Boris Johnson und Jeremy Hunt - Churchills Geschirr

Boris Johnsons Gegner Jeremy Hunt wirkt zwar gerissen, elegant und agiert geschickt. Doch das größte Hindernis auf dem Weg in die Downing Street ist nicht er. Johnson steht sich selbst im Weg. Längst nicht nur wegen eines lauten Streits mit seiner Freundin, bei dem die Polizei kam

Wirkt gelassen, sportlich, kühl überlegen: Jeremy Hunt / picture alliance

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Sabine Bergk ist Schriftstellerin. Sie studierte Lettres Modernes in Orléans, Theater- und Wirtschaftswissenschaften in Berlin sowie am Lee Strasberg Institute in New York. Ihr Prosadebüt „Gilsbrod“ erschien 2012 im Dittrich Verlag, 2014 „Ichi oder der Traum vom Roman“.

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Derzeit ist in der Berliner Gastronomie ein englisches Geschirr der Marke „Churchill“ in Mode gekommen. Es ist aus Keramik, leicht gepunktet und in dezentem Mintgrün oder in Türkis sieht es besonders elegant aus. Gäste mögen es gerne, da es eine angenehme Atmosphäre ausstrahlt. Es hat jedoch auch Nachteile. Es ist sehr schwer, die Kellner müssen ein Mehrfaches des regulären Tellergewichts auf dem Handgelenk balancieren - und es ist in Einzelteilen nicht nachbestellbar, da es nur in großen Sets kommt.

Für private Haushalte ist „Churchill“ demnach nicht geeignet und selbst kleine Cafés zittern, wenn eine Tasse zu Bruch geht. Mit dem Brexit dürfte die Nachbestellung des Geschirrs noch teurer werden. Zusätzliche Lieferkosten, Personalkosten, Lagerhaltungskosten, Zollgebühren – wird die Schickimickiegastronomie weiterhin auf „Churchill“ bauen?

Johnsons politischer Vorsprung mehr als halbiert

Einer der Brexitantreiber, der die zukünftige Nachbestellung von Churchilltassen erschweren wird, ist der Journalist, Politker und Churchill-Biograf Boris Johnson. Während seine Charakterstudie über Churchill, „Der Churchill Faktor“, brillant, komplex, treffend und liebevoll geschrieben ist, vermiest sich Johnson mit einer Mischung aus öffentlicher Abwesenheit, Schweigen und privaten Fehltritten gerade die Chance auf das Amt des Premierministers.

Seit am vergangenen Freitag in den frühen Morgenstunden auch noch die Polizei wegen eines nächtlichen, die Nachbarn verstörenden Streits mit seiner Partnerin Carrie Symonds, vor der Tür stand, hat sich Johnsons politischer Vorsprung mehr als halbiert. Die Zeitung The Guardian brachte die Geschichte mit aufreibenden Zitaten heraus. Symonds soll laut einer Tonbandaufnahme geschrien haben, dass sich Johnson von ihr herunter bewegen und das Apartment verlassen sollte, dass er sich ohnehin um nichts wirklich scheren würde, ihm andere Leute und deren Geld egal seien und dass er schlichtweg verwöhnt sei. Johnson soll ein Glas Rotwein auf dem Sofa ausgeschüttet haben und es seien Geräusche von fliegenden Tellern zu hören gewesen.

Jeremy Hunt: gerissen und PR-geschult

Seit diesem Vorfall liegt Jeremy Hunt auf der Überholspur. Bereits zu Beginn des Wahlkampfs, als Johnson womöglich aus Angst vor seinen eigenen Äußerungen nicht zum ersten TV-Auftritt erscheinen wollte, stichelte Hunt treffend, was wohl Churchill dazu sagen würde, wissend, dass Churchill in Johnsons Leben ein wichtiger Erfolgsfaktor ist.

Hunt ist gerissen und PR-geschult. Er zeigt sich fit, beim Joggen, mit verschwitztem T-Shirt, und jugendlich, mit einer Pizza am Computer. Gleichzeitig zieht er die richtigen Pfeile aus dem Köcher, deren Spitzen perfekt ins Schwarze treffen. Ja, was würde Churchill dazu sagen, dass sich Johnson vor der Öffentlichkeit, die er als Premierminister doch vertreten und umwerben sollte, permanent wegduckt? Ist Boris Johnson ein laut polternder Feigling?

Die Rolle eines Therapeuten

Als Hunt die „Was würde Churchill dazu sagen“-Spitze gegen Johnson abschoss, war dessen Privatdrama noch nicht passiert. Hunt hätte seit letztem Freitag eine ganze Batterie an Spitzen gegen Johnson ausspielen können. Man stelle sich vor, die Polizei müsste eines Tages an die perfekt lackierte Tür der Downing Street Nr. 10 klopfen, um fliegende Teller, Sofas oder gar Ms. Symonds vor dem Premierminister zu retten, der eigentlich Großbritannien vor Europa retten will.

Der elegant wirkende Jeremy Hunt, Sohn eines Admirals der Royal Navy, konterte jedoch nicht mit einem billigen Pfeil in Richtung Privatleben, sondern nahm eher die Rolle des Therapeuten an. Johnson müsse reden, er könne nicht immer alles wegschieben. Damit hat Hunt gleich zwei Asse in der Tasche: Er scheint die reifere, reflektiertere Persönlichkeit zu sein und fordert zugleich den stürmisch-instinktiv handelnden Johnson zur erwachsenen Kommunikation auf. Auch diese Aufforderung ließ Johnson abblitzen. Das TV-Duell am Dienstag Abend gegen Jeremy Hunt sagte Boris Johnson ab. Damit meidet Johnson ein zweites Mal die Konfrontation mit anderen Kandidaten.

Johnson hat nur sich selbst als Gegner

Es ist bezeichnend, wie diametral unterschiedlich die Persönlichkeits- und Führungsstilmodelle der beiden Präsidentschaftskandidaten sind: Auf der einen Seite der gelassene, zum Diskurs einladende, kühl überlegen wirkende, sich sportlich gebende Hunt und auf der anderen Seite ein wie außer sich wirkender, etwas übergewichtiger, ich-getriebener Hitzkopf, dessen größte Angst die Angst vor den eigenen Äußerungen zu sein scheint.

Während Hunt Johnson als Gegner hat, hat Johnson nur sich selbst als Gegner. Deshalb braucht er anscheinend auch keine TV-Duelle. Johnsons Kampagne ist ganz auf Johnsons Persönlichkeit fokussiert. Er sei der Einzige, der den Brexit meistern könne, hieß es anfangs in seinem Kampagnenvideo.

Nicht „Little England“, sondern „Great Britain“

Jeremy Hunt hingegen setzt nicht allein auf seine Persönlichkeit, sondern auf ein weiter reichendes Konzept: Nicht „Little England“, sondern „Great Britain“ sei durch den Brexit hindurch zu bringen. Es ginge nur gemeinsam, indem man die Spaltung des Landes überwinde. Johnson scheint sich als Einzelkämpfer einen einzigen Rettungsmast auserkoren zu haben: den 31. Oktober. Dieser sei nur von ihm allein, vom besten Torschützen des Landes, wie ein 11-Meter-Treffer, zu schaffen.

Welche Führungspersönlichkeit werden die Tories Ende Juli wählen? Den ich-fixiert hitzigen Johnson oder den gesprächsbereit moderat-liberalen Hunt?

In seinem Buch „Der Churchill Faktor“, schrieb Johnson, Charakter sei Schicksal. Nun schlägt das Schicksal ihn, insbesondere seit Freitag Nacht, mit der Charakterfrage. Ob seine narzisstische, leidenschaftlich-polternde, gegebenenfalls Teller werfende Art Großbritannien aus dem Brexit heraus helfen wird, ist fraglich. Moderat kommt man aus dem Disaster jedoch auch nicht so einfach heraus. Es ist schon zu viel Geschirr zwischen der EU und Großbritannien zu Bruch gegangen. Wer nun am meisten Teller zerdeppern wird, die nicht mehr nachbestellbar sind, werden wir sehen.

Christa Wallau | Fr, 28. Juni 2019 - 17:17

Dies sagte schon der Vor-Sokratiker Heraklit, und diese Weisheit gilt bis heute.
Wenn ein Mensch mit gefährlichen Charakterzügen politische Verantwortung übernimmt, dann betrifft dieses Schicksal nicht nur ihn selbst,
sondern ein ganzes Volk. Tausende Beispiele aus der Menschheitsgeschichte beweisen, wie sehr die negativen Züge einzelner Machthaber den Verlauf der Ereignisse bestimmt u. Millionen von Menschen in schlimmstes Elend gestürzt haben.
Die Lehre daraus kann in demokratischen Staaten nur heißen: Wähler, schaut auf den Charakter der Kandidaten!
So leicht wie Boris Johnson machen es allerdings die meisten Kandidaten den Leuten nicht. Sie täuschen die Menschen geschickt über ihren wahren Charakter, indem sie Kreide fressen (wie der Wolf im Märchen von den "Sieben Geißlein" )
u. lassen ihren inneren Schweinehund erst von der Leine, wenn sie an der Macht sind. Es kommt hinzu, daß sie fatalerweise oft gleichzeitig auch über positive, ja liebenswerte Charakterzüge verfügen.

Heidemarie Heim | Fr, 28. Juni 2019 - 18:44

So kommt was seine bisherigen Auftritte betrifft wohl Johnson die Rolle als Elefant im Porzellanladen zu. Was aber im Gegensatz zu uns hier, Teile der Briten ähnlich wenig davon abhält ihn trotzdem zu mögen, wie auch Teile der amerikanischen Bevölkerung ihren Präsidenten Trump, der eben so wenig das klassische Politikerprofil bedient;). Da ist bei beiden sogar die Frisur Schicksal? Okay das war jetzt wohl ein bisschen oberflächlich meinerseits, aber im Auftreten und dem Polarisierungsvermögen der beiden besteht doch eine gewisse Ähnlichkeit?
Dagegen der sportlich smarte (er war auch mal Sportminister!) und jetzige AM-Nachfolger Hunt mit Unternehmungsberater-Qualifikation, beflissen bei Auftritten und Rhetorik, Ehemann und Vater dreier Sprösslinge bildet dazu natürlich einen deutlichen Gegenpart! Was macht der typische Engländer daraufhin? Er schließt erst mal eine Wette ab! Gern auch auf einen outsider;-).
MfG

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