Donald Trump
Dieses mit KI generierte Bild zeigt Donald Trump in einem Porträtgemälde von Cesare Borgia aus dem 16. Jahrhundert / picture alliance / Heritage-Images | © Fine Art Images/Heritage Images; Chat GPT

Cesare Borgia und Donald Trump - Machiavellis Fürst im Weißen Haus

Ist Donald Trump eher Nero oder Augustus? Diese Frage wurde kürzlich in einer Artikelreihe verhandelt. Die historische Konstellation der Gegenwart lädt indes auch zu einem Vergleich ein, der eigentlich näherliegt: mit dem legendären Fürsten Cesare Borgia.

Olaf Willett

Autoreninfo

Dr. Olaf Willett ist Historiker mit Schwerpunkt auf Kultur- und Sozialgeschichte. Er ist in den Bereichen Consulting und Marketing für unterschiedliche Branchen tätig.  

So erreichen Sie Olaf Willett:

Cesare Borgia (1475–1507) war keine schillernde Randfigur der Geschichte. Er war ihr Störfall. Zeitgenossen beschrieben ihn als unberechenbar, mal aufbrausend, mal von übertriebenem Charme. Wer ihm gegenübertrat, wusste nie, ob ihn im nächsten Moment Zorn, Schmeichelei oder tödliche Kälte erwartete. Heute würde man wahrscheinlich von einer Borderline-Persönlichkeit sprechen. Der historisch relevante Punkt ist jedoch ein anderer. Die Ungewissheit, in die Cesare seine Mitmenschen versetzte, war mehr als die Folge auffälliger Charakterzüge. Er nutzte sie als kalkuliertes Mittel der Machtausübung.

Niccolò Machiavelli, der Cesare 1502 als Gesandter der Florentiner Republik mehrfach begegnete, beschrieb ihn mit nüchterner Sachlichkeit. In „Der Fürst“, Machiavellis berühmtestem Werk, kommt Cesare praktisch die Titelrolle zu. Er wird dort als Musterbeispiel eines Herrschers porträtiert, an dem sich politische Methodiken und Wirkungsweisen in Reinform betrachten lassen. Von der Nachwelt wurde das lange Zeit als Aufforderung zur Nachahmung missverstanden.

Aufschlussreich ist Machiavellis Schilderung einer Audienz, bei der Cesare ihn „mit größter Freundlichkeit“ behandelte und sich offen und verbindlich gab. Machiavelli war angenehm überrascht und wiegte sich in Ruhe, gerade weil er den Herzog schon im Modus des Wutanfalls erlebt hatte. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass Cesare zu diesem Zeitpunkt längst entschieden hatte, eine Gruppe verbündeter Condottieri auszuschalten. Die Konzilianz erwies sich als Manöver, um den Stadtstaat Florenz in einer bedeutenden Machtfrage vor vollendete Tatsachen stellen zu können. Desillusioniert notierte Machiavelli, Cesare habe den Eindruck erwecken wollen, „wie fern er jedem Verdacht sei, während er bereits alles festgelegt hatte“. Nähe als Täuschung, Vertrauen als Falle.

Ein Skandal auch für abgebrühte Zeitgenossen

Die Menschen im Italien der Renaissance waren allerhand gewohnt. Cesares politische Praxis jedoch offenbarte eine Skrupellosigkeit, die selbst abgebrühte Zeitgenossen als Skandal empfanden. Bündnisse schloss er mit derselben Geschwindigkeit, mit der er sie wieder aufkündigte. Verbündete von gestern waren Gegner von heute, Freunde wurden über Nacht zu Feinden. Politik erscheint hier nicht als Raum moralischer oder auch nur interessengeleiteter Abwägung, sondern als Arena, in der allein die Durchsetzung des eigenen Willens zählt. Charakteristisch ist die Offenheit, mit der die rücksichtslose Vorteilssuche ins Werk gesetzt wurde. So vollendet Cesare Täuschung als Waffe einzusetzen vermochte, so wenig ließ er die Welt über seine wahren Absichten im Unklaren.

Auf offener Bühne agierte insbesondere das Machtgespann, das den Aufstieg des Renaissance-Fürsten erst ermöglichte. Cesare fungierte als der militärische und politische Arm seines Vaters Rodrigo Borgia alias Papst Alexander VI. Dass ein hoher Kirchenmann Kinder hatte, war in jener Zeit normal, nicht hingegen die Art und Weise, mit der Alexander geistliche Würde und weltliche Macht zum Vorteil der Familie Borgia entkoppelte. Vor aller Welt wurde der Heilige Stuhl zum Instrument dynastischer Bestrebungen gemacht, was schon die Zeitgenossen mit Missfallen registrierten.

Als Vollstrecker des familiären Machttraums handelte Cesare aller Erratik zum Trotz nicht ziellos. Hinter den vermeintlich chaotischen Gewaltakten stand eine klare Agenda: die Schaffung eines Königreichs der Borgia in Mittelitalien, eines territorial geschlossenen Machtbereichs jenseits der Launen fremder Mächte. Die Mittel wirkten unberechenbar, das Ziel war es nicht. Ein Ausspruch, den Machiavelli während seiner Legation festhielt, zeigt Cesares politische Persönlichkeit wie unter einem Brennglas. Niemals habe er, Cesare, einen anderen Gedanken gehabt, als sich der Freunde zu versichern und die Feinde auszulöschen; er erkenne dabei „keine andere Grenze an als die Notwendigkeit“.

Keine äußere Norm, keine übergeordnete Instanz

Angesichts der Äußerungen Donald Trumps in einem Interview der New York Times vom 9. Januar 2026 muss dieses Zitat in den Ohren klingeln. Zentrale Sätze des US-Präsidenten wirken wie ein direktes Echo auf die ein halbes Jahrtausend alte Anmaßung Cesares: Er brauche kein Völkerrecht, verkündet Trump. Was zähle, sei sein „eigener Sinn für Moral“. Und weiter: „Mein eigener Verstand. Das ist das Einzige, was mich stoppen kann.“

Keine äußere Norm, keine übergeordnete Instanz, keine bindende Regel – nur das eigene Urteil als letzte Grenze. Ist es Zufall, dass Cesare Borgia und Donald Trump neben dieser absolutistischen Selbstauffassung viele weitere Züge miteinander teilen? Trump handelt impulsiv, neigt zu persönlichen Angriffen und gefällt sich ganz allgemein als Regelbrecher auf dem Feld der Diplomatie. Freundlichkeit und Aggression liegen dicht beieinander. Wer Verbündeter ist und wer Gegner, kann buchstäblich von Tweet zu Tweet wechseln.

Abgesehen von der unverfrorenen Vermischung von Amts- und Familieninteressen fällt auch der fluide Lebenslauf beider Figuren auf. Cesare war erst Kardinal, dann Feldherr und dann Herzog, Trump scheint mit seinem Weg vom Immobilientycoon zum Reality-TV-Star und schließlich ins Präsidentenamt der USA nicht das geringste Problem zu haben. Identität tritt hier als Werkzeug auf, nicht als Persönlichkeitskern. Rollen werden gewechselt, wenn sie nützen, und abgelegt, wenn sie hinderlich werden.

Was neuerdings als „disruptive“ Herrschaftspraktik beschrieben wird – Normbruch als Beschleuniger, Regelverletzung als Strategie, Geschwindigkeit als Machtfaktor –, mag eine Übertragung unternehmerischer Erfolgsmaximen in die Politik sein. Neu aber ist es keineswegs.

Stichwort „Donroe“-Doktrin

Damals wie heute reagieren die Menschen mit einer Mischung aus Beunruhigung und Faszination. Die Unberechenbarkeit hat nicht nur Verunsicherung zur Folge. Sie erzeugt auch eine spezifisch oberflächliche Aufmerksamkeit. Beides verstellt – offensichtlich gewollt – den Blick auf das Rationale, das hinter dem konfusen Schauspiel steht. So wie Cesare auf einen autonomen Machtbereich abzielte, möglicherweise als Keimzelle für ein späteres Ausgreifen auf ganz Italien, so gewinnt unter dem Stichwort „Donroe“-Doktrin mittlerweile auch das machtpolitische Konzept Trumps Konturen: Ihm geht es um die robuste US-Dominanz in der „westlichen Hemisphäre“, womit die US-Administration offenbar sowohl den berühmt-berüchtigten Hinterhof Lateinamerika als auch Kanada und Grönland meint.

Die Analogie geht über die Ebene von Charakterzügen und Machttaktiken hinaus. Entscheidend ist nicht nur, wie historische Persönlichkeiten denken und handeln, sondern warum sie in bestimmten Konstellationen auf die Weltbühne steigen. Cesare Borgia war kein Zufallsprodukt. Er war Ausdruck einer Übergangszeit. Die religiös-moralische Ordnung des Mittelalters hatte ihre Bindekraft verloren. Die Kirche war innerlich ausgehöhlt, ihre moralische Autorität diskreditiert. Zugleich existierten noch keine säkularen Institutionen, die Macht dauerhaft einhegen konnten. Italien war ein Raum schwebender Normen und damit ideales Terrain für Emporkömmlinge, die ohne Rücksicht auf Verluste vorgingen.

Auch wir befinden uns in transitionalen Zeiten. Die viel beschworene regelbasierte Ordnung, die als Konsequenz aus zwei mörderischen Weltkriegen erstand, lebt zu wesentlichen Teilen von einer informellen Übereinkunft: Bestimmte Handlungen gelten als Tabu, bestimmte Regeln als bindend. Diese Übereinkunft wirkt zunehmend hohl. Völkerrecht, Diplomatie und internationale Institutionen erscheinen vielen nurmehr als rhetorische Kulissen, nicht als reale Machtfaktoren.

Lustvoll mit Regeln brechen

Bekanntermaßen wurde die regelbasierte Ordnung im Laufe der Jahrzehnte selten in voller Konsequenz durchgesetzt. Autokratische Großmächte wie Russland oder China ignorieren sie mehr oder weniger offen, und auch die USA als ihr maßgeblicher Schirmherr und Profiteur pflegten, sie beiseitezuschieben, wenn sie ihren Plänen hinderlich war. Dass aber ein amerikanischer Präsident sie ausdrücklich verachtet und in ihrer Rolle als moralisches Korrektiv wirkungslos erscheinen lässt, hat eine neue Qualität.

Warum? Und warum gerade jetzt? Die Gründe sind vielfältig, jedoch trägt auch hier der Blick in die Vergangenheit zur gedanklichen Fokussierung bei. Renaissance und Reformation sind ohne eine tiefgreifende Medienrevolution nicht vorstellbar. Die Erfindung des Buchdrucks und mit ihr der freie Zugang zum geschriebenen Wort zerstörten die Deutungshoheit der Kirche. Wahrheit wurde streitbar, Autorität fragmentiert, alte Gatekeeper verloren ihre Macht. Heute erleben wir eine vergleichbare Umwälzung. Digitale Plattformen haben den Journalismus als zentralen Vermittler öffentlicher Wahrheit zurückgedrängt. Öffentlichkeit ist nicht mehr moderiert, sondern zersplittert. Aufmerksamkeit ersetzt Autorität. In beiden Fällen erscheint die bestehende Ordnung als ausgehöhlt, ihre Sprache als Floskel, ihre Regeln als Selbsttäuschung. Und in beiden Fällen wirken Herrscher, die offen, ja fast lustvoll mit Regeln brechen, plötzlich authentisch, kraftvoll und „realistisch“.

Allerdings liegt hier zugleich auch die historische Lehre. Cesare Borgia scheiterte. Nicht aus Mangel an Skrupellosigkeit, sondern weil er die wichtigste Währung für politisch nachhaltige Wirkung, Vertrauen, verspielte. Sein System war hochgradig personalisiert, abhängig von Einschüchterung und situativer Gefolgschaft. Als Alexander VI. starb und der wichtigste Pfeiler seiner Macht wegbrach, fiel das Gefüge schnell in sich zusammen. Der „Deal“, den der Fürst bei der Papstneuwahl mit einem alten Widersacher der Borgia schloss, wurde von diesem in bester Cesare-Manier gebrochen. Zwar konnte Cesare aus der Haft, in die man ihn setzte, entkommen, als politischer Akteur spielte er in Italien hernach aber keine Rolle mehr.

Geschichte wiederholt sich nicht mechanisch

Während Cesare so zum Opfer seiner eigenen Herrschaftspraktiken wurde, liegt der Fall bei Donald Trump ungleich komplexer. Seine Macht speist sich nicht aus einer dynastischen Konstellation oder einem begrenzten territorialen Projekt. Sie ist eingebettet in eine moderne Großmacht mit institutioneller Tiefe, wirtschaftlicher Stärke, globaler Reichweite und medialer Omnipräsenz. Die Ressourcen, auf die Trump zurückgreifen kann, sind vielfältiger, robuster und weit weniger anfällig für den schlagartigen Zusammenbruch, der Cesare ereilte.

Deshalb wäre es verfehlt, an dieser Stelle in Prognosen zu verfallen. Geschichte wiederholt sich nicht mechanisch. Und doch lässt sich ein analoges Risikoprofil beobachten. Disruption und kalkulierter Regelbruch erzeugen Handlungsspielräume, verschleißen aber im gleichen Zuge Vertrauen. Finanzmärkte, Bündnissysteme, diplomatische Verständigung, innenpolitischer Ausgleich – all dies beruht ebenso auf formalen Regeln wie auf der Erwartung, dass Zusagen gelten, Verfahren respektiert und rote Linien nicht willkürlich verschoben werden. Wo diese Erwartung erodiert, steigt das Misstrauen.

Angesichts der amerikanischen Politik ist dieser Prozess unverkennbar im Gange, wenn auch (noch) eher im Hintergrund. Börsen und Anleihemärkte reagieren nervöser auf politische Signale, die bislang als kalkulierbar galten. Bündnispartner agieren vorsichtiger, sichern sich ab und diversifizieren ihre Abhängigkeiten. Innenpolitisch verschärfen sich Spannungen, weil Verfahren nicht mehr als neutrale Spielregeln akzeptiert werden, sondern als taktische Hindernisse oder Waffen im Machtkampf gelten. Vertrauen weicht Vorsicht, Vorsicht weicht Absicherung, Absicherung erzeugt Reibung.

Donatello Trump? 

Disruptiv erzeugte Macht verteuert sich und verliert an Rückhalt, weil sie gegen steigenden Argwohn anregieren muss. Hier liegt die Verbindung – und zugleich auch der Unterschied – zwischen Cesare Borgia und Donald Trump. Beide setzen auf Regelbruch als Beschleuniger. Beide akzeptieren keine Grenze außer der eigenen Zwecksetzung. Cesares Macht zerbrach abrupt an der Endlichkeit seiner Ressourcen. Demgegenüber manifestiert sich die Problematik von Trumps Politik schrittweise. Die immateriellen Grundlagen der globalen US-Hegemonialstellung sind von Auflösung bedroht. Trump sägt am Ast seiner Machtfülle – oder der seiner Nachfolger.

Gerne verbreiten Populisten und Autokraten das Narrativ, dass internationale Institutionen, Diplomatie und Völkerrecht aus moralischer Schwärmerei entstanden seien. Dabei sind sie Antworten auf genau jene Erfahrung, die Cesare Borgia prototypisch verkörperte: dass Macht ohne Regeln instabil wird und Instabilität zerstörerisch wirkt. Die Menschen der Renaissance waren diesem Phänomen noch weitgehend ausgeliefert. Ihnen fehlten die Instrumente, um regellose Macht unter Kontrolle zu halten. Für uns stehen diese Mittel hingegen bereit – historisch begründet, institutionell etabliert, politisch abrufbar. Ob sie genutzt werden, ist keine Frage der Notwendigkeit, sondern der Entscheidung.

Wichtig ist daher nicht, ob wir den amerikanischen Präsidenten in Donatello Trump umtaufen sollten, den Wiedergänger des Fürsten. Sondern ob wir bereit sind anzuerkennen, dass im politischen Raum für jede disruptive Handlung eine Gegenrechnung aufläuft, die irgendwann fällig wird.

Bei älteren Beiträgen wie diesem wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.

Karl-Heinz Weiß | Mo., 11. Mai 2026 - 16:37

Hat Präsident Trump tatsächlich eine Machtstrategie ? Spätestens seit dem Krieg am Persischen/Arabischen Golf erscheint mir das zweifelhaft. Die dortigen Verbündeten ("Stützpunkte gegen Schutz") derart zu verprellen, spricht dagegen. Deshalb hat sich auch einer seiner glühendsten Anhänger, Tucker Carlson, von ihm distanziert. Man darf auf die Begegnung mit dem "chinesischen Fürsten" gespannt sein. Im chinesischen Geschichtsverständnis dürfte Cesare Borgia als "später Nachahmer" wahrgenommen werden.

Christian van der Ploeg | Mo., 11. Mai 2026 - 20:05

Trump ist eben kein Dummkopf, sondern verfolgt eine Strategie, leider scheinbar immer sehr kurzfristig gedacht und leider scheinen ihm die Konsequenzen egal, was zu der beschriebenen Destabilisierung und Erodieren bestehender Institutionen führt.
Diese (z. B. UNO, NATO, EU) müssen aber so oder so völlig neu aufgestellt werden.