- „Man hat sie wie Vieh behandelt“
Yair Yaakov wurde am 7. Oktober von Terroristen ermordet, seine Söhne 52 Tage in Gaza festgehalten. Sein Bruder Yaniv erzählt von der verzweifelten Suche nach Informationen und seinem jahrelangen Kampf, die Familie wieder zusammenzubringen – und wie er die Erinnerung an seinen Bruder wachhält.
Am 7. Oktober 2023 fand das größte Massaker an Juden seit dem Holocaust statt, als Terroristen der Hamas nach Israel eindrangen, mehr als 1200 Menschen ermordeten und 251 in den Gazastreifen entführten. Im Oktober jährt sich das Massaker zum dritten Mal. In dieser Serie sprechen wir mit Überlebenden, Angehörigen von Entführten und Ermordeten, Polizisten, die an jenem Tag Menschenleben retteten oder später bei der Identifizierung der Leichen mithalfen. Sämtliche Gesprächspartner sind unserer Autorin Adi Kaslasy-Way persönlich bekannt – Familienmitglieder, Freunde oder Bekannte. (Hier geht es zu Teil 1.)
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Yaniv Yaakov wachte am Samstag, dem 7. Oktober, im Zentrum Israels durch einen Raketenalarm auf. Im Schutzraum telefonierte er mit seinem Bruder Yair, der im Kibbuz Nir Oz ebenfalls in seinem Schutzraum saß. Zwei Brüder in zwei Städten, die darauf warteten, dass der Alarm verstummte und ihr Tag weiterging – doch ihr Leben sollte nie wieder so sein wie zuvor.
Kurz nach ihrem Gespräch sprengten Hamas-Terroristen Yairs Haus in die Luft, verletzten Yair und verschleppten ihn und seine Lebensgefährtin Meirav. Es sollten Monate vergehen, bis Yaniv erfuhr, dass Yair an jenem Oktobersamstag erschlagen worden war. Und es dauerte noch viel länger, bis er seinen Bruder beerdigen konnte.
Aus einem anderen Haus im Kibbuz wurden auch Yairs Kinder Or (16) und Yagil (12) in den Gazastreifen verschleppt. Dort wurden sie gefoltert, misshandelt und wie Tiere behandelt. Yanivs neue Lebensaufgabe bestand nun darin, seine Familie zurückzuholen. 52 Tage später konnte Yaniv seine Neffen, die aus der Gefangenschaft in Gaza freigelassen worden waren, endlich wieder in die Arme schließen. Drei Jahre später gelang es Yaniv, Antworten auf die Fragen zum Schicksal seines Bruders zu finden, doch der Kampf um ein Leben nach dem 7. Oktober ist noch lange nicht vorbei.
Yaniv, woran erinnerst du dich als Erstes, wenn du an den 7. Oktober denkst?
Um 6:30 Uhr bin ich durch den Raketenalarm wach geworden. Ich habe vier Kinder: Zwei sind bereits erwachsen, zwei sind noch klein. Ich schnappte mir die beiden Kleinen – ein Mädchen und ein Junge –, und wir rannten hinunter in den Schutzraum. Wir haben nur 45 Sekunden, um die Treppe hinunterzulaufen, in den Schutzraum zu gelangen und die Tür zu verriegeln. Ich bat meinen älteren Sohn, Matratzen für die Kleinen zum Schlafen zu holen, und dann rief meine Frau meinen Bruder Yair an – oder „Yaya“, wie wir ihn nannten, weil er Yair Yakob heißt –, um sich nach ihm zu erkundigen.
Es war inzwischen 8:45 Uhr. Ich erinnere mich, wie ich Yaya am Telefon flüstern hörte. Sie waren angewiesen worden, im Schutzraum zu bleiben und die Tür verriegelt zu lassen. Er konnte nicht laut sprechen. Als wir nach den Kindern fragten, sagte er, sie seien nicht bei ihm, sondern ein paar Häuser weiter im Haus ihrer Mutter – er war geschieden. Er erzählte uns, dass er mit Meirav Tal, seiner Partnerin, zu Hause sei und sie nicht hinausgehen könnten, um die Kinder zu holen.
Als meine Frau ihn noch einmal fragte, ob er die Kinder holen könne, sagte er: „Hier herrscht ein ziemliches Chaos.“ Wir begriffen gar nicht, was eigentlich vor sich ging. Also sagten wir: „Gut, bring die Kinder zu uns, sobald du kannst, und pass auf sie auf.“ Dann legten wir auf.
Der 7. Oktober wird oft als absolutes Chaos beschrieben – wie geht man mit der Ungewissheit und dem Mangel an Informationen um?
Ich rief jeden an, den ich kannte. Ich hatte viele Kontakte zum militärischen Geheimdienst, denn diese Leute waren unter meinen Kunden. Aber niemand wusste, was zu tun war. Irgendwann fragt man sich: Wie kann das sein? Wir haben die beste Armee der Welt. Wir haben den besten Geheimdienst der Welt. Ich war schockiert, als mir die Leute sagten, sie hätten keine Antworten. Ich war in diesem Moment so enttäuscht, weil ich wusste, wie wir als Land funktionieren. Ich versuchte, über die App „Find my Phone“ zu sehen, ob Yayas Familie noch im Kibbuz ist. Das war sie auch, also war ich beruhigt.
Aber das hielt nur kurze Zeit an ...
Ja. Um 9:20 Uhr erhielten wir eine schreckliche WhatsApp-Nachricht – eine Sprachaufnahme von Meirav, in der sie sagte, Yaya sei verletzt und es fielen Schüsse im Haus. Wir waren schockiert: Schüsse im Kibbuz? Wo war die Armee? Etwa eine Minute später bekamen wir eine weitere Nachricht. Meirav weinte und flehte uns an, die Polizei zu rufen, da im Haus geschossen wurde.
Wir versuchten zurückzurufen, aber sie ging nicht ran. Wir versuchten, die Handys zu orten, aber zu diesem Zeitpunkt konnte ich sie nicht mehr sehen. Ich habe erneut Bekannte in der Armee angerufen und um Hilfe gebeten, doch die Antwort lautete nur: „Wir können euch nicht helfen. Wir haben keinerlei Informationen.“
Als Nächstes begann ich, auf Telegram nachzusehen. Dort kursierten Informationen über schreckliche, entsetzliche Dinge – Dinge, von denen man sich nie hätte vorstellen können, dass sie geschehen könnten. Ich sichtete diese Bilder wie eine Maschine und versuchte, etwas über meinen Bruder herauszufinden. Am nächsten Tag schickte ich sogar einige meiner Cousins in Krankenhäuser im Süden Israels, um nachzusehen, ob mein Bruder dort eingeliefert worden war.
Am 7. Oktober gab es also drei Orte, in denen deine Familie in Lebensgefahr war: bei Yaya und Meirav, bei Yagil und Or – aber auch bei Yayas ältester Tochter Shir, oder?
Genau, Shir war bei ihrem Freund in einem anderen Haus im Kibbuz. Dort hatte sie sich im Schutzraum eingeschlossen. Sie harrte dort von 6:30 Uhr, als der Angriff begann, bis etwa 15:00 Uhr aus, als sie von Spezialeinheiten gerettet wurde.
Am Abend erzählte uns Shir – sie ist erst 21 Jahre alt –, dass sie gerettet und in einen Raum gebracht worden war, in den immer wieder andere Gerettete kamen. Sie hielt ständig nach ihren Brüdern und ihrem Vater Ausschau und konnte keine Erleichterung darüber empfinden, dass sie selbst gerettet wurde. Sie fragte sich, warum man nicht stattdessen sie mitgenommen hatte.
Wann habt ihr zum ersten Mal begriffen, dass die Jungen entführt worden waren?
Die Kinder waren allein zu Hause, weil ihre Mutter bei ihrem Partner in einem anderen Kibbuz war, der ebenfalls angegriffen wurde. Wer nicht in einem Kibbuz lebt, fragt sich vielleicht, warum die Jungen allein waren. Aber ein Kibbuz ist wie ein Paradies, in dem alle Türen offen sind und man vor nichts Angst hat.
Ich hatte große Mühe, Informationen zu bekommen. Mittags riefen wir Yayas Ex-Frau an. Sie sagte zu mir: „Yaniv, ich weiß, dass meine Kinder entführt wurden.“ Ich fragte, woher sie das wisse, und sie erzählte, Or habe sie angerufen, als die Entführer eindrangen, und gesagt: „Mama, ich werde entführt.“ Dann hörte sie Arabisch, der Entführer nahm das Telefon an sich, und das war das Letzte, was sie von ihnen hörte.
Die Befürchtung war also zur Gewissheit geworden. Hat sich jemand von der Regierung bei euch gemeldet?
Die Regierung war nicht präsent; zu diesem Zeitpunkt hat niemand mit uns gesprochen. Am Samstagabend, nachdem wir viele Leute angerufen hatten, wurden wir aufgefordert, zur Polizei zu gehen und eine Vermisstenanzeige aufzugeben. Wir gaben auch eine DNA-Probe ab, für den Fall, dass eine Leiche gefunden wird.
Wann hast du zum ersten Mal das Video von Yaya und Meirav vom 7. Oktober gesehen?
Nachdem wir am Sonntag gegen 17 Uhr Anzeige erstattet hatten, erhielt ich eine WhatsApp-Nachricht mit einem Video. Ich saß gerade am Computer, als meine Frau und meine Schwester weinend zu mir kamen. Wir gingen in ein anderes Zimmer, weil meine Mutter bei uns war und wir sie vor solchen Bildern bewahren wollten. Dort sahen wir uns das Video an – ein von der Hamas produziertes Propagandavideo –, das zeigte, wie sie gewaltsam in ein Haus eindrangen und Meirav und Yaya mitnahmen. Am Ende des Videos lag Yaya auf dem Boden; er zeigte auf seine Beine, wo er verletzt war – aber er lebte. Meine Frau und meine Schwester weinten, aber ich sagte: „Leute, er lebt, wir werden ihn retten.“ Ich hatte nun eine Lebensaufgabe: meinen Bruder zu retten.
Wo fängt man da an?
In Israel wusste man bereits, was geschehen war, also wandte ich mich an die internationalen Medien. Noch am selben Sonntag meldete sich ein Reporter von MSNBC bei mir, und ich sagte zu. Es war mein erster Fernsehauftritt. Im Interview erzählte ich von den Monstern, die in das Haus meines Bruders eingedrungen waren und ihn entführt hatten – und dass sie auch meine Neffen verschleppt hatten. Danach wusste ich, dass ich überall dafür kämpfen musste, dass auf die Hamas und auf Bibi Druck ausgeübt wird, damit sie sich an einen Tisch setzen, eine Lösung finden und meine Familie zurückbringen.
Hast du auch mit dem Geisel-Forum zusammengearbeitet?
Kaum. Nicht, weil sie keine gute Arbeit geleistet hätten. Sie waren großartig und haben sich sehr bemüht, uns zu helfen. Aber ich sah manche Dinge anders als sie. Ich wollte nicht in Israel auf die Straße gehen und lautstark protestieren, ich wollte Hilfe von der internationalen Gemeinschaft.
Du bist in mehrere Länder gereist und hast dich mit Staats- und Regierungschefs und Politikern getroffen. Wie sind die mit dir umgegangen?
Sie waren sehr hilfreich – sogar Menschen aus Ländern, die eher israelkritisch oder -feindlich sind. Sobald die Leute erfuhren, was geschehen war, und die Videos sahen, verstanden sie die Situation. Einmal sagte eine Außenministerin: „Ich habe auch zwei Kinder. Ich kann mir nicht vorstellen, was wäre, wenn sie entführt würden.“
Das werde ich nie vergessen. Es ist keine Situation, in der Soldaten gegen Soldaten kämpfen. Es sind kleine Kinder oder Familien, und dann dringen Tausende von Terroristen in die Häuser ein, entführen, morden und plündern. Das kann eigentlich niemand begreifen. Es sollte auch niemand begreifen müssen, aber es sollte erst gar nicht geschehen.
Manche vergleichen dieses Massaker mit dem Holocaust. Was denkst du darüber?
Als Leute in Israel das sagten, sagte ich, das kann man nicht vergleichen, es ist nicht dasselbe. Aber es ist auch etwas, das nicht hätte geschehen dürfen, und wir dürfen niemals vergessen, dass es doch geschehen ist. Auch andere Länder sollten sich an den 7. Oktober erinnern, denn es kann in jedem Land geschehen, in dem Terroristen aktiv sind. Also überall.
Ich habe enge Freunde in Deutschland, und ich weiß, dass Deutschland seinen Kindern den Holocaust besser vermittelt als jedes andere Land der Welt – wie man verhindern kann, dass so etwas wieder geschieht. Dasselbe sollte auch in Bezug auf den 7. Oktober gelehrt werden.
Wenn wir zum 7. Oktober zurückkehren: Was ist mit Yair, Meirav und den Jungen geschehen?
Fangen wir mit Yair und Meirav an: Wie gesagt, waren sie im Schutzraum. Als Meirav aus der Gefangenschaft zurückkehrte, stellten wir ihr viele Fragen. Wir fragten nach dem Video, das zeigt, wie die beiden aus ihrem Haus gezerrt wurden. Yaya wurde draußen von zwei Terroristen festgehalten. Sie schlugen mit einer großen Schaufel heftig auf ihn ein.
Meirav sah, wie sie auf ihn einschlugen, und er rief ihr zu: „Mayo (so nannte er sie), ich werde heute sterben.“ Dann nahmen sie Meirav auf einem Motorrad mit und fuhren davon. Als sie aus Gaza zurückkam und uns das erzählte, sagte ich zu ihr: „Auf keinen Fall ist er tot. Wir werden ihn nach Hause bringen.“
Sie berichtete uns, dass Yaya, als sie im Schutzraum waren, draußen jemanden schreien hörte: „Bitte hilf mir, Mami, bitte, hilf mir!“ Diese Frau, Ada Sagi, war später gemeinsam mit Meirav in Gefangenschaft. Sie war übrigens eine meiner Lehrerinnen auf der Highschool.
Als Yaya sie schreien hörte, beging er einen schweren Fehler. Er verließ den Schutzraum und wollte sie retten. Doch als er sah, wie viele Terroristen im Kibbuz herumliefen, rannte er zurück nach Hause. Sie entdeckten ihn und liefen hinter ihm her. Wahrscheinlich hielten sie ihn für eine wichtige Persönlichkeit oder einen hochrangigen Militärangehörigen, weil er auf die Hilferufe reagiert hatte. Vermutlich haben sie deshalb Sprengstoff eingesetzt, um ihn aus dem Haus zu holen.
Später, als Gefangene in Gaza, wurden Meirav und Ada oft an andere Orte verlegt, aber ständig bewacht. Nicht aus Sorge um ihre Sicherheit, sondern weil sie für die Hamas von großem Wert waren. Man hielt sie nicht nur ruhig; bei Verlegungen wurden sie zudem mit einem Hidschab bekleidet, damit niemand sie erkennen konnte, wenn sie durch bewohnte Gebiete geführt wurden. Yagil hingegen wurde ausschließlich durch Tunnel transportiert.
Das ganze Land versank im Chaos. Kam es vor, dass man dir falsche Informationen gab?
Nach 30 Tagen in Gefangenschaft tauchte ein Video auf, über das in den Nachrichten berichtet wurde – wir erhielten es jedoch nicht von der Regierung oder den Geheimdiensten –, in dem es hieß, zwei Geiseln würden freigelassen. Wir sahen dann ein kurzes Video von Yagil und einer weiteren Geisel. Darin wandte sich Yagil an Netanjahu. Die Aufnahme stammte von der Hamas.
Der 7. Oktober war ein Tag des Schreckens, doch es blieb nicht bei diesem einen Tag. Es folgten Monate psychologischen Terrors, der sich gegen die gesamten Familien richtete. Als wir das Video sahen, waren wir voller Hoffnung, weil wir glaubten, Yagil würde freigelassen. Gleichzeitig machten wir uns Sorgen um Meirav, Yair und Or. Doch die Meldung war falsch – Yagil wurde nicht freigelassen.
Du hast also aus den Nachrichten von dem Video erfahren, nicht von der Armee oder der Regierung?
Ja, und das war nicht das erste Mal, dass wir erst im Nachhinein von den Neuigkeiten erfuhren. Zu diesem Zeitpunkt kam nichts von der Armee. Alle Informationen, die wir erhielten, hatten wir oder unsere Freunde im Internet gefunden. Wenn sich ein Vertreter der Armee mit einem Update meldete, wussten wir bereits Bescheid.
Am 27. November 2023, 52 Tage nach ihrer Entführung, wurden Yagil und Or freigelassen. Was haben sie dir nach ihrer Rückkehr erzählt? Was ist ihnen widerfahren?
Als sie zurückkamen, warteten meine Mutter, meine Geschwister und ich in einem abgeschirmten Raum im Krankenhaus auf sie. Wir wurden gebeten, uns ruhig zu verhalten, da sich noch andere Geiseln im Krankenhaus befanden, die man nicht beunruhigen wollte. Wir warteten dort drei oder vier Stunden, bis wir Yagil und Or sehen durften. Ich sagte zu meiner Mutter und meinem Bruder: „Überlegt mal: Wir sitzen hier seit drei Stunden, müssen leise sein und drehen schon fast durch. Stellt euch vor, was die beiden in den vergangenen 52 Tagen durchgemacht haben.“
/ privat
Dann sahen wir Yagil und Or. Ich war überglücklich und umarmte beide. Or fragte mich sofort: „Yaniv, wo ist Papa?“ Ich erklärte ihm, dass er noch immer in Gaza gefangen gehalten wird, wir ihn aber nach Hause bringen würden. Or sagte: „Weißt du, dass sie Yagil jedes Mal mit einem Stock geschlagen haben, wenn er geweint hat?“ Ich fragte ihn, woher er das wisse – schließlich waren sie ja nicht zusammen gewesen. Or antwortete: „Gestern, kurz vor unserer Freilassung, haben wir uns getroffen. Da hat er mir von all den Dingen erzählt, die dort passiert sind.“ Ich wandte mich an Yagil und fragte: „Yagil, stimmt das?“ Er erwiderte: „Und noch mehr als das. Schau dir mein Bein an. Sie haben mich mit einem Brandzeichen markiert.“ Man hat sie wie Vieh behandelt. Ich wollte das eigentlich in den Nachrichten erzählen, aber ihre Mutter bat darum, es zu verschweigen.
Gleich nach ihrer Entführung wurden Yagil und Or an unterschiedliche Orte gebracht. Or wurde in die Tunnel verschleppt. Sie hielten ihn für einen Soldaten, deshalb legten sie ihm Handschellen an und sperrten ihn mit anderen Geiseln in einen Käfig für Tiere. So wurde er mehrere Tage gefangen gehalten, doch einer Krankenschwester aus dem Kibbuz, die ebenfalls entführt worden war, gelang es, den Entführern zu erklären, dass er erst 16 Jahre alt und noch ein Kind war.
Dann ließen sie ihn aus dem Käfig frei und sperrten ihn mit anderen Geiseln in einen engen Raum. Er erzählte mir, dass sich die Tür nur alle zwölf Stunden öffnete und sie dann ein Stück Pita, ein halbes Fladenbrot, bekamen. Das war die gesamte Nahrung, die sie täglich erhielten.
Wie geht es Or heute?
Ich glaube, er schweigt über vieles, was sie ihm angetan haben, weil er traumatisiert ist. Ein paar Monate nach seiner Rückkehr verfiel er in eine Depression. Er wollte nicht mehr vor die Tür gehen. Beide wollten keine Menschen sehen. Ich sagte ihm, er könne mir erzählen, was er durchgemacht hat, doch er meinte, er könne nicht darüber sprechen. Er erwähnte allerdings, dass sie Yahya Sinwar, dem Anführer der Hamas, begegnet sind. Er kam zu ihnen und sagte, alles werde gut. Doch gleich danach brachten sie sie in ein anderes Zimmer, richteten Waffen auf sie und drohten, ihre Ermordung zu filmen. Und ich weiß, dass er längst nicht alles erzählt.
Wurde Yagil ebenfalls in den Tunneln gefangen gehalten?
Yagil war 12 Jahre alt; er wurde bei einer Familie untergebracht. Es lief so, dass die Geiseln wie ein wertvolles „Gut“ behandelt wurden, das man zwischen verschiedenen Familien hin- und herschiebt. Sie stritten sich darum, wer dieses „Gut“ behalten durfte – wer Yagil bekommen sollte –, denn sie wurden für die Unterbringung der Gefangenen bezahlt. Während er bei der ersten Familie war, war er allein in einem Zimmer und musste absolut still sein. Und immer, wenn er weinte, schlugen sie mit Stöcken auf ihn ein. Einmal, als Yagil weinte, schlug ihn sein Bewacher und zerrte ihn eine Leiter hinunter in einen Tunnel, damit er nicht entdeckt würde. Das taten sie nicht nur, weil sie Terroristen oder Monster waren, sondern auch, weil sie befürchteten, dass er Lärm machen und gehört werden könnte, woraufhin andere Bewohner Gazas herbeikommen und versuchen würden, ihn ihnen wegzunehmen. Für sie war er, wie gesagt, ein äußerst wertvolles „Gut“, für dessen weitere Bewachung die Hamas bereit war, viel zu zahlen.
So wurde er von einer Familie zur nächsten weitergereicht. Er wurde nicht wie ein Mensch behandelt. Zu essen bekam er meist nur Fladenbrot, manchmal Bohnen, und hin und wieder – bei einer „guten“ Familie – gab es etwas Hühnchen.
Welche Auswirkungen hatten diese schrecklichen Tage auf Yagil?
Yagil erzählte immer wieder, dass er bei dieser Familie völlig allein war und das Gefühl hatte, niemand würde mehr an ihn denken. Er glaubte, alle hätten ihn vergessen. Als das Video aufgenommen wurde, in dem er sich an Netanjahu wendet, zielte ein Terrorist mit einer Kalaschnikow auf ihn und achtete darauf, dass er keine Informationen über seinen Aufenthaltsort oder seine Situation preisgab. Sie gaben ihm den Wortlaut nicht exakt vor, da sie versuchten, das Ganze authentisch wirken zu lassen. Lächerlich. Was ist schon authentisch daran, ein Kind zu entführen?
Er wollte sagen, wie sehr er seine Familie vermisst, aber er muss da auch gespürt haben, dass wir ihn nicht vergessen hatten. Und das gab ihm Hoffnung. Für uns als Erwachsene ist es schon beängstigend, darüber nachzudenken – wie muss es da erst für einen Zwölfjährigen gewesen sein?
Wann hast du erfahren, was mit deinem Bruder Yair geschehen ist?
Am 15. Februar 2024 traf ich in Israel verschiedene Politiker, darunter die deutsche Außenministerin. Während der Treffen musste ich mein Handy ausgeschaltet lassen. Als ich anschließend wieder auf mein Handy schaute, sah ich etwa 30 oder 40 verpasste Anrufe. Ich rief zurück; es war eine Vertreterin der Armee an, doch sie wollte mir am Telefon nichts sagen. Wir warteten alle im Haus meiner Mutter, und die Armee kam mit einem Team, bestehend aus einem Arzt, Psychiatern, ich glaube auch einem Sozialarbeiter und zwei Geheimdienstoffizieren. Sie erklärten, dass sie neue Informationen über Yaya hätten: dass er ermordet worden sei und dass ihnen der genaue zeitliche Ablauf der Ereignisse vorliege. Er sei am Morgen des 7. Oktober gegen 10:30 Uhr ermordet worden.
Ich konnte es nicht glauben, bis einer von ihnen meinen Bruder und mich in einen anderen Raum mitnahm. Er öffnete seinen Laptop und zeigte uns ein zehn Sekunden langes Video, auf dem die Leiche meines Bruders im Sand zu sehen war. Man sah viele Füße um ihn herum, aber nicht die Körper oder Köpfe der Terroristen. Einer von ihnen trat auf die Leiche ein. Sie bewegte sich dabei auf und ab. Das ist ein Albtraum, der mich immer wieder heimsucht. Sie erklärten uns, dass kein Blut aus dem Körper austrat – und wenn kein Blut fließt, gibt es keinen Herzschlag. Kein Herzschlag bedeutet, dass er tot ist. In diesem Moment begriff ich, dass mein Bruder ermordet worden war.
Ich fragte die Beamten: „Wo ist der Leichnam? Wo ist mein Bruder?“ Sie antworteten: „Wir wissen es nicht.“ In Wahrheit wussten sie es sehr wohl, konnten es uns aber noch nicht mitteilen. Einige Zeit später kamen sie zu uns und sagten, sie wüssten, wo Yayas Leichnam sei, aber man könne ihn noch nicht bergen, da dies für andere Geiseln zu gefährlich wäre.
Wie lange hat es gedauert, bis man euch Yairs Leichnam übergeben hat?
Der Leichnam wurde 614 Tage nach Kriegsbeginn freigegeben. Es verging mehr als ein Jahr ab dem Zeitpunkt, da man wusste, wo er war, bis man ihn tatsächlich bergen konnte. Das war für mich eine einzige Enttäuschung – wobei dieses Wort kaum beschreibt, was ich empfand. Verrat trifft es besser: Verrat durch die Regierung, die wusste, wo mein Bruder war. Dass sie ihn nicht beschützt hatten und ihn nicht zurückbrachten.
Jetzt drehte sich mein Kampf darum, den Leichnam meines Bruders zurückzubekommen. Man stellt sich nie vor, dass die eigene Familie entführt wird, und schon gar nicht, dass ein Terrorist, der gerade jemanden ermordet hat, auf die Leiche eintritt oder sie als Druckmittel behält. Gebt mir seinen Leichnam, lasst mich mit der Trauer beginnen. Lasst mich damit umgehen, dass ihr meinen Bruder getötet habt. Doch dazu kam es nicht.
Was hättest du dir sich von Vertretern der Armee und der Regierung gewünscht – abgesehen von verlässlicheren Informationen und mehr Gewissheit? Wie hätten diese dir besser helfen können?
Ich bin der Bruder eines Mannes, dessen Fall hier in Israel große Bekanntheit erlangt hat, doch die Regierung hat uns bis heute nicht als Terroropfer anerkannt. Ich selbst erhalte zwar Hilfe, aber für die Therapie meiner Frau und meiner Kinder muss ich privat aufkommen. Es geht um ihren Onkel und ihre Cousins; sie haben all das gemeinsam mit mir durchlebt.
Hast du das Gefühl, dass diejenigen, die sich eigentlich um euch kümmern sollten, ihrer Verantwortung nicht gerecht werden?
Wenn man jemanden verliert, wenn jemand stirbt, muss man das irgendwie akzeptieren. Jemand könnte an einer schrecklichen Krankheit oder bei einem Autounfall sterben – aber niemand stellt sich vor, dass ein Angehöriger von Terroristen entführt und ermordet wird und dass seine Leiche so lang festgehalten wird. So etwas kann man auf keine vernünftige, menschliche Weise akzeptieren.
Wir hatten bereits zwei Gespräche mit Regierungsvertretern, und ich habe versucht, das zu erklären. Sie sagen, wir sollten ins Leben zurückkehren, zur Routine. Das ist ein Wort, das mich stört. Was ist schon Routine? Routine ist an sich etwas Gutes, aber meine Routine in den zwei Jahren bestand einzig darin, meinen Bruder nach Hause zu holen. Und das alles soll ich einfach so hinnehmen? Nein, ich kann das nicht akzeptieren. Das ist etwas, das einen ein Leben lang begleitet.
Diesen Satz hört man in Israel oft: „Zurück ins Leben finden.“ Nach einem Trauma gibt es kein Zurück – zumindest nicht in das Leben, das man vorher hatte. Aber mit der Zeit lässt sich ein neues Leben aufbauen.
Das ist einer der Hauptgründe, warum ich mich entschieden habe, meinen alten Job aufzugeben und etwas Neues zu beginnen. Ich wollte nicht ständig mit vielen Menschen zu tun haben. Früher hatte ich eine Führungsposition und viel Kundenkontakt, doch die Begegnungen mit Kunden fielen mir schwer: Sie wollten, dass ich die Geschichte erzähle, und fragten nach den Kindern. Ich wollte einen Job mit weniger zwischenmenschlichem Kontakt – und genau das habe ich jetzt.
Kannst du uns noch etwas über Yair erzählen? Was machte ihn als Menschen aus?
Yaya war mein älterer Bruder. Er ist zwölf Jahre älter als ich. Ich wollte immer so sein wie Yaya. Er war ständig von schönen Frauen umgeben und hatte immer Spaß. Als Teenager wechselte ich sogar auf die Schule in seinem Kibbuz, um in seiner Nähe zu sein. Wenn ich die Schule schwänzte, ging ich in sein Zimmer und hörte die Musik, die er liebte. Statt mediterraner Musik – die er auch mochte –, hörten wir Rock oder Reggae. Er brachte mir die Musik von Dire Straits, Bob Marley und Pink Floyd nahe. Die ganze Musik, die ich liebe, habe ich ihm zu verdanken.
Wenn er einen Raum betrat, hatte er sich fünf Minuten später schon mit jedem unterhalten. Er fand sofort einen Draht zu seinem Gegenüber. Das würde ich auch gern können. Yaya war entspannt, und genau das machte ihn anziehend. Ich versuche, jeden Tag ein bisschen mehr wie Yaya zu sein: gelassener und freundlicher zu meinen Mitmenschen. Es ist jetzt fast drei Jahre her; was bleibt, ist die Frage, wie wir Yaya im Gedächtnis behalten können.
Wie machst du das – die Erinnerung an ihn wachhalten?
Ich lebe Yaya gewissermaßen weiter. Vor Kurzem haben wir ein Konzert zu seinem Gedenken gegeben. Wir haben Lieder gesungen, die er geliebt hat – meine Schwester, seine Tochter, ich und sogar mein Bruder Yoram, der eigentlich gar nicht singt. Wir standen gemeinsam auf der Bühne und haben gesungen. Musik gibt mir heute viel Kraft und Freude im Leben.
Außerdem versuche ich, viel Zeit mit der Familie zu verbringen und dafür zu sorgen, dass wir uns treffen. Genau das hat Yaya auch getan. Er lebte in einem weit entfernten Kibbuz und kam alle zwei Wochen zu Besuch. Wir tranken Bier, und wann immer er kam, fragten wir ihn: „Warum hast du die Kinder nicht mitgebracht?“ Und er antwortete: „Sie wollten lieber im Kibbuz bleiben.“ Heute kämpfen wir gegen dieses Verhalten an. Mein Sohn ruft ständig Yagil und Or an und sagt: „Kommt vorbei. Lasst uns Oma besuchen, sie ist allein.“ Wir versuchen also, die Familie noch enger zusammenzuhalten – auch wenn wir uns schon immer nahestanden.
Gibt es eine ganz besondere Erinnerung, die du an Yair hast?
Für mich war Yair wie ein Superman. Als ich noch ein kleiner Junge war, arbeitete er in der Landwirtschaft des Kibbuz. Damals musste man zur Bewässerung der Felder riesige Rohre von einem Ort zum anderen schleppen und die Sprinkler ein- und ausschalten. Ich erinnere mich, wie ich als Kind zu ihm aufblickte – für mich war er wie ein Superheld, der diese gewaltigen Rohre stemmte und über die Felder lief. In meinen Augen war er unbesiegbar.
Das Gespräch führte Adi Kaslasy-Way.
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