Drei Farbfotos: Menschen auf Autodach, Gruppe in Kuppel, Paar umarmt sich auf Friedhof.
Die Hamas brachte auf dem Nova-Festival 378 Menschen um / picture alliance/AP Photo/Ohad Zwigenberg, ASSOCIATED PRESS/Ali Mahmud

Cicero-Serie „7 Gespräche zum 7. Oktober“, Teil 1 - „Mein ganzer Körper schrie danach, dass ich fliehen musste“

Anita Conforty überlebte das Massaker auf dem Nova-Festival am 7. Oktober nur knapp. Im Interview erzählt die Musikerin von ihrer Flucht vor den Hamas-Terroristen, dem Trauma danach und ihrem Versuch, trotz des Erlebten nicht dem Hass zu verfallen.

Autoreninfo

Adi Kaslasy-Way ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Sie stammt aus Sderot im Süden Israels. 2023 erschien ihr Roman „Bisdot Chita“ (In Weizenfeldern). (Foto: Marko Bußmann)

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Am 7. Oktober 2023 fand das größte Massaker an Juden seit dem Holocaust statt, als Terroristen der Hamas nach Israel eindrangen, mehr als 1200 Menschen ermordeten und 251 in den Gazastreifen entführten. Im Oktober jährt sich das Massaker zum dritten Mal. In dieser Serie sprechen wir mit Überlebenden, Angehörigen von Entführten und Ermordeten, Polizisten, die an jenem Tag Menschenleben retteten oder später bei der Identifizierung der Leichen mithalfen. Sämtliche Gesprächspartner sind unserer Autorin Adi Kaslasy-Way persönlich bekannt – Familienmitglieder, Freunde oder Bekannte.

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Als Anita Conforty 22 Jahre alt war, musste sie zum ersten Mal fliehen. Damals, 1999, verließ ihre Familie den Kosovo. Für eine der wenigen im Kosovo verbliebenen jüdischen Familien bedeutete Israel einen Neuanfang. In Jerusalem studierte Anita an einer Musikakademie. Als Musikerin ist sie von Trance-Musik fasziniert; deshalb besucht sie häufig Musikfestivals und Trance-Partys.

Anita ist verheiratet und hat drei Kinder. Das jüngste war erst zehn Jahre alt, als sie und ihr Mann am 7. Oktober das Nova-Festival besuchten. Anita hatte bereits Kriege und Gewalt erlebt – sei es im Kosovo oder während der zweiten Intifada in Jerusalem – und glaubte, mit Traumata umgehen zu können. Doch das Massaker auf dem Nova-Festival und die schrecklichen Szenen, die sie mitansehen musste, veränderten ihr Leben. Am 7. Oktober musste sie fliehen, um den Terroristen zu entkommen. Diese Flucht endete nicht an diesem Tag, sondern führte sie schließlich nach Berlin, wo sie über mehrere Monate hinweg die Ruhe der Stadt für ihren Heilungsprozess nutzte. Dieser Prozess dauert an, doch das Erzählen ihrer Geschichte und das Mitteilen ihrer Erlebnisse sind Schritte auf dem Weg zu ihrem Ziel: wieder zu dem Leben zurückzufinden, das sie sich in Israel aufgebaut hatte.

Anita, du bist im Kosovo aufgewachsen. Wann und warum hat sich deine Familie entschieden, das Land zu verlassen?

Als Jüdin im Kosovo zu leben, war sehr schwierig, da wir praktisch die einzige jüdische Familie in Pristina waren. Viele Juden waren entweder im Zweiten Weltkrieg umgebracht worden oder vor dem Kommunismus geflohen. Meine Großmutter war Holocaust-Überlebende; nach dem Krieg kehrte sie aus Bergen-Belsen in den Kosovo zurück. Für mich war die Situation schwierig, da ich mich keiner der beiden Kriegsparteien – Albaner oder Serben – zugehörig fühlte. Eigentlich war es ein Krieg zwischen Muslimen und Christen. Ich war etwa 20 Jahre alt, als alles begann, und ich verlor viele Freunde. Zu meiner eigenen Sicherheit musste ich ständig zu Hause bleiben.

Damals hatte mein Vater bereits den Prozess der Alija – der Einwanderung nach Israel – eingeleitet, und wir waren in der bürokratischen Wartephase, als uns die Jewish Agency anrief und uns mitteilte, dass wir sofort aufbrechen müssten. Wir nahmen nur vier Taschen mit und flohen nach Budapest. Als wir an der Grenze zwischen Ungarn und Serbien waren, begannen die Nato-Bombardements. In Israel haben wir viel Hilfe erhalten und Freundschaften geschlossen. Deshalb wollte ich ein neues Leben beginnen und alles vergessen, was im Kosovo geschehen war.

Und das ist dir offenbar auch gelungen – bis zum 7. Oktober. Kannst du uns erzählen, wie es auf dem Nova-Festival war, bevor alles begann?

Anita Conforty / Tomer Alter

Es war nicht unser erstes Festival; wir haben dort Freunde getroffen, die wir von anderen Festivals kannten. Wenn wir Festivals in der Natur besuchen, müssen wir normalerweise einiges organisieren. Wir wollten nicht mit dem eigenen Auto fahren, also haben wir einen Minivan gemietet. Gegen zwei oder drei Uhr morgens kamen wir an, im Dunkeln. Ich wusste eigentlich gar nicht, wo wir waren, aber es war wunderschön. Es gab da einen Bereich für Kunstinstallationen, wo ich viele Freunde traf, und ich habe natürlich auch getanzt.

Mein Mann Yaniv hat die meiste Zeit gesessen, da er an avaskulärer Nekrose in den Beinen leidet. Er hatte starke Schmerzen, und ich saß die meiste Zeit bei ihm. Der Höhepunkt solcher Festivals ist eigentlich der Sonnenaufgang. Plötzlich kann man einander sehen. Für mich ist das wie eine Therapie. Es hat etwas Spirituelles.

Doch dann änderte sich alles. Woran erinnerst du dich als Erstes?

Wir hörten Alarmsirenen und Raketen, die auf uns abgefeuert wurden. Ich war verwirrt und wusste nicht, was ich tun sollte. Ich wohne im Zentrum Israels, und Raketen wurden damals meist in den Süden oder Norden des Landes geschossen. Außerdem hatte ich keinen Militärdienst geleistet, also habe ich die anderen beobachtet, um zu sehen, wie sie reagierten. Die meisten sagten: „Alles in Ordnung, wir sind das gewohnt; in diesem Teil Israels kommen fast jeden Monat Raketen aus dem Gazastreifen.“ Wir warteten einfach darauf, dass es aufhörte. Doch der Raketenbeschuss hörte nicht auf, sondern wurde immer heftiger.

Einige Leute begannen zu schreien und in Panik zu geraten. Um 6:29 Uhr stoppten die Veranstalter die Musik, beendeten das Festival und forderten uns auf, das unsichere Gelände zu verlassen. Die Leute begannen zu rennen; wir kehrten zu unserem Campingplatz zurück und suchten unsere Freunde.

Einer der Gründe, warum wir zu dem Festival gekommen waren, war der 40. Geburtstag meiner Freundin Sharona. Sie war wunderbar. Ich habe es sehr genossen, mit ihr zu tanzen. Sie war mit anderen Freunden zum Festival gekommen. Ich sah sie noch auf dem Weg zu ihrem Auto, und wir sahen uns an.

Was ist mit ihr passiert?

Zwölf lange, schwere Tage lang haben wir alle nach Sharona gesucht. Wir hatten keinerlei Anhaltspunkte. Sie hatte ihrem Mann, der auf die gemeinsamen Kinder aufpasste, eine Nachricht geschickt: Sie habe sich versteckt, und überall werde geschossen. Wir waren so verzweifelt, dass wir sogar hofften, sie sei entführt worden.

Was für eine schreckliche Situation, wenn man hofft, dass jemand entführt wurde – denn das bedeutet, dass er oder sie noch am Leben sein könnte.

Ja. Nach zwölf Tagen erfuhren wir, dass ihre Leiche – oder das, was von ihr übrig war – gefunden worden war. Sie und andere waren in einem Krankenwagen verbrannt, der später als „Krankenwagen des Todes“ bekannt wurde. Achtzehn Menschen, die versucht hatten, sich vor den Terroristen zu verstecken, sind darin verbrannt. Hamas-Terroristen hatten das Fahrzeug mit einer Panzerabwehrrakete beschossen.

Ausgebrannter Kleinbus nach dem Massaker
/ picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Ohad Zwigenberg

Die Leute versteckten sich überall, wo es nur ging: in Chemietoiletten, Müllcontainern und in den großen Kühlschränken für die Getränke. Die Terroristen suchten überall; keiner der Versteckten hat überlebt.

Wann habt ihr euch entschieden, zu fliehen?

Wir hatten einen Fahrer mit einem Minivan engagiert. Eigentlich sollte er warten, bis das Festival vorbei war, und uns dann nach Hause bringen. Er hieß Suheib Abu Amar Elrazam, er war Muslim aus Ost-Jerusalem und etwa 22 Jahre alt. Er hatte auf uns gewartet, und wir blieben erst einmal auf dem Parkplatz, um abzuwarten, denn auf der Straße hatte sich bereits ein Stau gebildet. Das war gegen 8 Uhr morgens. Plötzlich kamen zwei Männer panisch auf uns zugelaufen. Sie schrien, dass Terroristen kämen und wir uns in Sicherheit bringen müssten. Vorher, als die Raketen kamen, hatte ich eigentlich keine große Angst – wegen des „Iron Dome“ und weil wir uns noch frei bewegen konnten. Doch als sie riefen, dass Terroristen kommen, und ich gleichzeitig einen Sicherheitsmann von der Party mit einer Waffe neben einem Baum stehen sah, war ich völlig verwirrt und wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Wir dankten den Männern für die Warnung und beschlossen, über die Straße 232 zu fahren. Dort blieben wir aber stecken, weil dies die einzige Straße war, die von dort wegführte. Wir steigen also aus dem Minivan aus und forderten den Fahrer auf, mit uns zu kommen. Er blieb jedoch beim Wagen, weil er sich für sein Auto verantwortlich fühlte.

Kannst du beschreiben, was du auf der Straße 232 gesehen hast?

Völliges Chaos. Verlassene Autos und rennende Menschen. Da war ein Mädchen, das am Bein verletzt war, und die Leute schrien, man solle einen Krankenwagen rufen. Später erfuhr ich, dass sie Bar hieß; sie war eine der Ersten gewesen, die nach Beginn des Raketenbeschusses geflohen waren, doch als sie die Terroristen sah, kehrte sie um, um die anderen zu warnen. Sie wurde zu dem Krankenwagen auf dem Festivalgelände gebracht – demselben Wagen, der später angegriffen wurde, als meine Freundin Sharona darin war.

Chaos auf der Straße 232 
/ picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Uncredited

Irgendwann schrie uns ein Sicherheitsmann an, wir sollten rennen. Alle begannen zu laufen, doch mir war klar, dass Yaniv wegen seiner Beine nicht rennen konnte. Also suchten wir nach einem Versteck. Wir fanden einen Busch am Straßenrand. Yaniv sagte, wir sollten dort bleiben, bis alles vorbei wäre; es seien bestimmt nur wenige Terroristen, und Polizei und Armee würden bald eintreffen. Doch mein ganzer Körper schrie förmlich danach, dass ich fliehen musste. Ich musste zu meinen Kindern. Aber Yaniv konnte nicht rennen, also blieben wir. Und dann sah ich Beine, die auf uns zukamen.

Die Beine der Terroristen?

Ja, sie kamen auf uns zu. Als ich die Beine der Hamas-Terroristen sah, hörte ich auch Schüsse. Das Schießen wurde sehr heftig. Ich hatte solche Angst, und als die Beine schon ganz nah herangekommen waren, sah ich auf einmal eine große Spinne auf mir. Das war mein Glück. Ich war so überrascht, diese Spinne zu sehen, dass meine ganze Aufmerksamkeit ihr galt. Zum Glück haben die Terroristen uns nicht entdeckt.

Es fällt mir immer noch schwer zu beschreiben, was man empfindet, wenn man sich in einem Gebüsch versteckt und nicht weiß, was man tun soll. Als Nächstes hörte ich die Stimme meines Freundes Elad, der mit uns zum Festival gekommen war. Als er und die anderen, die mit uns im Minivan waren, merkten, dass Yaniv nicht rennen konnte, kam er zurück. Er ist mein Schutzengel.

Wir begannen zu rennen; manchmal halfen wir Yaniv, und manchmal – wahrscheinlich wegen dem Adrenalin – rannte Yaniv trotz seiner Schmerzen von alleine.

Ihr seid losgerannt, aber wohin? Woher wusstet ihr, wohin ihr laufen solltet?

Auf der Straße herrschte pures Chaos; auf der einen Seite lag ein offenes Feld, auf der anderen ein Waldstück. Wir hörten Schüsse aus dem kleinen Wald, und ein Polizist kam von dort herübergerannt und rief uns zu, wir sollten in Richtung der Sonne laufen, auf das offene Feld zu. Das war verrückt, denn es schlugen immer noch Raketen ein, aber wir taten es.

Ich dachte: Das war’s jetzt. Mein Ende ist gekommen. Ich hörte die Kugeln ganz nah bei mir, und überall schlugen Raketen ein; außerdem steckte dort eine Autoschlange fest, und Menschen rannten umher. Als ich aufblickte, hörte ich einen Schuss; ich sah nach oben und entdeckte einen Hubschrauber, der dort in der Luft hing, aber nichts unternahm.

Wie hat es sich angefühlt zu wissen, dass Armee und Polizei Bescheid wussten – dass sogar Einsatzkräfte direkt über einem waren –, man selbst aber dennoch so hilflos war? 

Ich habe dazu noch viele Fragen. Wir wurden im Stich gelassen. Wir waren auf uns allein gestellt. Und wir wussten wirklich nicht, wie viele Terroristen es waren. Wir haben das Ausmaß der Situation nicht begriffen. Dass wir überlebt haben, verdanken wir nur dem Glück – sehr viel Glück. Einige Minuten, nachdem wir vom Parkplatz geflohen waren, sah ich in Videos, dass die Terroristen das Festivalgelände erreicht hatten. Wir hatten also nur ganz knappen Vorsprung.

Was geschah dann?

Ich bereitete mich innerlich darauf vor, mich von meinem Leben zu verabschieden. Ich wollte nicht voller Wut oder in der Angst sterben, die ich in jenem Moment empfand. Ich erinnere mich, wie ich zum Himmel schaute und Vögel fliegen sah, als wäre nichts geschehen. Das war so surreal. In diesem Moment trieb mich ein einziger Gedanke an: Ich bin ein Vogel. Ich identifiziere mich mit Vögeln. Ich fing an zu rennen; das Adrenalin setzte ein.

Wir erreichten das Ende des Feldes, vor uns lagen ein Abhang und ein weiteres Feld. Dort sah ich etwas, das mich zutiefst erschütterte und meine Seele schwer belastete. Ich sah Menschen rennen – dieselben Leute, mit denen ich kurz zuvor noch getanzt hatte –, während Hamas-Terroristen auf sie schossen. Die Leute fielen einfach um. Es war ein totales Massaker. Ich brauchte sehr lange, um diese Erinnerung zu verarbeiten. Heute kann ich darüber sprechen; lange Zeit konnte ich das nicht.

Wo habt ihr euch versteckt? Wie kam es, dass die Terroristen euch nicht bemerkt haben?

Wir standen neben einem Baum. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass es sie interessiert hätte, denn es waren so viele Menschen da – so viele Opfer, aus denen sie wählen konnten. Ich dachte, ich würde gleich in Ohnmacht fallen. Das Nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass Yaniv mich rief. Ich drehte mich um und sah einen großen weißen Pick-up. Wir sprangen auf – wir waren etwa 15 Personen – und fuhren los. Alles geschah rasend schnell: das Rennen über die Felder, der Anblick dieser Bestien bei ihrem Treiben und schließlich der Sprung auf den Pick-up.

Doch wir hatten ein Problem: Wir hatten kein Internet und wussten weder, wo wir waren, noch wohin wir fahren sollten. Wir überlegten, zum Kibbuz Be’eri oder zum nahegelegenen Militärstützpunkt Re’im zu fahren. Zum Glück haben wir das nicht getan, denn beide Orte waren voller Terroristen. Irgendwann sagte der Fahrer, wir würden im Kreis fahren und er müsse nachdenken, aber da die Terroristen in der Nähe seien, könnten wir abspringen und weglaufen. Wir sprangen alle ab, doch meine Tasche blieb am Wagen hängen – und sie war sehr wichtig für mich, da ich Diabetikerin bin und mein Insulin darin war.

Im Rückspiegel sah ich Menschen in Panik, weil die Terroristen auf sie schossen. Also fuhren wir doch weiter. Im Nachhinein glaube ich, dass wir Glück hatten: Unser Pick-up ähnelte denen der Terroristen, deshalb haben sie nicht auf uns geschossen. Wir schafften es bis nach Netivot. Für eine Strecke, die normalerweise 20 Minuten dauert, brauchten wir etwa zwei Stunden.

Wann wusstet ihr, dass ihr in Sicherheit wart?

Als wir die Kreuzung bei Netivot erreichten, hätten Polizisten uns beinahe erschossen, weil unser Auto so aussah wie die Pick-ups der Terroristen. Schließlich landeten wir auf der Polizeiwache. Draußen liefen immer noch Terroristen herum, sodass es dort nur relativ sicher war. Ich rief meine Mutter an. Sie war bei meinen Kindern und sagte, sie würden noch schlafen. Ich sagte ihr, wir seien auf einer Polizeiwache und in Sicherheit. Zwar glaubte ich selbst nicht recht an dieses Wort „Sicherheit“, aber ich musste ihr etwas sagen, das sie beruhigt.

Was wusste deine Mutter zu diesem Zeitpunkt über die Vorgänge?

Sie verfolgte die Nachrichten, in denen von 20 Ermordeten die Rede war. Drei Tage lang – ja, sogar zwei Monate lang – wussten wir nichts über das ganze Ausmaß des Massakers. Selbst heute noch erfahren wir viele Geschichten und Dinge, von denen wir damals nichts wussten.

Wir blieben bis etwa 20 Uhr auf der Polizeiwache. Ich fühlte mich wie ein Tier im Käfig. Alle Straßen waren gesperrt. In meinem Kopf kreiste ständig der Gedanke, dass ich zu meinen Kindern musste. Und es kamen immer mehr Menschen an, immer mehr Verletzte. Gegen 20 Uhr traf ein Bus aus dem Kibbuz Be’eri ein, mit Familien, denen die Flucht gelungen war. Ich habe gehört, dass sich der Fahrer dieses Busses letztes Jahr das Leben genommen hat, weil er nicht verarbeiten konnte, was er dort gesehen hat.

Gegen ein Uhr nachts kamen wir endlich nach Hause und ich konnte meine Kinder sehen. Aber ich fühlte mich nicht erleichtert. Ich fühlte mich nicht sicher. Ich umarmte sie, doch in meinem Inneren war etwas zerbrochen. Ich hatte das Gefühl, dass meine Flucht noch nicht vorbei war – dass ich weiterrennen musste.

Was ist mit eurem Fahrer passiert, der im Minivan gewartet hat?

Suheib? Sie haben ihn gefasst und ihn angeschrien, er sei ein Verräter. Sie haben ihn in den Kibbuz Be’eri gebracht, wo er für sie vom Hebräischen ins Arabische übersetzen musste, und haben ihn dann ermordet. Sie waren gekommen, um zu töten – einfach nur zu töten. Sie töteten jeden, auch ihn. Das hat mir gezeigt, wie wahnsinnig das alles war – diese unmenschlichen Beweggründe, mit denen sie kamen, nur um alles und jeden zu töten.

Wie hat der 7. Oktober deinen Blick auf die Welt verändert?

Ich habe so viel Dunkelheit und Grausamkeit gesehen, dass ich versuche, mich daran zu erinnern, dass es immer noch Gutes auf der Welt gibt. Es ist mit viel Schmerz verbunden, mit Fragen wie: Warum habe ich überlebt? Ich bin 49, damals war ich 47. Es gab so viele junge Menschen, die nicht nach Hause zurückgekehrt sind. Eltern, die ein Kind verloren haben.

Drei Monate nach dem 7. Oktober sah ich ein, dass ich nicht arbeiten konnte, dass ich nicht funktionieren konnte. Dass das Leben seinen Sinn verloren hatte. Wenn man dem Tod so nahe kommt, hat nichts mehr einen Sinn.

Vor etwa sieben Jahren war mein Bruder nach Berlin gezogen. Er lud mich ein, zu ihm zu kommen und der Situation in Israel, das sich im Krieg befand, zu entfliehen. Kurz davor hatte ich an einem fünftägigen Retreat auf Zypern teilgenommen. Dort ist mir klar geworden, dass es mir nicht gut ging und dass ich Hilfe brauchte. Also ging ich mit meinen beiden Söhnen nach Berlin. Meine Tochter war in der Armee und blieb daher mit meinem Mann in Israel.

Das klingt, als wärst du immer noch auf der Flucht gewesen ...

Ich hatte keinen Plan, und es war mein erstes Mal in Deutschland. Mein Bruder hatte gerade ein Baby bekommen, das war für mich die beste Therapie. Wenn man ein Trauma hat, sollte man einfach Zeit mit Babys verbringen. Sie sind die beste Medizin. Natürlich stand ich in Berlin auch vor großen Herausforderungen. Plötzlich musste ich eine Wohnung finden. Ich erinnere mich noch an meine erste Wohnungsbesichtigung. Dort traf ich einen Mann, der mich fragte: „Woher kommst du?“ Mein Bruder wollte es eigentlich nicht sagen, aber ich antwortete: „Aus Israel.“ Er sagte: „Ach wirklich? Ich komme aus Syrien.“ Ich wich einen Schritt zurück, doch dann sagte er: „Nein, scheiß auf die Hamas, ich will keinen Krieg.“

Das war wirklich interessant. Ich lud ihn daraufhin zum Abendessen ein. Ich hatte mir vorgenommen, mich nicht von meinen Ängsten beherrschen zu lassen. Er kam vorbei, und wir hatten ein wirklich gutes Gespräch. Er erzählte mir, wie er mit seinem Bruder zu Fuß aus Syrien geflohen war und sie zunächst nach Paris gelangten. Dann erzählte ich ihm meine Geschichte, und plötzlich waren wir wie zwei Fremde aus verfeindeten Ländern, die dasselbe Trauma teilen.

Das muss heilend gewirkt haben. Nach dem 7. Oktober gab es viel Delegitimierung, doch hier hast du Anerkennung erfahren für den Schmerz, den du durchlitten hast.

Andererseits hatte ich jedes Mal Angst, wenn ich in Berlin einen arabischen Mann auf der Straße sah. Es dauerte fast zwei Monate, bis ich diese Angst loswurde. In Berlin wurde mir klar, dass ich das nicht allein schaffen konnte. Ich war einsam. Und dann traf ich dich, Adi. Ich sah, dass du einen Workshop zum Umgang mit Traumata anbietest, der auf deinem Buch basierte.

Ich erinnere mich, dass dort jüdisch-israelische Frauen saßen und du uns fragtest: „Was hat euch hierhergeführt?“ Sie begannen zu erzählen, wie der 7. Oktober ihr Leben verändert hat. Ich brach in Schweiß aus, als mir klar wurde, dass ich ihnen sagen musste, dass ich auf dem Festival gewesen war. Ich wollte ihre Probleme nicht herunterspielen, und gleichzeitig begriff ich, wie stark der 7. Oktober selbst Menschen beeinflusst hatte, die in Berlin leben.

Während meiner Zeit in Berlin lernte ich einen Mann aus Jordanien kennen, dessen Familie im Gazastreifen lebt. Ich erzählte ihm meine Geschichte. Er sagte, es tue ihm leid, was mir passiert sei, aber es löse keine Gefühle in ihm aus. Ich versuchte, das zu verstehen, und sagte, dass auch ich nichts empfunden hätte, als die Armee in den Gazastreifen einmarschierte. Ich versuchte, ihn – und uns beide – dazu zu bringen, über die Situation nachzudenken, ohne über Politik zu reden. Es war schwer, ihn dazu zu bewegen, die Situation nicht nur durch die politische Brille zu sehen, aber schließlich zeigte er sich offen. Dieses Gespräch hat mir gezeigt, dass in der Welt derzeit etwas vorgeht, das ich nicht verstehen kann: nämlich dass meine Stimme, meine Person und das, was ich erlebt habe, gewissermaßen unsichtbar gemacht werden.

Woher kommt dieser Drang, die „andere Seite“ zu verstehen – besonders so kurz nach dem Grauen, das du erlebt hast?

Ich wollte nicht nur eine Seite der Geschichte hören. Ich war verletzt, aber ich wollte nicht voller Hass leben. Denn Hass würde mich schlichtweg in den Wahnsinn treiben. All diesen negativen Gefühlen, die ich natürlich habe, wollte ich keinen Raum geben. Wer selbst ein Trauma erlebt hat, erkennt Traumata auch bei anderen Menschen. Und ich bin fest davon überzeugt, dass wir miteinander leben können. Ich möchte, dass meine Kinder in einer besseren Welt aufwachsen.

Nova-Ausstellung in Berlin 
/ picture alliance/dpa | Carsten Koall

Anita, du hast mehrmals an der Nova-Ausstellung teilgenommen – sowohl hier in Berlin als auch in London. Warum hast du dich entschieden, deine Geschichte zu erzählen? Und wie hast du es erlebt, fremden Menschen von deinen Erlebnissen zu berichten und ihre Fragen zu beantworten?

Das Bedürfnis zu reden kam nach meiner Zeit in Berlin auf, als mir klar wurde, dass die meisten Juden und Israelis in Berlin sich eher unauffällig verhalten mussten. Ich war mit einem Freund in der U-Bahn, als plötzlich eine Gruppe junger muslimischer Männer einstieg und anfing, Arabisch zu sprechen. Da begann mein Freund – ein Israeli, der in Berlin lebt – plötzlich, Englisch mit mir zu reden. Für ihn war das ganz normal. Für mich nicht. Ich dachte mir: Ich habe gerade erst überlebt, und jetzt soll ich mich verstecken?

Als ich nach Israel zurückkehrte, merkte ich, dass es für mich keinen anderen Ort auf der Welt gibt. In Berlin fühlte ich mich unsichtbar, weil die Leute meinen Schmerz und meine Erlebnisse ignorierten. Ich hatte das Gefühl, dass die Wahrheit nicht zur Sprache kam. Bevor ich an der Ausstellung teilnahm, musste ich mich vorbereiten, Kraft sammeln und begreifen, dass dies ein Teil von mir ist – dass ich eine Überlebende bin. Heute gibt mir genau das Kraft.

In Berlin kam nach meiner Schilderung ein Mann mit seiner Familie auf mich zu. Er sagte, er sei Deutscher und habe seine Töchter mitgebracht, damit sie die Geschichte des 7. Oktobers aus erster Hand hören und lernen könnten, was Propaganda ist und was Realität. Als deutscher Polizist schäme er sich dafür, dass es in Deutschland nicht genügend Raum für diese Seite der Geschichte gebe. Ich sagte ihm: „Dann ist meine Aufgabe erfüllt. Ich kann nach Israel zurückkehren.“ Menschen, die Mitgefühl zeigen und mit Empathie auf mich zukommen – so etwas gibt mir Kraft.

Sind dir auch Menschen begegnet, die dir nicht geglaubt haben, die die Geschehnisse heruntergespielt haben oder behaupten, es sei alles gelogen?

Niemand von denen, die die Ausstellung besuchten. Es gab allerdings einige Journalisten, die mich nach den Kindern im Gazastreifen fragten. Es war irgendwie seltsam, in einer Ausstellung über den 7. Oktober – und während wir noch Geiseln im Gazastreifen hatten – über Kinder in Gaza sprechen zu sollen. Einerseits verstehe ich es, wenn man im Krieg beide Seiten betrachtet. Andererseits gilt: Wenn man der einen Seite – also der palästinensischen – eine Plattform bietet, was ständig geschieht, sollte man dies auch für die andere tun.

Die Nova-Ausstellung in London fand erst vor Kurzem statt. Wie war es dort?

Ich bin gerade erst zurückgekommen. In London waren mehr als 40.000 Menschen gekommen. Über 40 Prozent von ihnen waren keine Juden. Da war zum Beispiel ein Christ aus Nigeria, der nach meinem Bericht zu mir kam und erzählte, dass auch ihre Geschichte kein Gehör finde. Ich traf dort auch eine Holocaust-Überlebende. Sie war 90 Jahre alt und war gekommen, um sich meine Geschichte anzuhören. Sie hat mich wirklich verstanden – besser als jeder Therapeut, besser als jeder andere Mensch. Wir fühlten wir uns sofort sehr verbunden – als wäre sie selbst dabei gewesen.

Haben dir britische Juden von ihren Erlebnissen mit dem zunehmenden Antisemitismus berichtet?

Ja, und ich konnte mich gut in ihre Probleme und Geschichten hineinversetzen. Sie erinnerten mich an meine Zeit im Kosovo. All diese Fragen: Soll ich meinen Davidstern über dem Hemd tragen oder darunter? Im Kosovo war der Nationalismus so stark, dass es einzig darum ging, zu wem man hielt oder auf welcher Seite man stand, und nicht darum, wer man als Mensch eigentlich war. Ich glaube, viele Menschen in der jüdischen Gemeinschaft haben das Gefühl, dass sie zum Schweigen gebracht werden. Dass sie still sein müssen, um sich zu schützen, und sich manchmal sogar verstecken müssen.

Einige nichtjüdische Ausstellungsbesucher haben mir erzählt, dass Freunde sie als Zionisten bezeichnen – einfach nur, weil sie nichts mit Pro-Palästina-Aktivisten zu tun haben wollen. Nach dem Motto: Entweder bist du pro-palästinensisch oder Zionist. Sie kamen in die Ausstellung, weil sie genauer wissen wollten, was am 7. Oktober geschehen ist.

Was hilft dir heute bei der Bewältigung des Traumas?

Mir hilft es, wenn man mir glaubt, wenn ich meine Geschichte erzähle. Ich weiß auch, dass ich auf meinen Körper achten muss, weil er das ganze Trauma speichert. Es ist auch wichtig, einfach an einem sicheren Ort zu sein. Und Freundlichkeit. Ich leide unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), ich muss meine Nerven im Griff behalten und an meiner Geduld arbeiten, aber ich bin von freundlichen und verständnisvollen Menschen umgeben, und das gibt mir viel Hoffnung.

Ich belege außerdem einen Kurs über Theater und Bühnenarbeit – etwas, das ich schon immer machen wollte, und jetzt mache ich es endlich. Indem ich etwas erschaffe, das ich liebe, setze ich mich mit meinem Trauma auseinander, ohne Angst davor zu haben, wer ich bin. Mit allem, was mich ausmacht. Und es hilft, wenn ich tanze. Ich gehe immer noch auf Festivals, was für mich ein Sieg ist. Wenn ich tanze, denke ich an Sharona, meine Freundin, die ermordet wurde. Ich nehme sie zum Tanzen mit.

Was würdest du einem Deutschen sagen, der dieses Interview liest?

Ich befürchte, dass der 7. Oktober nur die Spitze des Eisbergs ist. Redefreiheit und Meinungsfreiheit – auch die Freiheit, sich so zu kleiden, wie man will – sollten in unserer modernen westlichen Gesellschaft nicht zur Debatte stehen. Religiöse Ideologien sollten keinen Platz in der Politik haben, auch in Kunst und Musik haben sie nichts zu suchen. Das Nova-Festival war ein Ort der Freiheit und der Liebe. Sie haben uns aus reinem Hass angegriffen, sie glaubten, sie hätten eine Rechtfertigung dafür, Zivilisten gezielt zu ermorden. Das war ein Angriff auf die Menschlichkeit, der überall geschehen kann. Und er geschieht bereits.

Schmerz ist seit Generationen Teil unserer Identität. Doch in dieser dunklen Zeit können wir mit Freundlichkeit und Liebe versuchen, Licht und Hoffnung zu verbreiten.

Das Gespräch führte Adi Kaslasy-Way.

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Sabine Lehmann | Do., 27. August 2026 - 22:00

Erschütternd, einfach nur erschütternd. Ich habe mehrere Anläufe gebraucht, um den Artikel überhaupt lesen zu können, Absatz für Absatz, dazwischen mehrere Stunden Pause, um das Gelesene verarbeiten zu können. Das Grauen dieses Tages muss unbeschreiblich gewesen sein und dieses Grauen wirkt. So etwas legst du nicht ab, niemals, es wird auch nicht vernarben, es wird ein Teil der Seele u. dieser Abgrund wird dich immer wieder einholen. Aber es wird besser, das sagen eigentlich alle traumatisierten Menschen. Nicht allein zu sein ist wohl wichtig und sehr viel Zuspruch und Mitgefühl auch.....
Als Außenstehender mag man spontan denken, man könne doch froh sein als Überlebender, immerhin ist man ja noch am Leben, aber so einfach ist das nicht. Ich wünsche Anita alles erdenklich Gute und mögen alle Schutzengel dieser Hemisphäre auf sie aufpassen, sie und all ihre Liebsten beschützen. Und ich hoffe, dass ihr Schmerz, ihre Angst immer etwas kleiner wird und stattdessen das Licht wieder scheint.

Achim Koester | Fr., 28. August 2026 - 07:51

die grauenhaften Erlebnisse nicht in Hass umschlagen lassen zu wollen, aber um das auch umzusetzen, braucht es übermenschliche Kraft. Es liegt wohl mehr in der Natur des Menschen, sich für erlittenes Leid rächen zu wollen, auch dafür hätte ich volles Verständnis.