Gilani Dambajew vor seinem Haus
Gilani Dambajew vor seinem Haus; in der Nachbarschaft gibt es nur Ruinen / Ekaterina Anokhina

Atomkraft - Die vergessene Katastrophe

In der russischem Atom-Anlage Majak wird ein erneuter Störfall vermutet. Bereits vor 50 Jahren ereignete sich dort eine Katastrophe. Die verheerenden Ereignisse wurden verschwiegen und verdrängt. Bis heute sterben Menschen im Südural an den Folgen. Unser Reporter hat die Gegend besucht

Oliver Bilger

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Oliver Bilger arbeitet als freier Journalist in Moskau und lebt zurzeit in der Republik Moldau. Foto: privat

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Wenn Gilani Dambajew durch die Holztür seines niedrigen Backsteinhauses nach draußen tritt, dann ist da nicht viel mehr als Unkraut, Schotter und Staub. Sein Heim hat keine asphaltierte Straße, aber eine Adresse: Zentralnaja Usadba, Zentrales Gehöft, Nummer eins. Es ist das einzige Haus hier, in Musljumowo im russischen Südural – weit und breit. In der Nachbarschaft gibt es bloß Ruinen: Rechts zerfällt eine alte Klebstofffabrik. Linksherum sind nur ein paar mannshohe Mauerreste geblieben, wo einst ein ganzes Dorf stand.

Knapp 4500 Menschen lebten dort bis vor zehn Jahren. Nach ihrem Wegzug hat man die meisten Gebäude abgerissen. Der alte Lebensmittelladen steht noch: Die Fenster zugemauert, draußen rostet das Namensschild, drinnen, im Schutt, steht eine alte Auslage mit Sprung im Glas. Die hölzerne Moschee, ein paar Hundert Meter weiter über den Fluss, hat schon lange kein Gläubiger mehr betreten. Brennnesseln wuchern um das verlassene Gotteshaus. Die Dorfbewohner leben heute ein paar Kilometer weiter, in Nowo-Musljumowo. Dambajew, ein kleiner, schmaler Mann mit dunklem Schnauzbart und akkurat zurückgekämmtem Haar, der kürzlich den 62. Geburtstag feierte, wäre froh, wenn er ebenfalls umziehen könnte. Er will dafür „beweisen, dass es hier gefährlich ist“.

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