Bürgerkrieg im Jemen - Unesco-Kulturerbe in Schutt und Asche

Felix Arabia – „glückliches Arabien“ nannten die Römer einst das alte Jemen. Nach mehr als einem Jahr Krieg ist davon nicht mehr viel übrig. Tausende Menschen sind gestorben, unzählige Schätze verloren. Einzige Hoffnung: Nach tagelangem Zögern wollen die Houthi-Rebellen an den Friedensverhandlungen teilnehmen

Sana im Jemen, nach der Zerstörung
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Martin Gehlen ist Journalist und berichtet aus der arabischen Welt.

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Die Kontrahenten versuchen einen neuen Anlauf. Nach tagelangem Hin und Her reisen nun auch die Houthi-Rebellen am Donnerstag nach Kuwait, so dass die Verhandlungen der Bürgerkriegsparteien beginnen können. Erstmals seit Monaten gibt es damit wieder Hoffnung, das Morden und die Zerstörungen in dem Land an der Südspitze der Arabischen Halbinsel zu beenden. „Jemen war dem Frieden nie näher“, zeigte sich UN-Vermittler Ismail Ould Cheikh Ahmed im Vorfeld optimistisch. „Der Weg zum Frieden ist schwierig, aber machbar.“

Saudische Luftangriffe seit nunmehr einem Jahr

 

Die beiden verfeindeten Lager der Regierungstruppen und der Houthi-Rebellen mit ihren Vormächten Saudi-Arabien und Iran stehen unter wachsendem Druck. Das seit einem Jahr dauernde Bombardement hat den Jemen in eine humanitäre, wirtschaftliche und kulturelle Katastrophe von apokalyptischen Dimensionen gestürzt. Mindestens 6.300 Menschen verloren ihr Leben, über 30.000 wurden verletzt. 80 Prozent der 24 Millionen Jemeniten sind auf Nahrungshilfe angewiesen. 2,8 Millionen irren als Binnenflüchtlinge im Land herum. Allein in der Hauptstadt Sanaa verloren durch die saudischen Luftangriffe 250.000 Einwohner ihr Dach über dem Kopf.

Sinnlose Zerstörung von Unesco-Weltkulturerbe

 

Obendrein erlitt das weltberühmte Kulturerbe des Jemen – ähnlich wie in Syrien und Irak – schwerste Schäden. Felix Arabia – „glückliches Arabien“ nannten die Römer einst diese Region, in vielen Teilen ein Open-Air-Museum mit märchenhaften Landschaften und epochalen Kulturschätzen. Seit Beginn des Krieges im März 2015 jedoch überschlagen sich die Berichte über Bombenschäden, Plünderungen und Raubgrabungen. Unesco-Chefin Irina Bokova geißelte öffentlich „die sinnlose Zerstörung einer der reichsten Kulturen der arabischen Welt“. Europäische Antikenspezialisten registrierten bei Auktionen einen dubiosen Anstieg von „südarabischen Objekten aus alten Sammlungen“.

Und die Liste der Verluste wird lang und länger. Ein einziger Luftangriff vernichtete das Museum von Dhamar im Hochland, welches 12.500 Objekte beherbergte. Das gleiche Schicksal erlitten die beiden antiken Ausgrabungsstätten Baraqish und Sirwah aus vorislamischer Zeit, wo deutsche Forscher eine große Tempelanlage freilegten. Fünf Häuser der Altstadt von Sanaa, die zum Unesco-Welterbe gehören, fielen saudischen Bomben zum Opfer. Auch die beiden antiken Großschleusen am ältesten Staudamm der Menschheit in Marib, der bereits im Koran erwähnt ist, wurden beschädigt.

Die aus dem 3. Jahrhundert stammende Stadtmauer von Saada, der Hochburg der Houthis, liegt in Trümmern genauso wie die tausend Jahre alte Zitadelle von Taiz, der drittgrößten Stadt des Landes. Das örtliche Museum, was wertvolle Manuskripte und vorislamische Exponate besaß, brannte völlig aus. Shibam im Hadramaut, das zum Unesco-Weltkulturerbe gehört und mehr als zehn Jahre lang von deutschen Spezialisten restauriert wurde, erlitt durch ein IS-Bombenattentat schwere Schäden an der Stadtmauer und Häusern, die nun einsturzgefährdet sind. Das „Manhattan der Wüste“ ist berühmt für die ersten Wolkenkratzer der Menschheit, nicht aus Stahl und Beton, sondern aus Lehmziegeln und Holz. Die größten der 500 Exemplare erreichen mit neun Stockwerken fast zwanzig Meter, nach Auskunft von Statikern die maximal mögliche Höhe mit diesem Baumaterial.

Nicht nur kulturelle, auch religiöse Vielfalt wird zerstört

 

Mit der kulturellen aber droht auch der religiösen Vielfalt die Vernichtung. In Aden überfielen Dschihadisten im März ein christliches Altersheim, erschossen vier der fünf ausländischen Ordensschwestern und kreuzigten den Geistlichen der Einrichtung, einen Priester aus Indien. Der einzige christliche Friedhof Jemens wurde total verwüstet, genauso wie zwei der fünf Kirchen in der Hafenstadt.

Vor dem Ende steht auch das jüdische Leben im Jemen, das seit mehr als 2500 Jahren existiert und zurückgeht auf die Zeiten der legendären Königin Saba, die mit König Salomon liiert gewesen sein soll. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts existierten jüdische Gemeinden in allen wichtigen Städten. Der erste große Exodus erfolgte 1949, als etwa 50.000 Menschen nach Israel ausgeflogen wurden. Vor dem jüngsten Bürgerkrieg lebten nur noch eine Handvoll Juden in der Stadt Raydah im Norden sowie rund ein halbes Dutzend Familien in Sanaa in einer umzäunten Siedlung nahe der inzwischen zerstörten US-Botschaft.

Vor vier Wochen ließen sich nun weitere 19 jemenitische Juden von Israel in einer Geheimoperation aus den Bürgerkriegswirren ausfliegen – die letzten Bewohner aus Raydah. Die 600 Jahre alte Tora-Rolle seiner untergegangenen Gemeinde hatte ihr Rabbi Salman Dahari mit im Gepäck.

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