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 > Wie viel Bullshit steckt in Ihrem Text?

Salon
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Wie viel Bullshit steckt in Ihrem Text?

von 
Aram Lintzel
4. November 2011
dpa/picture alliance
Peter Sloterdijk
Seine Schreibe hat einen Bullshit-Index von 0.3. Philosoph Peter Sloterdijk im Test mit dem BlaBlaMeter.

Narzissmus im Netz: Mit dem «BlaBlaMeter» kann jeder Normalschreiber mit Sloterdijk, Heidegger oder Schnitzler in den Ring steigen.

Hieß es in den siebziger Jahren noch «Jeder Mensch ist ein Künstler» (Joseph Beuys), lautet die Mitmach-Parole heute: «Jeder Mensch ist ein Autor». In der Welt der Blogs – von manchen Leuten immer noch stur «Blogosphäre» genannt – kann und darf jeder zum öffentlichen Schreiber werden. Nicht nur unter kulturellen Skeptikern wirft die plebejische Textproduktion die Qualitätsfrage auf: Schlägt die Quantität nicht früher oder später in Banalität um? Immerhin gibt es jetzt eine Maschine, mit der sich das testen lässt. Das «BlaBlaMeter» beantwortet die Frage «Wie viel Bullshit steckt in Ihrem Text?». Die Ansage ist klar: «Das BlaBlaMeter entlarvt schonungslos, wie viel heiße Luft sich in Texte eingeschlichen hat. Ein praktischer Helfer für alle, die mit Text zu tun haben!»

Der Selbstversuch des Autors mit seiner letzten Literaturen-Kolumne ergab folgendes Resultat: «Bullshit-Index: 0.21. Ihr Text zeigt erste Hinweise auf ‹Bullshit›-Deutsch, liegt aber noch auf akzeptablem Niveau.» Grund für Schreiberstolz ist das nicht, denn den Wert 0.21 bekommt auch Botho Strauß für diese stilistisch fragwürdige Einlassung: «Die Wolke eines pathetischen ‹Nie wieder wie zuvor› senkte sich über die ganze Republik, überwand rasch eine geistige Distanz, die die atomare gottlob nicht zurücklegte.» Andererseits: Glück gehabt. Denn mit 0.21 steht man besser da als Peter Sloterdijk. Ein Ausschnitt aus einem seiner üblichen Spiegel-Essays wurde vom «Bla- BlaMeter» so beurteilt: «Bullshit-Index: 0.3. Ihr Text zeigt schon erste Anzeichen heißer Luft. Für Werbe oder PR-Sprache ist das noch ein guter Wert, bei höheren Ansprüchen sollten Sie vielleicht noch ein wenig daran feilen.»

Zur Arbeit am Stil fordert indirekt auch die vor Längerem von der FAZ ins Deutsche übernommene «Ich schreibe wie...»-Seite auf. Hier führte der Selbstversuch des Kolumnisten zum zwiespältigen Ergebnis «Peter Handke». Die Macher des Stiltests behaupten zwar, dass es sich um eine «absolut sichere und unbestechliche Messmethode» handele. Ganz so zuverlässig scheint das Verfahren aber nicht zu sein. «Das Wovor des Erschreckens ist zunächst etwas Bekanntes und Vertrautes. Hat dagegen das Bedrohliche den Charakter des ganz und gar Unertrauten, dann wird die Furcht zum Grauen.» Gibt man diesen Satz aus Heideggers «Sein und Zeit» ein, dann spuckt die virtuelle Testmaschine «Arthur Schnitzler» aus. Heidegger schreibt wie Schnitzler? Ist das Programm damit des Bullshits überführt – oder soll insgeheim an der postmodernen Verwischung der singulären Signatur des Autors gearbeitet werden?

Zugleich begleitet ein mulmiges Gefühl all diese internet-typischen Selbsttests. Ich schreibe schlecht, ich schreibe gut, ich schreibe wie: Wie narzisstisch ist das denn bitte? Und wenn es nicht gerade um das selbstbezogene Individuum geht, dann dienen die social networks dazu, sich mit Seinesgleichen und Gleichge- sinnten über idiosynkratische Interessen auszutauschen. Unwahrscheinliche Begegnungen sind da eher unerwünscht. Die Leute wollen unter sich bleiben; dabei wurde doch einst der offene Austausch versprochen – Stichwort «globales Dorf». Ob die Entwickler von «talkO’clock» das ähnlich kritisch sehen? Als ein Gegenmittel zur sozialen Enge konfrontiert uns «talkO’clock» – anders als etwa Facebook – mit Mitmenschen, die wir uns nicht aussuchen konnten. «TalkO’clock» soll ein «sozialer Wecker» sein, der uns nach Online-Anmeldung durch den Anruf einer vollkommen fremden Person zum Aufstehen animiert. Auch kann man selbst zum anonymen Wachmacher werden: «Have fun calling someone you don’t know to wake him/her up. Who knows, maybe they’ll become your new friends.» Ach so, am Ende geht es doch wieder nur darum, neue «Freunde» zu «machen». Schade und vorhersehbar.

von Aram Lintzel

Dieser Artikel ist auch erschienen in der aktuellen Ausgabe Oktober/November 2011 des Magazins "Literaturen"

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Ich prüfe, als bin ich

Als ob das Leben nicht schon Prüfung genug wäre, gibt es immer noch Menschen, die das zu toppen wissen. Die Rede ist von einem technischen Programm, das mit einer neuen Messlatte - wie aus dem Nichts - blubbernd die kritische Masse der gut oder schlecht schreibenden Zunft anpeilt und beurteilt. BlablaMeter heißt der Qualgeist ihrer Erfinder, mit dem sie nach flächendeckendem Unrat zwischen den Zeilen mancher Freizeit- und Profischreiber suchen. Keine Zeile bleibt unbetrachtet, wobei jeder Konnotation sprichwörtlich in den Hintern geschaut wird.
Welch ein Vergnügen für die voyoristischen Programmschreiber, wenn sie […] „die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen“ […] sortieren. Es muß ein erhebendes Gefühl sein, sagen zu können: Ich prüfe, also bin ich. Und für den schreibenden Narzissten: Ich lasse mich prüfen, also bin ich ebenfalls. Aber das wusste ich schon vorher. Ich wollte es nur noch einmal bestätigt haben.

Mit diesem Gedanken sind die Erfinder des BlablaMeters wahrscheinlich kommerziell unterwegs. So quälen sich Erfinder und Prüfling den Berghang der Erkenntnis Serpentine für Serpentine hinauf. Unkritisch wie die genannten Erfinder sind unterziehen sie ihrem BlablaMeter keinerlei Prüfung. Es könnte sich herausstellen, dass es ein nicht mehr wegzuschaffender Bullshit ist. Lassen wir ihnen deshalb ihr Mickey-Mousespiel, obwohl die Welt brennt.

  • Antworten
Heinz Pelzer05.11.2011 | 10:17 Uhr

Wie viel Bullshit steckt in Ihrem Text?

Lieber Herr Lintzel,

was Peter Sloterdijk für die Sprache bedeutet, werden Sie niemals ergründen können.

Schlafen Sie wohl.

Gruß
Machura

Machura

  • Antworten
Andreas Machura25.11.2011 | 00:18 Uhr

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