Anschlag in Teheran - Angriff auf das Herz der Schiiten

Die Attacken in Teheran sind eine Zäsur. Bisher ist der Iran, die Schutzmacht aller Schiiten im Nahen Osten, vom Terror des sunnitischen IS verschont geblieben. Doch der Konflikt der Konfessionen tobt seit Jahren im Land. Seit der Revolution von 1979 wurden die Sunniten noch härter als zuvor unterdrückt

Bewaffnete Männer laufen am 07.06.2017 zum Parlament in Teheran (Iran). Bewaffnete Männer haben das Mausoleum des verstorbenen Revolutionsführers Ayatollah Ruhollah Khomeni sowie das Parlament gestürmt.
Bisher erschien der Iran als Insel der staatlichen Stabilität. Das ist seit der Attacke von Mittwoch vorbei / picture alliance

Autoreninfo

Wilfried Buchta ist promovierter Islamwissenschaftler. Von 2005 bis 2011 arbeitete er in Bagdad als politischer Analyst (Senior Political Affairs Officer) für die UNO-Mission im Irak. Als Zeitzeuge hat der ausgewiesene Kenner der Region und ihrer Geschichte die politischen Ereignisse, die zum Erstarken des »Islamischen Staates« geführt haben, täglich hautnah miterlebt. Sein neuestes Buch heißt „Die Strenggläubigen. Fundamentalismus und die Zukunft der islamischen Welt“ (Hanser Berlin).

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Mittwochfrüh wurde Irans Hauptstadt Teheran Ziel zweier offenkundig gut vorbereiteter und präzise ausgeführter Terroranschläge. Zwei Terrorkommandos attackierten fast zeitgleich das im Zentrum Teherans gelegene Parlament und das Mausoleum von Revolutionsführer Ayatollah Ruhollah Khomeini, das im äußersten Süden der Metropole liegt. Die mit automatischen Sturmgewehren, Handgranaten und Sprengstoffwesten bewaffneten Angreifer töteten zahlreiche Besucher und Wachleute der beiden Einrichtungen, nahmen Geiseln und lieferten sich bis zum späten Nachmittag heftige Feuergefechte mit den Sicherheitskräften des Geheimdienstministeriums und den Revolutionswächtergarden, einer Art Prätorianergarde des Regimes. Als die Gefechte endeten, waren die meisten Angreifer im Kampf gefallen, hatten sich selbst in die Luft gesprengt oder waren gefangengenommen worden. Noch während die Attacke lief, reklamierte die dschihadistische Terrormiliz IS mittels ihres Internet-Propagandasprachorgans „A‘amaq“ die Anschläge für sich.

Terror erreicht Iran

Schlaglichtartig verdeutlichte der Terrordoppelschlag eines: Der seit Jahren tobende sunnitisch-schiitische Konfessionskonflikt, ein Konflikt, der bislang fernab von Irans Grenzen die blutigen Bürgerkriege in Syrien, Irak und Jemen befeuerte, hat nun mit Teheran auch die Hauptstadt des schiitischen Herzlandes erreicht. Das bedeutet für die Islamische Republik Iran, die traditionelle Schutzmacht aller Schiiten des Nahen Ostens, eine Zäsur. Denn bis dato war der Iran von Bürgerkrieg und Terror verschont und sicher geblieben, obwohl das Land im Irak, in Syrien und Jemen jeweils schiitische paramilitärische Kräfte unterstützt und sie als Stellvertreter ins Gefecht schickt. Damit wollten und wollen die Hardliner den erbitterten Rivalen, das sunnitische Saudi-Arabien, im Ringen um die Position der regionalen Hegemonialmacht ausstechen. Mehr noch: Erschien doch der Iran im Nahen Osten als eine Insel der staatlichen Stabilität inmitten einer vor allem seit der Arabellion im Chaos versinkenden nationalstaatlichen Ordnung.

Seitdem wird der Nahe Osten bestimmt vom Zerfall ganzer Staaten und Gesellschaftsordnungen, dem grenzüberschreitenden dschihadistischen Terror des sunnitischen IS-Kalifats in Syrien und im Irak sowie von Flucht und  Verelendung von Millionen Menschen. Überraschend lange konnte Teherans Regime sich selbst und seine Bevölkerung in scheinbarer Sicherheit wiegen. Und das, obwohl Teherans Regime sich spätestens seit 2014, als das sunnitische IS-Kalifat in Syrien und Irak etablierte, in einem Kampf auf Leben und Tod mit den Dschihadisten verwickelt hatte. 

Bisher blieb es bei Drohungen

Der IS betrachtet die Schiiten als Glaubensabtrünnige vom angeblich wahren, sunnitischen Islam, die für ihren Frevel nur den Tod verdienen. Seit seinen Anfängen hat der IS nicht nur den seit 2005 im Irak herrschenden arabischen Schiiten und der seit 1970 in Syrien herrschenden schiitischen Sekte der Alawiten unter Führung des Clans von Präsident Baschar al-Assad ewige Feindschaft geschworen, sondern auch deren Hauptunterstützer, dem Iran. Insofern war es nur logisch, dass der IS auch wiederholt dem Iran Anschläge auf dessen Territorium angedroht hatte. Die Drohungen auch wahr zu machen, vermochte der IS indes nicht. Gestützt auf seine effektiven Grenzschutztruppen, seinen Geheimdienst und Polizeikräfte konnte das iranische Regime eine große Anzahl geplanter Terroranschläge des IS vereiteln.

Doch ließen einige seit 2016 von bestimmten Führungspersönlichkeiten des iranischen Sicherheitsapparates gemachte öffentliche Aussagen erahnen, dass Teherans Terrorabwehrmaßnahmen nicht dauerhaft Schutz gegen den IS würden gewährleisten können. So verkündete bereits im August 2016 der Befehlshaber der iranischen Bodenstreitkräfte, General Ahmad-Reza Pourdastan, dass es dem IS gelungen sei, in der westiranischen Provinz Kermanshah, einem Hauptsiedlungsgebiet der sunnitischen Kurden im Iran, zahlreiche Kurden zu rekrutieren. Einige von diesen, die auch Sprengstoffwesten trugen, sollen später in Gefechten mit seinen Truppen getötet worden sein. Nur wenige Wochen später verkündete Geheimdienstminister Mahmud Alavi, dass es den Behörden geglückt sei, 1.500 iranische Sunniten davon abzuhalten, sich dem IS anzuschließen.

Sunniten im Iran unterdrückt

Doch was veranlasst junge sunnitische Iraner, sich dem IS anzuschließen und bereitwillig den Tod im Kampf gegen die eigene Regierung zu suchen? Die Gründe dafür liegen in der Iranischen Revolution von 1979 und der komplexen ethnisch-konfessionellen Staatsstruktur des Landes. Der Iran wurde seit dem 16. Jahrhundert nicht nur von schiitischen Machthabern beherrscht, sondern hatte auch stets eine schiitische Bevölkerungsmehrheit. Heute stellen sie etwa 85 Prozent der 80 Millionen Einwohner des Landes. Da im Iran seit jeher die schiitische Konfession den Charakter einer Nationalreligion hatte, wurden die Angehörigen der sunnitischen Konfession, die den Großteil der nichtschiitischen Iraner umfassen, stets mit Misstrauen und Argwohn betrachtet. Das betrifft vor allem die mehrheitlich sunnitischen Völker der im Nordwesten und Südosten des iranischen Hochplateaus lebenden Kurden und Belutschen.

Die Art und Weise wie die sunnitischen Kurden und Belutschen sowohl von der 1979 gestürzten Schah-Monarchie als auch von den seither regierenden schiitischen Ayatollahs wahrgenommen wurden, ist die gleiche. Da sie in der Peripherie des Iran wohnten, traditionell enge Verbindungen zu ihren Stammesbrüdern jenseits der Grenze, also den Kurden im Irak und den Belutschen in Pakistan, pflegten, und obendrein noch renitent und aufsässig nach politisch-kultureller Autonomie innerhalb des Iran strebten, galten sie Teherans Zentralregierung immerfort als Sicherheitsproblem. Und zwar eines Problems, das sich jederzeit, sollte sich der eiserne Griff Teherans lockern, zu einer tödlichen Gefahr für die nationalstaatliche Einheit auswachsen könnte.

Revolution von 1979 verschärft Konflikt

Verschärft wurde dieses Sicherheitsproblem noch durch die Revolution von 1979. Denn die Machtübernahme der schiitischen Kleriker, angeführt von Revolutionsführer und Republikgründer Ayatollah Ruhollah Khomeini, hatte zur Folge, dass die Macht- und Verwaltungsstrukturen des Landes eine unter der säkularen Schah-Monarchie in dieser Intensität nie dagewesene schiitische Einfärbung erhielten. Die Hauptleidtragenden waren Irans Sunniten, die sich religiös, politisch und kulturell wachsender Diskriminierung und Unterdrückung ausgesetzt sahen. Der härteste Widerstand gegen diese Entwicklung kam von den Kurden. Als deren Autonomiebegehren bei Khomeini auf Granit stieß, begannen sie einen gewaltsamen Aufstand, den Khomeini wiederum in Blut ersticken ließ. Dass eines der symbolträchtigen Ziele der IS-Terroristen ausgerechnet das Imam Khomeini-Mausoleum war, ist daher kein Wunder.

Schließlich symbolisiert Khomeini wie kein anderer den streng schiitischen Charakter der 1979 neu geschaffenen Islamischen Republik Iran. Und so war es auch Khomeini, der durchsetzte, dass in Artikel 12 der 1979 verabschiedeten Verfassung des Iran festgeschrieben wurde, dass die schiitische Konfession den Status der einzig gültigen Staatsreligion erhielt. Zwar wahrte die Verfassung formell die politischen und sozialen Rechte der Sunniten in den von ihnen bewohnten Regionen, doch blieb dies eine Wunschformel ohne praktische Bedeutung. Wie wenig tolerant und brüderlich sich Irans schiitische Machthaber gegenüber ihren sunnitischen Glaubensbrüdern verhalten, lässt sich gut am Stadtbild der Hauptstadt Teheran ablesen. Denn während die zwölf Millionen Einwohner zählende Metropole zahlreiche christliche Kirchen, jüdische Synagogen, zoroastrische Feuertempel und sogar mehrere hinduistische Tempel aufweist, sucht der Besucher vergebens eine einzige sunnitische Moschee. Den Bau verweigert die Regierung bis heute hartnäckig.

Als Folge ihrer seit 1979 anhaltenden politischen und religiösen Diskriminierung hat sich bei zahlreichen Sunniten des Iran, die zudem noch in der wirtschaftlich und infrastrukturell vernachlässigten Peripherie wohnen, eine Menge Unzufriedenheit, Groll und Hass gegenüber der schiitischen Zentralregierung angestaut. Dies führte zur Entstehung einiger kleinerer, separatistischer Oppositionsgruppen unter den Kurden und Belutschen, die seit 1979 in den schwer zugänglichen Bergen im Nordwesten und den Wüsten im Südosten Irans einen zähen Guerillakrieg gegen Teheran führen. Kurzum: Die latente Unzufriedenheit vieler iranischer Sunniten schuf ein ideales Reservoir, aus dem der IS wohl mit Erfolg schöpfen konnte, um im Iran Kämpfer für seine Sache zu rekrutiere. Kämpfer zu denen mit Sicherheit auch die am Mittwoch in Teheran getöteten IS-Terroristen gehörten.

Eskaliert der Konflikt zwischen Iran und Saudi-Arabien?

Noch sind die innen- und außenpolitischen Folgen des IS-Anschlags schwer vorhersagbar. Doch lässt sich vermuten, dass die IS-Attacke die Machtposition der iranischen Hardliner stärken und die der Moderaten um den frisch wiedergewählten Präsidenten Hassan Rohani schwächen dürfte. Mit dem Argument, die innere Sicherheit zu stärken, werden Irans Hardliner den Ausbau des Polizeistaats forcieren und noch härter als bisher sowohl gegen sunnitische Separatisten als auch gegen gewaltlose Dissidenten vorgehen. Dass dies das hausgemachte konfessionelle und politische Unruhepotenzial im Iran eher vergrößern und dem IS mehr potenzielle Rekruten in die Arme treiben wird, liegt auf der Hand. Als ebenso unheilvoll dürfte sich die von Irans Hardlinern als Reaktion auf den Anschlag angekündigte zweite Maßnahme erweisen: Rache an Saudi-Arabien und den USA, hinter denen sie die die Anstifter der Anschläge vermuten, zu nehmen. Sollte Teheran diese Drohung tatsächlich wahrmachen, läuft die schwelende Auseinandersetzung in der Region zwischen Saudi-Arabien und dem Iran, die bereits seit zwei Jahren stetig heißer wird, Gefahr, unkontrollierbar zu eskalieren.

Michaela Diederichs | Do, 8. Juni 2017 - 12:32

Ganz herzlichen Dank für diese Hintergrundinformationen, die mir bislang so nicht bekannt waren und manches erhellen. Die ganze Region wird mehr und mehr zu einem gigantischen Pulverfass, das jederzeit hochgehen kann.

Rolf Pohl | Do, 8. Juni 2017 - 16:38

In reply to by Michaela Diederichs

Dieses Pulverfass ist spätestens, bereits um 2003 hochgegangen. --Massenvernichtungswaffen ja, dann doch nich, egal, wir wollen dann wenigstens an Saddams Ölfässer-- Und, war schon Jahrzehnte vor dem am Kochen.

Ich denke, da muss der Islam nun so durch wie Europa, incl. der Deutschen, vor rund 500 Jahren. Schaden macht irgendwann doch irgendwie klug.

Michaela Diederichs | Do, 8. Juni 2017 - 13:08

Erstaunlich. Bei den Onlinediensten von SZ, Zeit, Spiegel, Focus, FAZ finde ich nichts zu den Hintergründen der Anschläge im Iran. Cicero scheint das einzige Magazin zu sein, dass sich damit befasst.

Nathan Warszawski | Do, 8. Juni 2017 - 16:12

In reply to by Michaela Diederichs

Die anderen Zeitungen wissen nichts. Cicero behauptet, was niemand weiß.

Arne Bruhn | Do, 8. Juni 2017 - 17:30

mein Bruder sein, schlag ich dir den Schädel ein!" war in meiner Jugend eine Scherzdrohung basierend auf dem Konfessionskonflikt der sogenannten Christen. Nun wiederholt sich das, - verstärkt - also beim Islam. Was soll man dazu aus europäischer Sicht sagen? Raushalten und keine Waffen liefern wäre doch wohl ratsam - aber das Geschäft......

Ronald Solle | Do, 8. Juni 2017 - 19:53

Wenn es war ist ,zeigt sich doch mal wieder die Zensur unserer freien Presse. Oder man kann es auch so sehen die "guten Moslems" und "die bösen Moslems".Im Iran da sitzen die bösen Moslems und in den anderen Ländern die Guten. Dabei ist Terror egal wo auch immer nicht gut und böse sondern nur ein verbrechen an der Menschheit . Doch dabei mimt unsere freie Presse doch nur den Meinungslieferanten ... aber er ist falsch gesetzt. Wo auch immer egal wenn in Rußland ein U-Bahn gesprengt wird ,ein rußisches Flugzeug gesprengt wird,ob Nizza ,London,Paris ,Amberg,Manchester,Boston oder Berlin.Terrorismus ist nicht in gut oder in böse einzuteilen sondern nur in einem menschen verachtendem System zu sehen. Religion wird vorgeschoben.
Nur die freie Meinung und das freie Denken aller wird den Terrorismus die Stirn bieten können. Egal in welchem Land .
Mit freundlichen Grüßen.

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