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(picture alliance) Neuankömmlinge aus Somalia warten auf die Aufnahme ins Flüchtlingslager

Flucht vor dem Hunger - Dadaab - Stadt der Hoffnungslosen

Vor 20 Jahren entstand Dadaab, um 90 000 Flüchtlinge aus Somalia aufzunehmen. Heute leben rund 400 000 Menschen im weltweit größten Flüchtlingslager - täglich werden es mehr.

Der Highway nach Dadaab ist eine trockene Sandpiste voller Wellblechrillen. Wenn der aufwirbelnde Staub es zulässt, kann man einen Blick erhaschen auf eine weite, leere Landschaft, die nahtlos in den wolkenlosen Himmel übergeht. Das Licht ist meist so gleißend hell, dass die Augen schmerzen. Dann, wenn man die Erwartung schon aufgegeben hat, beginnt fast am Ende der Straße die wohl unwirtlichste Großstadt Afrikas. Behelfsmäßig aufgerichtete Zelte und Hütten aus brüchigen Zweigen und Plastikplanen, platt gedrückten Blechfässern und leeren Pappkartons erstrecken sich bis zum Horizont. Gelegentlich ragt ein Wassertank aus dem Elendsmeer hervor, andere Orientierungspunkte gibt es nicht. Vor den wenigen Steinhäusern stehen Menschen in langen Schlangen an und warten – auf eine Registrierung, eine Ration, eine ärztliche Behandlung. Dann wieder ändert sich das Bild. Hölzerne Hütten bilden eine Einkaufsstraße. Die Kleinbusse hupen laut, um Kunden anzulocken. Händler werben für Khat, das bei Somaliern beliebte Rauschkraut.

Mehr als 400000 Menschen leben heute in Dadaab, wenn man die drei Flüchtlingslager Ifo, Hagadera und Dagahaley dazuzählt. Fast alle stammen aus Somalia, dem von 20 Jahren Bürgerkrieg und Anarchie zugrunde gerichteten Nachbarland, das 80 Kilometer weiter östlich beginnt. Die anhaltenden Kämpfe und die schwerste Dürre seit sechs Jahrzehnten treiben derzeit täglich Tausende Neuankömmlinge in das größte Flüchtlingslager der Welt. Im nächsten Jahr könnte Dadaab erstmals mehr als eine halbe Million Flüchtlinge beherbergen, nur Mombasa und die Hauptstadt Nairobi haben mehr Einwohner.

Bishar Salat erinnert sich noch gut, wie alles begonnen hat. Der Logistiker, der für das Hilfswerk Care arbeitet, war von Anfang an dabei. Damals hatte Dadaab etwa 3000 Einwohner. „Die Flüchtlinge kamen hier an, und es gab nichts – keine Krankenstationen, kein Wasser, keine Zelte, nicht mal Nahrungsmittel.“ Eilig wurden Latrinen gegraben und Flächen für die Neuankömmlinge ausgewiesen. „Einerseits profitieren diejenigen, die heute bis hierher kommen, von der vorhandenen Infrastruktur“, sagt der Kenianer. „Aber sie leiden auch mehr wegen der Überfüllung: Die Lager sind bis heute nur für 90000 Menschen ausgelegt, aber es gibt bald fünfmal so viele. Die Ressourcen reichen einfach nicht aus.“ Salat hat erlebt, wie aus den ersten Behelfslagern die Stadt entstand, die Dadaab heute ist. Von einer kurzen Auszeit abgesehen hat er immer hier gearbeitet. Wenn er durch die Lager läuft, wird er ständig gegrüßt. „Von denen, die Anfang der neunziger Jahre gekommen sind, sind die meisten noch hier“, sagt er. Für sie ist Dadaab eine Art Heimat geworden. „Sie träumen davon, nach Somalia zurückzukehren, wenn es Frieden gibt – aber nach 20 Jahren verlieren immer mehr Flüchtlinge die Hoffnung.“

So haben sie sich eingerichtet, trotz der Restriktionen. „Die Flüchtlinge dürfen das Lager nicht verlassen“, erklärt Salat. „Und im Lager gibt es nicht viel zu tun: Da steht man morgens auf, stellt sich den Tag über an, um Vorräte zu bekommen, und geht abends wieder nach Hause – in gewisser Weise ist Dadaab wie ein Freiluftgefängnis.“ Eines, in dem sich viele Flüchtlinge eingerichtet haben. Der kenianische Professor Peter Mwangi Kagwanja stellte schon vor elf Jahren fest, dass das Lager Dadaab längst alle Kriterien einer Stadt erfülle. So ist der Lebensstandard in den Lagern deutlich höher als im Umland – es gibt mehr Schulen, bessere Krankenhäuser und viele Arbeitsmöglichkeiten bei den Hilfsorganisationen. Mit dem dort verdienten Geld, mit einem Kleinkredit oder dem Verkauf eigener Hilfsrationen haben sich über die Jahre Hunderte Flüchtlinge selbstständig gemacht. Manche verkaufen an kleinen Ständen einzelne Zigaretten, Khat oder Kaugummis, andere fahren in verbeulten Matatus zwischen den Camps hin und her. Die Geschäfte lohnen sich, sagt Kagwanja, weil die Flüchtlinge weder Mieten noch Steuern zahlen müssen. So können sie niedrige Preise verlangen, was ihre Ware selbst für die ärmeren Flüchtlinge erschwinglich macht. Nur einmal schickten Kenias Behörden Steuereintreiber nach Dadaab: Sie wurden regelrecht fortgejagt. Seitdem verzichtet der Staat lieber auf Einnahmen, die auf Hunderttausende Euro im Jahr geschätzt werden.
 

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