Medien und US-Wahlkampf - Donald Trump gehört nicht verspottet

Kolumne: Grauzone. Er ist vulgär, provokativ und das Enfant terrible der Republikaner. Doch Donald Trump spricht vielen Amerikanern aus den Herzen. Mit Spott und Hohn wird man dem Phänomen Trump nicht gerecht

Donald Trump betritt die Bühne und hält kurz danach eine Ansprache.
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Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Im Oktober erscheint sein Essay „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer“ bei zu Klampen.

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Ja, auf den ersten Blick wirkt er alles andere als sympathisch. Und auf den zweiten Blick auch: Donald John Trump. Der Multimilliardär ist großmäulig, selbstverliebt und egoman, dabei vulgär, grob und rücksichtslos, eine bizarre Erscheinung von seiner berühmten Tolle bis zu seinen italienischen Anzügen.

Seine Statements zu Mexikanern und zu Frauen, seine Auslassungen zur Einwanderungs-, Außen- und Sozialpolitik sind reine Provokation. Sie verhöhnen den Kodex des amerikanischen und europäischen Politestablishments. Gegen Donald Trump wirkt auch der robusteste Bierzeltredner wie ein hochseriöser Politprofi.

So weit, so offensichtlich. Was dennoch überrascht, ist die Häme, die Trump in Deutschland entgegenschlägt. Gerade auch seriöse Medien scheinen in einer Art Überbietungswettbewerb um die herabwürdigenste Charakterisierung und galligste Kommentierung des extravaganten Unternehmers getreten zu sein.

Verhasst und doch an der Spitze
 

Für die FAZ ist der Immobilienmilliardär ein „Großmaul“, für die „Süddeutsche“ ein „sexistischer Rassist“, für die „taz“ redet er „wie ein angetrunkener Kunde in einer Sportsbar“, „Spiegel-Online“ spricht von der „irren Trump-Welt“ und sogar die „Welt“ lässt kaum einen Kommentar aus, um klarzustellen, wie verhasst dieser Mann selbst in seiner eigenen Partei ist und wie sehr er sich bei jeder Gelegenheit blamiert.

Kein Wunder also, dass die deutsche Berichterstattung Trumps Kampagne schon mehrfach für gescheitert erklärt hat – etwa weil er den Ex-Präsidentschaftskandidaten John McCain verhöhnte oder die „Fox News“-Moderatorin Megyn Kelly in einer Weise beschimpfte, die selbst für Trumps Verhältnisse ordinär war.

Doch leider: Die amerikanischen Wähler teilen die Abneigung mancher deutscher Feingeister mitnichten. Im Gegenteil, seit Wochen hält sich das Enfant terrible der „Grand Old Party“ beständig an der Spitze der Umfragen. Da reagieren hierzulande nicht wenige Kommentatoren verschnupft bis beleidigt.

Dabei muss man zunächst festhalten, dass Trump anscheinend vielen Amerikanern aus dem Herzen spricht. Da er sich mit programmatischen Äußerungen – sein bizarrer Plan einer „Trump Wall“ einmal beiseite gelassen – weitgehend zurückhält, müssen es vor allem sein burschikoses Auftreten und seine Brachialrhetorik sein, die ihm Sympathien einbringen.

Populismus gegen Entfremdung
 

Bleibt die entscheidende Frage: Was sagt es uns über ein politisches System und seinen Repräsentanten, wenn das platte Verletzen der Political Correctness schon ausreicht, um zum Liebling der Umfragen und Talk-Shows aufzusteigen? Was sagt es uns über eine Gesellschaft, wenn allein die Attitüde, endlich mal zu sagen, was angeblich alle denken, schon genügt, um ein Politstar zu werden?

Es sagt uns eine Menge. In der Kurzfassung: Der professionelle Politbetrieb der USA und die ihn umkreisenden Medien haben sich sprachlich und gedanklich erheblich von einem Teil der amerikanischen Wähler entfernt. Die Entfremdung ist so groß, dass die Kommunikation nachhaltig gestört ist und man wechselseitig mit offener Abscheu reagiert. Viele Amerikaner fühlen sich von den etablierten Vertretern des Politestablishments nicht nur nicht vertreten (was zur Politfolklore der USA traditionell dazugehört), sondern haben offensichtlich das Gefühl, dass ihren Werten und Überzeugungen zuwider regiert, geredet und geschrieben wird.

Wir kennen diese Melange aus politkultureller Entfremdung, Ohnmachtsgefühlen und markigen Parolen aus Europa all zu gut: Sie hört auf den Namen Populismus. Und wie immer, wenn das Haupt des Populismus sich hebt, reagiert ein Teil der deutschen Medien vereinfachend und mit kernigen Statements. Man könnte auch sagen: populistisch – zumindest wenn man unter Populismus ein holzschnittartiges Weltbild versteht.

Typisch republikanische Rhetorik
 

Im Fall von Donald Trump verstärken die geographische Distanz und die antiamerikanischen Klischees vom bornierten und grobschlächtigen „Ami“ den deutschen Hang zum populistischen Antipopulismus noch zusätzlich. Dass man damit dem eigenen – ich vermute aufgeklärten und liberalen – Anliegen einen Bärendienst erweist, geht im Eifer, die eigene moralische Überlegenheit zu inszenieren, unter.

Sachliche Analyse täte daher Not. Durchforstet man die politischen Äußerungen Trumps aus den letzten Jahrzehnten, stellt man fest, dass der Unfug-Quotient bei ihm auch nicht entscheidend höher liegt, als bei anderen Kandidaten – vielmehr handelt es sich um die typische republikanische Rhetorik aus Steuersenkungen und Patriotismus.

Trump gehört zum isolationistischen und protektionistischen Flügel seiner Partei, eine Position, die allen Liberalen ein Graus ist, bei der deutschen Linken jedoch eigentlich gut ankommen müsste. Und auch seine Idee, Strafsteuern für jene Unternehmen einzuführen, die Jobs ins Ausland verlagern, sollte jedes Gewerkschaftlerherz höher schlagen lassen.

Mit einem groben Keil auf einen groben Klotz zu hauen, mag für die moralische Selbsterbauung ungemein befriedigend sein, einem Verständnis des Phänomens Trump steht man damit eher im Weg. So langweilig es klingt: Manchmal sind Nüchternheit und Augenmaß nicht die schlechtesten Ratgeber.

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