Proteste in Beirut - „Dieses Land läuft nicht auf eigenen Beinen"

Seit Tagen wächst in Beirut die Wut auf die libanesische Regierung. Zwar hat diese infolge der Proteste Neuwahlen angekündigt, eine Besserung ist für die Libanesen jedoch vorerst nicht in Sicht. Cloe Hajjar will dennoch optimistisch bleiben.

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Die Explosion im Hafen von Beirut hat schwere Schäden verursacht / Cloe Hajjar

Autoreninfo

Ulrich Thiele lebt und arbeitet als Journalist in Hamburg. Er schreibt für Cicero Online.

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Ulrich Thiele

Cloe Hajjar, Jahrgang 1999, lebt mit ihrer Familie in Beirut, wo sie Pharmazie studiert. In ihrer Freizeit engagiert sie sich ehrenamtlich bei einem Kirchen-Projekt für behinderte Menschen. Transparenzhinweis: Unser Autor kennt die Interviewte durch Libanon-Aufenthalte persönlich und ist mit ihr befreundet.

Cloe, die Proteste in Beirut eskalieren seit einigen Tagen. Was ist da los?
Die Kurzform ist: Die Bürger sind wütend und protestieren, weil unsere Regierung bekanntlich beschissen (sic!) und korrupt ist. Und die Regierung reagiert darauf, indem sie ihre Polizisten Gummigeschosse auf Kopfhöhe schießen lässt. Normalerweise sollen die nur auf die Beine geschossen werden. Dadurch werden die Demonstranten noch aggressiver, und die Stimmung heizt sich immer weiter auf. Wütende Bürger wollen das Parlament stürmen, um ein Zeichen zu setzen. Einer Freundin von mir, die nur in der Nähe war, aber nicht an den Protesten teilgenommen hat, wurde an den Arm und ins Gesicht geschossen. Seitdem liegt sie im Krankenhaus.

Warst du auch dabei?
Am ersten Tag der Proteste war ich dabei, als die Polizei mit Tränengas geschossen hat. Meine Augen und meine Nase waren extrem gereizt, und ich habe die ganze Zeit geheult, deswegen musste ich die Demonstration verlassen. Seitdem bitten mich meine Eltern flehentlich, sofort nach Hause zu kommen, wenn es gewalttätig wird – oder zumindest Abstand zu halten. Das mache ich auch, aber ganz wegbleiben kann ich eben auch nicht. Ich muss dabei sein und meiner Wut Ausdruck verleihen.

Wird heute auch wieder demonstriert?
Für Freitag und Samstag sind Proteste angekündigt. Viele der Hilfsorganisationen wollen in der Zeit pausieren, um ihre Leute zu schützen. Ich habe die ganze Woche beim Malteserorden mitgeholfen. Jetzt haben sie uns mitgeteilt, dass es Freitag und Samstag keine Schichten geben wird, weil die Proteste vermutlich noch heftiger werden und sie ihre Leute schützen müssen.

Heißt das nicht, dass Leute, die Hilfe brauchen, in der Zeit unversorgt sind?
Es geht tatsächlich schnell voran. Das liebe ich so an diesem Land: Jeder packt mit an, es ist überwältigend. Die Straßen sind überfüllt mit freiwilligen Helfern, manchmal bin ich sogar in der Situation, dass ich nichts zu tun habe. So weit ich weiß, sind alle mit den wichtigsten Dingen versorgt. Ein anderes Problem ist aber leider die steigende Zahl an Corona-Infektionen. Wir Freiwilligen schützen uns und kriegen von den NGOs Sicherheitsmaßnahmen und Regeln auferlegt. Aber viele der Betroffenen haben natürlich momentan größere Sorgen als Corona.

Was erzählen die Betroffenen dir bei deinen Einsätzen?
Sie sind traumatisiert, viele haben Angehörige verloren. Und auch diejenigen, deren Häuser nicht komplett kaputt sind, sagen, dass sie trotzdem wegwollen. Jedes Mal, wenn sie ihre kaputten Dächer oder die Risse in den Wänden sehen, werden sie an die Explosion erinnert, und sie erschaudern. Die psychologischen Folgen werden noch lange nachhallen. Deswegen bekommen sie von manchen NGOs auch psychologische Hilfe.

Die Regierung hat jetzt infolge der Proteste Neuwahlen angekündigt. Stimmt dich das optimistisch?
Im Libanon muss man immer optimistisch sein. Uns bleibt gar nichts anderes übrig. Wenn man keine Hoffnung für dieses Land hat, ist man kein echter Libanese, man würde die libanesischen Routinen sonst nicht überstehen. Deswegen zählt jeder kleine Schritt. Trotzdem ist die Situation nicht so aussichtsreich, weil von außen Druck auf die Neuwahlen ausgeübt wird. So war es schon immer im Libanon: Andere Länder haben schon immer Einfluss auf unser Land genommen. Manche dieser außenstehenden Parteien wollen jetzt durchsetzen, dass Saad Hariri wiedergewählt wird. Für alle, die es nicht wissen: Hariri war vorher Libanons Ministerpräsident, bis er Ende letzten Jahres wegen unserer Massenproteste zurückgetreten ist.

Damals hast du mir erzählt, dass die abgetretene Regierung einfach mit Leuten besetzt wurde, die aus denselben Kreisen kamen, weshalb sich nichts geändert hat. Ist das jetzt also auch wieder so, alter Wein in neuen Schläuchen?
Wenn es so kommt, dann ja. Wobei daran nichts neu wäre, es wäre einfach nur ein Schritt zurück zu der Lage am Anfang der Proteste. Für uns ist das ein Grund, weiter zu protestieren und umso lauter nach Veränderung zu rufen.

Meintest du letzte Woche in deinem Instagram-Post diesen Einfluss von außen, als du schriebst, der Libanon könne nicht selbstständig laufen?
Ja. Der Libanon hat seine Unabhängigkeit vor fast 80 Jahren erhalten, aber der ausländische Einfluss hat nie aufgehört, im Gegenteil. Und wir hatten eine unerfahrene Regierung, die eines der kompliziertesten Länder der Welt führen musste. Also ja, dieses Land läuft nicht auf eigenen Beinen.

Die Kompliziertheit drückt sich in der Machtverteilung aus, die von euch Demonstranten als Wurzel des Übels kritisiert wird. Was wollt Ihr ändern?
Der Libanon hat ja eine konfessionelle Regierung. Das heißt, jede Position wird abhängig von der religiösen Zugehörigkeit eines Politikers besetzt. Dieses System wurde eingeführt, um eine Gleichheit zwischen den Religionen sicherzustellen. Und genau das ist unser Kernproblem: Das konfessionelle System spaltet unser Land und treibt die Leute in den Fanatismus, sodass sie blind an ihre Führer glauben und Politiker nicht nach ihrer Kompetenz, sondern nach ihrer Religionszugehörigkeit bewerten. Unsere Revolution will das ändern, wir wollen eine Zivilregierung. Wir wollen, dass Politiker besetzt werden auf Grundlage ihrer vergangenen Leistungen, ihrer Integrität und ihrer Intelligenz. Vielleicht war das konfessionelle System damals eine logische Lösung, heute ist das jedenfalls nicht mehr der Fall.

Die Aussichten sind aber eher ernüchternd, wenn man bedenkt, wie viel Macht die Hisbollah hat.
Ich weiß, aber an irgendeinem Punkt muss man einen Anfang wagen – und genau das machen wir mit unserer Revolution. Wenn wir eine Zivilregierung verlangen, meinen wir damit eine Regierung, die von der Bevölkerung bestimmt wird und nicht von anderen Parteien. Wir wollen diese Parteien abschaffen, wir wollen die konfessionelle Aufteilung abschaffen, und wir wollen professionelle Politiker an der Macht sehen. Wenn ein Muslim mit Integrität und der Bereitschaft, sich für unser Land einzusetzen, antreten würde, würde ich ihn wählen. Die Religionsquote in der Regierung ist mir egal.

Wir haben letztes Mal darüber gesprochen, dass viele junge Libanesen das Land verlassen. An den Protesten nehmen zwar vor allem junge Menschen teil, aber hast du den Eindruck, dass sich der Drang, das Land zu verlassen, jetzt noch stärker bemerkbar macht?
Ein konkretes Beispiel betrifft eine Familie, deren Kindern ich Nachhilfeunterricht gebe. Sie verlässt jetzt das Land. Der Vater hat ein Jobangebot aus Dubai, das er eigentlich nicht annehmen wollte. Er hat nach der Explosion aber Angst um seine Kinder und beschlossen, die Stelle doch anzutreten. Wir jungen Menschen sind momentan vor allem damit beschäftigt, unsere Wut zu zeigen. Wir sind wütend auf die ältere Generation, mit deren Fehlern und blindem Glauben an die Politiker wir nun leben müssen. Das Problem ist aber: Alle, die unter 21 sind, können nicht wählen. Und selbst wenn sie es könnten, wären die Älteren immer noch in der Überzahl. Wir sind wütend auf jeden, der uns das Gefühl gibt, in diesem Land keine Perspektive zu haben und nichts bewirken zu können.

Bernd Muhlack | Do, 13. August 2020 - 18:51

Prima, dass es ein weiteres Interview gibt; bitte fortsetzen!

Ich hatte zum ersten Interview bereits meinen Senf dazu gegeben, das Gespräch mit "meinem" Oberarzt Firass al A.
Wiederholend: "Helfen ja, aber bitte keine Spenden, Geld."

Wenn ich richtig informiert bin, gab es eine "EU-Geberkonferenz" und man "sichert" 250 Mios zu.
Deutschland natürlich zusätzliches Geld.
Angeblich hat Außenminister Maas bei seinem Besuch den ersten Bakschisch persönlich übergeben - an das rote Kreuz, den roten Halbmond (?).
Bilder gibt es wohl nicht, das sei zu gefährlich.
Für wen?

Ebenfalls wiederholend: mehr als eine Million (?) Flüchtlinge aus Syrien, dazu die Palästinenser, wohl inzwischen Generation 3,4, 5 +.
Sunniten, Schiiten, Christen, Aleviten, Jesiden, Drusen usw. usf. - und das auf kleinem Raum geballt!
Dazu der Einfluss von außen, die üblichen Verdächtigen.

Cloe Hajjar ist mMn glaubwürdig - im Gegensatz zu einer selbstherrlichen Luisa Neubauer.
Welche ja keine Not, wahre Zerstörung kennt.

dieter schimanek | Do, 13. August 2020 - 18:52

Maas war schon da. Danach wird der Libanon durch Mutti gerettet. Wir schaffen das"

gabriele bondzio | Fr, 14. August 2020 - 08:22

ist man kein echter Libanese, „... das die junge Frau diesen Satz sagt, stimmt mich hoffnungsvoll. Denn es ist keine Lösung der Probleme, weg zu wollen.
Die Erkenntnis, dass es so nicht weitergehen kann muss in der Bevölkerung reifen und nicht von außen kommen. Die gegenseitige Hilfe nach der Explosion ist ein Anfang.
Vor allem ist Handlungsbedarf bei Hizbullah (welche den Libanon in Geiselhaft hält) und, notwendig. Diese kontrollieren überwiegend das politischen und sozialen Lebens dort (siehe ARTE/Ein Land als Geißel) und schüren Hass/Ausgrenzung.

Ernst-Günther Konrad | Fr, 14. August 2020 - 12:29

Die jungen Erkennen das Versagen der Alten, sie erkennen den Einfluss von Religionen, sie wollen eine Zivilregierung. Ganz ohne Alte wird es nicht gehen. Nur wen nehmen? Das müssen die aufstrebenden und freiheitsfordernden jungen Libanesen selbst in die Hand nehmen. Ob Hilfe vom Ausland? Vorsicht. Da kommen wieder diejenigen, die auf eine Regierung, wie auch immer geartet Einfluss nehmen wollen,. Die Eigeninteressen haben und Hilfe nur davon abhängig machen, wenn ihr Einfluss dafür entsprechend ist. Bringt erstmal die Jugend des Landes unter einen Hut, stellt Religion für Euer Vorhaben hinten an, ja nehmt diejenigen, die bereits bewiesen haben, dass sie was können. Keine Clans, keine fanatischen Religionsführer, sondern Libanesen, die ihr kennt, ich nicht, die das Volk in den Mittelpunkt stellen. So etwas wie bei uns seinerzeit, eine Art Nationalversammlung könnte helfen. Viel Glück.