Plakat mit Alon Ohel, der von der Hamas verschleppt wurde
Alon Ohel wurde von der Hamas vom Nova-Musikfestival verschleppt / picture alliance / Sipa USA | SOPA Images

Angehörige israelischer Geiseln in Berlin - „Wir fordern ein klares Bekenntnis von Deutschland“

Beinahe zwei Jahre sind vergangen, seit Hunderte von Israelis von Hamas-Terroristen ermordet oder nach Gaza verschleppt worden sind. Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat sieben Verwandte der bis heute festgehaltenen Geiseln in die deutsche Hauptstadt eingeladen.

Autoreninfo

Mirjam Epstein studiert Soziologie und hat redaktionelle Stationen an der Axel Springer Akademy (Welt), dem österreichischen Exxpress und bei Cicero absolviert.

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Als die Angehörigen den Saal der Konrad-Adenauer-Stiftung betreten, wird es still. Rund zwanzig Journalisten aus deutschen und internationalen Redaktionen richten ihre Blicke auf die Gesichter derer, die seit dem 7. Oktober 2023 im Ungewissen leben. Sie sind Familienangehörige der noch gefangenen Geiseln in Gaza, die auch die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Es ist bereits ihr drittes Mal hier, um öffentlich zu sprechen und die deutsche Politik zum Handeln aufzurufen. 60 Geiseln befinden sich noch in den unterirdischen Tunnelsystemen, davon sind schätzungsweise etwa 20 am Leben – teils lebensgefährlich verletzt, teils in schlechtem Gesundheitszustand. „Bring them home“, lautet der Appell an die westliche Gemeinschaft.

Der 7. Oktober ist als Tag in die Geschichte Israels eingegangen, den viele nie vergessen werden. Bei dem Überfall der islamistischen Terrorgruppe Hamas auf israelische Kleinstädte und Kibbuzim sowie auf ein Musikfestival sind Israelis ermordet, gefoltert, verschleppt worden. Manche der Entführten sind tot, andere befinden sich noch in Gaza.

Als Yael Adar, die Mutter von Tamir Adar, zu sprechen beginnt, muss sie schlucken. Ihr Blick ist gefasst, aber ausdruckslos. Sie presst die Hände ineinander und nestelt mit den Fingern – eine Geste, die sich auch bei den anderen Sprechenden beobachten lässt. „Tamir lebte und arbeitete sein ganzes Leben mit Palästinensern zusammen im Kibbuz Nir Oz“ – dem Ort, aus dem er am 7. Oktober 2023 gewaltsam entführt wurde, während er den Ort und seine Familie gegen die anstürmende Hamas verteidigt hat. Am 4. Januar 2024 wurde sein Tod offiziell durch die israelischen Behörden bestätigt. Er wurde nur 37 Jahre alt. Bis heute wartet die Familie auf die Rückführung der Leiche, um ihn bestatten zu dürfen. „Ob Islam oder Judentum – jeder Religion ist ein würdevolles Begräbnis wichtig“, sagt sie. Ihre Stimme schwankt. „Wir, seine Kinder und ich, können erst so einen Abschluss finden.“

Von der deutschen Politik fordert sie ein Zugeständnis – an sie und andere Angehörige der Entführten –, einen Deal mit der Hamas zu machen, insbesondere für Israelis mit deutscher Staatsbürgerschaft. So, wie es Trump für seine eigenen Bürger bereits erwirkt habe.

Die Ungewissheit, ob sie noch am Leben sind oder nicht

Gali und Ziv Bermann sind Zwillingsbrüder und wurden von der Hamas verschleppt – am Morgen des 7. Oktober. „Nach 10 Uhr war jede Verbindung zu ihnen abgebrochen“, sagt ihr Bruder Liran Bermann. Die darauffolgenden elf Tage lähmte die Ungewissheit, ob sie noch am Leben sind oder nicht. „Als wir dann am elften Tag nach ihrer Entführung erfahren haben, sie wurden verschleppt, war es der glücklichste Tag in unserem Leben.“ Das mag sich unverständlich anhören, aber die Alternative dazu wäre gewesen, dass seine beiden jüngeren Brüder nicht mehr am Leben wären.

In Gaza wurden die beiden von Hamas-Kämpfern voneinander getrennt. Das ist Teil der psychologischen Folter. Sie waren ihr ganzes Leben unzertrennlich, haben alles gemeinsam gemacht – vom Schulweg bis zum Freundeskreis und ihren Hobbys. Sie liebten das Tanzen und das Rampenlicht.

Der Bruder erzählt, wie ein internationaler Sänger, der die beiden kannte, persönlich von ihrem Verschwinden erfahren hat: „Sie waren für die Bühne gemacht. Dieses Licht fehlt jetzt.“ Seit ihrer Entführung gab es zwei Lebenszeichen. Über ihren Zustand lässt sich nur spekulieren. Doch der Bruder hat Videos vom Zustand anderer Geiseln gesehen. „Seit das passiert ist, steht unser Leben still.“
Irgendwann wollen sie mit der gesamten Familie nach Deutschland kommen – wenn sie wieder vereint sind. Ihr Großvater stammt von dort. Die Beziehung zum Land sei immer gut gewesen.

Von deutscher Seite bleibt es bei Lippenbekenntnissen

Alon Ohel ist ein begabter Pianist. „Sein ganzes Leben macht er schon Musik“, erzählt sein Onkel Shachar Ohel. Am Vorabend hätten sie noch gemeinsam zu Schabbat gegessen, wie jeden Samstag, und er habe etwas auf dem Klavier vorgespielt. Auf dem Nova-Festival wurde er mit drei Freunden entführt. Er war damals 22 Jahre alt. Von den vier nach Gaza verschleppten jungen Männern sind drei im Zuge des Geiselaustauschs freigelassen worden. Nur er ist noch dort. Aktuell wird er unter unmenschlichen Bedingungen gefangen gehalten, 14 Meter unter der Erde. Seine Hände und Füße sind in Ketten gelegt, sodass er sich weder strecken noch bewegen kann. Durch lebensbedrohliche Verletzungen ist er auf dem rechten Auge erblindet.

Hoffnungsträger für die Familie ist derzeit Donald Trump, der aktuell in Washington mit dem israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu Gespräche über eine mögliche Waffenruhe zwischen den israelischen Streitkräften und der Hamas führt. Von amerikanisch-israelischer Seite wird ein 60-tägiger Waffenstillstand vorgeschlagen, im Verlauf dessen die Hamas zehn lebende und 18 tote Geiseln übergeben würde. Aktuell stocken die Verhandlungen noch. Von Deutschland fordern die Angehörigen, international stärker als Vermittler aufzutreten – da rhetorische Zugeständnisse an die „bedingungslose Unterstützung Israels“ nicht genügten.

Unter den aus Israel angereisten Angehörigen ist auch der Arzt Yuval Biton, Tamir Adars Onkel. Biton war jahrelang am Grenzort zwischen Israel und dem Gazastreifen. Nach seiner Einschätzung – und nach Aussagen inhaftierter Hamas-Kämpfer – macht die Hamas keinen Halt vor den europäischen Grenzen, sondern plant, einen islamischen Gottesstaat zu errichten – auch Deutschland wäre nicht davor gefeit.

Alle der Sprechenden sehen Deutschland ebenso in der Pflicht, gegen den Iran vorzugehen, der als operatives Schaltzentrum für den internationalen Terrorismus gilt und einer der Hauptunterstützer der Hamas ist.

„Wir sitzen alle in einem Boot“, sagt einer der Angehörigen. Doch während in den USA Verhandlungen laufen, bleibt es von deutscher Seite bei Lippenbekenntnissen. Angehörige fordern Bemühungen der Bundesregierung zur Rückführung der Geiseln durch die Aufnahme von Gesprächen. Gleichzeitig halten sie eine internationale Friedenslösung mit der Hamas für unwahrscheinlich. „Ihr Ziel ist es, Israel auszulöschen und den islamischen Staat zu expandieren.“

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Ingofrank | Do., 10. Juli 2025 - 17:10

Deutschland ……
Und das mit Recht ! U.a. auch von den Dekanen und den deutschen Kirchen als „Staatsbedienstete“
Mit freundlichen Gruß au der Erfurter Republik

Heidemarie Heim | Do., 10. Juli 2025 - 17:29

Mir fehlt jegliche Vorstellung davon, wie man als Angehöriger, Freund, Partner, Nachbar einer der Geiseln diese Ungewissheit bzw. mit dem Verlust überhaupt über einen solch langen Zeitraum leben bzw. weiterfunktionieren kann ohne verrückt zu werden. Woher nehmen die Menschen die Kraft und Hoffnung auf ein Ende dieses absoluten Horrors? Und nicht nur das! Sie sind trotz ihres Schmerzes doch nicht so abgestumpft, dass sie nicht miterleben wie gerade auch auf den Straßen liberaler Rechtsstaaten wie dem unsrigen
gejubelt und regelrecht auf den Gräbern ihrer Lieben getanzt wird während bis hin zur UN eine unsägliche wie perfide Täter-Opferumkehr betrieben wird.
Der Zorn des Gerechten möge Euch dafür treffen! MfG

Urban Will | Do., 10. Juli 2025 - 20:20

Lippenbekenntnisse und wird es auch unter diesem Geck Fritzchen nicht können. Er macht nur die große Show, aber mehr als heiße Luft kommt da nicht.
Und weiter duldet man Armeen von Judenhassern in diesem Lande, lässt sie ihren Hass auf die Straße tragen und schaut blöde zu.
Während man in einer Nacht- und Nebelaktion die Wohnungen von Menschen stürmen lässt, denen bei ihrer Kritik an diesen gotteserbärmlich unfähigen Polit-Clowns, die uns da regieren, mal ein paar härtere Töne heraus rutschen.
Man kann Juden nur raten, nicht auf dieses Land zu hoffen.
Deutschland wird für unabsehbar lange Zeit als Narrenschiff auf dem Ozean der Weltgeschichte dahin dümpeln und ja: die Wahrscheinlichkeit, dass hier bald die Scharia das Grundgesetz ersetzt und wir zum islamistischen Gottesstaat mutieren... sie ist realer als die, das hier endlich mal wieder die Vernunft regiert.
Und das sage ich nicht aus Sarkasmus. Schließlich ist es in vielen Gegenden bereits de facto Realität.

K. Vetter | Do., 10. Juli 2025 - 21:10

Bevölkerung seit den 7.10.23 zum Großteil verloren. Ich kämpfe Jahrzehnte gegen israelbezogenen Antisemitismus, solch antijüdische Stimmung im Lande habe ich noch nie erlebt. Für die Geiseln interessiert sich niemand mehr.Es reicht gerade für "Ja, das war schlimm aber..."Dann kommt der sattsam propagandistisch aufbereitete Sermon .Alles was unsere Medien an Halb- und Ganzunwahrheiten verbreitet haben, kommt dann zur Sprache. Von der Wasserlüge (Neuauflage des Brunnenvergifter-Mythos)Mit Klarstellung kommt man nicht weiter. Es interessiert nicht warum es in den Gebieten der palästinensischen Araber wenig Wasser gibt.(30%defekte nicht reparierte und angezapfte Leitungen)Die Berichterstattung der Medien tut den Rest. Das beste Beispiel ist die tendenziöse Berichterstattung über die Verteilzentren. Die Hamas sieht ihr Geschäftsmodell bedroht. Sie tut alles in ihrer Macht Stehende, um die GHF zu bekämpfen, von Angriffen auf hilfesuchende Palästinenser bis zu Angriffen mit Handgranaten.

H.Stellbrink | Do., 10. Juli 2025 - 21:37

Man stelle sich vor, ein deutscher Staatsbürger palästinensischer Abstammung würde in Israel als Geisel unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten. Unsere Politik würde jeden nur möglichen Druck ausüben, um seine Freilassung zu erzwingen. Die deutsch-israelischen Geiseln ? Werden in Deutschland wortreich beschwiegen und Israel faktisch zur Aufgabe dieser Menschen aufgefordert. Es ist widerlich, wie die deutsche Politik, die mit "Nie wieder ist jetzt!" ihren heroischen Kampf gegen die AfD als Wiedergänger des Nationalsozialismus führt, die Verbrechen an Juden, an den eigenen Staatsbürgern als Kollateralschäden ignoriert.
Wir schulden Israel als dem Zufluchtsort der von Deutschen verfolgten Juden mehr als warme Worte und gute Ratschläge zur Aufgabe der Gegenwehr gegen palästinensichen Furor.
Wer auf Deutschland vertraut, hat auf Sand gebaut.