Irritationen über einen Gastbeitrag des russischen Botschafters - „Ist die Berliner Zeitung das Sprachrohr des Kreml?“

Zum 7. Jahrestag der Annexion der Krim durch Russland veröffentlichte die „Berliner Zeitung“ einen Gastbeitrag des russischen Botschafters, der die Geschichte klitterte. Es ist nicht das erste Mal, dass das Blatt durch Propaganda für Russland aufgefallen ist. Wird die putinfreundliche Berichterstattung zum Geschäftsmodell?

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Von der deutschen „Washington Post“ zum Propagandablatt für Putin? Die Berliner Zeitung / dpa

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Denis Trubetskoy ist in Sewastopol auf der Krim aufgewachsen. Er arbeitet heute als Korrespondent für verschiedene Medien in Kiew. 

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Antje Hildebrandt hat Publizistik und Politikwissenschaften studiert. Sie ist Reporterin und Online-Redakteurin für CICERO.

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Antje Hildebrandt

Russia Today ist zwar ein Nischenprogramm, dort aber eine inzwischen fest etablierte Größe: Seit 2014 berichtet der kremltreue russische Propaganda-Sender auch aus Deutschland. Doch was heißt „berichtet“? Der Sender („RT DE“) verbreitet meist einen wilden Mix aus gezielter Desinformation, Übertreibungen und allerlei obskuren Theorien, um die quasi-offizielle Sicht der russischen Regierung auf Deutschland zu verbreiten und seine Zuschauer gegen den  deutschen Staat aufzuhetzen. Der vom Kreml finanzierte Sender verkauft dies als Beitrag „zur Meinungsvielfalt und Informationsfreiheit in Europa“.

Zum 7. Jahrestag der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim zitierte Russia Today unlängst einen Bericht des russischen Botschafters Sergej Netschajew, der gut in dieses Raster passte: Der Beitrag erweckte den Eindruck, der Halbinsel hätte gar nichts Besseres passieren können als mit Russland „wiedervereinigt“ zu werden. Denn die Krim entwickele sich seither dynamisch, und auch die Menschenrechte würden jetzt geachtet. Dass die Halbinsel heute zu Russland gehöre, daran sei ohnehin der Westen Schuld. Der nämlich habe den „Putsch“ in der Ukraine und die daraus folgende Abspaltung der Krim provoziert.

Verdrehung der Geschichte

Diese Sichtweise fällt mindestens in die Kategorie Geschichtsklittung, doch sollte man von einem vom Kreml finanzierten Sender auch keine kreml-kritische Berichterstattung erwarten – von einer deutschen Tageszeitung womöglich schon eher. Zumindest aber ein bisschen mehr Bemühen um Objektivität. Erschienen ist der Bericht des russischen Botschafters, auf den Russia Today Bezug nimmt, nämlich in der Berliner Zeitung.

7. Jahrestag der Annexion hatte das Blatt Sergej Netschajew eine ganze Seite zur Verfügung gestellt, um seine Sicht der Dinge zu schildern – ohne jede Einordnung oder Faktenchecks. Dabei ist schon das Wort „Wiederveinigung“ eine Provokation: Die Krim gehörte seit 1954 zur Ukraine. Und das Referendum, nach dem angeblich 96 Prozent der großenteils russischen Bewohner für den Anschluss an Russland stimmten, war eine reine Farce: Es gab keine Option, um sich für den Verbleib in der Ukraine nach den alten Regeln auszusprechen.

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Maria Arenz | Mo, 22. März 2021 - 19:46

Von wegen "seit 1954 GEHÖRTE die Krim zur Ukraine". Die Krim gehörte seit Katharina der Großen zu Russland nachdem sie in einem "ehrlichen" Kolonialkrieg erobert worden war wie so vieles im 18. Jahrhundert. 1954 "schenkte" Chruschtschow sie dann seiner Heimatprovinz Ukraine ohne irgendjemand zu fragen, ob er "geschenkt" werden wollte. War halt grad gut drauf, der Nikita. Die Ukraine gehörte bis dahin zum Kernbestand der vom großmütigen Schenker regierten und für ewig gehaltenenen Sowjetunion weshalb die Schenkerei für das Leben der dort lebenden Menschen keinen Unterschied machte. Als völkerrechtlich vorbildlich und auf alle Zeit heiligen Akt würde ich diese Art des Landerwerbs aber nun nicht gerade ansehen.

Wilfried Düring | Mo, 22. März 2021 - 23:05

In reply to by Maria Arenz

'Seit 2014 berichtet der kremltreue russische ... Sender auch aus Deutschland.'
Warum sollte er nicht?
Die Sender der ARD und das ZDF berichteten schon aus Moskau, als ich (Jahrgang 1964) noch nicht auf der Welt war.

Wir leben in einem Land, in welchem der gewöhnliche Gebührenpöbel die staatsnahen 'öffentlichen-rechtlichen' Sender zwangsweise finanzieren muß.
ÖR-Journalisten, Funktionäre und Medienmanager (Jahresgehalt Herr Buhrow 395.000 Euro 'Grund-Summe' !) werden so von Millionen Kleinverdienern, Normalbürgern und Armutsrentnern mehr als auskömmlich ausgehalten.
Als Dank müssen wir uns von diesem - von uns bezahlten - Medien-'Adel' inzwischen JEDEN TAG beschimpfen, verhöhnen und kriminalisieren lassen: als 'Nazis', 'Säue', als 'Müll' (das war die 'taz'), 'Cov-Idioten', 'Klima-Leugner', als 'rückständig'.
Diese böse Saat läßt bittere und giftige Früchte wachsen!
Als Dunkel-Deutscher bin ich da für JEDE Alternative/Ergänzung dankbar - auch wenn es eine kremltreu-russische ist!

Unsere Medien sind halt RotGrün-Merkeltreu.
Insofern braucht man immer die andere Darstellungsseite um sich ein vollständiges Bild zu machen. Wir leben in einem kalten, medialen Krieg der mit Überhitzung geführt wird.
Mediales aufheulen ist immer auch ein Zeichen daß die heuchelnde Selbstgewißheit getroffen wurde.

Bernhard K. Kopp | Di, 23. März 2021 - 07:58

In reply to by Maria Arenz

Ich hatte in den 90ern dort zu tun. Die Leute sprachen Russisch. Sie waren, diplomatisch beschrieben, sehr unglücklich darüber, dass sie im staatsnahen Bereich zusätzlich Ukrainisch lernen sollten, was viele bis heute nie taten. Da Unmengen von Papieren aus Kiew nur in ukrainischer Sprache kamen, wurden hausinterne Übersetzungsbüros ins Russische eingerichtet. Spätestens nach dem von der CIA, mit Saakaschvili, vom Zaun gebrochenen Georgien-Scharmützels von 2008 könnte in Moskau der Beschluss, die Krim bei passender Gelegenheit, nach Russland zurückzuholen, gefallen sein. Der damalige ukrainische Präsident hat den Pachtvertrag für die russische Schwarzmeerflotte in Sewastopol in Frage gestellt. Es bestand die Gefahr, dass das Schwarze Meer ein Nato-Meer werden könnte. Von den westlichen Provokationen gegen Russland redet niemand.

und ich denke, dass die Krimbewohner niemals freiwillig zurück zur Ukraine gingen. Die erinnern sich noch sehr genau, dass bei eisiger Kälte die Kiewer die Strommasten gesprengt haben die die Krim mit Strom versorgten, die Lebensmittellieferung an die Krim verhindert haben, die gerade die Wasserversorgung auf die Krim behindern usw., usw. mit solchen Aktionen gewinnt man ganz bestimmt die Herzen der Bewohner (Ironie). Die Krim zurück das glaube ich nie und nimmer freiwillig nicht, es sei denn nur mit einem Blutbad.

Nordlicht | Mo, 22. März 2021 - 19:46

Ist die ZEIT ein Sprachrohr Washingtons?

Ist die SZ ein Sprachrohr Pekings?

Ist der SPIEGEL (... beliebig ergänzen).

Könnte man sich vorstllen, dass die ZEIT den US-Botschafter um einem Gestbeitrag bittet und direkt daneben eine Attacke gegen dessen Weltsicht reitet? Eher nicht.

Dass die Wieder-Eingleiderung der Krim nach Russland in völkerrechtlich dubioser Form geschah, ist bekannt; auch China hat Tibet völkerrechtswidrig annektiert, und die USA haben etliche derartige Leichen im Keller.

was haben die USA denn konkret in völkerrechtwidriger Art und und Weise wann und wo annektiert? Bin - mässig - gespannt auf Ihre Antwort, nicht zuletzt auch deshalb, weil Sie offenbar nicht den Mumm aufbringen, unter Ihrem Klarnamen zu kommentieren. Und was das "Licht" angeht, nun ja, manche Zeitgenossen geben sich auch mit einem Schimmer davon zufrieden ... ☺️

Detlev Bargatzky | Di, 23. März 2021 - 16:09

In reply to by Jacqueline Gafner

... die USA die viele ihrer Auslandsstützpunkte gepachtet haben, in dem sie zunächst die bestehenden Regierungen destabilisiert bzw. gestürzt , durch Despoten ersetzt und dann diese Verträge abgeschlossen haben.

Aber das wissen Sie sicher selbst.

Bernhard Weber | Di, 23. März 2021 - 17:53

In reply to by Jacqueline Gafner

Sie haben bezüglich des Klarnamens recht, Frau Hafner.
Sie scheinen noch sehr jung zu sein, denn sonst wüßten Sie es:
Die USA haben außerordentlich viel Unheil und Tod über die Menschen gebracht. Ich nenne nur die Länder, welche mir sofort einfallen: (CIA)Chile, Nicaragua, (Kriege)Korea, Vietnam, Afghanistan, (mit Lügen begonnen) Irak, Drohungen gegen Rußland.
In vielen Ländern hocken Sie noch heute - sogar bei uns-

Romuald Veselic | Mo, 22. März 2021 - 19:56

so kommts mir manchmal vor, auch wenn die Differenz 53 Jahre beträgt.
Ich kann mich erinnern (gehöre der Generation, die sich noch erinnern kann), als 1968 ein Artikel in sowjetischer Prawda erschien, wo behauptet wurde, dass US Panzer in der CSSR sind... Einer der "Gründe" warum SA = Sowjetskaja Armija/Sowjetarmee im August 68, in die CSSR einmarschierte u. Schluss machte, mit dem menschlichen Antlitz in sozialistischer Form.
Die CSSR Presse übernahm diese Nachricht u. ging der Sache nach. Tatsächlich waren 4 US Panzer M4 Sherman (aus 2.WK) in der CSSR, als Requisite für den Film "Brücke in Remagen" verwendet. Der Film wurde in der CSSR gedreht...
Die Lektüre wurde damals so formuliert, dass man oberflächlich denken könnte, eine US (NATO) Einheit befindet sich schon auf dem Gebiet des westlichen (CS) Bruderlandes. Das Land musste deshalb "gerettet" werden.

Fritz Elvers | Mo, 22. März 2021 - 21:26

Melnyk erinnerte Deutschland an seine Kriegsschuld und appellierte an die moralische Verpflichtung der Bundesrepublik, „der rechtswidrigen Krim-Okkupation ein Ende zu setzen“.

Ok, hat AKK schon einen Plan? Würde mich jedenfalls nicht wundern.

Dirk Weller | Di, 23. März 2021 - 09:08

das Sprachrohr von irgendjemanden ?
Z.B. das Sprachrohr von :
- Bundesregierung
- USA/Transatlantiker
- NATO
- GRÜNEN
- Migranten
usw. usf.

Egal ob Fernsehsender, Tageszeitung oder Radio ?

Daher ist es schon einmal kein Makel auch mal das Sprachrohr des Kreml zu sein.
Die beiden Autoren halten die Menschen offensichtlich für zu dumm, dass Gelesene entsprechend zu bewerten und zu deuten, was ich für eine Unterstellung halte.
Als mündiger Bürger erwarte ich ALLE Meinungen zu politischen Themen zu lesen, auch die Meinungen und Ansichten des Kreml.
Und das hat NICHTS damit zu tun, dass man "Putinversteher" oder ähnliches ist.
Oder haben die Autoren Angst, die Argumente des Kreml könnten überzeugender sein als die eigenen ?

Dazu ein Zitat von Paul Sethe, einer der fünf Gründungsherausgeber der FAZ :
„Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.“

Das heisst, wird sind ohnehin von medialen Sprachrohren umgeben.

Genau daran mangelt es. Aber nicht nur Meinungen, auch die Möglichkeit, die "Seele" , d.h. Empfindungen eines Volkes zu verstehen. Wer bei uns die Fernsehprogramme durchzappt, wird hunderte amerikanischer Produktionen finden. Hat schon einmal jemand im 'West-Fernsehen' einen original russischen Film gesehen? Ich nicht!

Klaus Blume | Di, 23. März 2021 - 09:48

Einen Gastbeitrag zu veröffentlichen, heißt doch nicht, dass das Medium damit die Position des Autoren übernimmt. Da der ukrainische Botschafter sich mit einem genau so langen Beitrag wie der des russischen auf der Seite vis à vis äußerte, war das Ganze voll ausgewogen. Von "Propaganda" kann überhaupt keine Rede sein. Und mich als Leser interessiert es, die Position gerade desjenigen kennenzulernen, mit dem ich nicht übereinstimme

Sie haben Recht. Und ich hoffe, dass die Meinung von Frau Hildebrandt nicht die Meinung der ganzen Cicero-Redaktion wiedergibt.

Werner Peters | Di, 23. März 2021 - 10:50

Solche Gast-Beiträge ausländischer Politik sind bei der FAZ gang und gäbe, ohne dass bisher jemand darauf gekommen ist, da einen Verdacht zu hegen.

Juliana Keppelen | Di, 23. März 2021 - 16:12

soll ich jetzt daraus entnehmen, dass der Cicero ein Propagandablatt der Ukraine ist?
Nebenbei bemerkt ich haben den Eindruck, dass gerade in der Ukraine die Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit nicht besonder hoch im Kurs steht werden doch im Wochenrhythmus Sender verboten, Zeitungen geschlossen , Filme gecancelt. Tja es ist ein Elend mit dem Querdenken. Betreutes Denken ist halt immer noch nicht ganz durchgedrungen trotz intensivster Bemühungen.

Wolfgang Schuckmann | Di, 23. März 2021 - 23:34

Muss da im Geschichtsunterricht nicht richtig aufgepasst haben. Die Krim wurde im Jahr 1784 endgültig von Konstantinopel durch Katharina die Große und ihrem Lebensgefährden, würde man heute sagen, erobert und blieb bei Russland bis zum Jahr 1954. Nachdem Stalin verstorben war und Herr Chrustschow aus der Ukraine neuer Chef des Politbüros in Moskau wurde, war einer seiner ersten Staatshandlungen unter anderen, die schöne Krim für sein Herkunftsland Ukraine zu entdecken. Und weil so schön wurde das Land dann per Ordre de Mufti, nicht dem aus Konstantinopel, seinem Herkunftsland Ukraine einverleibt. Nein, keine Wahlen, hat man damals nicht benötigt war, war ja die Sowjetunion und deshalb eine Rochade. Wen hat das im Westen damals interessiert? Eben, nämlich keinen. Und solange man sich noch "einig" war im Reich des Bösen, nach einem amerikanischen Präsidenten, hat das im Westen keinen interessiert. Erst nach dem das Reich des Bösen zerfallen war, wurde die Sache brenzlig.