Messerattacke in Reading - Ein islamistisch motiviertes Attentat?

Im britischen Reading wurden am Samstagabend drei Menschen bei einer Messerattacke tödlich verletzt. Der Attentäter, ein 25-jähriger Mann aus Libyen, wurde von der Polizei festgenommen und wird nun vom MI5 befragt. War die Tat islamistisch motiviert?

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Polizei durchsucht Wohnungen nach tödlicher Messerattacke in Reading / empics

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Tessa Szyszkowitz ist Londoner Korrespondentin des österreichischen Wochenmagazins Profil. Im September 2018 erschien „Echte Engländer – Britannien und der Brexit“. Foto: Alex Schlacher

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Tessa Szyszkowitz

Montag vormittag um zehn Uhr wurde es sehr still in Reading. Die Kleinstadt im Westen von London gedachte in einer Gedenkminute der drei Opfer, die am Samstag Abend in einem Park mit einem Messer erstochen worden waren. Schweigend standen Schülerinnen vor der Schule ihres getöteten Lehrers James Furlong. Blumensträuße wurden vor der Schule und im Zentrum der Stadt vor den Toren des Forebury Gardens abgelegt. Der Täter wurde zur gleichen Zeit auf einer Polizeistation verhört. 

Die große Frage bleibt: War die Tragödie ein Terroranschlag mit islamistischem Hintergrund? Die Polizei hält Khairi Saadallah für einen Einzeltäter. Bisher ist bekannt, dass der libyische Staatsbürger 2019 wie 40.000 andere auf einer Liste von Verdächtigen des britischen Geheimdienstes MI5 gelandet war. Demnach habe die Gefahr bestanden, dass der 25jährige nach Libyen reise, um dort möglicherweise einer militanten islamistischen Gruppe beizutreten, hieß es in ersten Berichten. Nachdem Saadallah keine Anstalten dazu gemacht habe, dieses Vorhaben umzusetzen, schloss der MI5 den Fall nach zwei Monaten. 

War die Tragödie ein Terroranschlag mit islamistischem Hintergrund?

Saadallah war 2012 ins Vereinigte Königreich eingereist und hatte 2018 Asyl bekommen. Freunden gegenüber soll er damit angegeben haben, dass er als Kindersoldat am Sturz von Muammar Gaddafi teilgenommen hätte. Der junge Mann soll schwere psychische Probleme haben. Er wurde wegen einer Persönlichkeitsstörung behandelt und nahm Medikamente gegen post-traumatischen Stress. Erst vor sechzehn Tagen war er aus dem Gefängnis entlassen worden, wo er wegen kleinkrimineller Delikte gesessen hatte. Offenbar hat der 25jährige mit Drogen gehandelt. Seine Wutanfälle habe man versucht, mit Beruhigungstabletten unter Kontrolle zu halten.

Nach ersten Berichten scheint es eher unwahrscheinlich, dass Saadallah Mitglied eines islamistischen Terrornetzwerkes ist. Den Terror, den er unter den Bewohnern von Reading ausgelöst hat, dürfte eher seinem verwirrten Geist zuzuschreiben sein. Ein Nachbar erzählte am Montag, der junge Mann habe am Wochenende schlecht ausgesehen und habe mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen. 

„Wir werden nicht zögern, aktiv zu werden, wo es notwendig ist.“

Premierminister Boris Johnson nahm die Tragödie im Park zum Anlass, dem Vereinigten Königreich eine härtere Gangart im Kampf gegen Terrorismus zu versprechen: „Sollte es Lektionen geben, die wir aus diesem Fall lernen, werden wir nicht zögern, aktiv zu werden, wo es notwendig ist.“

Saadallah war wegen des Corona-Lockdowns frühzeitig entlassen worden. Der Fall des psychisch labilen Kleinkriminellen ist nicht der erste Fall, nach dem die britischen Gesetze zu frühzeitigen Entlassungen neu diskutiert werden. Nach einem Anschlag im November 2019, bei dem ein frühzeitig auf Probe entlassener britischer Terrorist zwei Leute an der London-Bridge erstochen hatte, brachte die konservative Regierung ein neues Gesetz auf den Weg, das die Urteile für Terrordelikte verschärfen wird und mindestens vierzehn Jahre unbedingte Haft vorsieht. 

Libyen im Bürgerkrieg – Auslieferungen fast unmöglich

Die britische Innenministerin Priti Patel möchte auch mit härterer Hand vorgehen, wenn es darum geht, straffällig gewordene Asylanten zu abzuschieben. In Großbritannien ist dies bisher aus Menschenrechtsgründen oft nicht möglich, weil den Ausgewiesenen in ihren Ursprungsländern kein faires Gerichtsverfahren garantiert werden kann. 

Die Labour-Regierung hatte noch 2005 mit Muammar Gaddafi ein Memorandum ausgehandelt, wonach der libyische Führer versprach, Rückkehrer nicht zu misshandeln. Schon 2008 erklärte ein britisches Berufungsgericht diese Vereinbarung als unzureichend. Inzwischen ist Libyen im Bürgerkrieg versunken, eine Auslieferung ist nach der Europäischen Menschenrechtskonvention fast unmöglich geworden. 

Mit Rugby-Griff außer Gefecht gesetzt

Deshalb war Khairi Saadallah praktisch unabschiebbar. Tragödien wie jene, die der 25jährige am Samstag Abend in Forebury Gardens in Reading ausgelöst hat, sind auch bei einer verschärften Gangart der Innenministerin sehr schwer vermeidbar. Ungewöhnlich ist in diesem Fall vor allem, dass Saadallah nicht getötet, sondern von einem Polizisten mit einem Rugby-Griff außer Gefecht gesetzt wurde. Das gibt MI5 jetzt die Gelegenheit, ihn verhören zu können und so sein Umfeld auszuforschen.

Ein Vetter des Täters in Libyen wurde in Presseberichten damit zitiert, dass er es für sehr unwahrscheinlich hält, dass Saadallah islamistische Terrorabsichten hegen sollte: „Er war ja hier in Libyen in Gefahr, weil er gerne trank und sehr sozial war und sich nicht an ein striktes religiöses Leben halten wollte.“ Saadallah sei sogar zum Christentum konvertiert: „Er ging in die Kirche und ließ sich Tattoos stechen. Eines davon war ein Kreuz.“

Romuald Veselic | Mo, 22. Juni 2020 - 14:44

wie viele sind es in D? Wobei die so selektiv beliebte Dinkelziffer, sollte auch nicht vergessen werden...
Bisher ist bekannt, dass der libyische Staatsbürger 2019 wie 40.000 andere auf einer Liste von Verdächtigen des britischen Geheimdienstes MI5 gelandet war.
Dank der Europäischen Menschenrechtskonvention, können Leute aus aller Planetenecken nach EU kommen, um zu morden, ohne dabei auf die Menschenrechtskonvention zu achten.
Ich würde gerne die Kommentare der Hinterbliebenen der Opfer dazu hören. Die Menschenrechtskonvention, kann die Opfer nicht schützen, dafür aber die Täter...
Bin gespannt, wann dies keine Rolle mehr spielen wird, und die Menschenrechtskonvention zum Klopapier recycled wird. Von bislang friedliebender Euroethnien.

Ellen Wolff | Mo, 22. Juni 2020 - 18:28

wie gehen Gesellschaften mit psychisch kranken Menschen um, die zu Gewalt neigen, keine oder geringe Krankheitseinsicht haben und möglicherweise noch einen Hang zu enthemmenden Alkohol oder Drogenkonsum haben. Welches Recht wird höher angesiedelt, das Freiheitsrecht einzelner potentiell gefährlicher Menschen oder das Recht auf Unversehrtheit der potentiellen Opfer? Mir stellt sich da immer wieder die Frage, warum hier immer alle wegschauen, bis es Tote oder schwer verletzte gibt. Ist es billiger es so laufen zu lassen, oder einfach bequemer?

Bernd Muhlack | Mo, 22. Juni 2020 - 19:34

Zitat:
"Er wurde wegen einer Persönlichkeitsstörung behandelt und nahm Medikamente gegen post-traumatischen Stress. Erst vor 16 Tagen war er aus dem Gefängnis entlassen worden, wo er wegen kleinkrimineller Delikte gesessen hatte. Offenbar hat der 25j mit Drogen gehandelt. Seine Wutanfälle habe man versucht, mit Beruhigungstabletten unter Kontrolle zu halten."

Dem ist eigentlich nichts hinzu zu fügen.

"Wiedervorlage nach Eingang Kostenvorschuss".

Da ist also mal wieder ein "Traumatisierter" und die "Therapeuten" kümmern sich um ihn.
Gleichwohl sticht er wahllos 3 völlig Unbeteiligte nieder.
Motiv?

Man hört gar nichts mehr von den boat-people des Mare Nostrum; ist der Shuttle-Betrieb eingestellt?
Sorry, wiederholend: Europa braucht diese Menschen nicht!
USA, Kanada, Australien regeln das souverän.
Wer etwas kann, für sich sorgt: Welcome!
Ansonsten: NO!

Da sitzt man also im Park und dann ...
Eine Welt in Auflösung sagte Peter Scholl-Latour des Öfteren.

Beste Grüße nach London!

Jakobus | Mo, 22. Juni 2020 - 21:27

"Reading terror suspect’s brother claims he was ‘defending himself’ in knife rampage and UK is ‘racist’"

gabriele bondzio | Di, 23. Juni 2020 - 08:35

Der Bericht gibt sowohl psychischen, als auch islamische Motiven Raum. Wobei islamischen Motiven generell eine psychische Beeinflussung der Personen (Gehirnwäsche) vorhergeht. Sieht man dazu noch ins Heimatland des Täters, Libyen. Wo seit dem Sturz von Gaddafi vor über acht Jahren, staatliche Strukturen nur noch in Ansätzen vorhanden sind. Die zum Teil islamistische Ziele verfolgen. Ist eine Mischung aus beiden Komponenten wahrscheinlich.

Ernst-Günther Konrad | Di, 23. Juni 2020 - 09:34

Oh, mal kein Boris-Bashing? Wann und wie kam der nach GB? Schätze mal nach 2015 im Rahmen der merkelschen Migrationspolitik den anderen EU-Staaten aufgezwungen. Solche Menschen, ob nun zum Terror ausgebildet oder aufgrund traumatischer Heimaterlebnisse krank im Geiste, laufen 1000nde in Europa herum. Es sind wandelnde Zeitbomben, deren Zünder auf unterschiedliche Weise ausgelöst werden können.
Also doch nicht nur Fachkräfte für die EU?
Ich rede den Briten nicht hinein, die haben eigene Sicherheitsbehörden und müssen das letztlich selbst lösen. Kam der am Ende nicht aus DE nach GB? Die meisten Terroristen haben doch, das zeigt die Vergangenheit, nicht selten über DE in andere europäische Länder und haben dort Unheil angerichtet. Wie will man so etwas behandeln? Ewig wegsperren, weil Abschiebung nicht geht?
Ob es so klug war, den Terrorist Ghaddafi dort zu entfernen? Den Opfern hilft das nicht und der noch lebenden Bevölkerung auch nicht. Die Bürger fühlen sich überall schutzlos.

Dorothee Sehrt-Irrek | Di, 23. Juni 2020 - 09:54

andere Artikel betrifft.
Ich kan gut verstehen, dass ich viel frage, teils aus Unwissenheit, teils aus Unsicherheit heraus, was noch tragfähig ist.
Journalisten/innen sollten aber nach eingehender Recherche über ausreichend Kenntnisse und Einschätzungsvermögen verfügen, zu Resultaten und vorsichtigen Schluss->Folgerungen zu kommen, die der Leser aufgrund der Darlegungen des Artikels nachvollziehen kann, aber nicht teilen muss.
Darüber kann man dann diskutieren.
So aber geraten gerade engagierte Kommentare leicht in den Verdacht, gewissermassen getrieben zu sein von der jeweiligen eigenen politischen Haltung.
Ich möchte hier z.B. von Kirchenleitungen zum Schluss NICHT gefragt werden, ob es Gott gibt oder im Krimi, wer war der Täter. Das tut niemand.
Statt Fragen plädiere ich mehr für Einschätzungen.
Damit kann man falsch liegen oder aber sein Gewicht als Autor in die Waagschale werfen.
Attentäter lebend zu ergreifen, wird evtl. mehr Licht auf Hinter"männer" und Drahtzieher werfen. GUT

Christa Wallau | Di, 23. Juni 2020 - 11:07

Womit hat es dieser speziell Libyer, der jetzt drei Menschen erstochen hat, "verdient", daß ihm in GB
Asyl gewährt wurde, während Hunderttausende seiner Landsleute weiter in Unfreiheit, Elend und Not leben und terrorisiert werden?

Was wird in der Welt dadurch besser, daß die Briten i h m Asyl gewährt haben?
Welche Idee von Gerechtigkeit und Humanität wird damit bedient?

Und: Müssen fü diese "Weltverbesserung" unschuldige Bürger in England
in Kauf nehmen, getötet zu werden?

Für Antworten wäre ich sehr dankbar.

Liebe Frau Wallau,
die gleichen Fragen stelle ich mir seit Silvester 2015 auch immer wieder - leider habe ich keine Antworten gefunden.
Wie machen diese Menschen, welche sich groß und breit Humanität und Altruismus auf die Fahnen schreiben, sowas mit ihrem Gewissen aus?
Wie kann man solche grausamen Taten ignorieren oder relativieren?
Mit welchem Recht ermöglicht man dem Einen ein besseres Dasein und gefährdet damit das Leben und die Gesundheit der helfenden Gesellschaft? Was hat das mit Humanität zu tun?
Viele liebe Grüße
Ihre CB

Wolfgang Tröbner | Di, 23. Juni 2020 - 11:14

islamistischer Terroranschlag war? Nur weil ein Vetter des Täters Zweifel daran hat? Und weil der Täter möglicherweise psychische Probleme hat? Haben das Attentäter, egal ob rechts, links oder islamistisch nicht alle? Das schliesst doch nicht aus, dass er islamistisch vorgeprägt ist, oder?

... in das "Bild unserer politischen Führung" passt. Das Rezept ist einfach und wird immer gern verwendet: Erst nicht passenden Gründe anzweifeln ("...kann nicht von Terror ausgehen") oder umdeuten ("Eventgesellschaft"), dann warten, bis das Interesse beim "Fußvolk" weg ist ... und dann kann entweder vergessen ("Volksmarsen") oder ein klein die Fakten durchsickern lassen, dass es doch so war, wie es sich fast jeder schon gedacht hatte. Funktioniert? Wetten, dass!

("DAS ERSTE – wir sind deins"), und zwar so lange, bis die "heißen" Themen vergessen sind. Da haben Sie vollkommen recht – es wird genau so funktionieren. Und klammheimlich werden regelmäßig die GEZ-Gebühren erhöht. Und zwar so oft und in so kurzen Abständen, dass das niemand mehr hören mag wg. Übersättigung.

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