Fotocollage: Baumstumpf auf Bauplatz, daneben bunte Wärmebild-Darstellungen von Innenräumen.
Zerstörungen im Kibbuz Be’eri / Maayan Kaplun Keidar, picture alliance/dpa | Bernd von Jutrczenka

Cicero-Serie „7 Gespräche zum 7. Oktober“, Teil 3 - „Eine solche Niedertracht und Grausamkeit entbehrt jeder Logik“

Dror Kaplun wurde von der Hamas aus seinem Haus im Kibbuz Be’eri verschleppt und ermordet. Monatelang wusste seine Familie nicht, was mit ihm geschehen war. Seine Tochter Maayan erzählt vom Verlust ihres Vaters und dem Zusammenbruch ihres Glaubens an ein friedliches Zusammenleben.

Autoreninfo

Adi Kaslasy-Way ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Sie stammt aus Sderot im Süden Israels. 2023 erschien ihr Roman „Bisdot Chita“ (In Weizenfeldern). (Foto: Marko Bußmann)

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Am 7. Oktober 2023 fand das größte Massaker an Juden seit dem Holocaust statt, als Terroristen der Hamas nach Israel eindrangen, mehr als 1200 Menschen ermordeten und 251 in den Gazastreifen entführten. Im Oktober jährt sich das Massaker zum dritten Mal. In dieser Serie sprechen wir mit Überlebenden, Angehörigen von Entführten und Ermordeten, Polizisten, die an jenem Tag Menschenleben retteten oder später bei der Identifizierung der Leichen mithalfen. Sämtliche Gesprächspartner sind unserer Autorin Adi Kaslasy-Way persönlich bekannt – Familienmitglieder, Freunde oder Bekannte. (Teil 1, Teil 2)

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Maayan Kaplun Keidar sprach zuletzt am Morgen des 7. Oktober mit ihrem Vater Dror. Er war im Schutzraum seines Hauses im Kibbuz Be’eri. Am nächsten Tag erhielten Maayan und ihre Geschwister ein von der Hamas aufgenommenes Video, das zeigte, wie ihr Vater, seine Frau Marcel und einige Nachbarn die Straße entlanggetrieben wurden, in der sie wohnten. Dror trug noch seinen Schlafanzug – blaue Shorts und ein weißes Hemd –, keine Schuhe, keine Brille.

Monatelang wusste Drors Familie nicht, ob er lebte oder tot war, ob er in einem Tunnel im Gazastreifen hungerte oder ob seine Leiche irgendwo im Kibbuz oder in dessen Nähe lag. Erst nachdem die Familie eigene Nachforschungen angestellt hatte, wurden einige seiner sterblichen Überreste gefunden. Die Suche nach den übrigen Überresten dauerte etwa ein Jahr. Wie viele Menschen in der Region nahe dem Gazastreifen glaubte Dror an ein friedliches Zusammenleben und hätte sich niemals vorstellen können, dass seine Nachbarn jenseits der Grenze zu solcher Barbarei fähig wären.

Maayan, wie begann der 7. Oktober 2023 für dich?

Es war ein Schabbat und außerdem ein Feiertag. In der Woche stehe ich jeden Tag früh auf, um Pausenbrote für unsere drei Kinder zu machen, aber am Schabbat ist mein Mann derjenige, der früh aufsteht und Pfannkuchen backt. Er sah also die Nachricht, die wir von meinem Vater erhalten hatten: Mein Vater schrieb, dass Terroristen in den Kibbuz Be’eri eingedrungen seien. Mein Mann weckte mich, ich duschte und versuchte, die Situation zu begreifen. Ich hatte keine Ahnung, dass dies die letzte Gelegenheit sein würde, mit meinem Vater zu sprechen, deshalb habe ich ihn nicht einmal angerufen. Mein Vater und seine Frau Marcel saßen im Schutzraum; wir erkundigten uns etwa alle fünf Minuten, ob alles in Ordnung sei.

Irgendwann sagte ich: Das ist ja wie der Jom-Kippur-Krieg – ohne wirklich zu begreifen, was ich da sagte. Denn es war tatsächlich wie Jom Kippur, vielleicht sogar noch schlimmer, aber für jemanden, der in dieser Region nahe dem Gazastreifen lebt, kam es völlig unerwartet. Man denkt an viele, viele schlimme Dinge, die passieren könnten – wie Bombenangriffe oder Raketenbeschuss. Aber als mein Vater uns erzählte, dass Terroristen in den Kibbuz eingedrungen waren, hatten wir keine Vorstellung davon, wozu diese Leute fähig sein würden. Wir dachten, es sind vielleicht drei, vier oder fünf Terroristen, und dass die Sicherheitskräfte des Kibbuz schnell für Sicherheit sorgen würden. Und dass die Armee bald kommen würde.

Eine halbe Stunde später hörten wir nichts mehr von meinem Vater.

Wie bist du an Informationen gekommen, außer durch den Kontakt mit deinem Vater?

Maayan Kaplun Keidar / privat

Wir hatten den Fernseher nicht eingeschaltet, weil wir kleine Kinder haben. Wir verfolgten die Lage über unsere Handys. Um 10:27 Uhr brach der Kontakt ab. Ich schrieb ihm: „Aba, ist alles in Ordnung?“ Ein paar Minuten später fragte ihn auch mein Bruder: „Ist alles in Ordnung?“ Wir bekamen keine Antwort. Dann setzten wir uns mit Marcels Tocher in Verbindung. Sie stammt aus Beeri und kannte dort mehr Leute.

Mein Vater hatte Marcel vor 20 Jahren geheiratet und war nach Be’eri gezogen. Er stammte jedoch ursprünglich aus dem Kibbuz Ruhama – dort sind wir aufgewachsen. Wir haben also nie selbst in Be’eri gelebt, sondern ihn dort nur besucht.

Da wir uns in Be’eri also nicht so gut auskannten, erkundigten wir uns bei Marcels Tochter Mor, ob sie etwas wusste, sowie bei Ziv, Marcels jüngstem Kind, der sich zu diesem Zeitpunkt tatsächlich in Be’eri aufhielt.

Mor gelang es, mit ihrem Bruder zu sprechen, und in dem Moment hofften wir, dass einfach nur das Mobilfunknetz ausgefallen war. In einer solchen Situation klammert man sich an jeden Funken Hoffnung. Vieles von diesem Tag habe ich nur noch verschwommen in Erinnerung. Ich erinnere mich aber daran, wie ich zu einem Freund sagte: „Bloß nicht nach Gaza“ – ganz gleich, was sonst geschah, ich hoffte einfach, dass er nicht nach Gaza verschleppt würde.

Gab es zu diesem Zeitpunkt schon Berichte darüber, dass Menschen nach Gaza verschleppt wurden, oder war das einfach eine Befürchtung von dir?

Später am Tag hörten wir, dass möglicherweise Menschen verschleppt worden waren. Am Abend erfuhr man von diesem Haus in Be’eri, in dem Menschen als Geiseln festgehalten wurden. Ich glaube also, dieser Gedanke schwirrte mir schon im Hinterkopf herum.

Wann hast du zum ersten Mal etwas Genaueres erfahren?

Am nächsten Morgen ging ich zu Freunden, einfach um dem Ganzen zu entfliehen. Ich hatte das Gefühl, die Situation schnürt mir die Luft ab, und ich wusste nicht, wohin mit mir. Dann schickte mir Marcels Tochter ein Video: Man sah fünf Menschen, die kaum noch gehen konnten, auf der Straße, in der mein Vater wohnte, während Terroristen Schrotflinten auf sie richteten. Die Gesichter waren nicht deutlich zu erkennen, aber an der Statur und der Art, wie sie gingen, war klar, dass es Marcel und mein Vater waren. Später erfuhren wir, dass auch Kineret Gat, Yona Cohen und Mazi Becher – ihre Nachbarn – dabei waren. Es war wie im Holocaust: Sie wurden abgeführt, um verschleppt oder getötet zu werden.

Wie ist Marcels Tochter an das Video gekommen? Hat es ihr jemand geschickt?

Es war auf Telegram. Die Hamas verbreitete ihre Videos auf allen Kanälen als stolzen Beweis ihres Erfolgs, weil es ihnen gelungen war, die Kontrolle über den Kibbuz zu erlangen und Menschen zu ermorden. Man kann ihre Stimmen hören.

Du sagtest, dass dich die Bilder an den Holocaust erinnerten. Dein Vater war selbst der Sohn von Holocaust-Überlebenden. Seine Mutter hatte die Konzentrationslager überlebt und war nach Israel gekommen, in das Land der Juden, damit ihr Kind dort sicher wäre. Und dann wird er im Schlafanzug aus seinem Zuhause gezerrt und auf brutale Weise ermordet. Wie geht deine Familie damit um?

Es zerstört das eigene Sicherheitsgefühl. In gewisser Weise bin ich froh, dass seine Mutter nicht mehr am Leben ist, denn ich weiß nicht, wie sie ein solches Ereignis hätte überstehen können. Als sie nach Israel kamen, glaubten sie, einen sicheren Ort für ihre Kinder zu schaffen. Meine Großmutter hat ihn nie umarmt. Sie konnte ihn nicht umarmen, weil sie Angst hatte, ihn zu verlieren. Wir Kibbuz-Bewohner sind berüchtigt dafür, dass wir nicht viel Zuneigung zeigen. Aber sie war dennoch fest davon überzeugt, ihren Sohn an einen sicheren Ort gebracht zu haben. Sie hat ihn in dem Glauben erzogen, dass es dort sicher sei.

Wann immer in der Vergangenheit Raketen auf Be’eri abgefeuert wurden, luden wir ihn zu uns ins Landesinnere ein, aber er und Marcel weigerten sich stets, den Kibbuz zu verlassen, weil sie sich dort sicher fühlten.

Abgesehen vom Verlust des Sicherheitsgefühls nach einem solchen Trauma – haben diese Ereignisse dein Weltbild zusammenbrechen lassen?

Dies und vieles andere, was am 7. Oktober geschehen ist, erschüttert das Sicherheitsgefühl und den Glauben an das Gute im Menschen. Mein Vater hat uns stets in dem Glauben erzogen, dass jeder Mensch im Grunde gut ist und wir deshalb immer Partner für den Frieden finden können.

Als Kinder hat er uns zu vielen Demonstrationen mitgenommen. Wir waren sogar bei der großen Friedenskundgebung mit Rabin dabei – in der Nacht, als er ermordet wurde. Und das ist etwas, das am 7. Oktober zerbrochen ist: der Glaube, dass wir Partner haben, dass es jemanden gibt, mit dem wir reden können. Viele Menschen in der Otef-Region, der Gegend in der Nähe des Gazastreifens, und in diesen Kibbuzim sind Menschen, die an den Frieden glauben. Sie haben Menschen aus Gaza in Notlagen geholfen, indem sie ihnen Hilfsgüter brachten oder sie in Krankenhäuser fuhren. Und das passt einfach nicht zusammen. In das Haus eines Menschen einzudringen, während er im Schlafanzug ist, nur um ihn zu töten, zu vergewaltigen oder zu demütigen: Das ist das reine Böse. Ich kann es nicht anders beschreiben.

Es ist, als würde eine Mauer oder eine Pyramide, an der man sein ganzes Leben lang gebaut hat, plötzlich in sich zusammenstürzen. Eine solche Niedertracht und Grausamkeit entbehrt jeder Logik. Mein Vater war sehr optimistisch und versuchte immer, die positiven Seiten zu sehen. Ich glaube, wenn wir eine bessere Welt schaffen wollen, müssen wir miteinander reden. Wir müssen zusammenleben. Es darf nicht heißen: „wir oder sie“. Es muss ein Miteinander geben. Wir müssen nicht die besten Freunde sein, aber wir müssen nebeneinander leben können.

Wie lange hat es gedauert, bis du erfahren hast, was mit deinem Vater geschehen ist?

Als wir das Video und den Marsch der Verschleppten sahen, sagte ich mir – oder versuchte, mich davon zu überzeugen –, dass er überleben könnte. Er ist ein sehr starker Mensch, war früher Offizier in der Armee und für sein Alter sehr fit. Er hat viel Sport getrieben und seine Ernährung umgestellt, um Diabetes und hohen Cholesterinspiegel in den Griff zu bekommen. Ich versuchte also, mich selbst zu überzeugen, um mit der Situation leben zu können. Ich redete mir ein, dass er die Gefangenschaft bestimmt überleben würde. Und dass sich die Sache sicher schnell klären würde, weil sie so viele Menschen verschleppt hatten. Denn sie könnten ja unmöglich so viele Gefangene dort behalten.

Dror Kaplun und seine Frau Marcel 
/ privat

Zwei Tage später durchforstete eine Freundin die vielen Telegram-Videos und stieß dabei auf ein weiteres Video. Sie teilte es mit meinem Mann und dem Mann meiner Schwester Moran, und sie diskutierten darüber, ob sie es uns zeigen sollten. In dem Video ist der Weg zu sehen, den mein Vater, seine Frau und andere Nachbarn zurücklegten. Und dann, am Ende des Weges, wenn auch nicht sehr deutlich, kann man den Körper meines Vaters am Boden liegen sehen sowie zwei weitere Leichen: die von Marcel und noch eine. Die Bildqualität ist sehr schlecht. In diesem Moment sagte mein Mann: „Okay, sie sind tot. Das war’s.“ Und dann haben wir es akzeptiert. Es war sehr, sehr traurig. Meine Schwester Moran war zu diesem Zeitpunkt in meinem Kibbuz, mein Bruder war woanders. Wir riefen ihn an, setzten uns zusammen und analysierten gemeinsam, was wir auf dem Video erkennen konnten. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich noch niemand von staatlicher Seite oder aus der Regierung bei uns gemeldet. Wir hatten keinen Ansprechpartner, und niemand schien über irgendetwas Bescheid zu wissen.

Wann hat sich zum ersten Mal jemand bei euch gemeldet?

Zwei Tage, nachdem das zweite Video aufgetaucht war, und fast eine Woche nach dem 7. Oktober.

Eine ganze Woche lang hattet ihr also keine wirkliche Antwort. Nur ein paar Videos, die man unterschiedlich deuten konnte.

Wir wussten gar nichts. Gleich am ersten Tag gab meine Schwester Moran eine DNA-Probe ab, damit man ihn identifizieren könnte, falls man ihn fände. Wir kamen zu dem Schluss, dass er tot war – auch wenn wir keine Profis sind. Wir sagten unseren Kindern, dass er ermordet wurde. Wir warteten alle darauf, dass jemand an unsere Tür klopfte und uns offiziell mitteilte, dass er ermordet worden war. Doch das geschah nicht.

Es gab so viele Leichen, die untersucht und identifiziert werden mussten. Es dauerte etwa zwei Wochen, bis alle Personen identifiziert waren, bei denen dies relativ leicht möglich war. In diesen zwei Wochen identifizierte man Marcels Leiche sowie die der anderen Nachbarn aus dem Video.

Wir hatten immer noch keine Informationen von den Behörden, also versuchten wir selbst, etwas herauszufinden. Die Kibbuzim haben Kameras; wir versuchten, an das Videomaterial zu gelangen, selbst zu ermitteln und Druck auszuüben, um Antworten zu erhalten. Nach drei Wochen fuhren Moran und ihr Mann Guy in den Kibbuz, an die Stelle, die im Video zu sehen war, und stellten tatsächlich eigene Nachforschungen an. Sie sicherten DNA-Spuren – Guy hatte Erfahrung bei der Militärpolizei –, und anschließend brachten sie einen Journalisten mit, um ein Interview zu geben. Nach einem Monat gaben wir also ein Interview für das israelische Fernsehen. Es war das erste Mal, dass wir das Haus meines Vaters in Be’eri betraten.

Wie war es für dich, nach dem 7. Oktober zum ersten Mal wieder in Be’eri zu sein?

Es war extrem schwer, es war surreal. Ich war noch nie in einem Konzentrationslager, aber alles kam mir vor wie in Grautönen. Nichts schien farbig. Hin und wieder sah ich eine kleine, farbige Sandale oder eine Blume. Es fühlte sich an wie im Film „Schindlers Liste“. Und wenn ich daran dachte, wie schön es früher in Be’eri gewesen war, wie die Kinder dort herumliefen ... Ich fühlte mich wie ein Zombie, halb anwesend, halb abwesend. Wir gaben also das Interview, und Moran und Guy gingen zu der Stelle, an der sie ermordet worden waren. Ich brachte das nicht über mich. Ich blieb einfach in ihrem Haus, ich konnte mich nicht dazu durchringen, an jenen Ort zu gehen. Durch das Interview wurden die offiziellen Ermittler auf den Tatort aufmerksam.

Dass alle Frauen identifiziert wurden, mein Vater jedoch nicht, ließ mich aufhorchen. Ich begann zu überlegen: Vielleicht war er nur verletzt? Vielleicht stimmte meine Einschätzung nicht? Vielleicht war es ihm anders ergangen als den anderen? Nach einem Monat, in dem ich nicht wusste, was ich tun sollte, schloss ich mich den Familien der Geiseln an, in der Hoffnung, er könnte ebenfalls als Geisel festgehalten werden. Ich wollte für diese einprozentige Chance kämpfen.

Die ganze Zeit über wurde keine Leiche gefunden, das Schicksal deines Vaters blieb also ungewiss, richtig?

Dror Kaplun / Evgeniy Eliseev

Ja. Deshalb begann ich, an Treffen teilzunehmen. Ich traf mich mit dem Premierminister und dem Präsidenten – ich war überall dort, wo es nötig war. Wenn es hieß, eine Delegation reist in den Vatikan, um den Papst zu treffen, sagten Moran und ich: Da müssen wir hin.

Ich stellte mein ganzes Leben zurück – meine Kinder, einfach alles. Mein Mann kümmerte sich zu Hause um alles, während ich unterwegs war. Selbst wenn ich physisch zu Hause war, war ich gedanklich woanders. Ich gab Interviews, vorzugsweise für internationale Medien, denn in Israel wussten ja alle, was geschehen war, und der Druck musste von der internationalen Gemeinschaft ausgehen.

Hat euch die Armee irgendwann mitgeteilt, dass die Möglichkeit bestand, euer Vater werde möglicherweise als Geisel festgehalten und könnte noch am Leben sein?

Ja. Eine Woche nach dem 7. Oktober haben sie sich mit uns getroffen und erklärten, sie gingen davon aus, dass er als Geisel festgehalten werde, da sein Mobiltelefon im Gazastreifen geortet worden war.

Es hätte ja auch sein können, dass Zivilisten aus Gaza, die nach dem Massaker gestohlen und geplündert hatten, sein Mobiltelefon mitgenommen haben. Aber das sowie das Fehlen einer Leiche reichte aus, um den Verdacht zu begründen, dass er als Geisel festgehalten wird?

Ja. Und bei diesem Treffen wurde uns eine Offizierin zugewiesen, die sich alle paar Tage bei uns meldete, um uns mitzuteilen, dass es keine Neuigkeiten gebe oder vielleicht doch einen neuen Anhaltspunkt. Nach Morans Beitrag im TV-Sender Kan haben sie uns zum Beispiel Videos und Luftaufnahmen gezeigt von den Kameras der Flugzeuge, die über Be’eri kreisten. Man konnte zwar Leichen erkennen, aber das Bild war nicht sehr scharf.

Wann habt ihr endlich etwas über das Schicksal eures Vaters erfahren?

Am 7. Dezember, es war Chanukka. Moran und ich hatten uns am Morgen mit Vertretern des Roten Kreuzes getroffen, um sie um Hilfe für zivile Geiseln im Gazastreifen zu bitten, die keinerlei medizinische Versorgung erhielten. Am Abend nahmen wir an einer Demonstration für die Freilassung der Geiseln in Tel Aviv teil, als wir einen Anruf von der Offizierin erhielten: Es gebe neue Informationen zu meinem Vater. Sie bat uns, uns bei meinem Bruder Noam zu treffen. Als wir dort ankamen und die vielen Menschen sahen, die gekommen waren, begriffen wir, dass es nicht nur um ein unbedeutendes Informationsbröckchen gehen würde.

Sie hatten den Fall aufgeklärt: Etwa 100 Meter von der Stelle entfernt, an der mein Vater erschossen worden war, fanden sie einige seiner Knochen. Es handelte sich um Knochen, ohne die ein Mensch nicht überleben kann. Daraus zogen sie den Schluss, dass er ermordet worden war.

Einer der Hamas-Terroristen hatte versucht, die Leiche meines Vaters mit einem Motorrad abzutransportieren. Nach ein paar Metern stieß er jedoch auf einen Armeepanzer und wurde getötet. Die Leiche des Terroristen und die meines Vaters lagen am Straßenrand. Als die Einsatzkräfte der Hilfsorganisation Zaka die Leichen bargen, übersahen sie wahrscheinlich die meines Vaters. Der Panzer fuhr über ihn hinweg, sein Körper wurde zertrümmert und die Knochen verteilten sich überall. Praktisch wurde er also der Natur und den Vögeln überlassen.

Aber das war noch nicht das Ende, oder?

Wir wussten, dass er ermordet worden war, und konnten ihn beerdigen. Am Samstagmorgen, dem 10. Dezember, fand die Trauerfeier statt. Wir beerdigten ihn in meinem Kibbuz in Zentralisrael. Einige Monate später wurden weitere Knochen gefunden. Man suchte in dem Gebiet, in dem er gefunden worden war, weiter nach Überresten. Also mussten wir das Grab wieder öffnen. Wiederum einige Monate später fand man erneut Knochen, und selbst ein Jahr später brachte man uns noch weitere Knochen, die wir ins Grab legen mussten. Jedes Mal riss das die Wunde wieder auf.

Irgendwann hieß es, die Untersuchung werde abgeschlossen. Das bedeutete, dass keine weiteren Knochen mehr gesammelt würden.

Wie verarbeitet man so etwas?

Mit all diesen Ungewissheiten zu leben, war und ist schwer. Meine Kinder erlebten, wie ihre Mutter monatelang immer wieder weg war. Anfangs hatten wir ihnen gesagt, ihr Großvater sei gestorben. Daher verstanden sie nicht, warum ich zu Delegationen und Demonstrationen ging. Irgendwann begann ich, mich um mich selbst und meine Kinder zu kümmern und sie zur Therapie zu bringen.

Mein mittlerer Sohn sagte irgendwann, er wolle sterben. Er wollte nicht wirklich sterben, aber er wusste nicht, wie seine Trauer sonst ausdrücken sollte. Monatelang schliefen meine Kinder im Schutzraum, auch während des Krieges mit dem Iran hielten sie sich dort auf. Sie schlafen im Schutzraum, weil sie immer noch Angst haben, dass etwas passieren könnte – obwohl wir ihnen gesagt haben, dass wir an einem relativ sicheren Ort in Israel leben.

Sie haben wahrscheinlich auch Be’eri, wo ihr Opa lebte, mit seinen schönen Grünflächen, dem Speisesaal und dem Kibbuzleben, als sicher empfunden – und dann war es das plötzlich nicht mehr.

Richtig. Die Straße, auf der man ihn und die anderen entlangführte und ermordete, ist genau die Straße, auf der ich meinem Kind das Fahrradfahren beigebracht habe.

Die Terroristen haben für so viele von uns die Orte, an denen wir aufgewachsen sind und an die wir gute Erinnerungen haben, in ein Gräberfeld verwandelt. Sie haben aus einem schönen Traum einen Albtraum gemacht. Und jetzt geht es darum, sich aus diesem Albtraum zu befreien und sich an die guten Dinge im Leben zu erinnern.

Ja. Was mich antreibt oder mir Kraft gibt und mich durch all diese Prozesse begleitet hat, ist ein gewisser Optimismus – so wie mein Vater ihn hatte. Es ist der Versuch, an jedem noch so zarten Funken Optimismus festzuhalten, um überhaupt weitermachen zu können.

Was hilft dir dabei, mit dem Verlust und den schrecklichen Erinnerungen umzugehen?

Das Trauma und der Verlust rücken das, was wirklich wichtig ist, in die richtige Perspektive – zum Beispiel die Familie. Wir machen Familienausflüge oder verbringen einfach Zeit miteinander. Was mir ebenfalls geholfen hat, war das Gespräch mit jemandem, der ebenfalls einen Verlust erlitten hat. Zwei Wochen nachdem mein Vater identifiziert worden war, verlor eine Frau aus unserem Kibbuz ihren Mann. Er war als Offizier in Gaza stationiert und ist dort gefallen. Unsere Freundschaft und das Sprechen über unseren Verlust haben uns beiden enorm geholfen.

Und noch etwas hilft mir sehr: Sport. Ich habe angefangen, gemeinsam mit dieser Freundin zu laufen, das wirkt wie eine Therapie. Der Rhythmus beim Laufen draußen in der Natur hilft dabei, all das Negative, all den Schmerz und den Stress loszulassen. Laufen ist für mich die beste Therapie.

Wie gehst du mit der brutalen Art und Weise um, auf die dein Vater ums Leben kam?

Etwa sechs Monate nachdem wir meinen Vater beerdigt hatten, schlug mir eine Freundin vor, sie auf einer Reise nach China und Tibet zu begleiten. Also reisten wir für zwei Wochen nach China, nur wir beide. Und in Tibet war es ... surreal. Man war in großer Höhe, die Luft war dünn und sauerstoffarm, doch irgendwie hatte ich das Gefühl, mehr Luft zum Atmen zu haben, weil ich meinem Vater so nahe war. Die Ernährungsweise der Mönche ähnelte der meines Vaters. Sie waren auch genauso optimistisch wie er. Ihre spirituelle Haltung erinnerte mich stark an die Sichtweise meines Vaters auf das Leben.

Und das vielleicht beeindruckendste Erlebnis dort war ein Gespräch mit einem der Einheimischen. Er erklärte mir, wie dort Bestattungen ablaufen. Eine der Methoden ist die sogenannte „Luftbestattung“: Der Leichnam wird an einen abgelegenen Ort hoch oben in den Bergen gebracht. Dann kommen Adler und Geier, fressen den Körper und führen ihn so in den Kreislauf der Natur zurück. Das war so ähnlich wie das, was mit meinem Vater geschehen war – auch sein Körper wurde von Adlern und anderen Tieren der Natur zurückgegeben. Und ich glaube, mein Vater hätte sich genau diese Art der Bestattung gewünscht: als ein Teil der Natur, die er so liebte.

Manche fragen sich, warum der 7. Oktober auch Juden und Israelis so tief erschüttert hat, die gar nicht in Israel leben – oder zwar dort leben, aber selbst nicht zu Schaden gekommen sind. Was würdest du dazu sagen?

Israel ist ein sehr kleines Land. Jeder Zweite oder Dritte hat am 7. Oktober oder in der Zeit danach einen Verlust erlitten. Das ist ein wichtiger Aspekt des Zusammenbruchs, den unsere Gesellschaft erlitten hat. Es geht nicht nur um den persönlichen Verlust, sondern auch um den Verlust der Gemeinschaft – besonders für diejenigen, die in den Kibbuzim oder in der Region gelebt haben. Ganze Kibbuzim haben ihre Identität verloren. Der Verlust ist allgegenwärtig. Wohin man auch blickt, kennt man jemanden; das Ausmaß des Verlusts ist kaum zu begreifen. Ich glaube, der Verstand lässt das gar nicht zu.

Gibt es etwas, das du einem deutschen Publikum sagen möchten?

(unter Tränen) Ich glaube, ich suche einfach einen sicheren Ort für meine Familie – einen Ort, an dem wir in Sicherheit leben können. Wir müssen nicht unbedingt die besten Freunde unserer Nachbarn sein, aber wir sind nicht auf Krieg aus. Wir wollen einfach ein schlichtes, zufriedenes Leben führen, so wie man es sich auch in Deutschland wünscht. Ich glaube, wir verdienen es, in unserem eigenen Land genauso zu leben. Wir brauchen und wollen einfach Sicherheit – für uns und für unsere Kinder. Das ist das, was meine Großmutter wollte, als sie nach Israel kam. Es ist das, was sie sich für ihr Kind gewünscht hat, und es ist auch das, was ich mir für meine Kinder wünsche.

Das Gespräch führte Adi Kaslasy-Way.

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Jens Böhme | Mi., 9. September 2026 - 21:12

"Die Hamas verbreitete ihre Videos auf allen Kanälen als stolzen Beweis ihres Erfolgs..." - Gut, dass die Reaktion Israels auf den 7.Oktober keine MIssverständnisse zuliess. Innerer palästinensischer Widerstand bzw. andere Weltanschauungen enden am oberen Laternenpfahl oder an der Wand erschossen. Deren Sympathiesanten in aller Welt müssen masochistisch veranlagt sein.