Gedenken in Paris
Gedenken nach den Attentaten / picture alliance / abaca | Leboucher Rozenn/Only Paris/ABACA

Cicero-Serie: 10 Jahre Terrornacht von Paris - Teil 3: Fluctuat nec mergitur

Vor zehn Jahren ereignete sich der schwerste Anschlag in der französischen Geschichte: im Bataclan, vor dem Stade de France und auf den Straßen von Paris veranstalteten Terroristen ein Massaker. In einer fünfteiligen Serie beleuchtet Cicero das nationale Trauma, das Frankreich seither prägt.

Autoreninfo

Carolina Kaube studierte Governance and Public Policy – Staatswissenschaften in Passau und absolviert derzeit ein Redaktionspraktikum bei Cicero.

 

So erreichen Sie Carolina Kaube:

„Fluctuat nec mergitur“ – sie schwankt, doch wird nicht untergehen: Der lateinische Wahlspruch auf dem Wappen von Paris wurde nach den Attentaten vom 13. November 2015 oft zitiert. Er beschwört die Widerstandsfähigkeit der Stadt gegenüber allem möglichen Unglück und Gefahren und sollte ausdrücken, dass man zwar tief getroffen, aber keinesfalls besiegt ist. In den Tagen nach dem Anschlag verwandelte die französische Hauptstadt sich in einen Ort der Solidarität, hunderttausende Menschen kamen zusammen, um gemeinsam ihre Trauer, aber auch ihren Kampfeswillen zum Ausdruck zu bringen. 

Die Republik vereint in ihrem Schmerz, davon zeugen die Blumen- und Kerzenmeere, die die Pariser vor den einzelnen Anschlagsorten abgelegt haben. Eindrucksvoll in Erinnerung geblieben sind auch die Bilder von der Place de la République, die damals um die Welt gingen: Massen an Menschen, die sich versammelt haben, um deutlich zu machen, dass das, was da in der Nacht des 13. November passiert ist, sie alle betrifft. Doch schon damals – und erst recht heute, zehn Jahre später – werden Risse spürbar, die zeigen: Der gesellschaftliche Konsens ist nicht so breit, wie es scheint.
 

Menschen legen Blumen an den Anschlagsorten ab / picture alliance/dpa/MAXPPP | Michael Bunel / Le Pictorium


Der 13. November 2015 hat Frankreich in seinen Grundfesten erschüttert – und zwar nachhaltig. Noch zehn Jahre später erinnern sich 84 Prozent der im Rahmen einer Studie Befragten ganz genau an den Moment, in dem sie von den Attentaten erfuhren. 

„Es ist der Anschlag, an den man sich am meisten erinnert, der von allen Attentaten am stärksten im Gedächtnis geblieben ist und der heute im kollektiven Gedächtnis Frankreichs am präsentesten ist. Danach kommt das Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo, und erst an dritter Stelle der 11. September 2001”, erklärt Jörg Müller. Der Soziologe am CREDOC, dem „Zentrum zur Erforschung und Beobachtung von Lebensbedingungen”, untersucht zusammen mit weiteren Wissenschaftlern im Rahmen des interdisziplinären Rechercheprojekts „13-Novembre” die Folgen der Attentate vom 13. November 2015 auf die französische Gesellschaft. Im Rahmen von bislang mehr als 2000 Interviews haben sie analysiert, inwiefern die Geschehnisse dieser Nacht das kollektive Gedächtnis geprägt haben. 

„Trifft man Paris, trifft man mitten in die französische Seele”

Doch was macht gerade dieses Attentat so speziell – abgesehen von seiner schieren Dimension? „Dafür gibt es eine Vielzahl an Gründen,” führt Müller aus. „Zum einen war die Gesellschaft ohnehin bereits traumatisiert durch den Anschlag auf Charlie Hebdo im Januar desselben Jahres. Der 13. November kam dazu noch obendrauf und hatte dadurch eine doppelt schockierende Wirkung. Zweitens: Im Gegensatz zu Charlie Hebdo ist hier eine sehr viel breitere Personengruppe Ziel und Opfer des Anschlags geworden: Charlie Hebdo, das betraf Journalisten – während hier Junge und Alte, Pariser und Nicht-Pariser, Menschen, die einfach gern ausgehen und Freunde treffen, gleichermaßen betroffen waren. Und drittens: Paris, das ist einfach Frankreich, salopp gesagt. Trifft man Paris, trifft man mitten in die französische Seele.”

Der 13. November hatte nachhaltigen Einfluss auf das kollektive Gedächtnis – vorherrschend durch die Zunahme des Gefühls der Angst, wie in den Untersuchungen des Rechercheteams rund um Müller deutlich wird: „Wenn man das Gefühl der Angst misst, das durch die Anschläge ausgelöst wurde, lässt sich in den einzelnen Wellen unserer Untersuchungen aus den Jahren 2016, 2018, 2022 und 2025 kein Unterschied finden. Die Angst, die durch diese Ereignisse ausgelöst wurde, ist also nach wie vor präsent. Es ist eine unbewusste Spur, die im Gedächtnis zurückbleibt”, erklärt der Experte.

Kein Wunder, dass die Franzosen Angst haben – sind sie doch in der Zeit von 2015 bis 2017 Opfer einer beispiellosen Terrorserie geworden. Über Monate hinweg kam es zu immer neuen Attentaten: Da ist Nizza mit 86 Toten, nachdem ein Islamist am Nationalfeiertag 2016 einen LKW in die feiernde Menschenmenge auf der Promenade des Anglais lenkt – ein Attentat, das oft untergehen wird, weil man diesen Tag nicht mit Trauer besetzen will: Der 14. Juli, das ist eigentlich Frankreichs großer Tag, an dem 1789 mit dem Sturm auf die Bastille die Geburtsstunde der modernen Republik besiegelt wurde. Oder das Attentat auf den katholischen Pfarrer Jacques Hamel, dem nur einige Tage darauf während des Gottesdiensts in der Kirche eines Städtchens in der Normandie von zwei islamischen Fanatikern die Kehle durchgeschnitten wird. So etwas prägt und erschüttert, auch wenn man nicht selbst dabei ist – es ist ein nationales Trauma, das Frankreich da erleidet.

Dabei sind die Terrorattentate nicht das Einzige, was die französische Gesellschaft belastet: „Die Franzosen sind – wie auch alle anderen europäischen Gesellschaften – auf jeden Fall mehrfach traumatisiert: Noch vor einigen Jahrzehnten, da waren die Leute mit Tschernobyl und AIDS konfrontiert – aber das war’s auch schon”, erklärt Jörg Müller. „Heute müssen wir im Gegensatz zu damals mit einer vielfach höheren Anzahl an Krisen umgehen, von Covid, dem Ukrainekrieg, der Migrations- und Wirtschaftskrise bis hin zu Phänomenen wie der Deindustrialisierung und dem Sinken der Kaufkraft. Den Leuten fällt es ohnehin bereits zunehmend schwer, all diese Krisen zu bewältigen – der Terror kommt nun noch obendrauf.”
 

Symbol des Plan Vigipirate / picture alliance / maxppp | Sebastien JARRY

 

Für das allgemeine Sicherheitsgefühl ist es in diesem Sinne bestenfalls ambivalent, dass seit 2015 eine massive Militarisierung des öffentlichen Raums stattgefunden hat. „Plan Vigipirate“ heißt das Sicherheitskonzept, das seitdem deutlich intensiviert wurde. Das Symbol eines schwarz umrandeten roten Dreiecks lässt sich seitdem an Bahnhöfen, Einkaufszentren, öffentlichen Plätzen und Flughäfen finden – überall, wo große Menschenmengen aufeinandertreffen. Dazu gehören auch Taschenkontrollen vor dem Eintritt in Museen, Sehenswürdigkeiten und gar Universitäten. Auch die Polizeipräsenz ist hochgefahren worden, und Beamte mit Maschinengewehr im Arm gehören längst zum Alltag. In Schulen finden Kurse statt, bei denen den Kinder und Jugendlichen beigebracht wird, wie sie sich im Fall eines Anschlags zu verhalten haben. „Exercices anti-intrusion“ heißen diese Übungen, Einbruchsschutzübungen. Das Wort „Terrorattentat“ will man gegenüber den Kindern vermeiden. 

Was die Attentate angerichtet haben, aber auch, wie viele nicht direkt betroffene Menschen daran Anteil genommen haben, lässt sich auch an der medialen Begleitung des großen Prozesses rund um die Attentate, der von 2021 bis 2022 stattfand, ablesen. Dieser im Volksmund wegen des Geschehens an einem Freitag (Vendredi), den 13. als „V13“ bekannte Prozess sprengte alle bisher bekannten Dimensionen: Ein eigener Saal musste für die Verhandlungen errichtet werden, um allen Teilnehmern einschließlich der 1800 Nebenkläger Platz zu bieten; wochenlang dominierten die Erkenntnisse der jeweiligen Verhandlungstage die Nachrichten. 

Welche Rolle dieser Prozess für die kollektive Verarbeitung der Anschläge gespielt hat, weiß der Soziologe Jörg Müller zu berichten: „Gerichtsverfahren spielen allgemein eine äußerst wichtige Rolle, wie wir heute aus Ruanda, den Nürnberger sowie Tokioter Prozessen und vielen anderen Fällen wissen. Erst in dem Moment, in dem ein Urteil gefällt wird und die Betroffenen damit Gerechtigkeit erfahren, kann ein Ereignis wirklich zu Ende gehen: Die Tat endet nicht an dem Abend, an dem sie begangen wurde, und auch nicht in dem Moment, in dem die dafür Verantwortlichen festgenommen werden – sondern mit dem Akt der rechtmäßigen Verurteilung. Erst danach können die Opfer – und auch der Rest der Gesellschaft – beginnen, mit dem Geschehenen abzuschließen.”
 

„Peace for Paris“-Logo von dem französischen Grafiker Jean Jullien / picture alliance / AP Photo | Jean Jullien


 Nach den November-Attentaten bäumte die französische Zivilgesellschaft sich auf, versammelte sich, um gegen den Terror aufzubegehren und zu beweisen, dass man sich seine Art zu leben nicht nehmen lassen werde. Aber wäre diese Welle an Solidarität, wie man sie damals erlebt hat, heute noch möglich? Würde das „Peace for Paris“-Logo, das nach den Anschlägen vom Grafiker Jean Jullien designt wurde und welches das traditionelle Friedenssymbol mit dem Eiffelturm kombiniert, noch so viel Verbreitung in den sozialen Medien erfahren wie vor zehn Jahren?

Es geht ein Spalt durch die Gesellschaft, was die Bewertung der Attentate angeht. Die Fronten sind nach mehr als zehn Jahren islamistischen Terrors verhärtet – nicht wenige geben sich der Verallgemeinerung hin, scheren alle Bewohner der Banlieues mit Migrationshintergrund über einen Kamm und machen aus ihren Vorurteilen keinen Hehl – dabei wurde bei den Attentaten am 13. November 2015 auch zahlreichen Muslimen das Leben geraubt. Auf der anderen Seite hat der Zeitgeist des Antirassismus der letzten Jahre, dem sich ebenso wie in Deutschland große Teile der Medienlandschaft und Vertreter des kulturellen und öffentlichen Lebens in Frankreich verschrieben haben, eine wahrhafte Auseinandersetzung mit den Problemen, mit man sich konfrontiert sieht, schlicht verweigert. Dieser Teil der politischen Linken schießt in seiner vermeidlich guten Absicht, niemanden auszuschließen und gerade benachteiligten Gesellschaftsschichten die Chance des Dazugehörens zu bieten, über das Ziel hinaus. 

„Nun sag, wie hast du's mit der Religion?“

Schließlich ist es die Gretchenfrage in ihrer reinsten Form, die in Frankreich sehr gut ausdrückt, wo man steht: Die Diskussion um das republikanische Modell mit seiner streng ausgelegten Trennung von Religion und Staat, der Laizität, scheidet die Geister. Die einen halten es für die Bedingung des Zusammenlebens in einer heterogenen Gesellschaft, in der man sich auf seine Gemeinsamkeiten statt seiner Unterschiede besinnen und ostentative Symbole der eigenen Religionszugehörigkeit im öffentlichen Raum daher vermeiden soll – die anderen finden gerade das ziemlich rassistisch und islamophob (ungeachtet der Tatsache, dass das Trennungsgebot sich auf alle Religionen bezieht). Der Vorwurf: Es sei ein Eingriff in die Religionsfreiheit und ziele darauf ab, insbesondere muslimischen Immigranten ihrer Kultur zu berauben und ihnen die republikanische aufzuzwängen. Teile der französischen Linken haben sich diese Argumentation auf die Fahnen geschrieben, allen voran die linkspopulistische Partei „La France Insoumise“. 

Dieser Teil der Linken schaffte es im Januar 2015 nach dem Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo beispielsweise nicht, zu sagen, dass man Karikaturisten nicht einfach abknallt, obwohl sie möglicherweise religiöse Gefühle verletzen – doch selbst die Tatsache, dass die Attentate vom 13. November nun wirklich jeden trafen und man daher keine Rechtfertigungen à la Blasphemie und „sie waren selber schuld“ äußern konnte, überzeugte schon damals nicht alle. Klar und deutlich zu benennen, dass es islamistischer Terror war, der einen hier heimgesucht hatte, und nicht einfach irgendein „Terror“ oder „Hass“ – das vermisst man bei nicht wenigen politischen Vertretern noch heute. Von der Weigerung, über diesen Umstand zu sprechen – ob aus Angst, als rassistisch und islamophob zu gelten oder aus wirklicher Überzeugung, damit das Richtige zu tun –, hat letztendlich nur die extreme Rechte profitiert.

Einer Umfrage des Rechercheprojekts „13-Novembre“ zufolge steigt in letzter Zeit die Zahl der Menschen, die der Aussage, dass jeder seine religiösen Praktiken frei ausüben können sollte, im Unterschied zur Zahl derer, die finden, dass Religion eher eine Privatsache bleiben und den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht gefährden sollte. Diese Verschiebung habe mit dem Generationswechsel und einem steigenden Bildungsniveau zu tun, so die Forscher – das Niveau der offiziellen Abschlüsse steigt vielleicht, aber ob das tatsächlich etwas mit Bildung zu tun hat, darf bezweifelt werden.

Die Werte der Republik sind heute zu einem Reizthema geworden, dabei bräuchte man sie doch in diesen Zeiten am dringendsten. Es ist zu hoffen, dass die Franzosen sich ihren Zusammenhalt gegenüber jenen, die ihn torpedieren, weiterhin bewahren können – damit er weder schwankt noch untergeht, sondern wieder fest zu stehen lernt.

Bei älteren Beiträgen wie diesem wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.