch wenn das Weiße Haus kürzlich gegenüber Reuters nicht ausgeschlossen hat, dass eine solche Besetzung möglich sei. Aber würden die anderen europäischen Länder wirklich in einem Krieg zwischen Nato und Nato mitmachen, wenn es am Ende dazu käme? Und wie eigentlich würde sich Dänemark selbst verhalten? Würde man die berühmte Hundeschlittentruppe oder eines der altersschwachen Patrouillenschiffe entsenden, die gerade noch seetüchtig sind? Man sieht das Bild der tapferen Soldaten der Jütischen Division, die am 9. April 1940 auf Fahrrädern gegen die deutsche Kriegsmaschine in den Kampf geschickt wurden, bereits jetzt vor dem geistigen Auge aufziehen.
Doch die wahrscheinlichere und mindestens ebenso große Gefahr liegt ohnehin woanders: Am Dienstagmorgen berichtete Politicos Newsletter Brussels Playbook nämlich, dass es für die europäischen Länder bei ihrem gemeinsamen Treffen entscheidend gewesen sei, die Grönland-Frage aus dem am selben Tag stattfindenden Ukraine-Treffen in Paris herauszuhalten. Um Trumps Zorn nicht zu wecken, wie es weiter hieß. Vor diesem Hintergrund also steht die Unterstützung, die Dänemark von den anderen Europäern erhielt, in einem anderen Licht. Könnte sie vielleicht damit zu erklären sein, dass Trump eines Tages die Ukraine als Druckmittel einsetzen könnte? Er selbst hat doch die unterwürfige Haltung beim Nato-Gipfel in Den Haag im vergangenen Jahr hautnah erlebt. Ebenso war er dabei, als Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen das Zollabkommen unterzeichnete, das er ihr vorgelegt hatte. In all diesen Momenten hat er die Angst der Europäer gesehen. Und so ist es durchaus nicht auszuschließen, dass er Europa eines Tages die Wahl zwischen der Ukraine und Grönland stellen könnte. Was würden Merz, Macron und Starmer dazu sagen? Was Mette Frederiksen, die beste Freundin der Ukraine? Dass dann alles vorbei ist. Aber vielleicht ist es das ja ohnehin.
Der Text ist die gekürzte Übersetzung eines Artikels, der erstmals in der dänischen Wochenzeitung Weekendavisen erschienen ist.
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frei vom typisch deutschen und EU-Völkerrechtsgejammer..., welches D.T. als letztes interessiert - und Putin und Xi sowieso nicht.
Das einzige was wirklich helfen kann ist wenn sich Europa selbst stark macht, wirtschaftlich UND militärisch, einschl. einer umfassenden europäischen Atomstreitmacht - als 'Respektsbasis'.
Die USA sind längst nicht mehr unsere Freunde...!, und das haben 'die Offiziellen' in Berlin und Brüssel, die tatsächlich politisch-emotional immer noch in der alten weinseeligen Bonner Republik leben und sich davon nicht lösen können..., einfach (noch) nicht wirklich kapiert.
"Dass dann alles vorbei ist. Aber vielleicht ist es das ja ohnehin." - eindeutig das letztere... ... 🤔
Aber: Die Hoffnung stirbt zuletzt!
"Die USA sind längst nicht mehr unsere Freunde...!". Das waren sie nie. Die USA haben von Anfang an interessengeleitete Imperialpolitik gemacht. Freundschaften gibt es in der Sandkiste, aber nicht auf dem globalen Spielfeld. Trotzdem war mir die US-Hegemonie bislang immer noch lieber als eine mögliche russische.
Dass die US-Hegemonie besser, als die russische sei, ist nur richtig, wenn die USA wieder zur Vernunft kommen. Unter Trump suchen die USA derzeit sich gar keine Verbündeten. Das klingt nach Super-Supermacht, ähnlich zu Zeiten eines Österreichers, der Deutschland widerstandslos übernehmen konnte.
Es wird darauf hinauslaufen, daß auf Grönland zwar keine US Flagge gehisst wird.
Es wird meiner Ansicht nach so sein, daß die Regierungen von Trump und Dänemark sich auf massive Truppenstationierung dort einigen und das Zepter über die Insel die Amerikaner in der Hand haben.
Im Rahmen der NATO wird das dann als notwendig verkauft.
Auch wird Dänemark wahrscheinlich in die Schürfrechte der Bodenschätze durch amerikanische Firmen eingebunden und entsprechend bezahlt.
Tja, so ist das wenn Trump etwas haben möchte.
Völkerrecht ist da eher etwas für Schwärmer und Nostalgiker.
Siehe Venezuela.
Die USA haben es immer so gemacht und das ist nun wirklich nichts neues.
Siehe Panama und das ist lediglich ein Beispiel.
Völkerrechtsbruch und Invasionen durch die USA passen zahlenmäßig wohl auf kein Blatt Papier, auch da beißt die Maus keinen Faden ab.
Unsere Moralapostel in Berlin schweigen dazu feige oder es ist eben alles zu komplex.
Lachhaft.
und das ist nun wirklich nichts neues."
Nur das es uns/EU bisher nicht direkt betraf..., das ist aber auch schon alles.
Venezuela lässt grüßen... 😉
👍
Grönland mit seinen rund 60.000 Bewohnern ist sicherlich wichtig. Bedeutsamer erscheint mir allerdings, dass Präsident Trump zusammen mit seinen Vize für China das Drehbuch für die Rechtfertigung zur Besetzung Taiwans schreibt. Nixon hatte bereits 1973 die Ein-China-Politik Pekings anerkannt und Taiwan wird nur von sehr wenigen Staaten anerkannt. Welche Argumente sprechen also dafür, beide Themen grundlegend anders zu bewerten ? Auch die Vorgehensweise in Venezuela ist eine Steilvorlage für die chinesische Regierung.
Die USA könnten den ca. 57.000 Grönländern das Land abkaufen, ähnlich wie es Seward 1867 mit Alaska gemacht hat. Bei einem Betrag von einer Million pro Kopf wären das ca 57 Milliarden Dollar, ein fairer Deal.
Ich denke, Trump hält sich den Bauch vor Lachen, wenn er solch Diskussion lesen würde. Er überfällt kein Grönland. Wie soll das auch gehen? Nuuk darf weiter seine grönländische Flagge hissen, während die USA umfangreich grönländisches Land pachtet oder kauft. Seit 1952/53 wird durch die USA illegal grönländischer Boden militärisch genutzt. Die offiziellen US-Militärstützpunkte auf Grönland (meines Wissens sind es zwei) sind doch nur die berühmte Eisspitze.
„Kennste nich? Erklär ich Euch.“
Ein berühmtes Intro aus so einer Kindersendung. Komplizierte Sachverhalte wie Gehirnchirurgie, Atomspaltung oder Krieg um Grönland, einfach aufbereitet für kindliche Kapazitäten. An der Stelle kommt dann immer der Erklärbär und macht seinem Namen alle Ehre. Jetzt gab es für dieses Kika-TV eine Stellenausschreibung und man glaubt es kaum: der Robert ist jetzt der Erklärbär! Für Alles! Selbst nachdenken überflüssig, der Robert der macht das schon.
Gestern gab er sein Debüt als neuer Erklärbär, zu Grönland natürlich und zu Trump, selbstredend. Ist alles ganz easy. Donald ist irre und die Grönländer sollen darüber abstimmen wo sie hingehören möchten. Puh, bin ich froh, die Lösung, so banal und doch so intelligent und weitsichtig. Ein echter Habeck eben, so kennen wir ihn, strotzend vor Weitblick und Kernkompetenz. Gut, dass er wieder da ist, der Erklärbär. Gut, dass der liebe Gott die sog. Anschlussverwendung erfunden hat, sonst wär er weg der Robert;-)
Trump ist die NATO egal. Der hat längst ins Auge gefasst, die NATO zu destabilisieren und zur Auflösung zu führen. Dann kann er mit denen, die ihm geeignet erscheinen seine Deals machen. Wenn er es darauf ankommen läßt und tatsächlich militärisch agiert, war es das mit der NATO. Jetzt zeigt sich, wie töricht und dumm es war, sich Jahrzehnte hinter der USA zu verstecken, sich zu unterwerfen und den *großen* Bruder unkritisch hinterher zu laufen. Trump wird offenkundig größenwahnsinnig. So wie sich Europa inzwischen mit allen Großmächten überworfen hat, steht es jetzt mit leeren Händen da. Militärisch unterentwickelt. Untereinander zerstritten. GB aus der EU, wird sich auf die Seite der USA schlagen, wenn es ernst nimmt. Und die Resterampe NATO könnte der USA wie entgegen treten und Grönland beispringen? Gar nicht. Ich gebe zu. Das Trump so weit geht und solche imperialistischen Wege einschlägt, faktisch da weiter macht, wo seine Vorgänger aufgehört haben, hätte ich nicht gedacht.
dass sich England und Frankreich etwas von den USA sagen lassen, das nicht auch in ihrem Interesse wäre.
Bei der Bundesrepublik Deutschland oder Polen bin ich mir da nicht so sicher.
Nun gibt es einen Spielfilm, der Dänemarks "Siegeszug" über Grönland nachzeichnet und ich hatte damals so meine Bedenken, wie aussagekräftig dieses "Manöver" war.
Dänemark hätte ein Recht gehabt, vielleicht wie die Engländer in Hongkong?
Ich bin nun nicht der Meinung, dass im Umkehrschluss etwa die USA ein Recht über Grönland hätten, aber ich gehe vorsichtig davon aus, dass wir es in Grönland mit einer nordamerikanischen Insel zutun haben und wünsche den Grönländern Selbstbestimmung und Souveränität.
Wenn die sich anders definieren, bitte, aber sie sollten es in Freiheit tun.
